13.03.2006

Der verfluchte Reformer

Niederlagen in Italien, neue Korruptionsvorwürfe und Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Zentrum eines Richtungskampfes: Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft herrscht Niedergeschlagenheit statt Aufbruchstimmung - deutscher Fußball spiegelt deutsches Leben. Von Dirk Kurbjuweit
Reformer? Nein, sagt er, ein Reformer sei er nicht. Möchte er Deutschland verändern? Nein, mit ihm habe das nichts zu tun. Aber Amerika hat ihn stark beeinflusst? Nein, eher Italien.
Eigentlich bleibt jetzt nur noch eine Frage. Ist er Jürgen Klinsmann?
Er sieht so aus, blond, schmal, Anfang 40. Er trägt Jeans und einen Pulli mit Reißverschluss, an dem er manchmal zupft.
Drei Fragen, drei knappe Antworten, die allem Vorwissen widersprechen. Entweder haben sich alle in Klinsmanns Absichten getäuscht. Oder er schafft sich gerade selbst ab. Oder er hat einfach keine Lust auf dieses Gespräch.
Er rührt in seinem Espresso. Er sitzt im Palace-Hotel in München, er guckt auf seine Uhr. Das Gespräch misslingt, es misslingt vollkommen.
Klinsmann gibt sich ganz schlicht, ein Mann, der nur in Ruhe mit seiner Mannschaft arbeiten will, sonst nichts. Alles ist übertrieben, alles aufgebauscht. Die Antworten bleiben knapp. Man brauchte hundert Fragen, um eine Stunde füllen zu können.
Manchmal guckt er wie ein Junge, der die Welt nicht versteht. Manchmal guckt er wie jemand, der alles versteht, aber das meiste missbilligt.
Das soll ein Sonnyboy sein, ein Mann, der in Amerika großes Denken und großen Optimismus gelernt hat? Was ist los mit Jürgen Klinsmann?
Ein wenig erinnert er an Angela Merkel wenn sie ihre schlechten Tage hat, wenn sie dichtmacht, wenn sie randvoll ist mit Misstrauen. Die beiden Deutschen, die als große Reformer angetreten sind, haben immer eine Muschel dabei, in die sie sich zurückziehen können.
Ihre Lage ist derzeit sehr verschieden. Die eine hat bislang wenig getan und sonnt
sich in ihrer Beliebtheit. Der andere hat viel getan und ist gerade der meistbeschimpfte Deutsche. Am vergangenen Mittwoch waren sie gemeinsam auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung. Klinsmann hatte einen verkniffenen Mund, Merkel strahlte.
"Bild" ist wichtig in diesem Zusammenhang. Die Zeitung gilt als Indikator für die allgemeine Stimmungslage. Seit dem 1:4 gegen Italien druckt sie Tag für Tag Schlagzeilen, die Klinsmann schmähen und verspotten. Er soll sich Rat bei den Frauen-Fußballern holen, er soll aufhören, ein "Grinsi-Klinsi" zu sein. Und es sei "ein Unding und eine Unverschämtheit", dass er es sich "unter der Sonne Kaliforniens gut gehen lässt".
Ständig werden Leute in Stellung gebracht, die Klinsmann rüffeln. Franz Beckenbauer, der launische Herrscher über den deutschen Fußball, führt die Liste der Ungnädigen an. Damit ist die Euphorie, die im vergangenen Jahr beim Confederations Cup geherrscht hatte, endgültig verschwunden.
Fußball war mal eine Hoffnung für dieses Land. Die WM sollte das Bruttosozialprodukt steigern, ein gutes Abschneiden der Nationalmannschaft für Aufbruchstimmung sorgen. Klinsmann war das Gesicht für diese Hoffnung.
Aber seit zwei Wochen geht alles schief. Erst die Niederlage gegen Italien, dann verlieren die deutschen Vereine in den Europapokalen, dann kommen neue Skandale um Spieler und Manager auf (siehe Seiten 90, 92). Deutschland wirkt wieder vergnatzt und mutlos und ein bisschen hässlich. Die Weltmeisterschaft, ein Großversuch der Deutschen in Fröhlichkeit, droht in Selbstzerfleischung und Miesepetrigkeit zu versinken.
In Sorge um das große Ganze haben sich Hinterbänkler aus der Politik, etwa Norbert Barthle von der CDU, eingemischt und fordern Klinsmann auf, sich einer Befragung durch Abgeordnete zu stellen. Das ärgerte den Grünen-Abgeordneten Winfried Hermann: "Wir sind weder die Assistenz der Geschäftsführung des Deutschen Fußball-Bundes, noch sind wir die Ober-Nationaltrainer", schalt er die Kollegen. Sie sollten sich nicht zu Handlangern einer "Kampagne" von "Bild" machen.
Schon lange wird ein Zusammenhang von Politik und Fußball behauptet. Der Offensivdrang der Nationalmannschaft von 1972 galt als Ausdruck von Willy Brandts "mehr Demokratie wagen". Helmut Kohls bräsiger Konservatismus spiegelte sich angeblich in der Arbeit von Bundestrainer Berti Vogts wider.
Nun sind, in der Hysterie vor der WM, beide Sphären tatsächlich verschmolzen. Bundespräsident Horst Köhler in seiner Weihnachtsansprache und Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsrede haben haben betont, wie wichtig das Turnier für Deutschland ist.
Doch es gibt noch einen tieferen Zusammenhang von Politik und Fußball. Es geht dabei um das Thema, von dem Klinsmann beim Gespräch in München nichts wissen will. Es geht um Reformen.
Im Juni 2005 sagte er dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung": "Wir müssen alle Rituale und Gewohnheiten hinterfragen. Und zwar andauernd - nicht nur im Fußball. Das ist doch nichts Schlimmes. Reform ist kein Prozess, der in Episoden stattfindet. Das Reformieren muss zu einem permanenten Zustand werden - nicht nur vor der Weltmeisterschaft, auch danach."
Weiter sagte er: "Ein Sieg im nächsten Jahr böte die Chance, der Welt zu zeigen, wer wir sind. Wir haben die Möglichkeit, Deutschland neu zu definieren: eine Marke, einen ,Brand' zu schaffen." Das war sein Anspruch. Er hat ihn beim Gespräch
in München nicht mehr formuliert, er hat ihn verleugnet. Warum?
