24.07.1967

„NIEMAND DARF WISSEN, WER ICH BIN“

Adolf Hitler hatte fünf Geschwister und zwei Halbgeschwister. Zu ihnen, wie zur übrigen Verwandtschaft, hielt er Distanz -- mit einer Ausnahme: Seine Nichte Angela ("Geli") Raubal war seine Geliebte. Wie er selten oder nie von seiner Herkunft und seiner Verwandtschaft sprach ("Diese Leute dürfen nicht wissen, wer ich bin"), so hielt er auch seine Verwandten zum Schweigen an.
Seine Verschwiegenheit hatte gute Gründe. Hitlers Familie entsprach keineswegs nationalsozialistischem Ideal. Sein Vater war dreimal verheiratet und hatte schon vor der ersten Ehe einen Sohn gezeugt. 1873 heiratete Hitlers Vater Alois Schicklgruber, damals 38 Jahre alt und Zollbeamter, zum ersten Male: die vierzehn Jahre altere Anna Glassl-Hoerer, Tochter eines Zollbeamten.
1880 wurden die Eheleute "von Tisch und Bett getrennt". Alois Hitler hatte Beziehungen zu der damals 19jährigen Gasthausköchin Franziska ("Fanni") Matzeisberger angeknüpft, die ihm 1882 einen vorehelichen Sohn gebar: Alois -- Hitlers Halbbruder.
Einen Monat nach Anna Glassls Tod im Jahre 1883 heiratete Alois Hitler senior die Matzelsberger, und drei Monate später bekam sie ihr zweites Kind: Angela -- Hitlers Halbschwester.
Franziska Matzelsberger starb 1884 an Tuberkulose. Noch zu ihren Lebzeiten hatte sich Alois Hitler seiner Nichte Klara Pölzl -- Adolf Hitlers Mutter -- zugewandt, die schon zuvor jahrelang bei ihm gewohnt hatte.
Am 27. Oktober 1884 schrieben die Brautleute an das Bischöfliche Ordinariat in Linz: "Die in tiefster Ehrfurcht Gefertigten sind entschlossen, sich zu ehelichen. Es steht aber denselben laut beiliegendem Stammbaum das kanonische Hindernis der Seitenverwandtschaft im dritten Grad berührend den zweiten entgegen. Deshalb stellen dieselben die demütige Bitte, das hochwürdige Ordinariat wolle ihnen gnädigst den Dispens erwirken."
Das Ordinariat leitete das Gesuch weiter, der Heilige Stuhl erteilte Dispens. Im Januar 1885 wurde geheiratet, vier Monate und zehn Tage später das erste Kind geboren: Gustav -- Hitlers Bruder.
Das Ehepaar bekam. noch weitere fünf Kinder: Ida (1886), Otto (1887), Adolf (1889), Edmund (1894) und Paula (1896). Ida, Otto und Edmund sowie Hitlers Halbbruder Gustav starben im Kindesalter.
Paula überlebte Aufstieg und Ende ihres Bruders Adolf. Von 1936 an führte sie ihm den haushalt auf dem Hitler-Sitz Obersalzberg in Berchtesgaden. Als Hitler sie aufforderte, sich einen anderen Nachnamen zuzulegen, nannte sie sich Paula Wolf. Später siedelte sie nach Wien über und arbeitete in einem Kunstgewerbe-Laden. Sie starb 1960.
Hitlers Halbbruder Alois lernte Kellner. Als 18jähriger saß er fünf Monate wegen Diebstahls ein, zwei Jahre später kam er wegen desselben Delikts für acht Monate ins Gefängnis. Als Adolf Hitler nach seinem Münchner Putsch vom 9. November 1923 in der Festung Landsberg einsaß, verbüßte Alois Hitler in Hamburg wiederum eine sechsmonatige Haftstrafe -- wegen Bigamie. Nach der Entlassung ging Alois nach England, gründete dort eine Familie und ließ sie sitzen.
Nachdem Adolf Hitler in die Berliner Reichskanzlei eingezogen war, eröffnete Halbbruder Alois -- aus England zurückgekehrt -- in Berlin eine Bierstube. Kurz vor Kriegsausbruch pachtete er am Wittenbergplatz ein Restaurant und ein Café ("Café Alois"). An seiner Theke trafen sich SA-Männer und Parteigenossen, Journalisten und Schauspieler.
