10.07.1967

FESTSPIELE / BERLINPunkt zum Sitzen

Angelockt von lodernden Flammen, Beat-Schall und Bratwurst-Schwaden, äugten Vopos zu nächtlicher Stunde über die Berliner Mauer. Sie erspähten frisch Arrivierte -- die deutschen Kino-Bubis.
Im wilden Park an Ulbrichts Schanze und im Schloßbau der "Vereinigten Werkstätten für Mosaik- und Glasmalerei" zu Berlin-Neukölln nährte und tränkte der Münchner Filmproduzent Rob P. Houwer, 30, mehr als 1000 Gäste. Sie begingen so die Berlinale-Premiere der Houwer-Produktion "Tätowierung", die der Regisseur Johannes Schaaf, 34, in der Mosaikfabrik gedreht hatte. Houwers Party-Spesen: an die 20 000 Mark.
Die 17. Internationalen Filmfestspiele Berlin, die letzte Woche zu Ende gingen, hatten die künstlerisch akzeptierten Kino-Knappen auch zu Society-Figuren nobilitiert "Im vergangenen Jahr mußten wir um Einladungen zu den Festen der amerikanischen Firmen betteln", sagt Peter Schamoni, 33; Produzent des zweiten deutschen Berlinale-Beitrags, "Alle Jahre wieder" (Regie: Schamoni-Bruder Ulrich, 27); "jetzt wollen die zu unseren Partys kommen."
Sie kamen im Rolls-Royce oder auch in den Charterbussen, die Houwer zwischen City und Party-Park pendeln ließ. Sie hörten die bayrische Beat-Band "The Improved Sound Limited" und den famosen Barock-Jazzer Eugen Cicero, und sie sahen gerührt, wie der Charme-Veteran James Stewart, 59, dem "Tätowierung"-Helden Christof Wackernagel, 16, die Hand drückte. Wackernagel: "Er hat oft "wonderful' gesagt, mehr hab' ich nicht verstanden."
Die Schamonis, Houwers erklärte Konkurrenten, standen nicht zurück. Ulrich lud zu einer Bier-Aktion im Grunewald, wo er eine Sechs-Zimmer-Villa mit Swimmingpool bewohnt, und zeigte sich seinen Gästen im Kostüm eines Pfeife rauchenden Westfalen-Landmanns; sein Film "Alle Jahre wieder" (siehe Seite 113) handelt von jenem Volksstamm.
Das Fest währte zwei Tage und zwei Nächte, vier Bundestagsabgeordnete tranken mit, und auf der Suche nach frischem Sekt fiel Ehefrau Schamoni über die Kellertreppe und brach ein Handgelenk. "Wir sind jetzt schon so weit", sagt Ulrich Schamoni, "daß man uns durch die Klatschkolumnen zieht wie die Brauners und Wendlandts."
Die Publicity für die beiden deutschen Berlinale-Filme kostete rund 110 000 Mark. Houwer, der den Schloendorff-Film "Mord und Totschlag" für 750 000 Mark an den amerikanischen Universal-Verleih verkaufen konnte, investierte 50 000 Mark, um die "Tätowierung" in Berlin bekanntzugeben. Der "Alle Jahre wieder"-Verleih Constantin machte sein Programm mit 60 000 Mark publik.
Constantin, der größte deutsche Verleiher, betrieb ein mildtätiges Presse-Center. Es versorgte Journalisten mit Schreibblocks (Aufschrift: "Alle Jahre wieder") und Schnapsgläsern (Aufschrift: "Alle Jahre wieder"), und für die Durchgabe auch harscher Rezensionen über "Alle Jahre wieder" stand ein Fernschreiber bereit.
Das Center, vom Pressechef Theo Hinz "weniger als Journalistentränke" denn als "Punkt zum Sitzen" gedacht, verschänkte zudem 1300 Flaschen Coca-Cola, 864 Flaschen Fanta, 2152 Flaschen Bier, 15 Liter Cognac, 600 Flaschen Sodawasser, 1040 Tassen Kaffee, 58 Flaschen Whisky und 61 Flaschen Doornkaat.
"Nächstes Jahr gibt's bei uns überhaupt nichts zu trinken", entsagte Helmut Gattinger, Werbedirektor von Hollywoods "United Artists"-Verleih, angesichts der Constantinischen Schenkungen. "Wir richten ein Sanatorium für Leberleiden ein und behandeln die Leute -- natürlich kostenlos, anders geht's ja hier nicht."
In diesem Jahr behandelte er noch konventionell. Im intimen Bar-Büro kredenzte er in drei Tagen 40 Flaschen Whisky und ebenso viele Pullen Doppelkorn; zum Sitzen hielt er eine Terrasse des Europa-Centers frei -- in tiefen Liegestühlen sammelten sich die Kritiker für den Arme-Leute-Film "Flüsternde Wände", den "United Artists" anbot.
Nach alter billiger Weise, mit Sex, warb nur ein weniger begüterter Filmschaffender deutscher Zunge. Der einstige Herzensbrecher Adrian Hoven, nun ein Produzent, suchte auf der Berlinale Verleiher für sein Erotik-Lichtspiel "Necronomicon". Neben dem Film führte er auch die Hauptdarstellerin Janine Reynaud vor -- in den tiefsten Dekolletés seit Jayne Mansfields Berlinale-Visite.
Das war ein Rückfall in alte Zeiten, denn die Berlinale ist nun nicht mehr der Jahrmarkt der Kino-Schickeria. Die konkurrierenden Länder hatten meist grüblerische oder verquälte Jungfilmer-Werke geschickt oder graue Stars -- aus Amerika kam Rosalind Russell, 55, aus Frankreich Michel Simon, 72, und aus England die Heroine Edith Evans, 79.
Den deutschen Kino-Bubis brachten die ersten langen Hosen wenig Glück. denn der gewohnte Siegeszug auf internationalen Festivals war für die Arrivierten in Berlin jäh zu Ende: Der "Goldene Bär", der Hauptpreis, ging an ein Cineasten-Stück aus Belgien ("Le Départ", Regie: der Pole Jerzy Skolimowski); "Alle Jahre wieder" traf ein Trost-Bär, und "Tätowierung", der Festival-Favorit, blieb ohne Preis.

DER SPIEGEL 29/1967
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