22.05.1967

ERHARD

Auf das Pult

Schweigend ging er während der sechs Monate seit seinem Amts-Abtritt durch das Bundeshaus, nur weiße Rauchwolken seiner Zigarre zeigten an, daß es in ihm brodelte. Vergangene Woche trat er aus der Reserve heraus: Ludwig Erhard griff die Wirtschaftspolitik der Großen Bonner Koalition mit harten Worten an.

Chefredakteur Hans Mundorf vom Düsseldorfer "Industriekurier" ("IK") war selbst überrascht gewesen, als Erhard ihm die Bitte um ein Interview sofort erfüllte.

Der Kanzler ohne Dank stellte dem Zeitungsmann gegenüber schon mit der ersten Antwort klar, daß er im Herbst vergangenen Jahres durch eine künstlich erzeugte Untergangsstimmung vom angestammten Platz verdrängt worden sei. Und was der neuen Wirtschaftspolitik bislang zur Zier gereiche -- bescheidenere Lohnforderungen, stabilere Preise und verbesserte Arbeitsmoral-, das seien in Wahrheit noch Verdienst und Früchte seiner Amtsführung.

Dramatisch an Westdeutschlands wirtschaftlicher Situation ist nach der Meinung des Politikers Erhard lediglich "die Leichtfertigkeit oder die politische Bedenkenlosigkeit, mit der man im deutschen Volk ... das Vertrauen in die gesunden Grundlagen seiner Wirtschaft zerstörte, um darauffolgend um so strahlender die Wieder- und Neubelebung der Wirtschaft als eigenes Verdienst präsentieren zu können"

Nach seinem Abschied aus dem Schaumburger Palais hatte in der Öffentlichkeit niemand Ähnliches von Ludwig Erhard vernommen. Nur unter engsten Freunden oder im neuen Heim, an Bonns Johanniterstraße 8, wo auch das Interview mit dem "IK" geführt wurde, sprach er von Bundeswirtschaftsminister Schiller als dem "Konzertmeister" und nannte den neuen Kurs verächtlich "sozialistische Marktwirtschaft".

Befriedigt konnte Erhard allerdings beobachten, daß sich die CDU-Fraktion nicht widerstandslos den Schiller-Thesen beugte. Christdemokrat Heinrich Gewandt zum Beispiel, der den CDU-Mittelstand repräsentiert, meldete frühzeitig Protest für den Fall an, daß der sozialdemokratische Wirtschaftsminister der Bundesrepublik ein "perfektionistisches Instrumentarium" staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft verpassen wolle.

Bundesschatzminister Kurt Schmücker, der trotz Kiesingers Zusage seinen Vorsitz im Bonner Wirtschaftskabinett für Schiller frei machen mußte, erkor seinen Amtssitz, Schloß Carstanjen, zur Zelle des Widerstands und sich selbst zum Gralshüter der liberalen Wirtschaftspolitik. Im Haus Carstanjen trafen sich jeweils die Getreuen, zu denen auch die Christdemokraten Luda, Schmidt-Wuppertal und Löhr gehörten, wenn es galt, Punkte des Schillerschen Stabilitätsgesetzes oder seines Eventualhaushalts zu beraten.

Der Meister selbst hielt sich zurück und antwortete auf Fragen nach seiner Rückkehr in das Kampfgetümmel der Wirtschaftspolitik, das komme darauf an. Und auf die Rückfrage, worauf es ankommen werde: "Auf meine Entscheidung."

Mit dem Interview im "Industriekurier" war sie gefallen. Unverblümt warf der eine Professor der Nationalökonomie dem anderen Kunstfehler vor. Schiller habe

> "das Defici-Spending zu früh und zu absolut zur Heilung einer künstlich erzeugten Konjunkturkrise angeboten", und

> er bemesse die Wissenschaftlichkeit seiner Politik "an immer neuen Wort- und Begriffsprägungen, die noch gar nicht Eingang in die wissenschaftliche Literatur gefunden haben".

Die Ankündigung eines zweiten Eventualhaushalts verdammt Erhard als geradezu schädlich, weil das nicht neue Energien auslöse, sondern eine Belebung der Wirtschaft verzögere.

Mit ihm, so verriet der frühere Bundeskanzler, machten sich viele Mitglieder der CDU/CSU Sorgen um das wirtschaftspolitische Profil der Partei. Es gehe nicht an, daß die späten Früchte der Sozialen Marktwirtschaft der SPD gutgeschrieben würden. Erhard tat auch kund, wie er den Kampf aufzunehmen gedenkt: "Ich muß wieder auf das Rednerpult des Bundestages."

Für seine Herbst-Offensive hat er sich schon der Hilfe eines studierten Volkswirts versichert. Am Montag vergangener Woche trat der Diplom-Volkswirt Willi Stommel, 29, bis dahin Hilfsreferent im Palais Schaumburg, seinen Dienst als persönlicher Referent bei Erhard an. Ein ganzer Stab wissenschaftlicher Assistenten soll ihm folgen.


DER SPIEGEL 22/1967
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