03.07.1967

KRIEGSVERBRECHEN / KZ-KOMMANDANT STANGLSeelische Belastung

Im Automobilwerk "Volkswagen do Brasil" bei Säo Paulo wurde Senhor Paul Stangl ans Telephon gerufen: "Hier Verkehrspolizei. Ihre Tochter hat einen schweren Unfall gehabt. Bitte, kommen Sie ins Krankenhaus."
Der Automechaniker Franz Paul Stangl, 59, eilte zu seinem VW, fuhr los -- und geriet in die Falle: Im Hospital wurde er verhaftet.
So fing die brasilianische Polizei am 28. Februar 1967 den seit 1948 gesuchten ehemaligen SS-Hauptsturmführer und Kommandanten der Judenvernichtungslager Sobibor und Treblinka (Polen). Obgleich in einer mißlichen Lage, zeigte sich Stangl erleichtert: "Ich glaubte schon, die Herren seien aus Israel."
Ganz abwegig war diese Befürchtung nicht: SS-Obersturmbannführer und Endlöser Adolf Eichmann war sieben Jahre zuvor von einem israelischen Kommando in Argentinien gekidnappt worden. Und Eichmann-Jäger Simon Wiesenthal -- damals Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien -- war es auch, der Stangls verwischte Spuren wiederaufnahm und die Verhaftung erwirkte. Wiesenthal: "Stangl stand auf meiner Liste ... an dritter Stelle, hinter Bormann und dem Gestapo-Chef Müller."
Auf den prominenten Platz hatte Wiesenthal den Webmeister Stangl gesetzt, weil in den Vernichtungslagern, die Stangl befehligte, in knapp anderthalb Jahren fast eine Million Juden vergast wurden.
Im April 1942 hatten ihn die Endlöser zum Kommandanten des KZ Sobibor in der Nähe von Brest-Litowsk gemacht. Aber schon ein halbes Jahr später mußte er den Treblinka-Kommandanten Dr. med. Irmfried Eben ablösen, der das Vernichtungs-Soll nicht erreicht hatte. Der österreichische Mediziner schaffte mehr Juden heran als umgebracht werden konnten.
Der neue Kommandant sorgte für Ordnung und Tempo. An der Rampe ließ er die Papp-Attrappe eines Provinzbahnhofs errichten. Vor dem Eingang zu den Gaskammern montierte er einen Synagogen-Vorhang mit der hebräischen Inschrift "Dies ist das Tor, durch das die Gerechten eingehen."
Stangl erhöhte die Lager-Produktivität. Er baute größere Gaskammern und ersetzte den veralteten Dieselmotor durch den leistungsfähigeren Motor eines russischen Panzers vom Typ T 34, von dem aus die tödlichen Gase in die Kammern strömten.
In Tag- und Nachtschicht wurden bis zu 18 000 Juden innerhalb 24 Stunden getötet. Reichsführer -SS Heinrich Himmler lobte den mittlerweile zum SS-Hauptsturmführer beförderten Stangl für "einmalige" Leistungen und zeichnete ihn wegen "seelischer Belastung" mit dem Kriegsverdienstkreuz aus.
Ein Häftlingsaufstand im Lager Treblinka (nordöstlich von Warschau) im August 1943 beendete Stangls Kommandanten-Karriere: Er wurde zur Partisanen-Bekämpfung an die jugoslawische Adriaküste abkommandiert und geriet bei Kriegsende in US-Gefangenschaft. Die Amerikaner reichten ihn an die Österreicher weiter, die ihn inhaftierten und zum Schutträumen nach Linz schickten. Von diesem Außenposten gelang Stangl Ende Mai 1948 die Flucht.
Mit Hilfe der Geheimorganisation "Odessa" gelangte er, wie Spurensucher Wiesenthal später ermittelte, über Italien nach Syrien. Der römische Bischof Hudal hatte ihn -- so Stangl selber -- mit Papieren versorgt. Nach Syrien ließ er auch Ehefrau Therese mit den Töchtern Brigitte, Renate und Isolde nachkommen.
1951 setzte sich die Familie nach Brasilien ab. Stangl fand Arbeit in der technischen Abteilung des Volkswagenwerks in der Nähe Säo Paulos, das ihm für seine Dienste zuletzt ein Monatsgehalt von 1200 US-Dollar zahlte.
Während er Automobile montierte, wurden seine früheren Untergebenen von Sobibor (1965/66 in Hagen) und Treblinka (1964/65 in Düsseldorf) abgeurteilt. Der unauffindbare Stangl war in diesen Prozessen nur Nebenfigur. August Miete, Lager-Spitzname "Malchamowes" ("Todesengel"), der im Treblinka-Prozeß zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde, stellte in seinem Schlußwort fest: "Die eigentlichen Schuldigen stehen hier nicht vor Gericht."
Das fand auch jener ehemalige Gestapo-Mann, der am 22. Februar 1964 in Simon Wiesenthals Büro vorsprach und erklärte, er wolle Stangls Aufenthaltsort preisgeben: "Die großen Tiere, die Stangls und die Eichmanns ... die hatten alle soviel Unterstützung, wie sie nur brauchten ... und wer hilft mir?"
Der Gestapo-Mann gedachte sich selber zu helfen: Zunächst forderte er für seinen Tip 25 000 Dollar; Wiesenthal konnte sie nicht aufbringen. Dann ließ der Gestapo-Mann mit sich handeln. Er wolle mindestens einen Cent für jedes der 700 000 Treblinka-Opfer -gleich 7000 Dollar. Wiesenthal schrieb einen Wechsel aus, der nach Stangls Verhaftung fällig werden sollte, und notierte Stangls Adresse.
Erst drei Jahre danach -- am 28. Februar 1967 -- wurde der Wechsel fällig, und vier Tage später beantragte Düsseldorfs Staatsanwaltschaft die Auslieferung des Verhafteten.
Der Oberste Gerichtshof in Brasilia gab schließlich den Deutschen vor den Österreichern und Polen, die Stangl ebenfalls haben wollten, den Vorzug. Doch die Lateinamerikaner stellten eine Bedingung, die sichern sollte, daß Stangl in Deutschland nicht härter bestraft werden würde, als das in Brasilien nach geltendem Recht geschehen könnte.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn mußte schriftlich versichern, er werde Stangl -- falls der Ex-Kommandant zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt würde -- zu einer zeitlich begrenzten Strafe begnadigen. Ferner verpflichteten sich die deutschen Behörden, Stangl nach eventueller Strafverbüßung an Österreich auszuliefern.
Am 23. Juni wurde der Verhaftete den Düsseldorfer Kriminalbeamten Siegfried Kindler und Reinhold Greiner in Rio de Janeiro übergeben. Die Beamten verfrachteten Stangl, für den sie nur ein Touristen-Ticket gekauft hatten, auf Anraten des Flugkapitäns in der ersten Klasse der Boeing 707 -- in der Touristenklasse saßen etwa 40 jüdische Passagiere.
Als Stangl am Freitag vorletzter Woche in Düsseldorf die Maschine verließ, sprach er: "Ich freue mich, wieder deutsche Laute zu hören und die herrliche deutsche Landschaft wiederzusehen."

DER SPIEGEL 28/1967
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