24.07.1967

ZEITGESCHICHTE / HITLER-ABSTAMMUNG

Dichte Inzucht

(siehe Titelbild)

Diese Leute dürfen nicht wissen, wer ich bin", belehrte Adolf Hitler einst seinen Neffen William Patrick Hitler: "Sie dürfen nicht wissen, woher ich komme und aus welcher Familie ich stamme."

Diese Leute -- das waren die Journalisten. Und weder sie noch andere erfuhren es. Der Mann aus Braunau, den alle kannten, blieb letztlich unerkannt. Der Rassist, der jeden Deutschen zur Ahnensuche in den Stammbaum klettern ließ, verbarg sich im Gestrüpp der eigenen Herkunft.

Eine Ahnung von seinen Ahnen vermittelte nur, was er selber in seinem Buch "Mein Kampf" preisgab oder in zensierten Biographien verbreiten ließ. Und er gab nur preis, was seinem Charisma dienlich sein konnte -- die effektvolle Lesart von armer Leute Kind, von harter Jugend und entsagungsvollem Aufstieg.

Doch je mehr Adolf Hitler, der Aufschluß über familiäre Details ebenso mied wie körperliche Berührung, seine Herkunft erst zum Partei- und dann zum Staatsgeheimnis machte, desto stärker wucherte, Gerüchte über Gerüchte zeugend, im verborgenen das Interesse an seiner Vergangenheit.

Hitler-Gegner wie Hitler-Freunde zweifelten gar, ob "der Erfinder der rassischen Inquisition den strengen Anforderungen seines eigenen Sippenamtes" genügt hätte (so nach dem Zweiten Weltkrieg der Hitler-Biograph Hans Bernd Gisevius).

Das war die verblüffendste Ahnentheorie: daß der Judenhasser und Judenvernichter Hitler selber jüdischer Abkunft sei. Und sie entstand in seiner eigenen Partei.

Schon 1921 verbreiteten NSDAP-Mitglieder, die Hitler die Machtübernahme in der Partei streitig machen wollten, Flugblätter mit Texten wie: "Hitler glaubt die Zeit gekommen, um im Auftrag seiner dunklen Hintermänner Uneinigkeit und Zersplitterung in unsere Reihen zu tragen und dadurch die Geschäfte des Judentums und seiner Helfer zu besorgen ... Und wie führt er diesen Kampf? Echt jüdisch."

1930 schrieb Hitler-Neffe William Patrick dem Onkel einen Brief, in dem er andeutete, Hitler habe "Judenblut in seinen Adern". Hitler war entsetzt: "Man schickt Spitzel auf die Fährte unserer Vergangenheit." Er beauftragte seinen damaligen Rechtsberater -- und späteren Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete -- Hans Frank, dieser "ekelhaften Erpressergeschichte" nachzugehen.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden in Deutschland insgeheim Photographien herumgereicht, die das Grab des 1892 gestorbenen Juden Adolf Hittler (jüdischer Name: Avraham Eyliyohn) auf dem Bukarester Friedhof (Grab 9, Reihe 7, Gruppe 18) zeigten. Die polnisch-jüdische Zeitung "Haynt" veröffentlichte das Bild, und ein Warschauer Journalist schrieb, es handele sich um die letzte Ruhestätte von Adolf Hitlers Großvater.

Zweifel an Hitlers arischer Herkunft befielen nun auch den Reichsführer der SS Heinrich Himmler, des Dritten Reiches obersten Aufnorder. Am 4. August 1942 schickte er insgeheim Kundschafter aus, um die "Abstammung des Führers" zu ergründen.

Und 1945, nachdem das Dritte Reich samt Hitler dahingegangen war, kam die "Anthropologische Commission" -- ein internationaler Kreis renommierter Gelehrter -- zu dem Schluß, Hitler sei ein "Bastard von einem nicht sehr angesehenen Juden" gewesen: "Schon im städtischen Kinderheim in Linz haben die Erzieherinnen ... ihn einen "Judenbengel" genannt."