Hat er gemerkt, wie schwer es ist, einen solchen Anspruch in Deutschland in Wirklichkeit zu verwandeln? Denn er hat es gewagt, so viel ist gewiss. Ähnlich wie Gerhard Schröder hat er eine Großreform in Deutschland versucht. Es geht ihm um Tempo und Vernetzung.
Er wollte aus einer Nationalmannschaft, die bei der Europameisterschaft 2004 mit lahmem Ballgeschiebe untergegangen war, eine Offensivmaschine machen.
Er wollte eine Struktur aufbauen, in der die Trainer von Erwachsenen- und Jugendmannschaften des DFB eng kooperieren und unabhängig von den langsamen Strukturen des Verbands arbeiten können.
Ein 1:4 klingt nicht nach Offensivmaschine. Ist Klinsmann gescheitert, so wie die Agenda 2010 gescheitert ist? Am Tag der Niederlage meldeten die Zeitungen die neuen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Wieder gibt es mehr als fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland.
Es stellt sich einmal mehr die Frage, warum dieses Land sich so schwer tut mit seinen Reformen. Woran liegt es? An den Akteuren? An den Systemen? An der deutschen Mentalität?
Im Fußball wird endgültig nach dem 9. Juli abgerechnet, dem Tag des Endspiels. Deutschland kann immer noch Weltmeister werden. Aber so wie die letzten Wochen waren, ist klar, dass es Klinsmann mit
seinen Reformen schwer hat. Er tut sich schwer, es wird ihm schwer gemacht. Deutsches Leben spiegelt sich im deutschen Fußball. Die Bedeutung dieses Spiels für dieses Land darf man nicht unterschätzen. Deshalb ist die Geschichte des Reformers Klinsmann auch eine Geschichte über die Reformfähigkeit Deutschlands.
Am Tag nach dem 1:4 sitzt Klinsmann im Flugzeug von Pisa nach Frankfurt in der ersten Reihe rechts. Er schaut aus dem Fenster, er blickt nicht auf, als Spieler und Journalisten in die Maschine strömen. Er wirkt, als werde er vom Strudel der eigenen Gedanken in die Tiefe gerissen. Er kennt schon die Schlagzeilen des Tages in Deutschland. Übel, sehr übel.
Neben ihm sitzt Theo Zwanziger, der geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), er schaut in die andere Richtung. Später erzählt Zwanziger, dass er auf dem Flug gemerkt habe, wie nahe Klinsmann die Niederlage gegangen sei. Zwanziger gibt Interviews, in denen er zu Klinsmann steht. Das gilt, aber es gilt auch etwas anderes. Das Verhältnis zwischen Klinsmann und Zwanziger ist angespannt, wenn nicht zerrüttet.
Als Jürgen Klinsmann im Sommer 2004 das Amt des Bundestrainers übernahm, wollte er nicht nur mit der deutschen Mannschaft Weltmeister werden. Er wollte auch den DFB verändern. "Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinandernehmen", sagte er.
Er warf ein paar Leute raus und ersetzte sie durch Vertraute, machte Oliver Bierhoff zum Manager der Nationalmannschaft sowie Joachim Löw zum Assistenztrainer. Er wagte einen ersten Tabubruch, indem er nicht einen Deutschen zum Chefscout
machte, sondern einen Schweizer. Er heuerte einen amerikanischen Fitnesstrainer an, Mark Verstegen, der bald belächelt wurde, weil er die Spieler Gummitwist machen ließ. Aber den Spielern hat das Spaß gemacht, und neue Ideen sind bitter nötig, denn die Deutschen, einst unermüdliche Rackerer, waren in den vergangenen Jahren bei den Fitnesswerten zurückgefallen.
Der DFB trug all diese Änderungen mit. Theo Zwanziger trug sogar mit, dass Jürgen Klinsmann die gemeinsamen Abendessen von Mannschaft und Delegation abschaffte. Für die Herren vom Verband waren diese Essen immer das Schönste, für die Spieler das Schlimmste. Nach dem Dessert ließen sie die Löffel fallen und verschwanden auf ihren Zimmern. Jetzt essen die Spieler allein und plaudern.
Es gibt keine Reformen ohne Verlierer, ohne Leute, die Privilegien einbüßen. Klinsmann machte die Nationalmannschaft mehr und mehr zu einer eigenen Welt innerhalb des DFB. Er schuf Unabhängigkeit, löste seine Welt von den langsamen Strukturen des Verbandes.
Anfang Februar schlugen Klinsmann und Bierhoff vor, Bernhard Peters solle Sportdirektor beim DFB werden. Peters ist Trainer einer Nationalmannschaft, die mit kleinen Bällen spielt. Hockey heißt der Sport.
Es ging um einen zentralen Punkt ihrer Reform, um die Vernetzung. Der Sportdirektor koordiniert die Arbeit von Erwachsenen- und Jugendtrainern des DFB. Peters sollte eine gemeinsame Philosophie für alle Mannschaften durchsetzen. Peters war der Gipfel der Unabhängigkeit. Er war in keine Tradition, keine Struktur des DFB eingebunden. Er hätte ganz neue Ideen vorbringen können, revolutionäre Ideen.
Zwanziger rief das Präsidium des DFB zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, 14 Männer, fast alle alt, die früher mal Fußball gespielt haben. Danach gab es eine Pressekonferenz.
Die Zentrale des deutschen Fußballs liegt in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt. Auf dem Parkplatz davor stehen Schilder mit den Namen der Wichtigen, damit ihnen niemand den Parkplatz wegnimmt. Sie wollen ihre Autos immer und ohne Verzug an denselben Ort stellen können. Vor Kreissparkassen sieht man ähnliche Schilder.
Klinsmann reiste vor der Pressekonferenz ab. Bierhoff vertrat ihn.
