03.07.1967

INTELLEKTUELLE / ISRAEL-KONFLIKTSalem oder Schalom

Sie hat ein sehr schlechtes Gewissen, die Linke." Jean Paul Sartre, selber ein Kommunist, wenn auch ein eigenwilliger, brachte den Satz am Abend des 27. Mai zu Papier, um seine "Zerrissenheit" angesichts des damals drohenden Israel-Krieges zu beschreiben.
Neun Tage darauf stürmten Mosche Dajans Panzer zum Suezkanal. Weitere fünf Tage später, als sich. über die Wüste Sinai das Schweigen des Todes gesenkt hatte, erschien der Satz im Druck -- in einer Einleitung, die Sartre einem fast tausend Seiten umfassenden Sonderheft seiner Zeitschrift "Les Temps Modernes" (Thema und Titel: "Der israelisch-arabische Konflikt") vorausgeschickt hatte.
Entschuldigend hatte er an jenem Abend die Beichte vollendet. "Wie könnte ich", schrieb er, "die Linke wegen ihrer Zerrissenheit tadeln, ich, der -- wie so viele andere -- den jüdisch-arabischen Konflikt als ein persönliches Drama empfindet?"
Es ist wahr: Seit Stalins Pakt mit Hitler im Sommer 1939 oder allenfalls seit Chruschtschows Panzermarsch auf Budapest im Herbst 1956 hat kein politisches Ereignis die intellektuellen Fronten Europas so durcheinandergerüttelt wie jener nahöstliche Krieg, in dem
>"Vietnam-Johnson" und "Vorwärts-Stratege Kiesinger" ("Neues Deutschland") auf der Seite des sozialistischen Israel stehen,
> die sozialistische Sowjet-Union aber auf der Seite der arabischen Könige, der Öl-Scheichs, der teils faschistoiden, teils sozialistischen Regime in Kairo, Bagdad und Damaskus, die Israels Juden "ins Meer werfen" wollten.
Freilich, außerhalb Frankreichs spielte sich das Seelendrama der Linken unter der Decke eines Schweigens ab, die aus Verlegenheit und Schlangenklugheit gewebt war. Nur gelegentlich machte sich darunter Rumoren bemerkbar -- so in Ulbrichts DDR.
Zwar gelang es der SED, einige jüdische Intellektuelle für einen Appell gegen Israel zu gewinnen, doch die namhaftesten unter den jüdischen Geistesschaffenden fehlten. Arnold Zweig, Anna Seghers und Professor Kamnitzer, stellvertretender Vorsitzender des DDR-Pen-Clubs, schwiegen lauthals. Sie unterschrieben nicht.
Die Ähnlichkeit mancher Schlagzeilen des "Neuen Deutschland" mit denen der Münchner "Deutschen National-Zeitung und Soldatenzeitung" soll, so heißt es in Ost-Berlin, den Nicht-Unterzeichnern peinlich gewesen sein -- und die waren sich ähnlich
Noch stiller verhielten sich die linken Linken der Bundesrepublik, die Mao- und Marcuse-Studenten West-Berlins, die Notstands- und Vietnam-Protestanten um den Marburger Politologie-Professor Wolfgang Abendroth. "Unsere Radikalen", freute sich in der "Welt" der konservative Intellektuelle Armin Mohler, "haben sich bisher um die entscheidende Option gedrückt."
Angesichts des teils erzwungenen, teils selbst auferlegten Schweigens der Linken des übrigen Europa, fiel den Franzosen die Aufgabe zu, gleichsam stellvertretend die ideologischen Konsequenzen des israelisch-arabischen Krieges zu durchdenken. Sie taten und sie tun es mit unvergleichlichem Mut -- dem Beispiel Sartres, des aufrichtigsten unter den Denkern Europas, folgend: kein Tabu scheuend, aber auch keiner peinlichen Meinungsgleichheit aus dem Wege gehend.
So rückten im Feuerschein des Israel-Krieges Sartre und Simone de Beauvoir, seine Gefährtin, Pablo Picasso, der Zeichner der kommunistischen Friedenstaube, und Clara Malraux, die geschiedene Frau des gaullistischen Ministers, in die Gesinnungs-Nachbarschaft rechtsradikaler, nunmehr pro-israelischer Algerien-Veteranen und jenes Pierre Poujade, der in den fünfziger Jahren Frankreich mit einer halbfaschistischen Kleinbürger-Bewegung erschreckte.
Hatte Sartre, der im Frühjahr durch Ägypten und Israel gereist war, in der Vorrede des Sonderheftes seine Meinung über den israelisch-arabischen Konflikt noch mit dem Wort "absent" (Langenscheidt: "abwesend, verreist, beurlaubt") beschrieben, so eilte er wenige Tage später den Israelis zu Hilfe.
