03.01.1966

LUTHERS THESENReformator ohne Hammer

Protestanten können wieder protestieren: Ein Katholik will ihnen weismachen, daß Martin Luther mitnichten den Hammer zur Hand genommen und damit seine 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg genagelt hat.
Die katholische Behauptung rüttelt an dem heroischen Luther-Bild, das von Kanzeln und Kathedern herab ganzen Generationen von Konfirmanden und Kommilitonen eingeprägt worden ist:
Seit je sind alle Festpredigten und Schulandachten am Reformationstag jenem denkwürdigen 31. Oktober 1517 gewidmet, an dem - so der evangelische Luther-Forscher Heinrich Boehmer - der Augustinermönch Martin Luther "mittags kurz vor 12 Uhr... vom Schwarzen Kloster nach der etwa eine Viertelstunde entfernten Schloßkirche ging und dort an der nördlichen Eingangstür ... das Plakat mit den fünfundneunzig Thesen anschlug". Der Kulturhistoriker Egon Friedell schwärmte gar: "Die 95 Thesen sind die erste Extra -Ausgabe der Weltgeschichte."
Seit nun schon vier Jahren beharrt dagegen der katholische Kirchenhistoriker Dr. Erwin Iserloh, jetzt Professor in Münster, darauf, daß das Extrablatt eine Falschmeldung ist. Iserloh: "Der Thesenanschlag fand nicht statt."
Zu diesem überraschenden Urteil war der katholische Professor durch den Streit zweier evangelischer Kollegen gebracht worden, die sich nicht darüber einigen konnten, wann genau Luther die Thesen angeschlagen haben mochte. Der Göttinger Reformationshistoriker D. Dr. Hans Volz hatte verkündet, daß statt des 31. Oktober "fortan der 1. November 1517 als Tag des lutherischen Thesenanschlags zu gelten" habe - aus Münster hatte der Kirchenexperte Professor D. Kurt Aland gekontert: "Der 31. Oktober 1517 gilt zu Recht als Tag des Thesenanschlags."
Die Diskussion der drei Fachgelehrten fand nahezu unter Ausschluß der
Ollentlichkeit statt, bis der Streitfall jetzt von der "Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands" aufgegriffen wurde. Aus der 39 Seiten langen Dokumentation des Lehrerblattes geht hervor, daß sich die drei Weisen eigentlich nur über die Vorgeschichte der Thesenverkündung einig sind, mit der Luther gegen die katholische Ablaßlehre aufbegehrte.
Im Herbst 1517 hatte Universitätslehrer Luther davon erfahren, daß der Ablaßhandel - Erlaß von Sündenstrafen gegen Geld - auf einer kirchlichen Dienstanweisung beruhte. Luther lehnte solche Sitten ab: Am 31. Oktober 1517 forderte er den Erzbischof Albrecht von Magdeburg-Mainz als verantwortlichen päpstlichen Ablaßkommissar in einem Brief auf, "den Ablaßpredigern eine andere Predigtweise zu befehlen". Dem Schreiben fügte Luther die kurze Zusatzbemerkung an, der hochwürdigste Bischof möge bitte die beigefügten 95 Thesen zur Kenntnis nehmen. Daß er die Thesen noch am selben Tag an die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlagen wollte, schrieb Luther seinem Bischof nicht.
Tatsächlich hat weder Luther noch einer seiner Zeitgenossen diesen demonstrativen Akt, der nach gängiger Meinung das Startsignal zur Reformation war, jemals beschrieben. Auch in den erhalten gebliebenen Nachrufen auf Luther ist nirgends davon die Rede, daß er der Mann gewesen sei, der sich mutig und mit einem Hammer an der Kirchentür zu schaffen gemacht habe.
Über diese Sternstunde der evangelischen Menschheit berichtete vielmehr erst knapp dreißig Jahre danach der Humanist Philipp Melanchthon in seiner Vorrede zum 2. Band der gesammelten Werke des Reformators: "Luther, brennend von Eifer für die rechte Frömmigkeit, gab Ablaßthesen heraus, die im 1. Band dieser Ausgabe gedruckt sind. Diese hat er öffentlich an der Kirche in der Nähe des Wittenberger Schlosses am Vortag des Festes Allerheiligen 1517 angeschlagen."
Woher Melanchthon das so genau wußte, ist den Geschichtsforschern bis heute ein Rätsel geblieben: Melanchthon weilte 1517 noch in Tübingen und konnte von den Ereignissen im fernen Wittenberg allenfalls durch Hörensagen erfahren haben.
