06.11.1967

„BITTE, BITTE, NICHT SCHIESSEN!“

Im Dezember 1927 wurde Karl-Heinz Kurras in Ostpreußen geboren, in einer Landschaft, die sich schon immer als "Grenzland" und seit dem "Korridor" erst recht gefährdet fühlte. Sein Vater ist "Dorfgendarm" im Land der dunklen Wälder gewesen. Schon mit fünf Jahren wurde Karl-Heinz Kurras eingeschult. Karl-Heinz Kurras, der als Angeklagter vor der 14. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin auf die Frage nach dem Beruf seines Vaters nicht "Polizeibeamter" sagt, sondern "Dorfgendarm", schaffte die Oberschule. Die durchlief er so erfolgreich, daß er das Notabitur erhielt, als er sich 1944 mit 16 Jahren kriegsfreiwillig meldete. Er kam in Ostpreußen an die Front. Mit der zweiten Verwundung gelangte er in den Westen. Das Kriegsende überlebte er als Soldat in Berlin.
Die Oberschule brachte dem Flüchtling Karl-Heinz Kurras, dem die Anklage vorwirft, "durch Fahrlässigkeit den Tod des Studenten Benno Ohnesorg verursacht zu haben", nichts ein. Zuerst arbeitete er beim Enttrümmern in den Ruinen, dann wurde er Angestellter bei einem Bezirksamt.
Während der ersten Berliner Wahl 1946 betätigte er sich als Wahlhelfer. Er wurde wegen antisowjetischer Propaganda verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Drei Jahre saß er in Sachsenhausen, bis er 1949 begnadigt und krank entlassen wurde. Nachdem er sich erholt hatte, aber nur von den physischen Haftfolgen, trat er bei der Schutzpolizei in West-Berlin ein. 1959 gelang Karl-Heinz Kurras der Sprung zur Kripo, der Schritt von der Uniform zum Zivil. Für ihn war das ein besonderer Fortschritt: Die Uniform weist aus, aber sie setzt auch aus.
Am 2. Juni dieses Jahres stand Karl-Heinz Kurras um 5 Uhr 30 auf, er hatte gut geschlafen. "Ich hatte sicherheitspolizeiliche Aufgaben wahrzunehmen." Zunächst zu Fuß, dann in einem zivilen Funkwagen der Kripo hatte der Kriminalobermeister Kurras dazu beizutragen, "daß dem eingeladenen Staatsgast keine Gefahr für Leib oder Leben drohte".
Den ganzen Tag über rollte Karl-Heinz Kurras durch West-Berlin. Pause machten er und seine beiden Begleiter im Wagen am Straßenrand. Ein "polizeiliches Einschreiten war nicht geboten" den Tag über, "es hat sich nichts ergeben", obwohl man nach "Rädelsführern" Ausschau hielt. Gegen 19 Uhr 30 erhielt der Funkwagen Befehl, zur Deutschen Oper zu fahren. Dort bekam das Unbehagen, das den Tag über unbestimmt unterwegs und gewachsen war, eine Bühne. Schon vor dem Ziel geriet das Fahrzeug in Gedränge, die Straße war blockiert, es war sogar schwer, den Wagen zu verlassen, und da war auch "schon ein Gegröle zu vernehmen".
Karl-Heinz Kurras wird am ersten Tag seines Prozesses zur Sache gehört. Seine Sprache spricht." Es ist ein leichtes gewesen, im Rücken der Demonstranten zu operieren" -- "Ja, wissen Sie, es ist ja ein globaler Auftrag gewesen" (Rädelsführer festzustellen und zu ergreifen). Karl-Heinz Kurras, beim Verlassen des neutralen Dienstwagens von seinen Kollegen getrennt, erkannte, "daß hier eine akute Masse festzustellen war, die willens war, gegen die Polizei vorzugehen".
"Als nun aus dieser (kurzen) Distanz von skrupellosen Rädelsführern Steine geworfen wurden", als er sah, daß "geschlossene Polizeikörper vorgingen", da mußte er "naturgemäß die Polizeikette durchschreiten", als er einen Demonstranten festnehmen wollte, der einen Stein geworfen und einen Polizeibeamten verletzt hatte. "Pflichtgemäß, unparteiisch und unbefangen habe ich mich an dem Geschehen beteiligt.
