03.01.1966

JUDENAlte Angst

Adolf Hitler schrieb über die Republik von Weimar: "Insbesondere Juden ergossen sich in unglaublichen Mengen in Wirtschaftsbetriebe und Verwaltungsapparate."
Bundesdeutsche Gymnasiasten, von Meinungsforschern befragt, sahen es nicht anders:
- "In Zeiten der Arbeitslosigkeit lebten sie in Saus und Braus, während das deutsche Volk darbte."
- "Sie beherrschten 36 Prozent der Wirtschaft."
- "Die Juden sahen nach 1918 in Deutschland ein Paradies."
Welche Rolle Deutschlands 564 379 Juden vor ihrem Martyrium zwischen 1933 und 1945 in der Weimarer Republik wirklich spielten, haben jetzt vierzehn Wissenschaftler - Historiker, Soziologen und Psychologen
- untersucht. In dem Sammelband "Entscheidungsjahr 1932"**, in dem sie die gesellschaftliche Position des deutschen Judentums darstellen, kommen die Forscher zu dem Schluß: Die Weimarer Republik war kein Juden-Paradies, sie war auch keine Juden-Hölle.
Oder anders: Wie zuvor keine andere Periode der deutschen Geschichte boten die 15 demokratischen Jahre nach 1918 den bis dahin auf gettoartige Bezirke beschränkten Juden Möglichkeiten zur freieren Entfaltung.
Gleichwohl zeigt ein Blick auf die soziologische Struktur des deutschen Judentums nach dem Ersten Weltkrieg, daß sich der Prozeß der gesellschaftlichen Absorption des jüdischen Bevölkerungsteils nur zögernd vollzog. Die traditionelle Einengung der deutschen Juden auf bestimmte Berufsgruppen blieb auch in jenen Jahren erhalten: Die Hälfte aller erwerbstätigen Juden waren Selbständige; 61 Prozent (gegenüber 16,4 Prozent der Gesamtbevölkerung) betätigten sich in Handel und Gewerbe.
So waren zum Beispiel 70 Prozent aller Grossisten für Damen-Oberbekleidung Juden. Jüdische Unternehmer erzielten 1930 rund drei Viertel des gesamten deutschen Warenhaus-Umsatzes und ein Viertel des Einzelhandelsumsatzes. Der Großhandel mit Eisen und Schrott war ebenso eine Domäne jüdischer Geschäftsleute wie das private Geldgeschäft: Von den 201 Berliner Privatbanken waren 150 jüdische Unternehmen. In Frankfurt am Main lag das Verhältnis bei 47:11.
Ähnlich günstige Entfaltungsmöglichkeiten fanden die Juden auch in den freien Berufen. Obschon der Prozentsatz der Juden an der Zahl aller erwerbstätigen Deutschen nur 0,7 betrug, war jeder sechste deutsche Rechtsanwalt, Notar und Makler sowie jeder zehnte Arzt ein jüdischer Mitbürger.
Weniger durch ihre Zahl als vielmehr durch ihre Leistung trugen Deutschlands Juden zum weltweiten Ruf der deutschen Wissenschaft und Kunst in jenen Jahren bei. Hundert der rund 2000 Ordinariate an den Universitäten und Hochschulen waren mit jüdischen Gelehrten besetzt, unter ihnen so renommierte Wissenschaftler wie der Physiker Albert Einstein, der Jurist Walter Jellinek, der Soziologe Franz Oppenheimer, der Philosoph Ernst Cassirer und der Wirtschaftler Eduard Heimann.
In Berlin machte der Jude Max Reinhardt deutsche Theatergeschichte. Unter seiner Regie spielten jüdische Schauspieler wie Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch und Fritz Kortner. Juden waren Leopold Jessner, der Generalintendant der beiden Berliner Staatlichen Schauspielhäuser, Eugen Robert, der Gründer des Hebbel-Theaters, und Robert Klein, der Leiter des Lessing-, des Künstler- und des Renaissance-Theaters.
Jüdische Schriftsteller wie Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Alfred Döblin Lion Feuchtwanger und Emil Ludwig erzielten Auflagen-Rekorde.
Deutsche Juden verlegten und redigierten die besten deutschen Zeitungen jener Zeit - In Berlin die "Vossische Zeitung" und das "Berliner Tageblatt" (aus den jüdischen Verlagshäusern Ullstein und Mosse), in Frankfurt die international renommierte "Frankfurter Zeitung".
Überall da aber, wo Macht gewonnen oder repräsentiert werden konnte, hatten, die deutschen Juden auch In der Weimarer Republik keinen Platz: Weder in der Großindustrie noch in der Politik noch in der Verwaltung, geschweige denn beim Militär waren sie ihren Fähigkeiten und ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechend vertreten.