Aber erst jetzt, zwei Jahrzehnte später, scheint das Rätsel um Hitlers Herkunft gelöst. Nach zwölfjährigen Recherchen und Analysen enthüllte der Historiker und spezialisierte Hitler-Forscher Dr. Werner Maser, 44: "Hitler stammte nicht von Juden ab. Er war vielmehr das Produkt einer besonders dichten Inzucht."

In einer Studie für eine geplante Hitler-Biographie* legt der Autor

* Copyright by Bechtle Verlag, München und Eßlingen.

der aufschlußreichen Zeitgeschichtsbücher "Die Frühgeschichte der NSDAP" und "Hitlers Mein Kampf" anhand von Dokumenten, Zeugenaussagen und Indizien dar, daß der Vater von Hitlers Vater zugleich der Großvater von Hitlers Mutter gewesen sei. Hitlers Vater müßte mithin der Onkel von Hitlers Mutter, Hitler und seine Mutter Cousin und Cousine gewesen sein.

Wohl fehlt ein wichtiges Glied in der Beweiskette -- ein schriftlicher Beleg dafür, daß der Bauer Johann Nepomuk Hüttler (gestorben 1888) der Vater des Hitler-Vaters Alois Schicklgruber (gestorben 1903) gewesen ist. Gleichwohl ist Masers Version die bislang schlüssigste Untersuchung über die Hüttlers, Hiedlers und Hitlers, die -- bei mehrfach wechselnder Schreibweise des Namens -- im niederösterreichischen Waldviertel ansässig waren.

Wie andere Hitler-Biographen sah Maser seine Recherchen durch den Umstand erschwert, daß die Spuren, die in Hitlers Vergangenheit führen, verwischt schienen. Das Waldviertel -- von 1938 bis 1945 Großdeutschlands "Ahnengau" -- interessierte den Chef des Ahnenkults überhaupt nicht. Nur widerwillig ließ er sich 1938, als ihm Braunau nach dem Anschluß Österreichs zujubelte, an seinem Geburtshaus vorbeifahren. Einmalig und kurz war der Besuch des Friedhofs zu Leonding, wo seine Eltern begraben sind.

Der Hitler-Biograph und frühere Priester Franz Jetzinger ("Hitlers Jugend") hält es sogar für möglich, daß Hitler eine ganze Gemeinde im Waldviertel habe niederwalzen lassen, um genealogische Markierungen auszulöschen. Die Tatsache, daß die Gemeinde Döllersheim und Umgebung, wo Hitlers Vater geboren und Hitlers Großmutter beerdigt worden ist, 1941 in einen großdeutschen Truppenübungsplatz verwandelt wurde, ließ ihn spekulieren: "Es hat ganz den Anschein, daß die Vernichtung Döllersheims direkt über Auftrag des Führers erfolgte -- aus irrsinnigem Haß gegen seinen Vater, der vielleicht einen Juden zum Vater hatte."

Kirchenmatrikeln -- Geburts-, Tauf- und Sterbebücher -- sowie Gerichts- und andere Behördenakten, die authentisch über Hitlers Herkunft hätten Auskunft geben können, galten lange Zeit als unauffindbar. Während der NS-Zeit und erst recht nach 1945 kursierte das Gerücht, Hitler selber habe die Dokumente beiseite schaffen oder gar vernichten lassen.

Auch Himmlers Kundschafter, die 1942 nach Braunau gereist waren, fanden die gesuchten Dossiers nicht. Sie konnten dort -- wo Hitler 53 Jahre zuvor im "Gasthaus zum Pommer" geboren worden war -- nur das Taufbuch "Tomus XIX, 30. Juni 1881 bis 1891" einsehen. Auf Seite 152 hieß es: "Adolf Hitler geb. am 20. 4. 1889 um 18.30, getauft am 22. 4. um 15.15 v. Ignaz Probst; wohn. in der Vorst. 219 (neu 19); ehel., kath. Vater: Alois Hitler, k.k. Zollamtsoffizial. Mutter: Clara, Tochter des Johann Pölzl, Bauers in Spital in Niederösterr. u. der Johanna, geb. Hitler, ehel. Tochter. Pathen: Johann u. Johanna Prinz ... horum levavit: Johanna Pölzl, Schwester der Kindesmutter; Hebamme Franziska Pointecker."