Auf der Pressekonferenz verkündete Theo Zwanziger, dass nicht Peters Sportdirektor wird, sondern Matthias Sammer, der mit Bierhoff und Klinsmann 1996 Europameister wurde, aber nicht gerade als Freund der beiden gilt. Bierhoff saß mit verschränkten Armen da. Er erlebt eine schwere Demütigung. Das Reformprojekt war gestoppt, der DFB zeigte Klinsmann und seinen Leuten die Grenzen.
Theo Zwanziger ist ein quirliger, leutseliger Mann, der einen Raum sofort belebt, als sei eine ganze Gruppe von Leuten eingetroffen. Er redet schnell und viel. Das Gespräch mit ihm, in der Bibliothek des DFB, hat zwei Teile. Im ersten Teil rühmt Zwanziger den Bundestrainer. Er möchte ihn über die WM hinaus verpflichten.
Der zweite Teile beginnt mit der Frage, warum er Klinsmann nicht einfach sein Reformprojekt durchziehen lässt.
"Es gibt unseren Verband über 100 Jahre", sagt Zwanziger, "er muss nicht reformiert werden in einer Weise, die alles auf den Kopf stellt. Wir sind ein demokratischer Verband, wir sind jederzeit offen für Innovationen, wir brauchen aber keine Revolution."
Er sagt, ein Mann wie Sammer finde sofort Akzeptanz bei den über 1200 Trainern des Verbandes. Peters müsse sich das erst erarbeiten. Zwanziger findet, die gesamte bisherige Trainerarbeit des DFB würde in Zweifel gezogen, wenn ein Hockeytrainer Sportdirektor würde. Er verteidigt das Alte gegen etwas allzu Neues.
"Was haben wir in der Vergangenheit gemacht?", fragt er: "War das alles falsch?"
"Ein bisschen Selbstvertrauen haben wir auch", sagt Zwanziger. Das Präsidiumsmitglied Karl Schmidt, 74 Jahre alt, sei
"früher auch Nationalspieler" gewesen und komme "aus dem Umfeld von Fritz Walter in Kaiserslautern".
Dieser Name musste fallen. Im deutschen Fußball herrscht eine Fritz-Walter-Haftigkeit, gegen die Klinsmann seit zwei Jahren anrennt. Fritz Walter war ein Segen für den deutschen Fußball in den fünfziger Jahren, aber er strahlt so sehr, dass sich, stehen Änderungen an, immer noch mancher fragt, ob Fritz Walter einverstanden wäre.
Ein Problem für alle Reformer hierzulande ist, dass die Bundesrepublik naturgemäß junge Gründungsmythen hat, jung und deshalb sehr lebendig. Sie stammen aus den Nachkriegsjahren, als zwölf Jahre Hitler überwunden werden mussten. Im Fußball ist es das Wunder von Bern, verkörpert durch Fritz Walter und Sepp Herberger. Nach dem Sieg bei der WM 1954 trauten sich die Deutschen wieder, selbstbewusst zu sein.
In der Politik ist einer der Gründungsmythen der Sozialstaat, der den wachsenden Wohlstand gleichmäßig verteilt hat und eine Versicherung gegen einen neuen Hitler war. Geschichte ist eine starke Macht in Deutschland.
Oliver Bierhoff spürt das, wenn er Funktionären die neuen Konzepte erklärt. Es geht da viel um Planung, um Differenzierung, um bewusstes Handeln. Irgendwann winke dann immer jemand ab und sage: "Ein Spiel dauert 90 Minuten." Bierhoff macht das wahnsinnig. Es ist eine dieser zopfigen, unsterblichen Sepp-Herberger-Weisheiten. "Der Ball ist rund", ist eine weitere. Es sind Sätze aus der Zeit eines Fußball-Fatalismus. Man bereitete sich durchaus vor, "denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel", aber eigentlich entschieden die Götter, indem sie den runden Ball 90 Minuten lang mal hierhin und mal dorthin kullern ließen.
Bierhoff glaubt nicht an diese Götter. Zwar weiß er, dass er es im Fußball mit einem komplexen System zu tun hat, dass man Spiele nicht durchplanen kann. Aber Klinsmann, Löw und er sind wie Ingenieure, die versuchen, eine Mechanik so zu entwickeln, dass der Raum für Zufälle klein bleibt.
Bierhoffs Büro ist in Starnberg. Er kommt in das Zimmer seiner Sekretärin, er hat ein Manuskript in der Hand und spricht Änderungen mit ihr durch. Es ist seltsam, ihn so zu sehen. Man sieht immer noch die kurzen Hosen und wie er ekstatisch das Golden Goal gegen Tschechien feiert. Jetzt ist er sehr modisch angezogen, sehr elegant. Er ist wohlfrisiert und gepflegt. Er sieht nicht nach Fußball aus.
Der Sessel in seinem Büro hat die Form eines Baseball-Handschuhs. An der Wand hängt ein Kalender mit vielen farbigen Feldern. Das letzte farbige Feld ist am 9. Juli, danach kommt nichts mehr, Ende der Zeitrechnung. Alles weiß, große Leere.
Er sagt, dass "die Italiener Fußball geradezu programmieren". Fabio Capello, der ehemalige Trainer des AC Mailand habe eine Art Managementlehre in den Unternehmen von Berlusconi absolviert. Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira plane minutiös. "Wenn wir die Methoden nicht ändern, werden wir überrannt", sagt Bierhoff. "Im Training Hütchen aufstellen und sich fragen, was machen wir denn heute, geht nicht mehr. Man kann 25 Spieler nicht gleich behandeln, denn sie sind nicht gleich. Jeder braucht eine individuelle Förderung."
Seine Sekretärin kommt herein und sagt: "Conference Call in drei Minuten." Das ist die Telefonschalte mit Klinsmann, Löw und Andreas Köpke, dem Torwarttrainer. Sie verwenden gern diese Sprache, sie arbeiten mit E-Mails, mit Powerpoint. Fußball soll sein wie Business, nicht wie Verband.
Als Klinsmann und Bierhoff das Aufgebot für das Spiel gegen Italien verkünden, lädt der DFB die Presse in das Vereinsheim der SG Bornheim/Grün-Weiß. Es ist dieser typische Flachbau voller Wimpel und Pokale, mit Theke und mit Bildern vom Weihnachtsball an der Wand. Eine dicke Frau hat sich "Super Mami" auf ihre Trainingsjacke gestickt. Es ist ein Milieu, das sich seit 50 Jahren nicht verändert hat, es ist liebenswert und schrecklich zugleich. Es ist die Basis des deutschen Fußballs. Die Basis ist immer gut im Bewahren, Schröder kennt das von den Ortsvereinen der SPD.
