10.07.1967

ADENAUER-HEUSS-BRIEFE

Geheimhalten

Aus der Registratur des Bonner Bundeskanzleramtes ließ sich Kurt Georg Kiesingers Parlamentarischer Staatssekretär vorletzte Woche ein angestaubtes Faszikel bringen.

CSU-MdB von und zu Guttenberg las, was keiner seiner Kollegen im Deutschen Bundestag bisher zu Gesicht bekommen hat: den politischen Schriftwechsel zwischen dem ersten Präsidenten und dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, zwischen Theodor Heuss und Konrad Adenauer.

Dann eilte der Freiherr zum Kanzler. Ohne Zögern befanden die beiden, daß auch nach dem Tode Konrad Adenauers (Theodor Heuss ist schon 1963 gestorben) der Briefwechsel zu brisant für eine Veröffentlichung sei.

Im Jahre 1959 nämlich waren Präsident Heuss und Kanzler Adenauer brieflich in heftigen Streit geraten, nachdem Adenauer überraschend sein Interesse an einer Kandidatur für die Heuss-Nachfolge angezeigt und seinen Plan ebenso abrupt wieder fallengelassen hatte**.

In einem langen Brief analysierte der Präsident die Anforderungen seines Amtes und rügte Adenauer für den Versuch, das höchste Staatsamt zum Objekt eines parteitaktischen Spiels zu machen.

Einig waren sich die Briefpartner hingegen in der Beurteilung des Ersatz-Bewerbers um die Heuss-Nachfolge, des damaligen Bundesernährungsministers Heinrich Lübke: Der Kandidat sei von so schlichter Art, daß er als Präsident weder die Macht des Kanzlers schmälern noch den

** Adenauer hatte eingesehen, daß er als Bundespräsident doch nicht so viel Einfluß auf seinen Nachfolger Im Kanzleramt -- Ludwig Erhard -- würde nehmen können, wie er ursprünglich gedacht hatte.

Glanz des ersten Präsidenten verdunkeln könne.

Über zehn Jahre lang, von der Gründung der Bundesrepublik bis zum Ende der zweiten Amtsperiode von Theodor Heuss im Jahre 1959, hatten Präsident und Kanzler ihre Meinung über politische Probleme bei besonderen Anlässen schriftlich ausgetauscht.

Als Heuss aus der Villa Hammerschmidt auszog und Heinrich Lübke Platz machte, nahm er nur seine private Korrespondenz mit in sein Haus nach Stuttgart. Die dienstlichen Briefwechsel wanderten in die Registratur des Bundespräsidialamtes. Theodor Heuss forderte sie nie mehr an, zumal auch seine Memoiren über das Jahr 1933 nicht hinausgekommen sind.

Einige der mit Adenauer gewechselten Briefe trugen ursprünglich einen Geheimstempel, doch wurde diese Klassifizierung im Laufe der Jahre aufgegeben. Andere Schreiben, die ihren aktuellen Bezug verloren hatten, wanderten ins Zwischenarchiv in Bad Godesberg, eine Art Relaisstation zwischen Bonner Ämtern und Koblenzer Bundesarchiv.

Übrig blieben etwa 25 Briefe, die nun sowohl im Präsidialamt wie im Kanzleramt aufbewahrt werden.

Guttenberg -- erst vor wenigen Wochen als Parlamentarischer Staatssekretär in Kiesingers Amt eingezogen -- verdankt die pikante Lektüre der Wißbegier eines oppositionellen Kollegen: des Berliner FDP-Abgeordneten William Bonn, der offiziell wissen wollte, wann die Korrespondenz von der Bundesregierung zur Veröffentlichung freigegeben werde.

Mochten die -- von dem Berliner Politologen und Parteifreund Professor Hans Reif neugierig gemachten -Freidemokraten bei der Bundestags-Fragestunde am Mittwoch vorletzter Woche in erster Linie an die Adenauer-Lübke-Passagen der Heuss-Briefe gedacht haben, so ließ Guttenberg doch keinen Zweifel daran, daß die Korrespondenz auch Unfreundlichkeiten über FDP-Politiker enthält.

Der Kanzler-Baron vor dem Bundestag: "In dem Meinungsaustausch, der zwischen dem Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer und dem Herrn Bundespräsidenten Heuss seinerzeit stattgefunden hat, sind eine Reihe von Personen berührt, und zwar auch Personen der beiden Parteien der beiden beteiligten Staatsmänner."

Tatsächlich hat sich Heuss in seinen Briefen an den Bundeskanzler weit mehr mit Politikern seiner eigenen Couleur beschäftigt denn mit Adenauers Christdemokraten.

Als 1953 der freidemokratische Verfassungsgerichts-Präsident Höpker-Aschoff bei Heuss intervenierte, um die geplante Berufung des mit dem Verfassungsgericht verfeindeten Justizministers Thomas Dehler in das zweite Adenauer-Kabinett zu verhindern, da leitete Heuss die Beschwerde mit zustimmenden Bemerkungen an den Kanzler weiter.

Dehler wurde denn auch nicht berufen. Noch Jahre später wetterte der kaltgestellte Freidemokrat gegen Heuss: "Ein schlechter politischer Feuilletonist."

Heuss hielt sich auch nicht an die Parteilinie, als 1956 eine Gruppe von Freidemokraten unter Führung des sogenannten Vizekanzlers Blücher und des Wohnungsbauministers Preusker von der FDP absprang und eine Konkurrenz-Partei, die FVP (Freie Volkspartei), ins Leben rief.

Zwar beschwerte sich der Präsident bei Adenauer über dessen Anstrengungen, die FDP zu spalten, ließ aber durchblicken, daß seine Sympathien eher den Meuterern als der eingesessenen Parteiführung gehörten.

Wann diese Äußerungen der Nachwelt offiziell zur Kenntnis gebracht werden sollen, darüber ließ Theodor Heuss seine Umgebung im unklaren.

Fragesteller William Bonn hegt keinen Zweifel daran, daß der Präsident die Publizierung wünschte: "Ich habe einen hohen Beamten als Zeugen dafür, daß Heuss kurz vor seinem Tode erklärte, die Korrespondenz mit Adenauer solle dann veröffentlicht werden, wenn keiner der beiden Beteiligten mehr am Leben ist."

Frau Toni Stolper, in den letzten Lebensjahren des ehemaligen Bundespräsidenten mit Heuss eng vertraut, kann sich dagegen nicht erinnern, "daß Theodor gesagt haben soll, nach Adenauers Tod seien die mit ihm gewechselten Briefe zu veröffentlichen".

Kanzler-Staatssekretär Guttenberg läßt die Frage offen: "Es wird sicherlich Teile geben, die man früher, und Teile, die man später wird veröffentlichen können oder müssen."


DER SPIEGEL 29/1967
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