05.06.1967

LUFTFAHRT / CHARTERFLÜGEVogel runter

Mit ausgefahrenen Landeklappen fauchte der Düsenriese über die Helgen und Kräne des Hamburger Hafens. Dann setzte er zur Landung an -- auf der Werkspiste der Hamburger Flugzeugbau GmbH in Finkenwerder.
Der Flugleiter im Kontrollturm des Firmenflughafens drückte die Sprechfunktaste und alarmierte die Werksfeuerwehr: "Alle Mann "raus, hier geht ein Riesenvogel "runter!" Vier Löschzüge und ein Krankenwagen jagten zur Piste.
Doch die vierstrahlige Düsenmaschine vom Typ "Convair Coronado" war schon gelandet. Mit 128 Mallorca-Urlaubern und neunköpfiger Besatzung an Bord war das Flugzeug, um 13.51 Uhr am Mittwoch letzter Woche, auf der kurzen Landebahn zum Stehen gekommen -- knapp 150 Meter vor deren Ende, fünf Flugzeuglängen vor der Böschung eines Elbkanals.
Der spanische Flugkapitän Rodolfo Bay, 56, hatte die Mini-Piste des Hamburger Flugzeugbau-Unternehmens mit dem weitläufigen Landebahn-Kreuz des Düsenflughafen Hamburg-Fuhlsbüttel verwechselt. "My fault" -- "mein Fehler", gestand Bay, "blauäugig und blond wie ein Wikinger" ("Bild"), und verwies lächelnd auf seine "34 500 Stunden Flugerfahrung".
"Kaltblütigkeit und fliegerisches Können" bescheinigte ihm anderntags die Hamburger Presse und wertete den Vorfall eher als lustiges Husarenstück. Tatsächlich aber hatte Charter-Flugkapitän Bay seine Crew und die 128 Passagiere an den Rand einer Katastrophe gesteuert.
Kapitän Bays Fehlleistung barg eine doppelte Pointe. Denn als die Coronado, geräumigster Transporter der spanischen Charter-Fluggesellschaft "Spantax", im Hamburger Hafengebiet landete, wartete im 15 Kilometer entfernten Fuhlsbütteler Flugplatzrestaurant eine Gruppe Journalisten seit drei Stunden auf die Ankunft der Maschine: Die Spantax-Manager hatten zu einer Pressekonferenz gebeten, um -- mit der Vorführung der vierstrahligen Coronado -- die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ihres Luftdienst-Unternehmens zu demonstrieren.
Ziel der geplanten Flugzeugschau in Fuhlsbüttel war, die Presse eines Besseren zu belehren. Die Spantax-Abgesandten wollten einen Bildbericht widerlegen, der am Montag letzter Woche in der Hamburger Illustrierten "Stern" erschienen war: Der Luftfahrt-Publizist Kurt Streit hatte darin mehrere Charter-Gesellschaften -- darunter auch die Spantax -- der Unzuverlässigkeit geziehen. Titel des Illustrierten-Berichts: "Allzusehr in Gottes Hand".
Daß Charterflüge mit erhöhtem Risiko verbunden sind, weist in der Tat die Flugunfall-Statistik aus. Obwohl Charterflüge nur etwa den zwanzigsten Teil des Passagierluftverkehrs in der Welt ausmachen, registrierte die Internationale Organisation für Zivile Luftfahrt (ICAO) von 1960 bis 1966 den Absturz von 192 Flugzeugen im Charterverkehr -- nur sechs weniger, als im gleichen Zeitraum bei den Liniendienst-Gesellschaften verunglückten.
Die Charter-Unternehmen machen geltend, daß diese düstere Bilanz vornehmlich von exotischen Flugdiensten -- etwa in Südamerika und Afrika -- verschuldet sei. Doch ungeachtet solcher Kontinentalverschiebungen ermittelten die ICAO-Statistiker: Das Risiko, tödlich zu verunglücken, ist für Charter-Passagiere etwa zehnmal so groß wie für Fluggäste der Liniendienste.
Zweifel an der Verläßlichkeit der Charter-Luftflotten regten sich auch, als im April dieses Jahres eine vollbesetzte "Bristol Britannia" der Schweizer Charter-Fluggesellschaft "Globe Air" in Nikosia (Zypern) abstürzte; 126 Menschen kamen dabei ums Leben.
Nachdem der SPIEGEL damals (18/ 1967) über die hohe Unfallquote im Charterflug und über Mißstände bei "Globe Air" berichtet hatte, nahm sich dann auch der "Stern" der Mängel im Mietflugwesen an. In Wort und Bild beschuldigte "Stern"-Autor Streit die Charter-Flugdienste der Fahrlässigkeil. aus Gewinnsucht und Sparsamkeit. Laut Streit
