11.12.1967

PRESSE / FRAUENZEITSCHRIFTENWeg vom Schmus

Statt für "Orion", den schönen und vielgeliebten Sohn des Meergottes Poseidon, entschied sich Axel Springer für ein süßlich duftendes Gewächs.
Denn "Jasmin" soll nun endgültig das neue Springer-Blatt heißen, das, mit einer Anfangsauflage von 750 000 Exemplaren, erstmals am 14. März 1968 erscheint -- Westdeutschlands 17. Frauenzeitschrift, Springers erste.
"Noch nie hat es in Deutschland", so sagt der Filmregisseur" Illustriertenautor ("Deutschland, Deine Sternchen") und "Jasmin"-Chefredakteur Will Tremper, 39, "eine so gründliche Vorbereitung gegeben wie für dieses Blatt.
Selten zuvor hat ein deutscher Verleger in ein neues Blatt so viel Geld gesteckt wie Springer in "Jasmin". Branchenkenner schätzen die Einführungs- und Entwicklungskosten auf annähernd 20 Millionen -- eine Zahl, die (wie es im springereigenen Verlag Kindler & Schiermeyer heißt) "wir gern hören, weil in ihr zum Ausdruck kommt, welche Mühe wir uns gegeben haben.
Und wohl kaum bislang wurde einer noch gar nicht erschienenen Zeitschrift so viel Interesse entgegengebracht wie Springers künftigem Frauenjournal. Selbst das Bonner Auswärtige Amt meldete sich schon in der Münchner Vorbereitungsredaktion -- um einen "der allgemeinen Einschätzung unseres Dienstes abträglichen" Bericht der Frau Botschafterin Daisy Schlitter aufzuhalten. Die Neugier der Branche an der "Zeitschrift für das Leben zu zweit" ("Jasmin"-Untertitel) war so groß, daß sich Mitarbeiter verpflichten mußten, keinerlei Informationen über Themen und Arbeitsweise ihrer "Sonderredaktion" auszuplaudern.
Seit Axel Springer im März 1967 die, wie sie sich selber nennen, "siamesischen Zwillinge" Karl-Heinz Hagen, 48 (früher "Bild"-Chef, dann Chefredakteur der Illustrierten "Quick"), und Günter Prinz, 38 (früher stellvertretender "Quick"-Chefredakteur) mit der Vorbereitung des neuen Projektes beauftragte, ist diese Sonderredaktion auf 72 Mann angewachsen. In München und Umgebung gibt es kaum einen Journalisten, der nicht schon um Mitarbeit angegangen wurde.
Aber schließlich sollte das Blatt auch etwas ganz Besonderes werden -- letztes Frühjahr riet Hagen, der für Springer auch das Erfolgs-Familienblatt "Eltern" (Druckauflage beute, 14 Monate nach Erscheinen des ersten Heftes: 1,4 Millionen) gebastelt hat: "Vergessen Sie alles, was normalerweise unter den Begriff Frauenzeitschrift fällt."
"Informationen, facts und noch einmal facts", umriß er damals das Redaktionsprogramm und proklamierte: "Weg vom Schmus der Frauenzeitschriften -- Mode und Kosmetik ja, als Konzession, aber Schwerpunkt auf Reportagen." Hagen: "Wir werden uns mit den wirklich wichtigen Dingen auseinandersetzen."
Im Sommer legten die Zwillinge dem Konzernherrn ein Probeexemplar der Zeitschrift vor, die damals noch "Orion" hieß. Springer gab Order weiterzumachen, und seither wird in München nach den Worten von Chefredakteur Tremper "das Erscheinen durchexerziert" und die Redaktion "gedrillt".
Erste Frucht des so militärisch ausgerichteten Teams ist eine "Fräsentation" im Atlasformat, die der Verlag in diesen Wochen an potentielle Anzeigenkunden verschickt -- eine weiße Mappe mit rotem Aufdruck "Ein Hauch von Jasmin".
Wieweit sich die "Jasmin"-Leute im Sinne Hagens vom Schmus der Frauenzeitschriften wegbewegt haben, können die künftigen Inserenten einer Sammlung loser "Jasmin"-Probeseiten im Innern der Mappe entnehmen, die "repräsentatives Beispiel für die Konzeption, für das redaktionelle Programm, für den Stil und für das Gesicht von Jasmin" geben sollen:
"Jasmin"-Themen sind Mode ("Verführerin in Pelz"), Spaghetti-Rezepte" Schönheitsturnen" Haushaltstips; auch der genreübliche Roman ("Der Kerl war braungebrannt wie ein Pirat") fehlt nicht.
Zu den wirklich wichtigen Dingen, mit denen Hagen die Auseinandersetzung versprach, gehören naturgemäß in erster Linie der Mann und seine "geheimen Wünsche". Ein Bericht heißt "Sag mir, wie die Männer sind". Sie sind "einsam wie ein Wolf" und "lieben Abwechslung" -- weshalb "Jasmin" auch den altbewährten Rat erteilt: "Schenken Sie Ihrem Mann ab und zu eine neue Frau."
Außer dem vorab Gezeigten hat Hagen noch "ein paar knallharte Sachen" parat: "Aber wer zwingt uns denn, die Katze aus dem Sack zu lassen."

DER SPIEGEL 51/1967
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