Und er irrte sich nachweislich so häufig in Zahlen und Daten, daß Luther-Forscher Boehmer klagte, man könne Melanchthon nur das glauben, was von anderen Zeitgenossen ebenfalls behauptet werde.
Der Melanchthon-Passus ist denn auch der Punkt, an dem sich die gelehrten Geister geschieden haben:
- Historiker Volz entschied, Melanchthon habe sich nur im Datum geirrt; - Historiker Aland fand, der Irrtum liege bei Professor Volz;
- Historiker Iserloh dekretierte, mit ihren Thesen würden Melanchthon, Volz und Aland den großen Luther Lügen strafen.
Die Verschiebung des reformatorischen Hammerschlags um 24 Stunden auf den 1. November 1517 begründete Gutachter Volz mit dem auch damals schon üblichen Aktenkomment: Luther habe seinem Bischof zwar am 31. Oktober geschrieben, anstandshalber aber einen Tag abgewartet, bis anzunehmen war, daß der Brief angekommen ist, und dann - per Anschlag - zur Disputation seiner Thesen aufgerufen.
Gutachter Aland fühlte sich durch diese Interpretation zum Widerspruch "geradezu herausgefordert": Bei den Luther-Thesen habe es sich von Anfang an keineswegs um eine Denkschrift für die Kirchenbehörde gehandelt. Vielmehr habe Luther die 95 Leitsätze mit Sicherheit schon vor dem 31. Oktober drucken lassen und die Exemplare zunächst verwahrt, dann ein Exemplar angeschlagen und ein weiteres seinem Bischof geschickt, "wobei der Brief wahrscheinlich nach vollzogenem Anschlag geschrieben" wurde.
Gutachter Iserloh meinte, man brauche sich nur an Luthers eigenes Zeugnis zu halten, um die Wahrheit zu finden. Die Wahrheit sei: Luther habe seine Thesen erst zu einem Zeitpunkt öffentlich bekannt gemacht und zur Diskussion gestellt, als er einsehen mußte, daß sein Brief an Bischof Albrecht nichts gefruchtet hatte.
Tatsache ist, daß der Bischof- es ablehnte, dem "vermessenen Mönch zu Wittenberg" auch nur zu- antworten, worüber Luther sich im Mai und im November 1518 in Briefen an Papst Leo X. und an Kurfürst Friedrich den Weisen beschwerte.
In diesen Briefen und an zwei Stellen seiner Schriften schilderte Luther zudem, daß er erst danach - "also mißachtet" und "als mir schließlich nichts anderes übrig blieb" - zur Disputation seiner Thesen einlud. Professor Iserloh dazu: Wäre es richtig, daß Luther seine Thesen tatsächlich am 31. Oktober angeschlagen hat, so hätte er
- seinem Bischof keine Zeit zu einer Antwort auf seinen Brief gelassen und
- "den Papst wie seinen Landesherren belogen und ... bis zum Ende seines Lebens dieses gefälschte Bild von den Ereignissen aufrechterhalten". Der Katholik Iserloh war nicht bereit, den Reformator solchem Verdacht auszusetzen. Statt dessen verwies er auf zwei weitere Dokumente, die seine Thesen-These stützen konnten.
Als ersten Eideshelfer bemühte Iserloh zu diesem Zweck den zeitgenössischen Historiker Christoph Scheurl, der 1528 - lange vor Melanchthon - notierte: "Luther hat 95 Sätze vom Ablaß aufgestellt und den anderen Doctorn zugeschickt, gewißlich nicht in der Absicht, daß sie weiter verbreitet würden."
Und zudem verwies Iserloh auf die Statuten der Universität Wittenberg, wonach es zwar üblich war, Thesen durch Anschlag bekanntzugeben - doch an den Türen von allen Kirchen und in der Universität selbst, und das nicht durch den Universitätslehrer Luther persönlich, sondern durch den Pedell.
Iserlohs Schlußfolgerung: Der Thesenanschlag fand nicht statt, und Luther wurde "absichtslos zum Reformator".
In einem Resümee über den Dauerstreit der drei Historiker tröstete das Geschichtslehrer-Blatt seine Leser mit dem Hinweis, es herrsche, "wie zu erwarten, Einstimmigkeit darüber, daß das Datum wie das Faktum des Thesenanschlags ... völlig belanglos sind".
Luther-Forscher Aland, Volz, Iserloh: Eine katholische Behauptung . . .
Luther beim Thesenanschlag*
... rüttelt an dem heroischen Bild ...
... vom Anschlag der 95 Thesen: Luthers Thesen an der Wittenberger Schloßkirche, Leser*
* Nach einer Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

DER SPIEGEL 1/1966
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