Die Super Mami hat einen gewissen Einfluss auf Klinsmanns Arbeit, durch die Demokratie und weil Theo Zwanziger, wie er im Gespräch betont, immer mitdenkt, was die Ehrenamtlichen wollen, was ihnen zuzumuten ist. Ein Hockeytrainer als Sportdirektor gehört nicht dazu.
Zwanziger hat auch nach dem Debakel gegen Italien keinen Zweifel gelassen, dass er zu seinem Bundestrainer Klinsmann steht. Öffentlich redet man freundlich übereinander. Doch wie in der Politik auch gab es in jedem Gespräch für diese Geschichte einen gesperrten Bereich, Sätze, die man nicht zitieren darf. Wenn man den Eindruck aus all diesen Sperrzonen zusammenfasst, dann muss man von einer erheblichen Störung im Verhältnis von Trainerstab und DFB sprechen.
Manchmal wird sie sogar sichtbar. Der DFB und Klinsmann treffen immer dann öffentlich aufeinander, wenn es eine Pressekonferenz gibt. Die wird jedes Mal von Harald Stenger geleitet, dem Pressechef des DFB. Er ist ein hilfsbereiter, hessischknorriger Mensch, schon phänotypisch gehört er nicht zu Klinsmanns fixen Jungs. Aus dessen Sicht zählt er zum DFB-Lager.
Auf den Pressekonferenzen rund um das Spiel gegen Italien ließ Klinsmann keine Gelegenheit
aus, Stenger einen Seitenhieb zu verpassen. Als er italienischen Journalisten in fließendem Italienisch antwortete, verlangten die deutschen Kollegen eine Übersetzung. "Das machst du jetzt, Harald", sagte Klinsmann, der weiß, dass Stenger nicht Italienisch spricht. Als Stenger Turin und Florenz verwechselt, korrigiert Klinsmann das süffisant. Er wirkt in diesen Momenten sehr kleinlich, sehr bissig, wie einer, dessen Wut durch kleinste Kanäle gepresst wird, damit wenigstens ein bisschen heraus kann.
Es ist der gestutzte Reformer, der da mäkelt. Das Schicksal des Reformers ist die Beschädigung. Irgendwann wird er zurückgepfiffen, weil er gegen deutsche Geschichtlichkeit verstößt, traditionelle Milieus verstört, weil er Privilegien beschneidet, Verlierer erzeugt.
Es gibt aus all diesen Gründen keinen Mut zur Radikalität bei jenen, die eine Reform billigen müssen. So wird die Verstümmelung zum Schicksal jedes Projekts.
Klinsmann hat das Ziel, den DFB umzukrempeln, fürs Erste aufgegeben. Er konzentriert sich auf die Mannschaft und das Ziel, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Er hat dem deutschen Fußball Offensive verordnet. Dafür gibt es ein System und eine Taktik.
Das System heißt 4-4-2. Es gibt eine Viererkette in der Abwehr und eine Viererkette oder Raute im Mittelfeld sowie zwei Stürmer. Die Taktik ist schnelle Offensive. Die Verteidigung rückt weit vor, der Gegner wird früh unter Druck gesetzt. Gewinnt man den Ball, wird sofort auf Angriff umgeschaltet.
Gegen Italien führte diese Taktik in die Katastrophe. Nach Ballverlusten im Mittelfeld wurde die aufgerückte Verteidigung überlaufen.
Gibt es nun Zweifel an System und Taktik? "Nee, Zweifel habe ich in keinster Weise", sagt Joachim Löw, der Assistent von Klinsmann, der für die sportlichen Details zuständig ist. Er sitzt in der Lobby des Hilton in Düsseldorf, es ist der Montag der vergangenen Woche. Sven-Göran Eriksson schlendert vorbei, der Trainer der Engländer, und da hinten steht Parreira, der Trainer der Brasilianer. Dies ist ein Workshop des Fußball-Weltverbandes Fifa mit den Trainern der WM-Teilnehmer. Draußen stand eben Oliver Bierhoff und sagte in einen Strauß Mikrofone, warum es nicht nötig sei, dass Klinsmann teilnehme. Es wurde ziemlich aggressiv gefragt. Klinsmann ist längst wieder in Kalifornien.
Ein paar Tage später wird Bierhoff sagen, dass es ein Fehler war. Es war immer Teil des Vertrages zwischen Klinsmann und dem DFB, dass er in Kalifornien leben darf. Das funktioniert, wenn das Team siegt.
Seit dem Spiel gegen Italien funktioniert es nicht mehr. Klinsmann müsste nun anwesend sein, für die Öffentlichkeit, für die Spieler. Doch er weigert sich. Das ist der trotzige Klinsmann, der nicht auf seine Fluchtburg verzichten will. Zwanziger will in dieser Woche mit ihm darüber reden, Klinsmann kommt zwei Tage früher zurück als geplant.
Im Hilton in Düsseldorf ging es auch ums richtige Spiel. Löw sagte, dass Deutschland als Gastgeber nur Heimspiele habe. Die Mannschaft könne nicht auf Konter lauern, das täten schon die anderen.
Aber hat er die Leute, mit denen er 90 Minuten lang Druck machen kann? Als er kürzlich Klinsmann im Münchner Palace-Hotel abholte, nach dem missglückten Interview, sahen sie sich das Spiel Bayern gegen Mailand an. Zwei Deutsche standen auf dem Platz, Michael Ballack und Philipp Lahm. Oliver Kahn war verletzt, die Nationalspieler Bastian Schweinsteiger und Sebastian Deisler saßen auf der Bank. So geht es dem Bundestrainer und seinem Assistenten oft.
Das Problem des Fußballs ist das Problem der Politik: die Globalisierung. Die
Vereine verpflichten gern ausländische Spieler, die weniger kosten oder mehr bringen. Zudem fehlt den Deutschen im Spitzenbereich fast vollständig die Generation der Leistungsträger, der 25- bis 32-Jährigen. Hier wurde jahrelang Jugendarbeit versäumt.
