31.07.1967

Otto KöhlerVERWANDTE ZÜGE

Die Abendnachrichten meldeten es: Seine Majestät, der Schah von Persien, hatte höchstselbst Anstoß genommen an den Studenten, die während seines Besuches gegen ihn demonstrierten. In einer offiziellen Note verlangte seine Regierung Strafe und Rechenschaftsbericht.
Untertänigst leitete das Auswärtige Amt des Sozialdemokraten Brandt die Strafnote des morgenländischen Potentaten an das Justizministerium des Sozialdemokraten Heinemann weiter, und dieses verlangte gehorsam von den Landesministern Bericht, welche Maßnahmen zu der vom Schah angeordneten Bestrafung der schuldigen Demonstranten eingeleitet seien.
Am gleichen Abend, da diese sozialdemokratischen Bemühungen um die verletzte Schah-Ehre bekannt wurden, duldete der Christdemokrat und Intendant des Süddeutschen Rundfunks, Hans Bausch, daß sein Sender das hochempfindsame Ehrgefühl des persischen Alleinherrschers womöglich aufs neue kränkte.
"Der Polizeistaatsbesuch" hieß die Sendung, und sie könnte dem Schah deshalb besonders mißfallen, weil ihr Autor Roman Brodmann nicht wie die 58 Millionen deutscher Untertanen des Pfauenthrones per Amtshilfe zur Rechenschaft gezogen werden kann, sondern sich als Schweizer Bürger der kaiserlichpersischen Rechtssuche entzeiht.
Der 47jährige Roman Brodmann hat das Spektakel der acht kaiservollen Tage so anschaulich für die Sendereihe "Zeichen der Zeit" inszeniert, daß ihm auch das betuliche "Hamburger. Abendblatt" bestätigte, er habe "quasi als Neutraler die "Zeichen der Zeit" mit unbestechlicher Kamera notiert ..."
Brodmann stieg -- wie ein moderner Dramatiker -- hinter die Kulissen, zeigte die Bühnenarbeiten zum Staatsschauspiel.
So das Vorspiel in Rothenburg ob der Tauber. Die Besitzerin des Hotels "Eisenhut" mit ihren Mädchen beim Üben des Hofknickses mit Blumenstrauß in der Hand: "Wenn ich so mach', dann geht ihr "runter, wenn ich die Blumen wieder so nehm', dann geht ihr wieder hoch." Das hochherrschaftliche Klo, von der Wirtin stolz gezeigt -- von oben bis unten neckisch geblümt. Denn wo der Kaiser auch zu Fuß hingehen muß, dort soll er wenigstens auf exklusivem Muster sitzen. Barockputten im Wohnraum und als "einziges Zugeständnis an die Moderne: Die Wirtin hatte schon einmal für den Führer einen Apfel geschält.
Nächster Schauplatz: Empfang am Flughafen. Der Sprung aus dem mumifizierten Mittelalter Rothenburgs in die Gegenwart will nicht gelingen. Sie blieb -- trotz Düsenflieger -- nicht auffindbar. Ein Kommandierender, bis in die letzte Faser seines Wesens überzeugende Karikatur seiner selbst, gibt Kommandos: Stillgestanden. Das Gewehr über. Gewehr ab. Augen geradeaus. Das Gewehr über. Gewehr ab. Ab. Über. Ab. Über. Über. Ab. Dazwischen der Kanzler. Unser aller Präsident. Schließlich der Schah. Und -- wer könnte es bestreiten -- sie passen ins anachronistische Bild.
Dann Empfänge. Polizei. Polizei und Empfänge. Musikinstrumente werden mißtrauisch auseinandergenommen. Die Posaune könnte eine Kanone sein. Bücher werden hochgehoben. Vielleicht enthalten sie Bomben?
Schauplatz Berlin: ·Die Bilder sind eindeutig. Jubelperser schlagen vor dem Schöneberger Rathaus mit Totschlägern auf die Demonstranten ein. Die Polizei schaut zu. Erst später löst sie die Jubelperser beim Schlagen auf die Demonstranten ab. Die kaiserliche Prügelgarde erholt sich derweil beim
Tee, den ihnen das fürsorgliche Rote Kreuz spendet.
Der Höhepunkt des Dramas vor der Oper. Die Gesichter der Polizisten werden fanatischer -- Angst auf Studentengesichtern. Der Schuß. Benno Ohnesorg liegt von hinten getroffen am Boden.
Das Finale. Das kaiserliche Paar mit düsterer Würde in der Marienkirche zu Lübeck. Orgelmusik. Sie haben das Menschenopfer der deutschen Polizeistreitkräfte entgegengenommen. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Lemke, gibt den Majestäten eine Weisheit auf den Heimweg, die den Autor Brodmann so beeindruckt, daß er den Satz zweimal aufsagen läßt: "Die Situation des Landes, Eure Kaiserliche Majestäten, das Sie regieren, und die Situation unseres kleineren, geschichtlich viel jüngeren Landes trägt manche verwandte Züge ..."
Letzte Nachricht aus Bonn: Der Bundespräsident hat inzwischen zwei Manuskriptabzüge der Sendung anfordern lassen.
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 32/1967
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