13.11.1967

ENTWICKLUNGSHILFE / INDIENDurch die Brille

Der indische Delegierte putzte seine Brille, ehe er Deutschlands Augenärzte und Optiker über die Not seiner Landsleute aufklärte; Mehrere Millionen Inder, so erfuhren die Teilnehmer des Augenärzte-Weltkongresses im August 1966 in München, seien fehlsichtig, könnten nicht arbeiten und vegetierten hilflos dahin. Es fehle an Brillen.
Die in München tagenden Ophthalmologen fühlten sich zur Tat aufgerufen. Der Zentralverband der Augenoptiker verfaßte einen Spenden-Appell an seine 4000 Mitglieder: "Helfen Sie ihnen! Helfen Sie mit, daß diese Menschen wieder richtig sehen, richtig arbeiten können. Helfen Sie mit Gläsern und Fassungen. Machen Sie Ihre Schubladen auf und geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß."
Deutschlands Optiker vernahmen die Botschaft ("Mit jeder Brille, die Sie entbehren können, machen Sie einen Menschen glücklich"), und bis Ende Februar dieses Jahres gingen bei der Hamburger Innung mehr als 100 000 Brillengestelle und eine viertel Million teils hochwertiger Gläser nebst Prüfgeräten und Zubehör ein. An der Aktion beteiligten sich Optiker aus der Schweiz und Frankreich. Sogar aus Kanada ging eine Sendung im Hamburger Zollager ein. Gesamtwert der Spende: rund zwei Millionen Mark. Der Erfolg, zu dem jeder deutsche Optiker mit durchschnittlich 400 Mark beigetragen hatte, überraschte selbst den Düsseldorfer Zentralverband. Geschäftsführer Dr. Peter Gunkel lobte die Spender: "Es war ein großer Erfolg und ein Beispiel tätiger Entwicklungshilfe."
Am Sammelplatz Hamburg rüsteten die Optiker unterdes zur Übergabe der Brillenspende an die indische Botschaft. Eine Mädchenklasse der Hamburger Hellwig-Schule verpackte die Ware flugfertig in 300 Kartons. Maschinen der staatlichen Air India sollten den Transport von Frankfurt nach Neu Delhi besorgen.
In einer Feierstunde wollte der indische Botschafter in der Bundesrepublik, Shishir Kumar Baneril, am 11. Mai die Spende übernehmen. Als der Tag heranrückte, ließ sich Banerli entschuldigen, seine Frau sei erkrankt, und schickte den Botschaftsrat M. M. Khurana nach Hamburg. Der Diplomat nahm die Schenkungsurkunde in Empfang, dankte im Namen der indischen Regierung und kehrte zurück nach Bonn.
Seither warten die Optiker auf eine Gelegenheit, nach der Urkunde auch die Brillen loszuwerden. Alle Bemühungen, die Adressaten der Spende zu erreichen, schlugen fehl. Zunächst teilte die Air India mit, laut den Bestimmungen des Internationalen Lufttransport-Verbandes (IATA) sei es ihr verwehrt, die Sendung kostenlos abzufliegen. Die indische Regierung war nicht bereit, die Flugkosten von etwa 15 000 Mark zu übernehmen und stellte den Spendern anheim, noch einmal in die Tasche zu greifen. Leicht verstimmt lehnten die Optiker ab.
Daraufhin schlugen die Inder vor, sie würden Brillengläser und Gestelle auf dem billigeren Seeweg an den Zielort verbringen. Für den Ankauf seefester Kisten und die Verpackung aber mochte die indische Botschaft in Bonn nicht Sorge tragen, die Optiker mochten es auch nicht. Die Brillen blieben in Hamburg.
Zwei schriftliche Anfragen des Optiker-Geschäftsführers Dr. Gunkel bei der Bonner Botschaft wurden nicht beantwortet. Mehrere Versuche, den Botschafter oder einen der leitenden Diplomaten zu erreichen, schlugen fehl. Aus Bonn ereilte den Verband lediglich die Bitte, die Schenkungsurkunde noch einmal auszustellen. Der Empfänger, Botschaftsrat Khurana, hatte sie auf der Rückreise von Hamburg irgendwo verloren.
Monatelang rätselte Verbands-Geschäftsführer Gunkel, was mit den Brillen zu tun sei. Pläne, die Spende einem anderen Land oder dem Entwicklungshilfe-Minister Hans-Jürgen Wischnewski zur Verfügung zu stellen, mußten fallengelassen werden, da Indien rechtmäßiger Eigentümer der Ware ist.
Die Zeit verstrich, die Brillen lagerten weiterhin in einem Raum der Optiker-Innung am Hamburger Holstenwall. Dort liegen sie noch heute.

DER SPIEGEL 47/1967
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