Auf die Frage, welche Mannschaft so spielt, wie auch die Deutschen spielen sollen, nennt Löw erst Chelsea, dann Barcelona, die besten Mannschaften der Welt. "Barcelona hat eine schnelle Ballzirkulation, dann spielen sie blitzartig in die Tiefe." Die das machen, heißen Ronaldinho, Deco, Messi, schnelle, technisch geniale Spieler.
Es gibt keinen Deco, keinen Ronaldinho in Deutschland. Aber Klinsmann glaubt an Arbeit, an Willen. Als Spieler galt er als untertalentiert, lief über den Platz wie ein Storch auf der Flucht und wurde bei Bayern München "Flipper" genannt, weil ihm die Bälle nur so von den Füßen hüpften. Aber er war Weltmeister 1990, Europameister 1996, war Fußballer des Jahres in Deutschland und in England. Er hat ständig an sich gearbeitet und fanatisch gewollt.
Es ist ein Grundgesetz für Reformen, dass man Systeme nur erfolgreich ändern kann, wenn man Menschen verändert. Klinsmann hat das verstanden. Er will bei seinen untertalentierten Spielern die Köpfe öffnen, will ihnen Glauben an sich und den Erfolg geben. Er und Bierhoff empfehlen ihnen Bücher, in denen Leute beschreiben, was stark macht. Er lädt sie ein, per E-Mail über diese Bücher zu diskutieren. Es kommt nicht viel zurück, seine Jungs sitzen lieber an der Playstation. Der Mensch ändert sich nur langsam, wenn überhaupt. Auch das ist ein Grundgesetz für Reformen.
Und noch eines, im Fußball gültig wie in der Politik: Die Verlierer bestimmen die Stimmung. Als Klinsmann den Innenverteidiger Christian Wörns von Borussia
Dortmund nicht für das Spiel gegen Italien aufstellte, nannte der ihn "link und unehrlich". Sofort fand Wörns breites Echo in den Medien. Er war die Story. Er bestimmte die Grundstimmung, und die war nun schlecht. Ein Motzkopf macht schon eine Krise.
Die nächste wartet schon. Eines Tages wird sich Klinsmann für einen Torwart entscheiden müssen, Oliver Kahn oder Jens Lehmann. Es wird einen Verlierer geben, und der, nicht der Gewinner, wird wieder die Stimmung bestimmen. Schon jetzt droht Beckenbauer.
So steht der, der anderen etwas zumutet, immer als umstritten da, als eine Figur, die Hass auf sich zieht. Das macht es auch den anderen schwer, sich ganz auf seine Seite zu schlagen. Man zweifelt an ihm, weil die Stimmung ja schlecht ist. Je mehr einer verändert, desto mehr wird er zum Außenseiter.
Allerdings kennt Klinsmann diese Rolle schon lange. Er ist nur deshalb in der Lage, das deutsche Fußballmilieu aufzumischen, weil er sich früh davon gelöst hat.
Der Ursprung von dem, was Deutschland gerade mit seinem Bundestrainer erlebt, liegt in Stuttgart-Botnang in der Eltinger Straße. Hier ist eine Bäckerei und Konditorei, die den Namen Klinsmann trägt. Über der Tür hängt eine goldene Brezel.
Der Laden ist mit Holz verkleidet und karg eingerichtet. Es herrscht reine Zweckmäßigkeit, man spürt Strenge. Weil Fasching ist, hängen ein paar Luftschlangen an den Lampen, aber so richtig lustig sieht das nicht aus. Die Brezel kostet 52 Cent.
An der Wand hängt ein Meisterbrief von Horst Klinsmann, der ist einer der drei Brüder des Bundestrainers. Vater Siegfried, der die Bäckerei gegründet hat, ist vor einem Jahr gestorben. Jürgen Klinsmann hat in diesem Haus gelebt, hier hat er eine Bäckerlehre gemacht.
Niemand hat ihn so beeinflusst wie sein Vater. Siegfried Klinsmann, erzählt Roland Eitel, ein Freund und Berater des Bundestrainers, hat streng unterschieden zwischen innen und außen. Innen, das war die Familie. Außen, das war der Rest. Nach innen herrschte Innigkeit und Vertrauen, nach außen Zurückhaltung, auch Misstrauen. Jürgen Klinsmann hat das übernommen. Sein Innen, das sind vor allem Frau und Kinder in Kalifornien. Dorthin muss er immer wieder zurück, weil er zu viel Außen nicht aushält.
Wenn man ihn länger beobachtet, sieht man immer wieder Phasen, in denen er verschwindet, nicht gleich über den Atlantik, sondern in die innere Bäckerei. Im Vereinsheim in Bornheim ist er von einem Riesentrubel umgeben, Kinder, die ihn nach Autogrammen bestürmen, Journalisten, Vereinsmenschen. Er macht das eine Weile mit, dann lehnt er sich an eine Fensterbank und beendet seine Anwesenheit. Sein Gesicht verschließt sich, der Blick geht nach innen. Niemand spricht ihn an.
Klinsmann hat sich als Profi nie der Fußballwelt angeschlossen. Als er bei den Stuttgarter Kickers spielte, schwor er, niemals zum Lokalrivalen VfB Stuttgart zu gehen. Er ging bald. Er schwor auch, nie zu Bayern München zu gehen. Von 1995 bis 1997 war er dort. Die Schwüre entsprangen den Vorstellungen seiner Umgebung. Er selbst konnte problemlos ein Außen durch ein anderes Außen ersetzen.
Er hat bei Inter Mailand gespielt, bei Sampdoria Genua, beim AS Monaco und zweimal bei Tottenham Hotspur. Er war nie mit Haut und Haar dabei, in seiner späten Zeit als Spieler galt er fast als untrainierbar. Ein Präsident von Tottenham hat gesagt, mit dem Trikot von Klinsmann würde er nicht einmal sein Auto waschen.
