21.08.1967

HERBERT MARCUSE

wurde am 19. Juli 1898 in Berlin geboren, vier Jahre später als sein Namensvetter, Kollege und Landsmann Ludwig Marcuse ("Obszön"). Während des Ersten Weltkrieges diente Marcuse als Soldat. Sein Weltbild und seine Zielvorstellung reiften in den "tosenden Zwanzigern" heran, während einer Epoche also, in der die Studierstuben, Hörsäle und Straßen Deutschlands vom Lärm der Ideologien und Pseudo-Ideologien erfüllt waren.
Marcuse studierte von 1919 bis 1922 in Berlin und Freiburg, promovierte, diente einem kleinen Berliner Verlag als Lektor, kehrte 1927 nach Freiburg zurück, wo Edmund Husserl lehrte und von 1928 an auch Martin Heidegger, verband sich gleichzeitig aber mit dem Marxismus und später auch mit den Ideen Sigmund Freuds. Bei Max Horkheimer in Frankfurt wollte er habilitieren, doch Hitlers Machtübernahme verhinderte es. Mit Horkheimers "Institut für Sozialforschung", dem er noch heute als externes Mitglied angehört, floh Marcuse zunächst nach Genf und 1934 nach New York. Während des Krieges war er politischer "Researcher" beim Washingtoner Office of Strategic Services (OSS), einem Nachrichtendienst der USA, später beim State Department; 1954 berief ihn die Brandeis University. Seit 1965 ist er Professor an der University of California und Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin.
Man hat Marcuse einen "Heidegger-Marxisten" genannt. Freilich glaubt er nicht wie Marx an die heilbringende Kraft des Proletariats, aber er teilt dessen endzeitliche Hoffnung auf "ein Reich der Freiheit", das "befriedete Dasein" (Marcuse). Marcuses visionäre Vorstellungen nannte der Berliner Religionssoziologe Professor Jacob Taubes die "profane Interpretation einer prophetischen Erleuchtung".
Während Marcuses erste Nachkriegsbücher -- "Eros und Kultur" (englisch 1955, deutsch 1957) und "Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus" (englisch 1957, deutsch 1964) -- nur von Fachleuten gelesen wurden, erregte schon die 1964 erschienene englische Ausgabe von "Der eindimensionale Mensch" (deutsch 1967) in der Bundesrepublik Aufsehen, nach mehr, und vor allem unter Studenten, der 1966 auf deutsch erschienene Essay "Repressive Toleranz". Zumal in dem Essay glauben die Studenten, vornehmlich die Berliner, einen Appell zu revolutionären Unternehmungen zu erkennen -- und damit den Anschluß an die "tosenden Zwanziger".

DER SPIEGEL 35/1967
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