05.06.1967

KIRCHE / KARDINAL BENGSCHSelige Last

Am DDR-Ostseestrand in Zinnowitz erfuhr am vergangenen Montag ein Erzbischof in Badehose, daß er Purpur tragen darf: Der Ost-Berliner Alfred Bengsch, 45, wurde von Papst Paul VI. zum Kardinal ernannt.
Er ist der fünfte deutsche Kardinal nach dem Kölner Joseph Frings, 80 (Kardinal seit 1946), dem Münchner Julius Döpfner, 53 (seit 1958), dem Rom-Deutschen Augustin Bea, 86 (seit 1959), und dem Paderborner Lorenz Jaeger, 74 (seit 1965).
Zum erstenmal wurde einem DDR-Bürger die höchste Ehre zuteil, die der Heilige Vater zu vergeben hat: Die Kardinäle haben Vorrang vor allen anderen kirchlichen Würdenträgern, zählen seit alters her wie weltliche Fürsten zum Hochadel, werden deshalb im "Gotha", dem deutschen "Handbuch des Adels", unter den "fürstlichen Häusern" geführt. Sie gelten als "Filil Papae" -- als "Söhne des Papstes". Ihre ehrenvollste Aufgabe ist es, nach dem Tode eines Papstes aus ihren Reihen den Nachfolger zu wählen.
Bengsch wurde zusammen mit 26 anderen Oberhirten zum Kardinal ernannt und wird den Roten Hut erst Ende Juni im Vatikan abholen. Er ist unter den nunmehr 120 Kirchenfürsten der größte (1,93 Meter) und der jüngste. Und kaum einer seiner Kardinalskollegen hat eine solche Kometen-Karriere hinter sich wie der Berliner Postbeamtensohn, der aus demselben Straßenviertel in Schöneberg stammt wie der DDR-Regierungschef Willi Stoph und wie Marlene Dietrich.
Nach Schuljahren im Berliner Jesuitengymnasium, Kriegsdienst als Infanterist (letzter Dienstgrad: Obergefreiter) und Studium in Fulda wurde Bengsch 1950 zum Priester geweiht und als Kaplan an die Ost-Berliner Herz-Jesu-Kirche geschickt. Dort blieb er nur vier Jahre. Nach drei weiteren Studienjahren wurde er 1957 zum Dozenten und am 1. April 1959 zum Regens (Leiter) des Priesterseminars in Erfurt befördert. Doch er konnte sein Amt nicht antreten, weil ihn schon einen Monat später der Papst zum Titularbischof der algerischen Diözese Tubia, die es seit Jahrhunderten nur noch dem Namen nach gibt, und zum Weihbischof in Berlin ernannte.
Er siedelte nach Ost-Berlin über und wurde in dem erst 1930 geschaffenen Bistum, das sich von Rügen bis tief in die Mark Brandenburg erstreckt, der zweithöchste Geistliche -- nach Julius Döpfner, der in West-Berlin residierte und wie der evangelische Bischof Otto Dibelius nicht in die DDR reisen durfte. Zwei Jahre später löste Bengsch den aus Würzburg zugereisten Döpfner auf dem Berliner Bischofs-Thron ab und übernahm damit, wie er sagte, eine "selige Last". In jenen Tagen wurde in Berlin die Mauer gebaut. Und Bengschs evangelisches Pendant, der Ost-Berliner Präses Kurt Scharf, wurde damals aus der DDR nach West-Berlin ausgewiesen. Doch dank Bengsch konnten sich die Katholiken besser mit den DDR-Atheisten arrangieren als die Protestanten.
Beide Seiten hatten frühzeitig die Grenzen abgesteckt. Als Bengsch 1959 seine Bischofswohnung im ersten Stock des Ost-Berliner St.-Josefs-Heims bezog, entdeckte er ein Abhörgerät des Staatssicherheitsdienstes. Er schnitt die Strippen durch, wurde daraufhin auf offener Straße festgenommen und fünf Stunden lang verhört. Trotzdem strafte er die DDR-Presse öffentlich Lügen: Als sie behauptete, westliche Geheimdienste hätten sich in Bengschs Wohnung eingeschaltet, offenbarte das Bischöfliche Ordinariat, wo die wahren Täter sitzen: Es gab eine "ernste Beschwerde" bei den DDR-Ministerien für Post und Staatssicherheit bekannt.
Doch Bengsch bereitet seither der DDR-Obrigkeit keinen politischen Ärger mehr -- im Gegensatz zu mehreren evangelischen Kollegen, die häufig öffentlich zum Widerstand mahnen. Die Katholiken fanden sich auch stillschweigend damit ab, daß im geteilten Deutschland auch ihre Kirche geteilt ist. Während die Protestanten noch immer eine gesamtdeutsche Kirchen-Regierung -- den Rat der EKD -- und ein gesamtdeutsches Kirchenparlament -- die EKD-Synode -- besitzen und auf getrennten Tagungen gemeinsame Beschlüsse fassen lassen, gibt es in der katholischen Kirche de facto nur noch zwei völlig selbständig arbeitende Bischofskonferenzen: die westliche unter Vorsitz Döpfners, die östliche unter Vorsitz Bengschs.
Ihrem vom Westen unabhängig frommen Bürger Bengsch kommt die DDR-Regierung entgegen. Nach Rom darf er über Prag und Wien nahezu so oft fliegen oder fahren, wie er will; und als einziger nichtkommunistischer Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates darf Bengsch alimonatlich im kircheneigenen Mercedes 230 S (Kennzeichen IN-22-58) an drei Tagen nach West-Berlin ausreisen, wo die Hälfte der insgesamt 500 000 Gläubigen seines Bistums lebt. Populär ist der Kardinal, der einen Bären im Wappen führt und gern in Berliner Dialekt verfällt, bei seinem Kirchenvolk hüben wie drüben.
Von Gottlosen erwartet er, daß sie ihn formgerecht anreden (bisher: "Exzellenz", künftig: "Eminenz"). Gläubigen läßt er in dieser Hinsicht mehr Freiheit.
Als eine bejahrte Nonne ihn ansprechen wollte und ehrfurchtsvoll ins Stottern kam, half Bengsch aus: "Schwester, mich können Sie ruhig Alfred nennen."

DER SPIEGEL 24/1967
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