05.06.1967

STAATSBESUCHE / SCHAHTod vor der Oper

Polizisten räumten den Augsburger Hauptbahnhof, sperrten sämtliche Vorortstationen, riegelten alle Brücken ab. Beamte mit Maschinenpistolen und Schnellfeuergewehren patrouillierten an den Bahndämmen. Drei Polizeihubschrauber kreisten über dem Einsatzgelände. Ein Chefarzt hielt sich für eine Notoperation bereit.
Und kurz bevor der Sonderzug eintraf, den es zu schützen galt, wurden auch noch Leerzüge auf die Nebengleise rangiert, um die Hauptstrecke abzuschirmen. Dann, um 16.18 Uhr, kam der Zug -- und fuhr durch.
Der Präventiv-Aufmarsch von Augsburg am Mittwoch letzter Woche gehörte zu den protokollarischen Aufmerksamkeiten, die Bund und Provinz einem Staatsbesucher aus dem Morgenland erwiesen: Mohammed Resa Pahlewi, Schahinschah Aryamehr, 47, Herrscher von Persien. Acht Tage und eine Nacht weilte er mit seiner Schahbanu, 28, genannt Farah Diba, in der Republik -- und den Deutschen wurde "grün und blau vor Augen", wie ein Zuschauer in München ausrief.
Gemeint war nicht das Farbenspiel des Pfauenthrons, sondern das Dienstzeus der deutschen Polizei. 30 000 Polizisten waren als Leibwache aufgeboten -- mehr, als es Gendarmen in ganz Persien gibt. Die Deutschen gewährten Schah-Schutz "bis zum letzten Klo-Schlüssel" (so ein Sprecher des Hamburger Innensenators). Und bis zum Tod eines Menschen in Berlin.
Wo immer der "König der Könige" seihen Lackschuh hinsetzte, gaben Behörden Katastrophenalarm. Sie sperrten Autobahnen (so zwischen Duisburg und dem Siebengebirge am Dienstagvormittag) und ganze Stadtteile (so das Zentrum von München am Mittwoch). Wo auf stillgelegten Strecken Autos parkten, wurden sie -- am Münchner Hauptbahnhof allein 60 -- auf Kosten der Besitzer abgeschleppt.
Der Luftraum über dem graumelierten Staatsoberhaupt wurde bis in 2500 Meter Höhe vom Flugverkehr freigehalten (sonst 600 Meter bei Staatsbesuchen). Wacht unterm Rhein hielten Froschmänner, die den Rumpf des Dampfers "Mainz" nach Sprengkörpern absuchten, ehe sich der auf Magendiät gesetzte Potentat zu einer Kaffeepartie einschiffte. Und wo der Schah mit dem Zug reiste, fuhr -- wie einst bei Truppentransporten im Partisanengebiet -- eine Lok voraus, um etwa angebrachte Zündsätze auszulösen.
So orientalisch streng waren die Bräuche der Gastgeber, daß sie den nordrhein-westfälischen Arbeitsminister Werner Figgen (SPD), der wenige Minuten vor der Ankunft des Schahs mit einer Urlaubermaschine auf dem Flugplatz Köln-Wahn landete, zusammen mit den anderen Passagieren in einen Raum des Empfangsgebäudes einschlossen; seinen Fahrer stoppte ein Polizist derweil mit gezogener Pistole.
Auf Schloß Brühl bei Bonn, wo ein Orchester dem Herrscher aus dem vertrockneten Land kunstvoll einen Bach vorplätscherte, piepsten Signale aus den Sprechfunkgeräten befrackter Polizisten in die Festmusik.
Und bevor sich der Schah Im Appartement 461 des Hotels "Eisenhut" zu Rothenburg ob der Tauber unter einem Halbakt des Malers Padua schlafen legte, machte ein Polizeikommando von 260 Mann die Straße frei.
Es war ein totaler Staatsbesuch: Die Majestäten durchreisten "einen eigens für sie eingerichteten Polizeistaat" ("Süddeutsche Zeitung") -- Ausgeburt einer "großen Sicherheitssitzung", zu der schon Anfang Mai Protokollchefs. Polizeibefehlshaber und persische Experten im Bundesinnenministerium zusammengekommen waren.