Politisch spielten deutsche Juden nur während der Revolutions-Wirren 1918/19 eine größere Rolle: In Berlin arbeitete Professor Hugo Preuß an der neuen Reichsverfassung; Chefredakteur Theodor Wolff war Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei; Spartakus-Genossin Rosa Luxemburg konspirierte gegen den noch gar nicht bestehenden neuen Staat; Kurt Eisner war Vorkämpfer der bayrischen Räte-Republik.
Doch von den insgesamt über 200 Reichsministern der 20 verschiedenen Reichsregierungen bis 1933 waren nur zwei Juden: Innenminister Hugo Preuß (1919) und der 1922 ermordete Außenminister Walter Rathenau. Drei Minister waren jüdischer Abkunft: Justizminister Otto Landsberg (1919), Innenminister Georg Gradnauer (1921) und Finanzminister Rudolf Hilferding (1923 und 1928/29).
Von den 1 657 000 preußischen Beamten waren nur 5446 Juden, das sind 0,33 Prozent. Nicht ein einziger der zwölf Oberpräsidenten, 35 Regierungspräsidenten und der über 400 preußischen Landräte war Jude. Und im Reichstag - von den Nazis gern "Alljudas Werkzeug" genannt - saßen 1930 unter den insgesamt 577 Abgeordneten nur zwei Glaubensjuden: die Sozialdemokraten Hugo Heimann und Julius Moses.
Weitere 15 Parlamentarier waren jüdischer Herkunft. Je einer gehörte zur Deutschen Staatspartei (Gustav Stolper) und zur Sozialistischen Arbeiterpartei (Kurt Rosenfeld), zwei waren Kommunisten (Fritz Löwenthal und Heinz Neumann). Mit zehn Reichstagsabgeordneten stellten die Sozialdemokraten die stärkste jüdische Gruppe. Zu ihr zählte auch der Chefredakteur des SPD-Organs "Vorwärts" Friedrich Stampfer.
Trotz dieser Zahlen wurden die Nazis nie müde, die Weimarer Republik einen "Judenstaat" zu titulieren, und ihre Agitation gegen den jüdischen Bevölkerungsteil war ebenso infam wie erfolgreich. Ihr Lieblingsargument, die Juden seien faul und lebten als Schmarotzer, stützten sie zum Beispiel mit der These, daß der Anteil jüdischer Bürger an Handwerk und Landwirtschaft gleich Null sei. Und während Einfluß und Reichtum der Juden allgemein übertrieben wurden, blieb der jüdische Anteil an der Armut den Mitbürgern weithin verborgen. Tatsächlich jedoch waren beispielsweise während der Weltwirtschaftskrise von den 115 000 jüdischen Lohnempfängern in Berlin 30 000 arbeitslos.
Richtig war, daß es nur wenige jüdische Handwerker gab - aber nur, weil sich die deutschen Zünfte jahrhundertelang gegen die Aufnahme von Juden gesperrt hatten. Richtig war, daß es kaum jüdische Bauern in Deutschland gab - aber nur, weil Juden in Deutschland bis 1848 der Erwerb von Grund und Boden generell verboten war.
Diese bewußt lügenhafte Argumentation fand vor allem beim deutschen Mittelstand Resonanz. Denn gerade der Mittelstand bekam die Konkurrenz der bisweilen aktiveren, geschickteren und mitunter einfach schlaueren jüdischen Geschäftsleute zu spüren.
Und diese Angst sind viele Deutsche offenbar bis heute nicht losgeworden: Noch heute meint - so das Ergebnis einer demoskopischen Umfrage - ein Fünftel der erwachsenen Bundesbürger, die 25 694 nach Westdeutschland und West-Berlin zurückgekehrten Juden übten noch immer zuviel Einfluß aus.
Und ein Oberprimaner erwiderte auf eine Demoskopen-Frage: "Die Juden sollten in ihrer neuen Heimat bleiben und sich mit den Wiedergutmachungsgeldern zufriedengeben, um eine neue Welle des Antisemitismus zu vermeiden."
** "Entscheidungsjahr 1932. Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik." Herausgeber Werner Mosse; Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen; 608 Seiten; 48 Mark.
Jüdischer Politiker Rathenau (linkes Bild, l.), 1921, jüdischer Intendant Reinhardt (rechtes Bild, r ), 1932*, Vor dem Martyrium ...
... Leben im Paradies?: Jüdisches Warenhaus Tietz in Berlin, 1928
Jüdischer Physiker Einstein, 1927
Weltruhm
Jüdischer Journalist Wolff, jüdische Dichter Werfel, Stefan Zweig: Auflagenrekorde
Jüdische Künstlerin Elisabeth Bergner, 1932
Theatergeschichte
* Mit Ehefrau Helene Thimig, Gerhart Hauptmann und General Hans von Seeckt (sitzend).

DER SPIEGEL 1/1966
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