Unter dem Aktenzeichen B/23/h22 teilten die Spuren-Sucher dem Reichsführer SS unter dem 14. Oktober 1942 weniger Verdächtiges denn Belangloses mit. Etwa: Adolf Hitlers Vater habe dreimal geheiratet und für die dritte Ehe -- mit Adolf Hitlers Mutter -- einen Ehedispens gebraucht, weil Hitler-Vater und Hitler-Mutter miteinander verwandt gewesen seien.

Himmler hatte sich Alarmierenderes gewünscht. Er sann damals nach Möglichkeiten, sich von Hitler abzusetzen. um sich und seine SS bei unabwendbar scheinender Niederlage den Alliierten als deutsche Verhandlungspartner anzupreisen. Popularität bei den auf den Führer eingeschworenen Nazis erhoffte er sich für diesen Fall durch die Enthüllung des Hitlerschen Stammbaum-Makels.

Denn als "Judenabkömmling", wie es im NS-Jargon hieß, hätte Hitler nicht deutscher Staatsbürger sein (Punkt 4 des Parteiprogramms) und "nur als Gast in Deutschland" unter Fremdengesetzgebung leben dürfen (Punkte 5 und 6); auch wäre er nicht berechtigt gewesen, ein öffentliches Amt zu bekleiden, "gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde" (Punkt 6) -- ganz abgesehen von der Groteske, daß ein "Judenabkömmling" einem nordischen Zuchtstaat vorgestanden hätte.

Doch es gelang Himmler nicht, den Nachweis nichtarischer Abkunft zu führen. Das versuchte erst Hitlers einstiger Rechtsberater und späterer Generalgouverneur Hans Frank -- nach dem Krieg in der Haftzelle zu Nürnberg.

Dort brachte Frank zu Papier, was er 1930 -- im Auftrag Hitlers, der sich von seinem Neffen Patrick erpreßt fühlte -- recherchiert hatte. Vor der Hinrichtung durch die Alliierten übergab Frank das Manuskript dem amerikanischen Armeegeistlichen Sixtus O'Connor, der es einem Klosterarchiv zur Aufbewahrung anvertrauen sollte. Titel des Skripts: "Im Angesicht des Galgens".

Frank ("Ich will auf der Welt keine versteckte Schuld unerledigt zurücklassen") erläuterte, Hitlers Vater sei wahrscheinlich das uneheliche Kind einer in einem Grazer Haushalt angestellten Köchin namens Schicklgruber gewesen: "Aber das ganz über alle Maßen Merkwürdige an der Geschichte ist folgendes: diese Köchin ... -- Großmutter Adolf Hitlers -- war in einem jüdischen Familienhaushalt mit Namen Frankenberger bedienstet, als sie ihr Kind gebar. Und dieser Frankenberger hat für seinen damals ... etwa 19jährigen Sohn, mit der Geburt beginnend, bis in das 14. Lebensjahr dieses Kindes der Schicklgruber Alimente bezahlt." Das Kind war der spätere Vater Adolf Hitlers.

Obgleich der jüdische Großvater von nun an selten uneingeschränkt als historisches Faktum gewertet wurde, beflügelte Franks Version doch zahlreiche Hitler-Biographen. "Seither", schrieb beispielsweise Gisevius, "muß man sich wohl oder übel mit dem angeblichen Großvater Frankenberger beschäftigen: Wie plausibel klingt es doch, wenn dessen jugendlicher Hang zum Küchenpersonal posthum Weltgeschichte gemacht haben soll, weil ein übersensitiver empörter Enkel sich in antisemitische Gemütsaufwallungen hineinsteigerte."

