11.12.1967

THEATER / WALSER

Übung für ein Ehepaar

Die Ehe, definierte der Arzt und Poet Gottfried Benn, "ist eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes". Martin Walser, 40, seit 17 Jahren verheiratet, Vater von vier Töchtern, Verfasser von drei Romanen und fünf Bühnenspielen, gibt im jüngsten Drama zu verstehen: Die Ehe lähmt das ganze Leben.

"Die Zimmerschlacht" -- Untertitel: "Übungsstück für ein Ehepaar" -- wurde am Donnerstag letzter Woche in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und lähmte partiell auch das Publikum. Fritz Kortners Inszenierung, im Detail wie stets scharf und von grimmiger Menschenkenntnis zeugend, setzte zu bedächtig Fuß vor Fuß; Walsers eher sinn- denn spannungsreiches Spiel bedarf jedoch schleuniger Beförderung.

Es handelt von einem Dr. Felix Fürst, 48, Erdkundelehrer, und dessen Frau Trude -- "ein normales Ehepaar", sagt Walser, das durch die Ehescheidung eines Kollegen in eine Stunde der Wahrheit stürzt. "Wenn einer desertiert", erklärt der Autor, "denken die andern über den Krieg nach."

Kollege Benno hat seine Erste "ins Reihenhäuschen" abgeschoben und eine "Vierundzwanzigjährige" erworben -- "mit einer Brust", stöhnt Felix, "zu der man hinaufbellen möchte".

Zur Inthronisation der Neuen sind die Fürsts geladen, aber der frustrierte Felix will nicht hin. Statt dessen heißt er Frau Trude, sich auf den häuslichen Teppich hinzustrecken, und bedauert sehr, keinen "Kippspiegel" zu besitzen. Als die beiden auch mit Kognak nicht "in Fahrt" kommen und Felix der abendlich erscheinenden Maus nur hasenherzig nachsetzt, beginnen die Fassaden ihrer Ehe abzubröckeln. Felix gesteht seiner Trude, schon lange nur noch nach der Vierundzwanzigjährigen zu gieren; Trude nennt ihren Mann "keinen Mann", verrät ihren Hang zu Vielmännerei und den Neid auf "den Flugplatz, auf dem diese riesigen Düsenenteriche niedergehen".

Nach geschlagener Zimmerschlacht dreht Trude im Fernsehen Goethes "Iphigenie" an -- Walser: "Das Musterstück für bürgerliche Wahrhaftigkeit" -, und dann gehen Fürst und Frau doch noch zu Bennos Party.

So schließt der erste Akt der "Zimmerschlacht", und so schloß das Hörspiel gleichen Namens, das Walser für den Hessischen Rundfunk geschrieben hatte. Kortner hörte von dem Spiel, und weil es ihm gefiel ("Das Stück ist sehr genau"), riet er dem Dramatiker zu einem 15 Jahre später spielenden zweiten Akt.

Kortner, 75, beriet den Jüngeren auch (Walser: "Sein Erfahrungsstand hat mich hinübergelupft"), und so hört der Betrachter jetzt von der alten Trude, was er schon ahnte: Felix hat auf jener Benno-Party tatsächlich die Vierundzwanzigjährige selig angebellt, ihr die Schuhe geküßt und Blumenerde aus "der Hand gefressen. Für den alten Erdkundelehrer jedoch gewann die Demütigung inzwischen die Form eines Triumphes.

Walser hält sein grausames Spiel für "komisch" -- in der ursprünglich geplanten Besetzung (Heinz Rühmann und Doris Schade) "hätte es so gewirkt; aber Rühmann schlugen die Proben auf den Magen; die Umbesetzung (Werner Hinz und Hortense Raky) ist für die deutsch-bürgerliche "Wer hat Angst vor Virginia Woolf"-Variante zu trocken.

Der Ehe und ihren Entweichungsmöglichkeiten sann Walser schon vom ersten ("Ehen in Philippsburg") bis zum vorläufig letzten Roman ("Das Einhorn") nach. Als Eheberater will er dennoch nicht gelten: "Wenn es für

*Bei den "Zimmerschlacht"-Proben in den Münchner Kammerspielen.

eine Krankheit keinen Spezialisten gibt, dann ist es die Ehe."

Walser, ein Formuliervirtuose, zeigt als Dramatiker ein Manko -- die Kommentare zu seinen Stücken sind plastischer und plausibler als die Bühnenspiele selbst.

"Die Ehe", interpretiert er, "ist kein autarkes Gebilde. Wenn sie sich isoliert, fängt das Gewebe an zu kranken." Es muß Zustrom von außen kommen, "denn das Selbstbewußtsein zweier Menschen reicht nicht aus, sich lebenslänglich zu ernähren".

"Die Frau", sagt er, "hat Sehnsucht nach erotischer Phantasie"; mit nur einem Mann vermonogammelt sie. Inzwischen ändern sieh die prüden Zeiten: "Ein weiblicher Mensch zu sein wird immer erträglicher."

Eigene Erfahrungen sind in die "Zimmerschlacht" eingegangen -- so jene Maus, die Felix jagt und in einer (im tierlieben München gestrichenen) Szene tötet: Auch in Walsers Heim in Friedrichshafen dringen zur Winterszeit Mäuse vor.

"Aber", sagt Walser, "wir jagen sie natürlich nicht."


DER SPIEGEL 51/1967
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