Operative Ausgangslage war dabei die "ganz konkrete Gefahr" eines Attentats, kompliziert durch "die ganz fremde Mentalität potentieller Attentäter": In der Bundesrepublik sind rund 10 000 iranische Studenten und Praktikanten registriert, die "das diktatorische Regime des Schahs verurteilen", wie die "Conföderation der Iranischen Studenten" meldete.
"Im Interesse der Bundesrepublik Deutschland" und "um Störungen der diplomatischen und außenpolitischen Beziehungen zu vermeiden" -- so eine Verfügung des Münchner Ausländeramts -, wurde über die Oppositions-Perser Quarantäne verhängt.
Als ideale Isolierstation erschien den Ordnungshütern von Nordrhein-Westfalen zunächst die Nordsee-Insel Norderney, dann ein Hotel im Sauerland. Aber sie begnügten sich dann doch damit, den Persern alle Reisen und jegliche politische Tätigkeit während des Staatsbesuchs zu verbieten. Die Iraner erhielten bei Androhung der sofortigen Ausweisung die Auflage, "sich täglich um 10 und 16 Uhr bei der Kreispolizeibehörde ... zu melden".
Polizisten stellten die "Ordnungsverfügungen" persönlich zu. Sie holten persische Ärzte aus OP-Sälen und Röntgenräumen, ließen sich die Order quittieren und teilten den Medizinern Doppelposten zu, die ihnen auch bei der Visite folgten.
Die Bayern machten noch kürzeren Prozeß und forderten 107 der knapp 2000 Münchner Perser auf, die Stadt zu verlassen und vor Abreise des Schahs nicht wieder zu betreten: "Diese Auflage wird überwacht."
Dann wurden auch die Deutschen aus dem Weg geräumt, deren Perser-Liebe Blätter wie "Das Neue Blatt" von Springer in Worte zu fassen suchten: "Kaiserliche Hoheit! Wir ... sind seit Jahren Ihre aufrichtigen Freunde. Wir haben mit Ihnen gelacht. Und mit Ihnen geweint."
Zu lachen gab es letzte Woche nichts mehr. Anders als 1955, als der Schah -- noch mit Soraya -- ungeniert durch Deutschland reiste, öffentlich in Bierkeller und heimlich sogar ins Kino ("Ah Baba und die 40 Räuber" in München) ging, ließ er sich diesmal das Volk vom Leib halten.
So blieb für Störenfriede kaum noch Platz. Wo trotzdem -- meist von Deutschen -- gebuht wurde und Studenten demonstrierten, stellten Polizisten -- notfalls mit Brachialgewalt -- wieder Ordnung her. In Rothenburg hielten zwei Polizisten einen Herren, der "Nieder mit dem Schah" rief, so lange fest, bis ein dritter herbeieilte und ihn ins Genick hieb. Und vor dem Bonner "Hotel Königshof" entfernte Landeskripo-Chef Dr. Wenzky einen Pfui-Rufer, indem er ihn "wie eine junge Dame hochhob und nach hinten reichte" (Wenzky).
In Berlin wollte das persische Protokoll sicherheitshalber die Deutsche Oper für eine Aufführung der "Zauberflöte" für Schah und Schahbanu allein reservieren lassen. Doch 579 Abonnementsgäste konnten nicht mehr ausgeladen werden. Alle übrigen Billetts kaufte der Senat auf. Die freien Plätze wurden den Sicherheitskräften und deren Frauen zur Verfügung gestellt.
Trotz oder gerade wegen der Maßlosigkeit deutschen Obrigkeitssinns verwandelten die Sicherheitsvorkehrungen in Berlin die Komödie in eine Tragödie. Eine zweistündige Straßenschlacht vor der Deutschen Oper zwischen Schah-feindlichen Demonstranten (Rauchkerzen, Eiern, Tomaten und Pflastersteine) und West-Berliner Polizei (Gummiknüppel und Wasserwerfer) forderte den ersten Toten.
Benno Ohnesorg, 26, Student, der Germanistik und Romanistik an der Freien Universität Berlin (siehe Titelgeschichte Seite 46), verheiratet, Vater eines Kindes, starb am Freitagabend um 23.21 Uhr auf dem Operationstisch des Krankenhauses in Moabit -- Schädelbruch.

DER SPIEGEL 24/1967
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