19.06.1967

LÜBKE-REISE

Guten Tag, Heinrich

Am Deutschen Tag der Weltausstellung in Kanada stellte der deutsche Bundespräsident im deutschen Pavillon die deutsche Frage: "Ist das die Oder-Neiße-Linie?"

Grimmig betrachtete Heinrich Lübke, Expo-Besucher Nr. 11 991 677, am letzten Mittwochvormittag die gestrichelte Markierung auf einer pappenen Litfaßsäule, die mit deutschen Geschichtstafeln beklebt war. Die inkriminierte Linie umriß die Ostgrenze der Volksstämme, die Karl dem Großen tributpflichtig waren.

Das Staatsoberhaupt aus Bonn überhörte das erklärende Geflüster seines Begleiters, des detitschen Pavillon-Chefs Peter von Siemens. Mißbilligend den Zeigefinger wider die im Ostraum siedelnden Sorben, Tschechen und Kroaten ausgestreckt, bemerkte Lübke: "In meinem Geschichtsatlas wohnen da alles Deutsche."

Sein unerschütterlicher Wille, für alle Deutschen zu sprechen, hatte den Staatschef vom Rhein schon eine Stunde zuvor bei der offiziellen Eröffnung des Deutschen Tages auf dem Weltfestival am Sankt-Lorenz-Strom "die Not der Teilung" beklagen lassen. Doch seine Stimme verhallte.

Im Expo-Theater" wohin die Zeremonie eilends verlegt wurde, weil ein Wolkenbruch den ursprünglich vorgesehenen Platz der Nationen in eine Wasserwüste verwandelt hatte, hörten deutsche Landsleute, zum Teil in Lederhosen mit Fahrtenmesser, ihren Landesvater zwar lautstark, doch nicht lautverstärkt reden. Das Mikrophon war ausgefallen, seit am Vorabend Marlene Dietrich im Expo-Theater aufgetreten war.

Nach der Eröffnungsfeier fuhr Lübke, beschützt von berittener königlich kanadischer Polizei im roten Rock, von Expo-eigenen Sicherheitsuniformierten und von zivilen Kriminalbeamten, zum deutschen Zeltpavillon, wo ihn weitere siebzehn Mann Berliner Schutzpolizei erwarteten. Animiert von diesem Aufgebot, ermunterte der Gast aus dem Sauerland eine Gruppe Hostessen, die ihn umschwirrten, doch ebenfalls um sein leibliches Wohl besorgt zu sein: "Sie sind meine Leibwächter und passen gut auf mich auf."

Doch als Heinrich Lübke, mit Wein, Brot und Salz von zwei Dirndl-Damen willkommen geheißen, das Innere des Zeltes betreten hatte, blieb er bei der Suche nach dem Sinn der deutschen Ausstellung auf sich allein gestellt. Schon nach fünf Minuten Rundgang sinnierte er: "Da hätte man etwas draus machen kennen."

So gut es eben ging, machte sich Bonns Statthalter selbst etwas daraus. Vor einem Schaukasten mit bunten Glaskugeln, die den Aufbau der Stadt Stuttgart darstellen sollten (Erstellungskosten mehr als 50 000 Mark), mutmaßte der Präsident: "Das zeigt also, wie viele Menschen täglich mit der Elektrischen und wie viele mit der Eisenbahn fahren."

In solche Fehlschlüsse teilte sich der Bundespräsident mit der Mehrheit der Besucher. Das Interieur unter dem vielgelobten Zeltdach zeigt, wie ein kanadischer Gast meinte, ein wenig Geist, mehr Verwirrendes und am meisten leeren Raum.

Vor Gutenbergs Buchdruckerpresse stellte ein Schauspieleleve im historischen Kostüm einen Abzug der Vulgata her und wollte ihn dem weißhaarigen Zuschauer überreichen. Mißtrauisch wehrte Lübke ab: "Das haben Sie schon vorher bedruckt "reingetan." Schatzminister und Druckereibesitzer Kurt Schmücker, der den Präsidenten auf dem Trip nach Kanada begleitete, kam seinem Pseudokollegen zu Hilfe: "Nein, Herr Bundespräsident, das ist wirklich eben erst gedruckt worden. Ich habe es kontrolliert."

Halbwegs überzeugt, verabschiedete sich Lübke von dem Buchdrucker: "Na, dann machen Sie mal einen guten Eindruck in Ihrem alten Kleid."

Als der Bonner Präsident nach einstündigem Rundgang den deutschen Pavillon wieder verließ, schallte ihm aus der draußen wartenden Menge ein deutscher Gruß entgegen. Ein Mann rief: "Guten Tag, Heinrich."

In Wahrheit aber befand sich Heinrich Lübke fest in kanadischer Hand. Nach dem Expo-Reglement werden die Besuche der Staatsoberhäupter -- Lübke war das zwölfte -- von der kanadischen Regierung organisiert. Zunächst werden die Gäste in eine der Provinzen, die sie sich aussuchen können, geschleust. Der frühere Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke, der mit planmäßiger Lufthansa-Maschine, Flug Nummer 460, am Freitag vorletzter Woche in Montreal eingeflogen war, hatte sich fürs Rancherland Alberta entschieden.