"Welt"-Historiker Walter Görlitz formulierte: "Der Mensch, der ... Millionen von Menschen dem Tod überantwortete, weil sie von "schlechtem Blute" oder weil sie "sozial lebensunwert" waren, war selbst von unklarer Abkunft."

Und Ex-Priester Jetzinger meinte: "Der Führer Hitler, der Zehntausende zur Erbringung des Ariernachweises zwang, hätte selber ... diesen Nachweis nie erbringen können ... Bei Nummer vier (des Ahnenpasses) -- Großvater väterlicherseits -- wäre, so wie bei jedem Unehelichen, ein dicker Strich gezogen worden zum Zeichen, daß dieser Großvater unbekannt ist, also möglicherweise auch ein Jude gewesen sein konnte."

Wo Jetzinger einen dicken Strich machte und andere Hitler-Biographen oder Genealogen den Namen des Wiener Finanzbarons Rothschild, des Grazer Juden Frankenberger, des Kleinbauern Trummelschlager oder des vagabundierenden Müllergesellen Johann Georg Hiedler eintrugen, notiert Maser jetzt den Namen: Johann Nepomuk Hüttler, Bauer aus Spital, um 15 Jahre jüngerer Bruder Hiedlers aus Strones.

Denn Maser hatte viele der Kirchenmatrikeln und Gerichtsakten, die als verschollen galten, bei seiner Suche gefunden. Er durchforschte das in der Bundesrepublik verwahrte Hauptarchiv der NSDAP ebenso wie die Pfarreien Döllersheim, Leonding und Braunau sowie das Stift St. Pölten. Er entdeckte über hundert Jahre alte Urkunden -- erhellend für Herkunft und Milieu der Hitler-Ahnen.

Bei der Auswertung stieß Maser auf Ungereimtheiten, die bis dahin übersehen worden waren. So hatte Adolf Hitler selber -- eine seiner raren Bemerkungen über die Familie -- in "Mein Kampf" erwähnt, sein Vater sei der "Sohn eines armen, kleinen Häuslers" gewesen. Und Johann Nepomuk Hüttler war Häusler, wenn auch keineswegs arm.

Als der 22jährige Nepomuk 1829 die 15 Jahre ältere Eva Maria Decker heiratete, war er bereits Besitzer eines ansehnlichen Anwesens in Spital. Der Hof hatte laut Eintragung im "Häuserkaufs-Protokoll zu Spital und Schwarzenbach 1796 bis 1845" (A. G. Weitra, fol. 70), das Maser einsah, einen Wert von 1500 Gulden. Damals kostete eine Kuh etwa zehn Gulden, eine Zuchtsau vier, ein Bett mit Bettzeug zwei Gulden. Hüttler hatte den Hof auch nicht heruntergewirtschaftet: Er konnte sich schon mit 46 Jahren auf das Altenteil begeben und von seinem Vermögen leben.

Als Ehemann Hüttler so Masers Version -- 1836 der 41jährigen ledigen Kleinbauerntochter Maria Anna Schickigruber aus Strones begegnete und ein paar Wochen später Gewißheit hatte, daß sie ein Kind von ihm erwartete, sann er darauf, seine Frau und die Dörfler über die Vaterschaft zu täuschen. Er bedrängte seinen Bruder, den wandernden Müller Johann Georg Hiedler, nunmehr seßhaft zu werden und die Anna Schicklgruber -- Hitlers Großmutter -- zu ehelichen. Sechs Jahre später war Hochzeit. Nun nahm Hüttler den vorgeblichen Sohn seines Bruders -- das war Alois, Hitlers Vater -- an Sohnes Statt in sein Haus auf und ließ ihn beim Spitaler Schuhmachermeister Ledermüller ein Handwerk erlernen.

