DER SPIEGEL



KUNST / FÄLSCHUNGEN

Verdächtige Naht

Die Skulptur galt als Parade-Tier von alter Rasse zwei Generationen Kunstgelehrter bewunderten die 38 Zentimeter hohe Pferde-Plastik im New Yorker Metropolitan-Museum als "eine der schönsten Bronzen der Antike" (so der Metropolitan-Direktor Thomas Hoving).

Doch letzten Mittwoch mußte Hoving zugeben, daß der wohlgeformte, leicht lädierte Hengst nicht von den alten Griechen -- aus der Zeit um 470 vor Christus -- stammt, sondern vermutlich um 1920 in Paris gegossen worden ist.

Dort hatte die New Yorker Sammlung den patinierten Gaul 1923 auch erworben und das seltene Exemplar, das jüngst auf eine Million Mark Wert taxiert wurde, noch im gleichen Jahr auf den Sockel gehoben. Vier Jahrzehnte lang blieb die Echtheit der antiken Bronze unbezweifelt.

Erst im Juli 1961 wurde ein Betrachter skeptisch: Joseph Noble, Vize-Direktor des Metropolitan-Museums, der "jahrelang tagtäglich durch die Sammlung geschlendert" war, hatte plötzlich den richtigen Blickwinkel. Am glatten Leib des Tieres entdeckte er Spuren einer Naht, die vom Kopf über Bauch und Rücken verlief.

Solche Nähte, glaubte Noble zu wissen, bleiben nur zurück, wenn Bronze in einer zweiteiligen Form aus feuchtem Sand gegossen wird ein Verfahren, das erst vom 14. Jahrhundert an praktiziert wurde. Die Künstler im alten Griechenland hingegen kannten nur den nahtlosen Guß aus einem Stück nach einem Wachsmodell.

Nachdem Noble die verdächtige Naht erspäht hatte, reiste er nach Europa: In griechischen, englischen, französischen, italienischen und deutschen Antikensammlungen konnte er feststellen, daß griechische Bronzen wirklich nahtlos sind.

Um sich jedoch letzte Gewißheit zu verschaffen, ließ er, daheim im New Yorker Metropolitan-Museum, das Roß röntgen. Gammastrahlen lieferten dem Gelehrten, der schon früher drei vermeintlich etruskische Statuen als Fälschungen entlarvt hatte, den endgültigen Beweis: Das Metropolitan-Museum hatte aufs falsche Pferd gesetzt. "Ich sah den Sandkern", erläuterte Noble, "da wußte ich Bescheid."


DER SPIEGEL 51/1967
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