05.06.1967

GEMEINDEN / LÜBKE

Gutes Herz

Bleischwer ist das Schicksal von Ramsbeck im Sauerland. Das Wohlergehen der 3000-Seelen-Gemeinde hängt weitgehend ab von der Blei- und Zinkgrube "Vereinigter Bastenberg und Dörnberg", die als "einzig dominierender Betrieb" (so Amtsdirektor Anton Dröge) 550 Beschäftigte zählt. Und der Grube geht"s nicht gut.

Schon kann Anton Dröge keine Gewerbeertragsteuern mehr kassieren; der Grube droht Stillegung. Die Weltmarktpreise für Nichteisenmetalle sind seit 1965 abrupt gefallen; die Zahl der deutschen Nichteisenmetall-Bergwerke ist von 1954 bis jetzt von 21 auf sieben geschrumpft.

Schon 1963 regte Professor Dr. Hans-Joachim Martini, Präsident der Bundesanstalt für Bodenforschung in Hannover, deshalb an, bei weiteren Stillegungen sollte wenigstens ein deutsches Blei- und Zinkbergwerk als "Lehr- und Forschungsgrube" vor allem für Wissenschaftler und Bergingenieure aus Entwicklungsländern in Betrieb bleiben und mit staatlichen Zuschüssen gestützt werden.

Die Stolberger Zink AG in Aachen war -- mit dem Professor Martini -- der Meinung, daß ihre Grube in Ramsbeck dafür "bei weitem die geeignetste" sei. Aber das Projekt gedieh nicht recht. Die Wirtschaftsministerien in Bonn und Düsseldorf hatten schon bei der letzten Krise 1962/63 nur widerwillig Subventionen herausgerückt.

Da wandte sich vor kurzem der Generaldirektor der Stolberger Zink, Dr. Heinrich Hehemann, an Bundespräsident Heinrich Lübke. Und das Staatsoberhaupt, laut Präsidialamt "seit vielen Jahren mit den Schwierigkeiten des NE-Metallerzbergbaus vertraut", bat prompt das Bundeswirtschaftsministerium um Prüfung, "ob ... die Grube Ramsbeck als Ausbildungsstätte geeignet wäre".

Direkte Intervention beim Staatsoberhaupt war in der Fachvereinigung Metallerzbergbau nicht eben branchenüblich. Aber, so meinte ein Verbandsfunktionär, "wo die Bergmusik spielt" für Heinrich Lübke, da sei das Vorgehen der Aachener schon zu verstehen. Denn Heinrich Lübke ist Sauerländer, und Ramsbeek -- 30 Kilometer vom Geburtsort Enkhausen entfernt -- gehört zu dem idyllischen Landstrich, in dem er einst die Zwergschule besuchte.

Als der zuständige Chef des staatlichen Oberbergamts Bonn, Berghauptmann Hans Schwake, von der Rettungsaktion hörte, war ihm zudem klar: "Das ist doch halb familiär bedingt. Frau Lübke ist in Ramsbeck geboren, und ihr Vater war auf der Grube Rechnungsführer oder so was."

Wilhelmine Lübkes Vater Otto Keuthen (1911 gestorben) war in der

* In Ramsbeck leben noch zwei Geschwister Wilhelmine Lübkes, Schwester Paula und Bruder Otto, Ingenieur im Ruhestand.

Tat 30 Jahre lang in der Verwaltung der Grube Ramsbeck tätig, zuletzt als Bürochef*. Aber das "spielt für das Befassen des Herrn Bundespräsidenten mit den Schwierigkeiten der Ramsbecker Grube nicht die geringste Rolle", erläutert das Bundespräsidialamt. Heinrich Lübke lasse sich, wie bei Hilferufen anderer bedrängter Unternehmen, "ausschließlich von sachlich sozialen Gesichtspunkten leiten".

"Der Bundespräsident sorgt sich um die Ramsbecker", betont denn auch Regierungsdirektor Dr. Herbert König, der mittlerweile das Projekt "Lehr- und Forschungsgrube" im Bundeswirtschaftsministerium vorantreibt. Bei einer Grubenfahrt Ende April suchte König Ministerien und Verbände für die Subventionierung zu interessieren.

Das Echo war nicht eben ermutigend, aber Grubendirektor Otto Arnold setzt Hoffnung in den Bundespräsidenten: "Herr Lübke hat ein gutes Herz für seine Sauerländer Heimat."


DER SPIEGEL 24/1967
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