Am 1. Juni veröffentlichte er -- zusammen mit vielen anderen Intellektuellen -- einen Aufruf, in dem Israels Hauptforderungen akzeptiert wurden, nämlich
> "daß die Sicherheit und Souveränität Israels, wozu selbstverständlich auch die freie Schiffahrt in den internationalen Gewässern zählt, notwendige Bedingung und Ausgangspunkt für den Frieden ist;
> daß dieser Friede ... durch direkte Verhandlungen ... gesichert ... werden muß".
Der hämische Kontext der Ereignisse aber wollte, daß am gleichen Tag, an dem der Aufruf durch die Pariser Rotationsmaschinen lief, auf der Place d'Israel in einer Menge von Israel-Anhängern auch Scharen von ehemaligen Paras und Rechtsextremisten demonstrierten -- an der Spitze Oberst Jean Robert Thomazo, genannt "Ledernase" (SPIEGEL 5/1960). Sie skandierten dort. "Israel vaincra!" (Israel wird siegen) statt ihres sonstigen Lärm-Rufs: "L'Algérie francaise!"
Einen weiteren Höhepunkt der Konfusion erbrachte ein öffentliches Intelligentsia-Meeting, an dem auch Sartres Sekretär Claude Lanzmann teilnahm.
Noch im Mai hatte Lanzmann-Chef Sartre als Vorsitzender des "Russell-Tribunals" in Stockholm über den Vietnam-"Kriegsverbrecher" US-Präsident Johnson zu Gericht gesessen.
Jetzt brach Lanzmann, laut "Le Monde", in den verzweifelten Ruf aus: "Wird man mich noch eines Tages zwingen, "Vive Johnson!' zu rufen, wenn die USA die einzigen sind, die sich der Auslöschung Israels widersetzen?"
Andere Freunde Sartres nannten bei gleicher Gelegenheit Nasser einen Komplicen des verhaßten Vietnam-Kriegers US-General Westmoreland.
Eugène Ionesco ("Die Nashörner") beschuldigte in einem Artikel Nasser, Hitler sei sein "Modell".
Der Herausgeber des Nachrichtenmagazins "L'Express", Servan-Schreiber, meldete sich zum Dienst in Israel.
Linke Zeitungen veröffentlichten eine lange Liste ehemaliger Gestapo- und SS-Offiziere, die -- dem Wiener Eichmann-Jäger Simon Wiesenthal zufolge -- in Nassers Spionage und Propaganda dienen.
Auf der anderen Seite scheuten sich jedoch viele Intellektuelle nicht, darunter auch zahlreiche Juden, für den ägyptischen Standpunkt, gegen den Zionismus, Stellung zu nehmen.
In der Redaktion von "Les Temps Modernes", Sartres eigener Zeitschrift, fand sich außer Lanzmann kein einziger Redakteur und Mitarbeiter, der den Aufruf vom 1. Juni mit unterschrieb.
Maxime Rodinson, ein langjähriger Freund Sartres, Professor an der Sorbonne und Kommunist, bekannte offen: "Der Zionismus, der im Gefolge des westlichen Kolonialismus in die arabischen Länder einbrach, ist für die gegenwärtige Lage verantwortlich. Israel muß, wenn es als Heim für einige Juden bestehenbleiben will, auf den Zionismus und die messianische Mission verzichten."
Die linksradikale Zeitschrift "Le Nouvel Observateur" empfahl den Israelis, "sich von ihren Komplexen zu befreien".
Ein Komitee jüdischer Studenten beschrieb den Zionismus als eine "falsche Lösung", und eine Gruppe von Universitätslehrern, darunter ebenfalls Juden, beschuldigte Israel, sich zum Werkzeug des amerikanischen Imperialismus gemacht zu haben.
Professor Jacques Berque, Sartre-Freund und Koryphäe der französischen Orientalistik: "Die arabischen Völker kämpfen um ihre Freiheit, und Israel erscheint objektiv als der Helfershelfer des Imperialismus."
"Die einen sagen", so beschrieb Sartre die herzzerreißende Spaltung seines Freundeskreises, "daß der Imperialismus ein Ganzes ist, den wir überall bekämpfen müssen: in Vietnam, in Venezuela, in Griechenland und auch im Nahen Osten. Die anderen erklären: Der Gedanke, daß die Araber den jüdischen Staat zerstören und seine Bürger ins Meer werfen, kann nicht einen Augenblick ertragen werden, es sei denn, man ist Rassist."
Ein Redaktionsmitglied Sartres: "Salem aleikum, sagen die einen und Schalom die anderen."

DER SPIEGEL 28/1967
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