10.07.1967

AFFÄREN / MENSCHENRAUBErdbeeren gepflückt

Als es klingelte, saß der südkoreanische Kinderarzt Dr. Sukil Lee, 39, im Schlafanzug in seiner Mainzer Wohnung und wartete auf das Abendessen -- Fisch mit Kohl. Draußen vor der Tür standen drei Landsleute im dunklen Anzug und baten den Doktor höflich mitzukommen. Sukil Lee kehrte nicht mehr zurück.
Der südkoreanische Volkswirtschaftsstudent Jeung Gil Choc, 26, pflückte gerade im Garten des Gießener Professors Paul Ehrlich Erdbeeren, als ihn die höflichen Herren riefen. Choc setzte sich aufs Fahrrad und wurde seither nicht mehr gesehen.
Das Geschehen nahm sich aus wie ein Kapitel bei Franz Kafka. Und so empfand es auch der südkoreanische Germanistik-Student Tschon Dae Kim, 32, der ebenfalls mit den verbindlichen Herren verschwand und seiner Heidelberger Zimmerwirtin in einem Brief erläuterte: "Ich befinde mich in der Lage des K. im "Prozeß' ... Bitte, forschen Sie nicht weiter nach mir, leben Sie wohl." Kafkas K. wird von einer anonymen Macht verfolgt und am Ende exekutiert.
In Berlin wurde der südkoreanische Komponist und Musikprofessor Jsang Yun, 51, samt Ehefrau vermißt; zurück blieben zwei unmündige Kinder. In Bonn verschwand ein Assistent des Physikalischen Instituts der Universität, in Castrop-Rauxel ein Gastarbeiter aus dem Pütt, in Offenbach eine südkoreanische Krankenschwester.
Bis Ende vergangener Woche registrierte die westdeutsche Polizei 17 vermißte Südkoreaner. Für die Kriminalisten besteht kein Zweifel, daß sie vom südkoreanischen Geheimdienst entführt worden sind. Kommunistischer Umtriebe verdächtig, sollen die Verschleppten in ihrer Heimat "den Behörden ihre Unschuld beweisen" (Gesandter Sang Ock Lee von der Koreanischen Botschaft zu Bonn).
Erneut erwies sich, wie gefährlich Ausländer im freien Teil Deutschlands leben. So war 1963 der ehemalige Führer der französischen Untergrundorganisation OAS, Antoine Argoud, im Münchner Hotel Eden-Wolff von Pariser Geheimdienstlern gekidnappt worden. Und vergangenen Dienstag forderte der SPD-Bundestagsabgeordnete Herrman Schmitt-Vockenhausen die Bonner Regierung auf "klarzustellen, daß die Bundesrepublik kein Tummelplatz für Geheimdienste anderer Länder sein kann".
Es tummeln sich: Agenten aus Spanien und aus Indonesien, aus Griechenland wie aus dem Iran, Amerikaner, Briten, Franzosen und Nachrichtenmänner aus der Türkei.
Zum Kummer der westdeutschen Geheimdienste läßt Bonn die fünften Kolonnen anderer Länder unbehelligt marschieren. Vertraut mit den geheimen Wünschen der befreundeten Westmächte, hat die Bundesregierung bislang auf ein gesetzliches Verbot verzichtet.
Ob freilich per Gesetz der Großraub der südkoreanischen Geheimdienstier. die in wenigen Tagen unbemerkt 17 Menschen über die deutschen Grenzen schafften, vereitelt worden wäre, steht dahin. Denn erst, nachdem ein Kommilitone des Heidelbergers Tschon Dae Kim der Polizei einen Tip gegeben und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg den Fall aufgerollt hatte, war den politischen Polizisten in den Bundesländern die konzertierte Agenten-Aktion offenbar geworden.
Der zweite Akt des Kriminalstücks spielte sich auf diplomatischer Bühne ab. Zweimal wurde Botschafter General Duk-shin Choi in das Auswärtige Amt bestellt und um "volle Aufklärung" gebeten. Exzellenz gab sich zunächst uninformiert, räumte dann aber ein, die Vermißten seien "freiwillig" in ihre Heimat zurückgekehrt.
Genauer wußte es der südkoreanische Gesandte Sang Ock Lee. Der Diplomat auf die SPIEGEL-Frage, wer seine Landsleute abgeholt habe: "Politische Beamte der koreanischen Polizei." Und wie freiwillig die Koreaner ihren Reisebegleitern gefolgt sind, glauben westdeutsche Geheimdienstier zu wissen: nach massiver Nötigung und Androhung von Repressalien für die Angehörigen zu Hause.
Bonn raffte sich zu einer "schaffen Demarche" auf. Seither wartet die Bundesregierung die Recherchen der Karlsruher Bundesanwaltschaft ab, die inzwischen die Ermittlungen an sich gezogen hat. Mitte vergangener Woche freilich war der Oberstaatsanwalt Antonies Berard, Sprecher der Bundesanwaltschaft, von einer Entführung der 17 Koreaner noch nicht überzeugt. Berard, der nicht zögerte, dem SPIEGEL 1962 einen Tag nach der Nacht- und Nebelaktion Landesverrat zu unterstellen ("Wenn ich zuviel erzähle, dann begehe auch ich Landesverrat"), gab sich diesmal zurückhaltend: "Vielleicht ist ja auch gar nichts dran, kann ja sein, daß die freiwillig gegangen sind." Doch schon zwei Tage später gab die Bundesanwaltschaft einen ersten "Zugriff" bekannt: Sie hatte einen koreanischen Sportlehrer aus Stuttgart, der an der Entführung mehrerer Landsleute beteiligt gewesen sein soll, festnehmen lassen.
Zurückhaltung wie der Oberstaatsanwalt Berard übte auch der Vortragende Legationsrat Erster Klasse und Leiter des Ostasien-Referats im Bonner Außenamt, Hilmar Bassler. Zwischen der deutschen Botschaft in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul und den einheimischen Behörden, so versicherte er, bestehe zwecks Aufklärung der Vorfälle ein "enger und vertrauensvoller Kontakt".
Trost für die rund 4000 in der Bundesrepublik lebenden Südkoreaner spendete Botschafter Duk-Shin Choi: Es bestehe für sie "in Zukunft kein Grund mehr zur Beunruhigung".

DER SPIEGEL 29/1967
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