23.10.1967

LUFTFAHRT / GLOBE AIRBettlerfest

Ein Feuerschein über Nikosia signalisierte das Ende. 126 Menschen, darunter 73 deutsche Flugurlauber, starben, als die viermotorige Turboprop-Maschine vom Typ "Bristol Britannia" am 20. April dieses Jahres an einem Endhügel zerschellte.
In der vergangenen Woche war auch für Peter G. Staechelin, 45, Hauptaktionär der Basler Charterfluggesellschaft Globe Air AG, der die Britannia gehörte, der Traum vom Fliegen aus. Das Unglück auf Zypern hatte nicht nur den Ruf des Unternehmens zerstört, sondern auch seine sämtlichen Kapitalreserven aufgezehrt.
Mehr als zwölf Millionen Franken hatte der "flugbegeisterte Kaufmann" (so die Basler "National-Zeitung") nach der Katastrophe noch aus der eigenen Schatulle in das Unternehmen gesteckt, um es vor dem endgültigen Absturz zu bewahren.
Staechelin mußte dazu die Schätze der familieneigenen Bildersammlung angreifen. 3,25 Millionen Franken erlöste er aus dem Verkauf eines der bekanntesten Bilder van Goghs -- "La Berceuse" (Die Kinderfrau). Dann stellte er auch die wertvollsten Stücke der Sammlung zum Verkauf: Picassos "Les deux frères" (Die beiden Brüder) und "Arlequin assis" (Sitzender Hanswurst). Marktwert: 8,4 Millionen Franken.
Die "Staechelin-Stiftung", vom Vater und einstigen Verwaltungsratsmitglied der Schweizer Lonza-Chemiewerke Rudolf Staechelin errichtet, soll für den siebenjährigen Ausflug ins Luftfahrtgeschäft herhalten, den Sohn Peter gemeinsam mit einem Automechaniker unternahm.
Peter Staechelin hatte sich einige Jahre lang erfolglos als Autorennfah-
* Am 20. April 1967 auf Zypern.
rer versucht. Von den Boxen Schweizer Rennpisten nahm er seinen Mechaniker Karl Rüdin in das luftige Gewerbe mit.
Als am 18. Januar 1961 das Eidgenössische Luftamt in Bern der Globe Air und ihrer zunächst einzigen Maschine, einer gebrauchten zweimotorigen De Havilland "Elizabethan" die Starterlaubnis erteilte, wurde Rüdin kaufmännischer Direktor. Staechelin selbst lenkte den Flugbetrieb aus dem Verwaltungsrat, zu dessen Vizepräsidenten er sich wählen ließ.
Die beiden Hobbyflieger profitierten zunächst von dem Ferienreiseboom, der Anfang der sechziger Jahre bereits in voller Blüte stand. Dank langfristiger Verträge mit ihren Hauptkunden, der Reiseagentur des Frankfurter Versandhändlers Josef Neckermann und dem Schweizer Touristikunternehmen "Hotelplan", schwebten ihre Maschinen bald regelmäßig über Bangkok und London, Nairobi und den Bahamas, Las Palmas und Interlaken ein.
Im Dezember 1964 verfügten Staechelin und Rüdin bereits über sechs Maschinen, zwei viermotorige Britannias und vier zweimotorige Turboprop-Flugzeuge vom Typ "Dart Herald". Ende vergangenen Jahres erhöhten sie das Aktienkapital der Gesellschaft von einer Million Franken im Gründungsjahr auf 13,5 Millionen Franken.
In die ersten gefährlichen Abwinde geriet die Globe Air, als Anfang April dieses Jahres drei Mitglieder des Verwaltungsrats aus Protest gegen Staechelins Freund Rüdin ihr Amt niederlegten. Sie warfen dem Exmechaniker vor, das fliegende Personal mangelhaft ausgebildet und ausgewählt zu haben. Außerdem seien die Piloten bis zu 36 Stunden im Einsatz gewesen.
Doch Rüdin ließ sich nicht beirren. Selbst als am 20. April die vollbesetzte Britannia bei Nikosia in Flammen aufging und drei Tage darauf die übriggebliebene Britannia wegen eines Motorschadens -- ebenfalls auf Zypern -- notlanden mußte, parierte Rüdin die nun massiv von allen Seiten auf ihn hereinprasselnde Kritik mit den Worten: "Ein unwürdiges Kesseltreiben."
Dann trafen ihn zwei harte Schläge aus Bonn und Bern:
> Bonns Verkehrsminister Leber verweigerte der Globe Air die Startrechte für die Bundesrepublik, in der Rüdin auch künftig die meisten Fluggäste anwerben wollte;
> das Eidgenössische Luftamt verlangte in einem Ultimatum, die Globe Air möge sich bis zum 24. Juni entweder von ihrem kaufmännischen Direktor trennen, oder aber den Flugbetrieb einstellen.
Rüdin verlor seinen mit 108 000 Franken jährlich dotierten Posten. Die Globe Air durfte weiterfliegen, wenn auch mit gedrosselten Motoren.
Da er inzwischen die meisten seiner Charter-Kunden eingebüßt hatte, mußte Staechelin mit ansehen, wie seine Maschinen die meiste Zeit unbeschäftigt auf dem Basler Flugplatz umherstanden. Bis Anfang Oktober waren die 13,5 Millionen Franken Aktienkapital völlig auf gebraucht, die Schulden auf 25 Millionen Franken gewachsen.
Staechelin griff seine Bilder-Reserve an. Der Pariser Kunsthändler Wildenstein kaufte als erstes van Goghs Berceuse. Drei weitere Bilder, Cézannes "Selbstbildnis", Monets "Le petit port" (Der kleine Hafen) und Sisleys "Le village des Sablons" (Das Dorf Les Sablons) gingen zu geheimgehaltenen Preisen weg.
Als Staechelin auch die beiden Picassos einem Händler anvertrauen wollte, begehrten seine Kantonsgenossen auf. In einer Empfehlung ersuchte die Regierung den Großen Rat des Kantons Basel-Stadt, einen Sechs-Millionen-Franken-Kredit zu bewilligen, um die beiden Bilder Basel zu erhalten. Der Rest von 2,4 Millionen solle durch eine Sammlung unter privaten Kunstliebhabern und ein eigens zu veranstaltendes "Bettlerfest" zusammengetragen werden.
Ende vorletzter Woche bewilligte das Basler Parlament den Kredit. Doch reichten nun auch die Picasso-Millionen nicht mehr aus, das 25-Millionen-Franken-Loch in der Bilanz zu stopfen.
In seiner Not wandte sich Staechelin nochmals an seinen entlassenen Direktor Rüdin, der eilends einen Sanierungsplan entwarf. Hiernach sollten die Hauptgläubiger auf "70 Prozent ihrer Forderungen verzichten, die britische Benzinfirma BP allein auf 3,5 Millionen Franken. Doch die Engländer, die von der Globe Air schon zu oft vertröstet worden waren, lehnten ab.
Am vergangenen Donnerstag meldete Verwaltungsratspräsident Dr. Theodor Moll beim Basler Zivilgericht Konkurs an. Moll, den der Sturzflug der Gesellschaft unvorbereitet traf: "Man kann wohl im Charterfluggeschäft vor Abenteurern nie ganz sicher sein."

DER SPIEGEL 44/1967
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