Seine Karriere durchzogen seltsame Widersprüche. Nicht nur, dass er wenig Talent hatte und viel Erfolg. Er galt als Freak, so frei im Kopf, dass er einen Käfer fahren konnte, obwohl die Kollegen in Porsches vorfuhren. Andererseits galt er als Abzocker, weil er sich für sehr viel Geld anheuern ließ und schnell wieder weg war.
Er galt als distanziert, kühl, unnahbar. Aber auf dem Platz war er leidenschaftlich wie kaum ein anderer. Er hat unbändig gejubelt, geweint, und als er einmal zornig war, trat er ein Loch in eine Werbetonne am Spielfeldrand.
Weil er heftig schwäbelte und dauernd "die wo" sagte, war man leicht geneigt, ihn für schlicht zu halten. Dann lieferte er 1996 bei der Europameisterschaft in England Pressekonferenzen auf Englisch ab, und ohne Schwäbeln und "die wo" wurde plötzlich Klugheit erkennbar.
Bei der WM 1998 in Frankreich hatten ein paar Journalisten ein Haus in Saint-Paul de Vence gemietet, über den Bergen von Nizza. Im selben Ort wohnte die deutsche Nationalmannschaft, und manchmal kamen Spieler auf ein Gespräch vorbei. Einer von ihnen war Jürgen Klinsmann.
Er spielte damals sein letztes Turnier, stand am Ende seiner Karriere. Er war ein vollkommen anderer Typ als die anderen, als Christian Wörns etwa, mit dem er heute Probleme hat. Wörns sprach über Fußball, sonst nichts. Klinsmann tat etwas, was Fußballstars eigentlich nicht tun. Er stellte Fragen. Es war, als wollte er sich nach Lebensformen erkundigen, als sei er auf der Suche nach einem Leben, das nicht automatisch auf der Trainerbank endet. Nach 16 erfolgreichen Jahren als Fußballprofi wirkte er unabhängig vom Fußballbetrieb. Das gibt es nicht oft.
Nach der WM ging er mit seiner amerikanischen Frau nach Huntington Beach in Kalifornien. Er lernte Spanisch, machte EDV-Kurse und schloss sich der Firma Soccersolutions von Mick Hoban und Warren Mersereau an. Gemeinsam entwickelten sie Konzepte für Fußballvereine oder Ausrüster. Es war Klinsmann dann doch nichts anderes eingefallen als ein weiteres Fußballleben. 2004 wurde er Bundestrainer.
Es ist eine Eigenart Klinsmanns und ein weiterer Widerspruch, dass er, der sich gern entfernt, doch immer nur zu Hause ankommt. In Kalifornien hört er SWR 3 und weiß deshalb jederzeit, wo es einen Stau in Stuttgart gibt.
Wenn es um Geld geht, dann ist er so schwäbisch geizig, dass es kracht. Er, der Millionär, ist schon zum Supermarkt gelaufen, weil ihm die Brötchen beim Bäcker zu teuer waren. Bei Vertragsverhandlungen pokerte er bis zum Äußersten, nicht,
weil er Geld brauchte, sondern, damit es niemand sonst bekam.
Klinsmann ist eine Spezies für sich: der kleinkarierte Weltbürger. Damit ist er überall Außenseiter.
Als er Bundestrainer wurde, war die deutsche Mannschaft bei der Europameisterschaft in Portugal in der Vorrunde ausgeschieden. Rudi Völler trat zurück, Ottmar Hitzfeld, der mit Dortmund und München die Champions League gewonnen hatte, wollte nicht. Der DFB war in der Krise. Die Krise ist immer eine Chance für einen Außenseiter.
Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend verändern, weil ihm die Bindungen fehlen. Er muss nicht so viel Rücksicht nehmen. Als Außenseiterin pfropfte Angela Merkel der CDU ein Reformprogramm auf. Auch Schröder hatte keine engen Bindungen in seine Partei.
Dieser Vorteil wird zum Nachteil, wenn Erfolge ausbleiben. Die Kritik an Klinsmann ist jetzt auch deshalb so vehement, weil sich ihm kaum einer verpflichtet fühlt. Alle waren immer außen und sind es noch. Wenn Klinsmann die Heimspiele des VfB Stuttgart besucht, geht er nie in die Lounge der Ehemaligen, wo er die alten Gefährten Karlheinz Förster oder Hansi Müller treffen könnte. Er kann nicht allen auf die Schulter klopfen wie sein Vorgänger Rudi Völler, den alle mochten, auch weil er niemandem weh tat.
"Einem Jürgen Klinsmann wird nichts verziehen", sagt Michael Horeni, Sportredakteur der "FAZ", der im vergangenen Herbst eine Biografie des Bundestrainers veröffentlicht hat. Er sagt das in einem Restaurant in Florenz vor dem Spiel gegen Italien. Das Familienprinzip der Abschottung übertrage Klinsmann auch auf die Nationalmannschaft. "Er hat eine Insel geschaffen, auf der sich alle sicher fühlen können. Es gilt das Prinzip: Hier sind wir, da sind die anderen."
Während des Gesprächs bekommt Horeni einen Anruf. Ein Kollege erzählt ihm, dass Horeni in der neuen "Sport-Bild" vom Fernseh-Entertainer Harald Schmidt angegriffen werde. Schmidt hat offenbar den Eindruck, der Sportredakteur schreibe so viel in der "FAZ" über Klinsmann, damit sich die Biografie besser verkaufe.
Horeni macht seinen Job, der Vorwurf ist absurd, aber so wie die Lage derzeit ist, kann man als Biograf von Klinsmann kaum ungeschoren davonkommen. Zwar nennt sein Buch alle Punkte, die nicht günstig sind für Klinsmann, aber insgesamt ist es wohlwollend. In der Stimmung dieser Tage reicht das schon, um zum Lager Klinsmann gerechnet zu werden.
Harald Schmidt gehört zum anderen Lager. Er hat Klinsmann einst als "Schwabenschwuchtel" geschmäht und wurde gerichtlich zur Unterlassung aufgefordert. In seiner "Harald Schmidt Show" lässt er derzeit jedes Mal "Tschö Klinsi" einblenden. Dahinter steht die Zahl der Tage bis zur WM.
