05.06.1967

SCHALLPLATTEN / BELLMANHerr ohne Tiefsinn

Solange er lebte, sang er von Wein und Weib, von Nymphen, Zechern und Rokoko-Gammlern, von Festgelagen und blauen Nächten im Grünen, und seine Landsleute -- Proletarier, Bürger und auch ein paar Adlige, voran König Gustav III. applaudierten dazu.
Sie applaudieren noch heute ihrem Carl Michael Bellman (1740 bis 1795) -- ihrem "schwedischen Anakreon", der (so der nordische Dichter Oscar Levertin) das "teuerste und heiligste Werk der schwedischen Poesie" erschuf. Bellmans "Episteln", fast schon 200 Jahre alt, werden noch immer literarhistorisch durchforscht und kommentiert, gedruckt und gesendet, gelesen, gesungen und gehört.
Außerhalb Skandinaviens freilich ist der berühmte alte Schwede nur mäßig bekannt geworden. Zwar hatte ihn schon der deutsche Vaterlandspoet Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) seinen Landsleuten gerühmt als "eine der außerordentlichsten Erscheinungen, die je gelebt haben". Und noch Carl Zuckmayer dichtete eine Handvoll Bellman-Verse für sein Bühnenstück "Ulla Winblad" nach, dessen Titelheldin gleichfalls eine Bellman-Gestalt ist.
Aber Arndt, Zuckmayer und die restlichen deutschen Bellman-Kenner propagierten und übertrugen ohne sonderlichen Erfolg: Bellmans Verse, mal derb, mal lyrisch, mit listig verschlüsseltem Argot und vielen zwei- und mehrdeutigen Metaphern befrachtet, hatten südlich der Ostsee bisher wenig Publikum.
Resonanz finden sie erst neuerdings. 1965 erschien in Leipzig eine Auswahl Beilmanscher Episteln, die unter anderen der DDR-Dramatiker Peter Hacks übersetzt hatte. Eine westdeutsche Sammlung brachte unlängst der Maler, Lyriker und Bellman-Experte Fritz Grasshoff ("Die Halunkenpostille") in Köln auf den Markt*.
Vor allem jedoch sind Bellmans Reime und Weisen " mittlerweile von der deutschen Schallplatten-Industrie entdeckt worden: Für "Telefunken" hat bereits Carl Raddatz, für "Polydor" der Hamburger Folklorist und Lautenschläger Karl Wolfram das Hohelied von Jux und Suff angestimmt; für "Electrola" soll demnächst der illustre Bariton Hermann Prey mit Bellmaniaden aufwarten**.
Denn Bellman war schließlich nicht nur ein Autor burlesker Kurz-Epen" er lieferte auch die Musik dazu. Bisweilen waren es eigene Kompositionen, oft aber eignete er sich bedenkenlos Kirchengesänge und Volksweisen" Händel- und Mozart-, Vivaldi- und Pergolesi-Melodien an, die er nach Gutdünken zurechtbog.
Und was er selbst gedichtet und in Töne gesetzt hatte, das trug er dann auch selber zur Laute vor -- ein musikalischer Entertainer im Rokoko, ein Showman und Literatur-Kabarettist, der in Kneipen, Sälen und Großbürgerhäusern mit Trink-, Tanz- und Tischliedern, mit Bibel-Travestien oder dem Trauer-Song vom "Begräbnis des Branntweinbrenners und Ordensritters Lundholm" das Stockholmer Publikum unterhielt: Die Glocke winselt monoton. Sie tönt für einen Bacchussohn, Für Ritter Lundholm -- stadtbekannt. Noch hangen die Blicke an Galaperücke Und Ordensband.
Der Glocke Ruf die Gruft beschwört. Schlaf, alter Lundholm, ungestört! Cupido summt im Humus dein. Nie wird bis zur Rüste, die einstmals dich küßte. mehr nüchtern sein.
Denn Morgen war noch branntweinklar. Dein Mittag schon die Dämmrung war. Dein Zinken: Sonnenuntergang So prall und so deftig. zyklamenrot-kräftig jahrzehntelang.
Einträglich freilich waren diese Ein-Mann-Shows fürs erste nicht. Bellman, der mit 18 die Universität von Uppsala bezogen und sie mit 19 wieder verlassen hatte, verdiente sein Brot im Büro, anfangs bei der schwedischen Reichsbank, später in einem Manufakturkontor, dann bei der Generalzolldirektion. Zwischendurch floh er auch einmal vor seinen Gläubigern nach Norwegen.