Hüttler starb am 17. September 1888. In der Rubrik "Vermögen" seines Nachlasses wurde vermerkt: "Nichts vorhanden". Der gutsituierte Häusler hatte den größten Teil seines Barvermögens noch zu Lebzeiten dem Alois Schicklgruber zugesteckt. Jedenfalls kaufte sich Hitlers bis dahin mittelloser Vater, der damals einen bescheidenen Monatslohn bezog, im Todesjahr des Hüttler von dem Bauern Franz Weber im niederösterreichischen Wörnharts (Bezirk Gmünd) ein Haus mit einer Landwirtschaft, die seine bucklige Schwägerin Johanna Pölzl für ihn verwaltete.

Hitlers offizieller Großvater Johann Georg Hiedler hingegen blieb zeitlebens ein -- wie ihn die Dokumente nennen -- "Inwohner", der es zu keinerlei Besitztum brachte. Ein "Inwohner" aber war arm und konnte kein "Häusler" (Hausbesitzer) sein -- wie Adolf Hitler in "Mein Kampf" seinen Großvater später nannte.

"Inwohner" Hiedler und Ehefrau Maria Anna sollen, wie Biograph Jetzinger berichtete, "so arm gewesen sein, daß sie schließlich nicht einmal mehr eine Bettstelle hatten, sondern in einem Viehtrog schliefen".

Über Hitlers Großmutter ist authentisch nur bekannt, was in den Kirchenmatrikeln steht: Maria Anna Schicklgruber wurde 1795 in Strones geboren, brachte 1837 den Sohn Alois zur Welt, heiratete 1842 den Hiedler und starb 1847 -- laut Eintragung in dem Döllersheimer "Stenb-Buch (Nummer sieben, fol. 74)" -- an "Auszehrung infolge einer Brustwassersucht".

Andere Hitler-Forscher konstatierten, daß Johann Georg Hiedler die Hitler-Großmutter Anna Schicklgruher am 10. Mai 1842 heiratete -- was richtig ist -, und fügten hinzu, daß Hiedler den Hitler-Vater Alois legitimierte -- was nicht den Tatsachen entspricht.

In dem von Maser in dem 700-Seelen-Dorf Rastenfeld (Niederösterreich) aufgefundenen Taufbuch der einstigen Gemeinde Döllersheim heißt es zwar, daß "der als Vater eingetragene Georg Hiedler, welcher den gefertigten Zeugen wohl bekannt ist, sich als den von der Kindesmutter angegebenen Vater des Kindes Aloys bekannt und die Eintragung seines Namens in das hiesige Taufbuch nachgesucht habe". Aber die Hitler-Biographen übersahen wichtige Details.

So schrieb der Amerikaner William L. Shirer: "Wäre der 84jährige Müllergeselle nicht unerwartet wieder aufgetaucht, um seinen 39 Jahre alten Sohn fast 30 Jahre nach dem Tod der Mutter anzuerkennen, wäre Adolf Hitler als Adolf Schicklgruber zur Welt gekommen." Und: "Kann man sich etwa vorstellen, daß die fanatisierten deutschen Massen "Heil Schicklgruber" geschrien hätten?"

Indes -- der Greis konnte gar nicht unerwartet wieder auftauchen: Als Alois Schicklgruber legitimiert wurde und den Namen Alois Hitler erhielt, war Hiedler bereits 19 Jahre tot.

Tatsächlich beantragte denn auch nicht Hiedler, sondern Hüttler die Legitimierung, und mithin hätte Adolf Hitler durchaus als Adolf Schicklgruber in die Annalen der Geschichte eingehen müssen: Die Legitimierung war illegal.

"Im Falle der Vater eines unehelichen Kindes", so lauteten die einschlägigen österreichischen Gesetze, "sich als solcher erklärt und eingeschrieben seyn will, hat dieß persönlich und in Gegenwart zweyer Zeugen zu geschehen, die dieß, und daß er der nämliche sey, dessen Namen und Stand er angibt, zu bestätigen haben."

Hiedler erschien nicht, und die drei Zeugen, sämtlich Analphabeten, kannten den Hiedler nicht. Sie waren Bekannte des Hüttler, einer von ihnen war mit ihm verschwägert.