Die Medien haben im System Fußball mindestens eine so große Bedeutung wie im System Politik. Wenn der DFB zu einer wichtigen Pressekonferenz in seine Frankfurter Zentrale lädt, kommen nicht weniger Journalisten als zur Bundespressekonferenz mit Angela Merkel oder Franz Müntefering.
In Frankfurt ist die Rückwand dunkelrot, in Berlin ist sie blau. Anders als die politischen Journalisten schreiben viele Sportkollegen sofort in ihre Laptops, als seien die Nachrichten dringender, müssten schneller unters Volk gebracht werden.
Auch der Gestus der Fragesteller ist verschieden. In der Bundespressekonferenz sind viele Journalisten auf Originalität und Witz bedacht, was manchmal ziemlich albern wirkt. In Frankfurt herrscht meistens großer Ernst, man zeigt gern sein Fachwissen, gibt sich als Experte zu erkennen. Der Bundestrainer ist für viele der "Jürgen", und so beginnen die Fragen dann auch: "Jürgen, hast du ..." Eine Frage mit "Angela" zu beginnen, hat sich noch keiner getraut. In Berlin sind immer Frauen dabei, in Frankfurt fragen nur Männer.
Für beide Sphären gilt, dass Geschichte vom Ende her erzählt wird. Nur hat Politik selten ein klares Ende. Für die Sportjournalisten dagegen ist jeder Spieltag ein kleines Ende und ein Finale ein großes. Ein 1:4 ist ein solches Desaster, dass niemand sich damit trösten kann, dass Klinsmanns Reformen dem deutschen Fußball langfristig helfen könnten. Ein 1:4 diktiert die vernichtenden Artikel quasi selbst. Das Fußballgeschäft mit seinen vielen Enden ist damit noch kurzfristiger und hysterischer angelegt als die Politik, also ist es noch schwerer, etwas zu ändern, denn Reformen brauchen langen Atem.
Ein 1:4 diktiert auch die Fragen. Nach dem Spiel gegen Italien dampft es im Presseraum des Florentiner Stadions. Es dampft, weil sich viel zu viele Leiber hier hineingezwängt haben. Es dampft auch, weil sich jetzt Lust anstaut, die Lust auf böse Sätze für ein schlechtes Spiel. Auf der Pressetribüne wurde schon die erste Wette auf Klinsmanns Kopf abgeschlossen. Den März werde er "nicht überleben", Rotwein, ein gutes Essen.
Als Erster kommt Marcello Lippi, Italiens Trainer. Ein deutscher Journalist fragt: "Können Sie sich an einen leichteren Sieg erinnern?" Es ist klar, was er hören möchte: Nein, das war ein Spaziergang. Wie herrlich ließe sich das aufschreiben: Lippi verspottet Klinsmann.
Die Dolmetscherin versteht die Frage nicht. Ein Kollege stellt sie auf Englisch, die gewünschte Antwort ist zu schön, um sie durch Sprachprobleme zu verlieren. Was it ever easier? Lippi ist ein Gentleman, er lobt Klinsmanns Arbeit.
Dann kommt der Bundestrainer. Er hat die Hände in den Taschen, er wirkt angefasst. Und dann macht er eine sehr gute Figur: Er antwortet ruhig, benennt die Fehler seiner Mannschaft und spricht ihr gleichzeitig das Vertrauen aus. Man hat den Eindruck, dass er ein Mann ist, dem man eine junge Mannschaft anvertrauen kann.
Davon findet sich in den nächsten Tagen nichts in den Berichten wieder. Das geht wohl auch nicht, direkt nach einem 1:4 würde das seltsam wirken. Es zeigt nur, dass die Realität, wie sie sich in den Medien widerspiegelt, sehr stark von Ergebnissen abhängt. Es sind nur passende Ausschnitte. So wie nach der Bundestagswahl, die sie fast verloren hätte, kaum jemand Angela Merkels Stärken hervorheben wollte.
Das hätte ebenfalls seltsam gewirkt, aber sie waren noch da. Die Realität ist immer komplexer als ein Artikel.
Auch nach dem 1:4 kann Klinsmann ein Segen für den deutschen Fußball werden. Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht erreicht.
Wenn es nach Alfred Draxler ginge, sollte das Kapitel Klinsmann allerdings jetzt abgeschlossen werden. Zwei Tage nach dem Spiel schrieb er in "Bild": "Wenn Klinsmann jetzt wirklich in dieses Flugzeug steigt, dann sollte er am besten gleich ganz in Amerika bleiben." Draxler ist stellvertretender Chefredakteur von "Bild" und zuständig für Sport.
"Fußball - das ist Boulevard und Stammtisch", hat Klinsmanns Freund Roland Eitel gesagt. Für Schröder zählten ",Bild', ,Bams' und Glotze". So weit sind die beiden Sphären in diesem Punkt also nicht auseinander. Allerdings dürfte der Einfluss von "Bild" auf den Fußball noch größer sein als auf die Politik. Als die deutschen Journalisten in Frankfurt auf den Abflug ihrer Chartermaschine nach Florenz warteten, las mindestens die Hälfte "Bild".
Draxlers Büro liegt im zehnten Stock des Axel-Springer-Hauses in Hamburg. Er hat einen wunderbaren Blick über die Stadt, in seinem Regal stehen ein kleiner Humidor und ein Großer Brockhaus, von dem die Bände 13 bis 22 fehlen. Er trägt ein weißes Hemd, eine schwarze Hose und hellbraune Schuhe. Sein Haar ist nach hinten gekämmt. Er ist der mächtigste Mann des deutschen Sports.
Gleichzeitig ist er die ganz große Unschuld des deutschen Sports. Seine beiden zentralen Sätze lauten: "Der Vorwurf einer Kampagne gegen Klinsmann ist völlig absurd." Und: "Wir berichten sachlich."
Ist "Grinsi-Klinsi" sachlich?
"Grinsi-Klinsi ist eine Boulevard-Zeile."
Da ist er natürlich fein raus, wenn alles, was eine Boulevard-Zeile ist, nicht im Widerspruch zur Sachlichkeit steht. Da kann er fleißig holzen, und das macht er auch.
