24.07.1967

DDR / HILDE BENJAMIN Kurzer Dank

Denen im Westen, die sie "Rote Guillotine" nannten, galt die stämmige Genossin mit dem Gretchenzopf nächst Walter Ulbricht samt seinem Spitzbart als das personifizierte Böse an der DDR.
Jenen im Osten. denen sie über zwei Jahrzehnte hinweg diente, war sie (so die SED-Zeitschrift "für dich") "eine außergewöhnliche Frau".
Bei beiden aber, den Freunden im Osten wie den Feinden im Westen, ist eines unbestritten: Dr. Hilde Benjamin, 65, am 14. Juli mit knappem Dank in den Ruhestand entlassene DDR-Ministerin der Justiz, zählt zu den wenigen Frauen, die in der deutschen Politik Profil gewannen.
Dabei war es eher Zufall, daß die Juristin aus gutbürgerlichem Haus in Berlin-Steglitz (der Vater war Direktor einer Leimfabrikanten-Gesellschaft) in die Politik ging: 1926 heiratete die Rechtsreferendarin den jüdischen Arzt und Kommunisten Georg Benjamin, der im Berliner Arbeiterbezirk Wedding eine Armenpraxis betrieb, trat im Jahr darauf gleichfalls der KPD bei und machte sich fortan als Anwältin bedrängter Genossen nützlich.
1933 erhielt Hilde Benjamin Berufsverbot, 1936 wurde Ehemann Georg von der Gestapo verhaftet (und 1942 im KZ Mauthausen umgebracht). Bis zum Kriegsende mußte Hilde Benjamin sich und ihren 1932 geborenen Sohn Michael heute Dozent an der DDR-Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft -- erst als Rechtsberaterin der Sowjet-Handelsgesellschaft in Berlin, später als Stenotypistin durchbringen.
Ihr vor allem hat es die SED zu danken, daß die DDR heute eine komplett kommunistisch orientierte Rechtsstruktur besitzt. Hilde Benjamin organisierte nach dem Krieg nicht nur den Einsatz kommunistischer Laienrichter. Sie präsidierte zudem vier Jahre lang als Vize-Chefin des obersten DDR-Gerichts in zahlreichen politischen Prozessen (67 Verurteilungen, darunter zwei zum Tode) -- und übernahm dann, 1953, die Leitung des Justizministeriums.
In diesem Amt verschaffte sie ihrem Staat durch zahlreiche Reformen ein in sich geschlossenes, der veränderten Gesellschaftsordnung angepaßtes Rechtssystem. Doch ihrem Einfluß ist es auch zuzuschreiben, daß darin die Rechte des Bürgers weit weniger zu kurz kommen, als die Kritiker im Westen behaupten.
Dennoch erwarb sich die begabte Juristin weder in der Bevölkerung noch in der Partei viele Freunde. Hilde Benjamin, die schlichte Kleidung bevorzugt, Gartenarbeit und Kunstgewerbe schätzt, galt als intellektuell und mithin arrogant.
Den Partei-Proletariern schien es deshalb ausreichend, als Willi Stoph am 14. Juli vor der Volkskammer seinen Dank auf ein Minimum kürzte: 19 Worte.

DER SPIEGEL 31/1967
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