Auch daraus folgert Maser: Nicht Johann Georg Hiedler, sondern Johann Nepomuk Hüttler sei der tatsächliche Vater des Alois Schicklgruber gewesen. Dafür spricht ebenfalls, daß Hiedler trotz seiner Ehe mit der Mutter des Alois Schicklgruber das Kind seiner Frau nicht als sein Kind anerkannt hatte; ebensowenig betrieb die Mutter die Legitimierung. Und: Hüttler wartete mit der -- dann rechtsunwirksamen -- Legitimierung Alois Schicklgrubers bis nach dem Tod des Ehepaares Hiedler und seiner eigenen Frau, die 1873 starb.

Über seinen Großvater väterlicherseits hatte Hitler nur eine einzige Bemerkung verloren ("armer, kleiner Häusler"). Seinen Vater beschrieb er karg als "pflichtgetreuen Staatsbeamten", und seine Mutter sei, "im Haushalt aufgehend", "vor allem uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan" gewesen.

Wenn Hitler wegen seines krankhaft gestörten Schlafrhythmus nächtelang in vertrauter Tischrunde monologisierte, sprach er zwar viel über die deutsche Familie, aber nicht über die eigene. Am konsequentesten kaschierte er, was die Inzucht in seiner Familie hätte enthüllen können. Er schwieg sich aus über die drei Ehen seines Vaters, über seine fünf Geschwister, zwei Halbgeschwister, seine Neffen und Nichten (siehe Kasten).

Und er schwieg auch über die Affäre mit seiner um 18 Jahre jüngeren Nichte Angela ("Geli") Raubal -- eine interfamiliäre Liaison, die, wie ihm bewußt sein mußte, die Inzucht der Hitler-Familie fortgesetzt hätte. Nach den Angaben des Hitler-Neffen Patrick erwartete Geli ein Kind, als sie sich 1931 das Leben nahm.

Parteigenossen registrierten die Liebesbeziehung ihres bis dahin asketischen Führers überrascht und amüsiert zugleich. Doch niemand wagte je, ihn darauf anzusprechen. Und wenn Hitler sich mit Geli zeigte, stellte er linkisch und väterlich vor: "Meine Nichte, Fräulein Raubal."

1925 hatte der damals 36jährige Hitler seine Nichte von Wien nach München geholt und Gesangstunden nehmen lassen. Geli gab das gerade begonnene Medizinstudium auf, weil ihr bei der Anatomie regelmäßig schlecht wurde.

Seitdem wachte Hitler eifersüchtig über sie. Über jede Stunde mußte sie ihm Rechenschaft ablegen. Er führte sie in die Oper oder ins Theater, fuhr sie in seinem Kompressor-Mercedes an den Chiemsee und ließ sie in den teuersten Modegeschäften einkaufen.

Als Hitler 1929 am Münchner Prinzregentenplatz 16 eine Neunzimmerwohnung bezog, nahm er sie zu sich. Seinem Leibphotographen Heinrich Hoffmann gestand er, daß er Geli liebe, zur Heirat könne er sich jedoch nicht entschließen: Sein Volk verlange, daß er nur ihm gehöre.

Angela ("Geli") Raubal erleichterte ihm diese Entscheidung: Am 18. September 1931 klagte sie Hitlers Haushälterin: "Wirklich, ich verstehe mich einfach nicht mehr mit Onkel Alf." Am Abend erschoß sie sich mit Hitlers Revolver.

Ein einziges Mal nur -- es war schon im Jahre 1919 -- entschlüpfte Adolf Hitler eine Bemerkung, die erkennen läßt, daß er für wertvoll hielt, was die NS-Ideologie später als verwerflich deklarierte: Inzucht. Damals erläuterte er, wodurch "der Jude im allgemeinen seine Rasse und ihre Eigenart schärfer bewahrt, als zahlreiche der Völker, unter denen er lebt" -- "durch tausendjährige Inzucht, häufig vorgenommen im engsten Kreise".


DER SPIEGEL 31/1967
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