Am vorletzten Samstag trennten sich also die Wege von Wilhelmine und Heinrich Lübke, die in unermüdlichem Einsatz das Präsidentenamt zum Reiseunternehmen ausgebaut haben. Der Bundespräsident flog weiter in den Westen nach Calgary, Gattin Wilhelmine blieb zurück in Montreal.

Kaum am Zielort angekommen, ließ sich Lübke durch ein Museumsdorf chauffieren, wo die Kanadier ihre Pionierzeit konservieren: ein Holz-Fort aus den Rocky Mountains, ein ausgedientes Hotel aus Calgarys Nachbarschaft, Friseurladen und Schmiede; dazu stilecht kostümierte Bewohner als lebendes Inventar: ein rauchgeschwärzter Schmied, der kein Eisen schlug, ein Friseur, der keine Haare schnitt, ein Barkeeper mit Kreissäge, der nur über leere Flaschen herrschte.

Als dann noch eine Oldtimer-Lokomotive schnaufend und quietschend eine Ehrenrunde drehte, war der Eindruck perfekt Disneyland für Fortgeschrittene. Heinrich Lübke lebte auf.

Zweimal ließ er sich durchs Gelände fahren. Abends beim Dinner, das ihm die Großen von Alberta und Calgary gaben, offenbarte er: "In meiner Kindheit bin ich durch Karl May an Kanada gekommen. Damals war ich sieben Jahre alt." Und dann fügte er flugs hinzu: "Heute ist das anders"

Als bei diesem essen Provinz-Premier Manning ihm ein Buch über Alberta schenkte, bedankte sich Lübke mit einer Probe seines eigenwilligen Humors. Er schilderte, wie eine Familie darüber beriet, was dem Jüngsten zum Geburtstag zu schenken sei: "Einer sagte da: Schenken wir ihm ein Buch. Darauf antwortete die Mutter: Ein Buch hat er schon." An seine Gastgeber gewandt, setzte der Präsident erwartungsvoll hinzu: "Ich hoffe, daß Sie den Sinn dieser Bemerkung verstanden haben."

Ein sanfter Bundespräsident besuchte tags darauf, am vorletzten Sonntag, den Wilden Westen. Per Auto ging es in die Rocky Mountains. Die Fahrt führte durch ein Indianerreservat -- besonderes Kennzeichen: die Heimstätten der Rothäute waren mit Wracks ausgedienter Pkw umstellt -- und endete im Indianer-Museum.

Nachdenklich betrachtete Lübke ein über verschränkte Holzstangen gezogenes Zelt, dessen Spitze offen war. Nach kurzem Sinnen stellte er die Frage: "Was haben die Indianer denn gemacht, wenn es regnete?"

Höhepunkt des Tages war der Besuch einer Luxus-Ranch, die ein Industrieller betreibt. Vor dem Lunch wurde Lübke ein weißer Cowboy-Hut verehrt. Rancher Ken Pagett: "Damit tragen Sie das hier übliche Zeichen der Freundschaft und gehören zu uns."

Der Beschenkte fand verblüffende Dankesworte. Lübke: "Sie brauchen sich nicht lange zu entschuldigen. Ich wollte schon immer einen neuen Hut. Aber ich hatte nicht das Geld dazu." Das Geschenk im Reisegepäck, kam Lübke letzten Dienstag zurück zur Expo-Metropole Montreal. Frau Wilhelmine hatte inzwischen die Pavillons der CSSR und der UdSSR besucht.

Nach dem gemeinsamen Expo-Besuch letzten Mittwoch bewahrte der Regen das Präsidentenpaar vor einer Show, die ein Kabarett-Agent in offiziellem Auftrag für den Deutschen Tag zusammengestellt hatte. Das Programm sollte beginnen mit Schuhplattler, vorgeführt von einer Montrealer Bayern-Vereinigung. Meisterradler, Meisterturner und Meisterrollschuhläufer fehlten im Darbietungsentwurf ebensowenig wie die Schöneberger Sängerknaben.

Höhepunkt der Veranstaltung sollte, laut Programmskizze, sein: "Ein alter Hamburger Seebär springt plötzlich auf ein Trampolin. Eine Stimme aus dem Lautsprecher sagt, daß er hoffentlich nicht zuviel Grog zu sich genommen hätte, denn er hätte sich mit dem Trampolin wohl geirrt. Er gehöre jetzt auf den Brunnen, dort soll er seine "Kür" zeigen. Er wirft die Kleidung in den Brunnen und entpuppt sich als Freddy Quinn."

Wegen des Regens aber blieb eine "Freischütz"-Aufführung der Hamburger Staatsoper die einzige Darbietung am letzten Mittwoch. Zu Beginn intonierte das Orchester die Nationalhymnen. Als der letzte Ton verklungen war, wurde einsamer Applaus wach, der gleich wieder erstarb.

Heinrich Lübke hatte Beifall geklatscht.


DER SPIEGEL 26/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 26/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LÜBKE-REISE:
Guten Tag, Heinrich