Der junge König Gustav 111. machte der ewigen Misere ein Ende: Er erhob Bellman zum Hofpoeten und festbesoldeten Sekretär der Königlichen Nummernlotterie und übernahm die Patenschaft für den ersten der vier Bellman-Söhne. Gustavs Dichter durfte fortan in königlichem Auftrag Hirtenstücke und Divertissements verfassen, Feste arrangieren und seiner Majestät nach politischen Mißerfolgen den Groll vertreiben.
Aber auch bei Hofe, auch als Mitglied der Königlichen Akademie sang Bellman vorzugsweise vom Rokoko des kleinen Mannes, von "Fredman", dem einst angesehenen Hofuhrmacher, der im Rinnstein landet.
"Fredmans Episteln", eine Sammlung von 82 Einzelstücken, erschienen erstmals 1791 geschlossen im Druck. Die Helden dieses Bellmanschen
* Carl Michael Bellman: "Durch alle Himmel, alle Gossen". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 152 Seiten; 11,80 Mark.
** Telefunken STSC 13 432; 21 Mark. Polydor 237 705: 18 Mark.
Hauptwerks sind, neben Fredman, der schwindsüchtige Ex-Konstabler Movitz und der rauhbeinige Gardekorporal Mollberg, sind Musikanten, Wirtinnen, Strich- und Schankmädchen, Schiffer, Krakeeler und andere Käuze. Blast, Musikanten! das Waldhorn soll schmettern.
Blast und verschluckt nicht den Priem. Hier, zwischen Bottichen, Kisten und Brettern
wird man erst richtig Intim.
Blast, ihr Halunken! bringt Stimmung ins Haus!
Dann gibts auch Prilleken, Bockbier und Liebe.
Nun mach schont du Rübe, du Tasse, du trübe,
und steck die Trompete zum Fenster hinaus! Mit Glocken, Pauken, Violen und Klarinetten, zum Klang des Waldhorns und zum Verdruß der Obrigkeit jagt die bacchantische Horde durch ein antikisch ausstaffiertes Stockholm, durch Kneipen und Bordelle, Sterbehäuser und Wochenstuben -- allen voran Ulla Winblad, die schöne wilde "Priesterin in Bacchi Tempel", die Bellman ganz nach der Natur gezeichnet hat: Sie hieß in Wirklichkeit Maria Christina Kiellström, war die Tochter eines Troßknechts bei der Artillerie und schlug sich als Kellnerin und Fabrikarbeiterin durch, bis sie es endlich in vierter Ehe zu einem kleinen Vermögen brachte.
Von ihren amourösen Händeln kann Bellmans Ulla Winblad manches Lied singen, etwa so: "Nichts als Kummer bringt die Liebe, / denk ich nur an Pfingsten ... / Doch ich spür nicht den geringsten / Widerstand in mir." Der Polizei hingegen leistet sie sehr kräftigen Widerstand:
Sie zerrten dich -- da riß die Taille. Auch In dir riß was ein!
Du wurdest plötzlich zur Kanaille und schön gemein.
Will Staatsgewalt die Liebe schänden -- was soll man tun?
Du gabst es Ihnen mit den Händen und mit den Schuhn.
Ulla und Fredman sind nicht die einzigen Gestalten, die Bellman wirklichkeitsgetreu porträtierte. Bellmans Forscher haben die meisten Figuren des Epistolars längst als Bellmansche Mitbürger identifiziert. Ein Saufkumpan allerdings scheint er nicht gewesen zu sein. Einer seiner Biographen behauptet sogar, der Meister habe gewöhnlich bescheiden bei einem Fläschchen Schwachbier in der Kneipe gesessen und seine Studien getrieben.
Aber wie er auch gewesen sein mag, ob Saufaus oder nicht -- seinen Kollegen von der Akademie und den Adligen bei Hof war der "Herr ohne Tiefsinn" (so Bellman über sich selbst) immer suspekt. Und als sein Gönner Gustav 1792 ermordet wurde, schlug auch Bellmans Stunde: Er verlor die Sinekure und mußte schließlich wegen einer Schuld von 150 Reichstalern in Arrest. 1794 saß er seine drei Wochen in der Hauptwache des königlichen Schlosses ab -- lungenkrank und vergessen von seinen einstigen Bewunderern. Carl Michael Bellman starb ein Jahr später.
Immerhin, seinen "Bellmans-Tag" hat er noch heute: Er wird Jahr für Jahr am 26. Juli in Stockholm mit einem Volksfest begangen.

DER SPIEGEL 24/1967
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