"Das ist der Bulle, schlagt ihn tot", will Kurras gehört haben. "Ein anderer wäre vielleicht nicht hineingegangen", aber er "durchschritt" die Polizeikette. "Ich bin nun nicht weit gekommen. Ich bin plötzlich umringt worden", von "allen Seiten umringt".
"Also, mir ist die Stimme weggeblieben ..., ich bin zutiefst entsetzt gewesen ..., ich hoffte, dem Geschehen entweichen zu können." Der Hof, in dem er sich befand, "ich möchte meinen, das ist eine ... gestellte Falle gewesen". Er setzt an wie ein Geschichtenerzähler: "Und was ergab sich nun?" Er ist "von zehn oder elf Personen brutal niedergeschlagen worden", er wurde "körperlich mißhandelt, und ich bildete mir ein, daß ich nun genug gelitten hätte, und zog nun im Liegen meine Dienstpistole hervor ...
Lag er auf dem Rücken, kniete er? Er weiß es nicht. Ein Warnruf? "Meine Zunge war wie gelähmt ... nach den erhaltenen Schlägen." Aber er sah "Messerbewaffnete", in "drohender Haltung".
Ein Schuß, zwei Schüsse? Die Verhandlung wird es zu klären haben. Danach: "Als ich nun zu mir kam, was stellte ich da fest? Niemand war da!" Wo denn die Leute hingekommen seien, die ihn umringt hatten, will man wissen: "Ich konnte nichts verstehen. Ich hatte mit mir selbst zu tun. Ich habe meine Waffe in Ordnung gebracht. Ich habe meine Kleidung ein wenig geordnet." Der zweite (tatsächlich ein zweiter?) Schuß hat sich jedoch "durch das Hinzutun der anderen gelöst", jener, die mit feststehenden Messern "auf eine ganz kurze Stechdistanz" heran waren.
"Ich bin gejagt worden, ich bin gehetzt worden ... Ich wollte keinen Zusammenstoß haben ... Ich hatte genug gesehen an diesem Tag." Die Sprache der Angst spricht aus Karl-Heinz Kurras. Der Tag war dahingegangen, wie einer der sich tot stellt, passiv hatte er ihn durch die Straßen rollend überstanden. Am Abend aber, allein und isoliert: Da handelte er einen tödlichen Augenblick lang.
Er ist ein Mann, der dient dem Staat, weil dieses Dienen ihn selbst schützt, ihm seinen Platz gibt. Die Dinge, wie sie sind, sind für ihn immer besser als neue Dinge.
"Hohes Gericht, ich bin ein Mensch, der eine humanistische Erziehung genossen hat -- aber die hat ihn nur ängstlicher gemacht. "Ich war im KZ" -- aber das hat ihm den Ruf nach einer Freiheit, die nicht die genehmigte ist, ausgetrieben. Die Macht, die ihn schlug, hat ihn für die Macht blind gemacht, in deren Obhut er geflüchtet ist. Und die ist auch eine Macht. Er ist Demokrat aus Angst, nicht der Freiheit wegen.
Er ist ein Deutscher, für die Verhältnismäßigkeit bei der Anwendung von Autorität und Gewalt hat er keinen Sinn. Er ist ein deutscher Kripobeamter, er hat eine Waffe, er trägt die unheimliche Aufgabe stets bei sich: Die Aufgabe abzuwägen, das angemessene Mittel einzusetzen.
Ein Schuß oder der Schuß aus seiner Waffe traf Benno Ohnesorg tödlich, unabsichtlich, aber bestimmt nicht zufällig. Solche Schüsse fallen in Deutschland Ost wie West nicht jählings. "Bitte, bitte, nicht schießen", soll Benno Ohnesorg gerufen haben, bevor er tödlich getroffen wurde. Das ist ein herzzerreißend deutsches letztes Wort.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 46/1967
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