24.07.1967

VATIKAN / PAPST-REISE

Die Engelstrompete

An Bord einer Boeing 707 der "Pan Am" stürmt Papst Paul VI. einem "umgekehrten Canossa" entgegen -- so be- und verurteilen die Traditionalisten im Vatikan die Jet-Visite ihres Heiligen Vaters am Bosporus.

In Canossa warf sich 1077 König Heinrich IV. vor Papst Gregor VII. in den Staub. Diesmal, in Istanbul (dem einstigen Konstantinopel), bringt ein römischer Pontifex ein beispielloses Prestige-Opfer.

Als erster Papst erweist der sechste Paul dem Oberhaupt einer konkurrierenden christlichen Glaubensgemeinschaft die Reverenz. Der Bischof von Rom lud sich selber ein beim Bischof von Konstantinopel, bei Patriarch Athenagoras I., dem Ehren-Oberen der orthodoxen Christen (160 Millionen Seelen). Wie Rom beharrt die orthodoxe Kirche darauf, die einzige wahre Kirche Christi zu sein.

Mit dem Besuch erkennt der Patriarch des Westens den Ost-Patriarchen de facto als ebenbürtig an und gefährdet -- so zürnen die Kurien-Konservativen -- den päpstlichen Primat-Anspruch.

Um den einzigartigen Rang der Statthalter Christi hervorzuheben, hatte das vatikanische Protokoll die Päpste zu Gefangenen des Vatikans gemacht. Noch in diesem Jahrhundert gewährten die römischen Oberhirten weltlichen und geistlichen Oberhäuptern allenfalls Audienzen in St. Peter -- doch nie machten sie sich zu einem Gegenbesuch auf.

Selbst Reise-Papst Paul VI. bewahrte die Tradition. Zwar flog er viermal aus, aber meist zu katholischen Festen (Eucharistischer Kongreß in Indien 1964, Marien-Feiern in Fatima 1967). Zwar flog er zur Uno, zwar traf er sich auch außerhalb des Vatikans mit Präsidenten und Königen (so mit Amerikas Johnson und Jordaniens Hussein), aber die Begegnungen waren stets inoffiziell -- Randereignisse, nicht Zweck der Papstreisen.

Auch der Friedenskuß, den Papst Paul und Patriarch Athenagoras 1964 in Jerusalem tauschten, war nicht wider das Protokoll. Denn Papst und Patriarch kamen und küßten als Pilger, nicht als Kirchenführer.

Jetzt aber kommt der Papst als Papst zum Patriarchen -- es ist eine Flucht nach vorn. Der Katholizismus quält sich mit enttäuschten Hoffnungen, die das Konzil weckte, aber nur teilweise erfüllte. Die Papst-Appelle für Frieden in Vietnam und Nahost erhielten nur Höflichkeits-Applaus und verpufften. Die einst so hoffnungsvoll begonnene Annäherung der getrennten christlichen Kirchen stagnierte, selbst dort, wo sie am aussichtsreichsten erschien: zwischen Rom und der Orthodoxie.

Trotz eines nahezu tausendjährigen Schismas stimmen katholische und Mit Jordaniens König Hussein.

orthodoxe Lehre weitgehend überein. Beide Kirchen haben die Sakramente gemeinsam, die orthodoxen Bischöfe erkennen den Papst sogar als Primus inter pares an.

Die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. planten einen Brückenschlag zwischen Rom und Konstantinopel als ersten Bauabschnitt zur christlichen Einheit. Paul VI. 1963 an die orthodoxe Adresse: " Könnte ich meiner Stimme doch den Klang einer Engelstrompete geben, die ruft: Kommt! Es fallen die Schranken, die uns trennen."

Patriarch Athenagoras hörte die Engeistrompete. Spontan und ohne Rücksicht auf Widerstände im eigenen Lager, stieß er zum Papst im Heiligen Land.

Damals in Jerusalem sagten sich Patriarch und Papst zum Abschied "nicht adieu, sondern auf Wiedersehen" (Paul VI.). Bald darauf löschten die beiden Kirchenfürsten die Bannflüche, die ihre Vorgänger im Jahre 1054 gegeneinander verhängt hatten. Der Kreuzweg zwischen Rom und Istanbul, den der greise Athenagoras, 81, aus Respekt vor dem jüngeren Primus Paul, 69, zuerst beschreiten wollte, blieb dennoch blockiert.

Denn die orthodoxe Allheiligkeit konnte nur gen Rom aufbrechen, falls sich der Papst zu einem Gegenbesuch im Phanar, der Residenz des Patriarchen, bereit fand. Der Vatikan verkündete jedoch lediglich, Athenagoras würde "mit allen seinem Rang gebührenden Ehren empfangen" werden (SPIEGEL 20/1967).

Aber auch in der Ostkirche versuchten konservative Kritiker, die Rom-Reise zu verzögern. Eine panorthodoxe Konferenz, so forderten sie, solle über die Reisepläne des Patriarchen befinden.

Da überraschte Papst Paul VI. seine Kurie und das Patriarchat mit der Ankündigung, er selbst wolle nun zu dem Hügel kommen, auf dem der Patriarch residiert. Athenagoras ("Das ist wie ein schöner Traum") sagte sich sofort zum Gegenbesuch an, für Ende August.

Ein aktueller Anlaß schien dem Papst geeignet, die orthodoxen und die katholischen Konservativen zu besänftigen: Er müsse, so erklärte Paul VI., mit dem Patriarchen über die von Israel annektierten heiligen Stätten Jerusalems sprechen.

Vor allem aber wollen die ranghöchsten Geistlichen der beiden ältesten und größten Christen-Kirchen sondieren, wie sich Orthodoxie und Katholizismus auch auf dogmatischem Terrain näherkommen könnten.

Durch seine Reise-Route gab Papst Paul den Dogmatikern den entscheidenden Hinweis: Er will nach seiner Visite im Phanar die Stadt Ephesus, eine der frühen Stätten des Marienkults, besuchen, "um das dort bewahrte fromme Gedenken an die Allerseligste Jungfrau zu ehren".

Gerade in der Mariologie, die den Protestantismus unüberwindlich von Rom trennt, glauben Orthodoxe und Katholiken am ehesten eins werden zu können.


DER SPIEGEL 31/1967
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