Doch über Politik und Politiker schwieg sich Alois Hitler aus. Ihn bedrückte, wie der amerikanische Hitler-Biograph William Shirer, damals Berlin-Korrespondent verschiedener US-Zeitungen und Gast in der Bierstube, mitteilte, "nur eine einzige Sorge": daß sein Bruder ihm "in einem Augenblick von ... Zorn seine Konzession entziehen" könne. Alois Hitler nannte sich nach dem Kriege Hans Hiller.
* Bei einer Tanzstunde in der "Napola" Ballenstedt.
Hitlers Halbschwester Angela, die den Steueramtsadjunkten Leo Raubal geheiratet hatte und 27jährig verwitwet war, führte von 1928 an Hitlers Haushalt in Berchtesgaden. Als sie versuchte, für Generalfeldmarschall Hermann Göring in Berchtesgaden ein Grundstück zu kaufen -- was Hitler dem Marschall untersagt hatte -, wurde sie von Hitler verstoßen; innerhalb von 24 Stunden mußte sie das Haus verlassen, Sie heiratete 1936 einen Architektur-Professor aus Dresden.
Zu drei Kindern seiner Halbgeschwister Alois und Angela hatte Hitler besondere Beziehungen: Den Sohn seines Halbbruders, William Patrick Hitler, fand er am widerlichsten. Dessen Halbbruder Heinz schätzte er als ordentlichen Hitlerjungen. Die Tochter Angela ("Geh") seiner Halbschwester war ihm am liebsten,
Neffe William Patrick, der gern mit russischen Geschäftsleuten und deutschen Aristokraten verkehrte, trachtete vergeblich danach, von des Onkels Ruf finanziell zu profitieren. In einem Interview mit dem "Paris Soir" vom 5. August 1939 ("Mon oncle Adolf") klagte er: "Obwohl ein Handzeichen genügt hätte, um die Taschen seiner nächsten Verwandten zu füllen, machte er nicht die geringste Geste." Hitler habe ihm vorgehalten, "er könne nicht allen denen helfen, die durch Zufall seinen Namen trügen".
Hin und wieder bewirtete Hitler seinen Neffen in Berlin oder auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden, manchmal steckte er ihm auch kleine Geldbeträge zu -- einmal 100 Mark, ein andermal 500 Mark. Aber weiter wollte Hitler seinen Neffen nicht fördern. Er teilte ihm schriftlich mit: "Ich habe leider nicht die Möglichkeit, Dir besondere Privilegien zuzubilligen."
Statt auf Privilegien zu warten, so wollte es der Onkel, sollte der Neffe geregelter Arbeit nachgehen. "Ich sollte 125 Mark verdienen", berichtete William Patrick, "ein Hungerlohn, mit dem ich weder leben noch sterben konnte ... Schließlich wurde ich in eine Bank gesteckt."
William Patricks Halbbruder Heinz Hitler zog ein Jahr nach der NS-Machtübernahme auf die "Nationalpolitische Erziehungsanstalt" (Napola) in Ballenstedt/Harz. Der Durchschnittsschüler besuchte hin und wieder seinen Onkel, der ihm alle 63 Karl-May-Bände vermachte und keine Vorrechte einräumte.
Als Jungmann Heinz Hitler sich 1938 entschloß, Berufsoffizier zu werden, winkte der Onkel sogar ab: Er fürchtete, allein der Name Hitler würde künftige Vorgesetzte und Untergebene zu Liebedienerei verleiten. Unteroffizier Heinz Hitler rückte mit dem Potsdamer Artillerie-Regiment 23 in Rußland ein. Seit dem Winterdesaster vor Moskau 1941/42 ist er verschollen.

DER SPIEGEL 31/1967
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