06.11.1967

VATIKAN / PAUL VI.

Ein Mensch

Ein Papst wird nicht krank, er ist so will es traditioneller römischer Sprachgebrauch -- allenfalls "vorübergehend indisponiert -- oder er stirbt.

Denn der Stellvertreter Christi ist nie so sehr Mensch wie als Kranker -doch gerade das sucht die Kurie seit je zu verdrängen.

Bis ins Pontifikat des 23. Johannes meldete der Vatikan seine Heiligen Väter erst dann amtlich krank, wenn sie sich bereits zum Sterben hingelegt hatten. Und auch das Altherren-Leiden Pauls VI. -- eine Wucherung der Vorsteherdrüse am Anfang der Harnröhre -- wurde wochenlang kaschiert.

Der Pontifex war schon Anfang September erkrankt. Hohes Fieber, Krämpfe, Erbrechen und "nicht wenige Schmerzen" (Paul VI.) zwangen ihn, seine Sommerresidenz Castelgandolfo vorzeitig zu verlassen.

Aber erst zehn Tage später durften Pauls Ärzte ein -- sehr unbestimmtes -- Bulletin herausgeben. Die Notwendigkeit einer Operation wurde erst letzten Montag amtlich bestätigt. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings auch nichts mehr zu verheimlichen.

Tags zuvor war der Papst zusammengebrochen. Für die nun dringliche Operation hatte sich der Vatikan nicht gerüstet. Denn abgesehen von Pauls Vorgänger Johannes, der sich eine Zyste entfernen ließ, hat sich kein Heiliger Vater der jüngeren Geschichte zu einer komplizierteren Operation unter das Messer eines Chirurgen begeben.

Ursprünglich wollte sich Paul VI. "als Kranker unter Kranken" in ein Hospital einliefern lassen. Doch so menschlich durfte er nicht liegen.

Eiligst mußte deshalb im Vatikan ein moderner Operationssaal eingerichtet werden. Paul wählte jenen Raum, den Plus XII. als Heimkino benutzt hatte, und in dem der krebskranke Johannes XXIII. untersucht worden war.

Anfang letzter Woche lieferten römische Spediteure in großen Kisten das Chirurgengerät an -- inklusive Notstromaggregat und Herz-Lungen-Maschine. Der Vatikan hatte das Instrumentarium gekauft oder aus den Kliniken der Ewigen Stadt entliehen.

Römische Maler weißten die Decke im Operationssaal des Papst-Patienten und färbten die Wände in hoffnungsvolles Grün.


DER SPIEGEL 46/1967
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