starten Chartermaschinen oft auf abgewetzten Reifen und mit einem -- um zehn Prozent billigeren -- leichter entflammbaren Treibstoff, der sonst nur noch in Militärmaschinen verwendet wird;
unterlassen Charterflugzeuge zuweilen notwendige Tank-Zwischenlandungen, um möglichst solche Flughäfen zu erreichen, auf denen preisgünstiger Treibstoff verkauft wird -- etwa Rom oder Kairo;
> fliegen Chartermaschinen häufig ohne ausreichende technische Wartung, weil die betreffenden Gesellschaften nicht über ein eigenes Service-Netz verfügen -- und das, obwohl die Charter-Luftflotte besonders reparaturanfällig sei;
> besitzen die Mietflug-Gesellschaften nur selten ein gutsortiertes Ersatzteillager -- das Personal zögere Reparaturen so lange wie möglich hinaus und sei daran gewöhnt, ersatzbedürftige Maschinenteile behelfsmäßig auszubessern.
Auch im Flugpersonal der Charter-Gesellschaften erblickt Luftfahrt-Journalist Streit ein Sicherheitsrisiko. Nur Flugkapitäne "zweiter Wahl", so referiert Streit die Vorwürfe mancher Kritiker, würden den Dienst als Charter-Pilot einer gesicherten Laufbahn bei den großen Liniengesellschaften vorziehen.
Dokumentarisches legten die "Stern"-Redakteure in Gestalt eines Photos vor, das auf dem Hamburger Flughafen geknipst wurde. Es zeigte einen "etwa zwanzig Zentimeter langen Riß" (Bildunterschrift) im Tragflächenansatz eben jener Spantax-Maschine, die am letzten Mittwoch in Finkenwerder fehllandete.
Doch gerade gegen diese Photos erhoben die Spantax-Manager Einspruch: Vor den Hamburger Journalisten wollten die Spanier den Nachweis führen, daß dieser Riß keineswegs die Flugsicherheit der Maschine beeinträchtige -- er gehe nicht durch den Tragflächenansatz, sondern lediglich durch die Blechverkleidung einer Schweißnaht.
Aber die Flügel-Schau, für Mittwoch vormittag elf Uhr anberaumt, fiel aus. Statt dessen gab Spantax-Kapitän Bay ein Charterflug-Exempel, das den streitbaren "Stern"-Artikel eher illustrierte als widerlegte.
Niemals zuvor war auf der Piste des kleinen Werksflughafens Finkenwerder eine Maschine von der Größe und dem Gewicht der Coronado (Landegewicht je nach verbliebener Treibstoffmenge: 80 bis 100 Tonnen) gelandet. Fachleute ließen keinen Zweifel daran, daß der vollbesetzten Spantax-Maschine Arges hätte widerfahren können:
> Die Betonpiste auf Finkenwerder ist für eine Maximalbelastung von 27 Tonnen je Fahrwerksbein gerüstet. Geschätzte Belastung durch die landende Coronado: 40 Tonnen je Fahrwerksbein.
> Die Mindest-Landebahnlänge für eine Maschine dieses Typs laut technischer Spezifikation beträgt 1690 Meter. Länge der Piste in Finkenwerder: 1360 Meter.
Daß Flugkapitän Bay, der zum erstenmal Hamburg anflog, trotz guten Wetters (Sicht: 15 Kilometer; Wolkenuntergrenze: 1300 Meter) den bescheidenen Werksflugplatz mit den mehr als 3000 Meter langen Fuhlsbütteler Landebahnen verwechselte, erscheint Kaum begreiflich. Alle gängigen Flugkarten hätten dem Flugzeugführer und seinem Kopiloten schon auf flüchtigen Blick Orientierung geboten: Finkenwerder liegt unmittelbar am Südufer der Elbe -- Fuhlsbüttel dagegen vier Flugminuten weiter entlernt nördlich des Stroms.
Doch selbst solch eklatante fliegerische Fehlleistung vermochte offenbar dem sonnigen Selbstvertrauen des Coronado-Kapitäns nichts anzuhaben. Noch am selben Nachmittag startete er mit dem vierstrahligen Urlauber-Transporter zu einer neuen Tour nach Mallorca. An Bord: 80 Neckermann-Touristen.
Disziplinarische Maßnahmen seiner Gesellschaft braucht der spanische Wikinger ohnehin nicht zu befürchten: Rudolfo Bay ist Pilot und Präsident der "Spantax" in einer Person.

DER SPIEGEL 24/1967
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