Aber Klinsmann macht es ihm auch leicht. Es mag ja sein, dass es an den Erfolgsaussichten für die deutsche Mannschaft nichts ändert, wenn er nach dem Spiel gegen Italien sofort nach Kalifornien fliegt. Aber er bewegt sich mit seinem WM-Projekt in einer Mediengesellschaft, und da zählt symbolisches Handeln, wie er von Schröder hätte lernen können.
Hier sein, im Stadion sein, Commitment zeigen - die Stimmung wäre nicht ganz so schlecht. Wobei immer noch die Frage ist, wo die Stimmung eigentlich herkommt. Aus dem Volk? Oder aus der Feder von Alfred Draxler und seinen Leuten?
Dazu hat er wieder einen sauberen Satz parat: "Wir wollen Stimmungen darstellen, nicht Stimmungen beeinflussen." Es wird aber nicht ganz klar, wie die Sportredaktion Stimmungen erfasst, zumal es, wenn so getrommelt wird wie derzeit, keine "Bild"-unabhängige Stimmung mehr geben dürfte. Du bist Deutschland, ist ein Satz, der bei Draxler nicht ganz so absurd ist wie bei anderen.
Es gibt verschiedene Gerüchte. "Bild" führe eine Kampagne gegen Klinsmann, weil man für dessen alten Widerpart Matthäus ist, weil es vor zehn Jahren mal einen Rechtsstreit wegen eines Fotos gab. In Wahrheit geht es wohl wieder um Unabhängigkeit. Draxler ist es gewöhnt, dass die Größen des Fußballs eng mit "Bild" zusammenarbeiten, Kolumnen schreiben oder jederzeit Informationen ausplaudern.
"Bild" ist Teil des Fußballbetriebs, Klinsmann nicht. Wenn etwas ausgeplaudert wird, nennt er das "Informationskorruption". Er steht "Bild" nicht jederzeit zur Verfügung, schon gar nicht mit privaten Geschichten. Er will in seinem Umfeld keine Leute, die mit "Bild" eng verbunden sind. Er will die traditionelle Macht von "Bild" über die Nationalmannschaft brechen.
Draxler bleibt auch in diesem Punkt geschmeidig: "Wir arbeiten sehr gut zusammen, sehr professionell, wir haben jederzeit Zugang."
Zum Schluss des Gesprächs sagt der mächtigste Mann des deutschen Sports ei-
nen schönen Satz: "Ich habe den Fußball sehr lieb." Er freue sich "unglaublich" auf die Weltmeisterschaft. Aber es sei nicht seine Aufgabe, Euphorie für die Nationalmannschaft zu schüren. Da hat er recht.
Das ist ein Widerspruch, den auch politische Journalisten kennen. Sie haben die Politik sehr lieb, jedenfalls manche, aber es ist nicht ihre Aufgabe, zur gewünschten Aufbruchstimmung beizutragen. Aufbruchstimmung ist das Äquivalent der Politik zur Euphorie im Fußball, und sie wird in Deutschland gleichermaßen vermisst. Doch die Aufgabe von Journalisten ist kritische Begleitung, nicht Stimmungsmache.
Das ist ein Problem für alle Reformprojekte. Wie sollen sich Aufbruchstimmung oder Euphorie vermitteln, wenn die Journalisten, die sie verbreiten könnten, habituell skeptisch sind?
Klinsmann hat nach dem Spiel gegen Italien einen Versuch gemacht, die Medien mit ins Boot zu holen. Er hat zu einer Pressekonferenz gerufen und gesagt: "Wir wollen uns mit euch austauschen. Wir wollen euch einfach mit einbeziehen in diese Gedanken. Wir sind daran interessiert, eure Meinung zu hören." Er saß etwas vom Tisch weggerückt, hatte ein Bein über das andere geschlagen, was Distanz schuf zu den Leuten, die er mit einbeziehen wollte. Niemand reagierte.
Obwohl Bierhoff, Löw und Torwarttrainer Köpke bei ihm saßen, wirkte er allein in diesem Moment, verlassen.
Und da, ehrlich gesagt, kam der Wunsch auf, die Welt möge, jedenfalls bis zum 9. Juli, einmal anders sein, als sie ist. Klinsmann hat Fehler gemacht, aber er hat auch die richtigen Dinge angepackt.
Es müsste einen Deal geben, zwischen Klinsmann und der Öffentlichkeit: Er kommt für die nächsten Wochen nach Deutschland zurück, um aus seiner jungen Mannschaft herauszuholen, was herauszuholen ist. In der Öffentlichkeit wird es weiterhin Kritik geben, aber keinen Defätismus, keine Lust am Zerschlagen. Deutschland stellt sich hinter seinen Bundestrainer und seine Mannschaft. Es geht ja nicht um eine neue Agenda 2010, um die Änderung von Lebensverhältnissen. Es geht um ein Fest, eine WM im eigenen Land.
Und Klinsmann und seine Mannschaft versuchen ein Wunder, so wie die Griechen bei der Europameisterschaft 2004 ein Wunder versucht und geschafft haben. Das ist einer der großen Unterschiede von Politik und Fußball. Es gibt Wunder, nicht oft zwar, aber mindestens müsste man an sie glauben.
"WIR SIND EIN DEMOKRATISCHER VERBAND. WIR BRAUCHEN KEINE REVOLUTION."
BIERHOFFS SEKRETÄRIN KOMMT HEREIN UND SAGT: "CONFERENCE CALL IN DREI MINUTEN."
DAS FUSSBALLGESCHÄFT IST NOCH KURZ-FRISTIGER UND HYSTERISCHER ALS DIE POLITIK.
DANN SAGT DER "BILD"-MANN EINEN SCHÖNEN SATZ: "ICH HABE DEN FUSSBALL SEHR LIEB."
ALS SPIELER HATTE ER WENIG TALENT UND VIEL ERFOLG. ER WAR EIN FREAK.
* Am 8. Juni 2005 in Mönchengladbach gegen Russland. Neben Merkel sitzen DFB-Funktionär Horst R. Schmidt, Innenminister Otto Schily und DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder.
* Nationalspieler Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger, Plakate an einem Hotel in Hamburg.
Von Kurbjuweit, Dirk

DER SPIEGEL 11/2006
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