03.01.1966

ZERSTÖRUNG EINER LEGENDE

Harold Kurtz, 52, Autor der Biographie über die französische Kaiserin Eugénie (und eines früheren Buches über Marschall Ney), ist in Stuttgart geboren, emigrierte 1936 noch England, arbeitete als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen und lebt heute als Lehrer in England. - Professor Golo Mann, 56, wurde durch Kurtzens "Eugénie"-Buch belehrt, daß er in der von ihm mitherausgegebenen "Propyläen-Weltgeschichte" die Kaiserin falsch - zu negativ - dargestellt hatte. Auch, um diesen Fehler zu bekennen und zu korrigieren, schrieb Golo Mann die nachstehende Kurtz-Besprechung.
Im Jahre 1920, nicht lang vor ihrem Tod, brachte die "Berliner Illustrirte" einen Artikel über Kaiserin Eugénie, der "Ein weiblicher Ahasver" überschrieben war. Der Vergleich ist merkwürdig, denn sechzig Jahre früher hatte Eugenie ihn selber gezogen: "Wir, die wir zur Ruhelosigkeit verurteilt sind wie der Ewige Jude ..."
Der Artikel wollte der alten Frau Gerechtigkeit erweisen: Es seien so sehr viele falsche Legenden über sie verbreitet worden. Worauf er denn auch gleich ein paar neue hinzufügte: Eugéniens Mutter sei die Tochter eines schottischen Schankwirtes und eine höchst skandalöse Person gewesen, ihr Vater ein vertrottelter alter Graf, den die Schottin sich gefangen; als junges Mädchen habe ihre unglückliche Liebe zu dem Herzog von Alba sie zu einem Selbstmordversuch getrieben; später habe sie in Louis Napoleon den Abenteurer erkannt, richtig spekuliert und sei dann auch im Jahre 1856 prompt Kaiserin geworden ...
Da stimmt nun wirklich gar nichts. Eugénie wurde 1853 Kaiserin, nicht weil sie richtig "spekuliert" hatte, sondern weil sie von Kindheit an von der idealen Sache des Hauses Bonaparte überzeugt gewesen war und nun der von einem traumhaften Schicksal ihr gebotenen Bestimmung nicht glaubte
ausweichen zu dürfen. Ihren Selbstmordversuch machte sie nicht wegen Alba, sondern wegen eines zweiten unglücklichen Geliebten, eines Marqués Alcanisez. Ihr Vater war kein vertrottelter alter Graf, sondern ein energischer junger Mann und leidenschaftlich Napoleon I. ergeben, in dessen Heeren er diente. In den nachfolgenden spanischen Wirren gehörte er zur Partei der Liberalen.
Die Kirkpatricks, von denen die Mutter stammte, waren ein nobler schottischer Clan; der Großvater war kein Schankwirt, sondern ein reicher Kaufmann in Malaga. Seiner Tochter, Eugéniens Mutter, sagte man allerdings einen Hang zu Intrigen nach; aber die gediegene, erstaunlich moderne Erziehung, die sie ihren beiden Töchtern gab, die Geselligkeit, die sie pflegte, ihre lebenslange Freundschaft mit dem Schriftsteller Prosper Mérimée lassen auf mehr als gräflich-durchschnittliche Talente schließen ...
Man sieht, auch dem Gutwilligen fällt es nicht leicht, die Legenden um Kaiserin Eugenie zu zerstören. Niemand weiß das besser als der Schreiber dieser Zeilen, denn in einem Beitrag zur "Propyläen-Weltgeschichte" habe ich sie so geschildert: "Die ist nichts als schön - Bismarck nennt sie die schönste Frau ihrer Zeit; nichts als bigott, nichts als gefallsüchtig, herrschsüchtig, egoistisch und leer."
Das schrieb ich nach bestem Wissen und Gewissen, gestützt auf Memoiren, auf zeitgenössische Berichte. Sie waren so falsch wie der Illustrierten-Artikel. Hätte es doch damals schon die Biographie von Harold Kurtz gegeben.
Es ist die endgültige Biographie. Leidlich gute Bücher über Eugénie gab es schon vorher, aber an Gründlichkeit der Forschung, an Abgewogenheit des Urteils, an Plastik der Darstellung kommen sie an dies neue Werk nicht heran. Aus englischen, französischen, deutschen, spanischen Archiven hat Harold Kurtz Briefe und Tagebücher herangezogen, die vorher niemand benutzt hatte.
Auch ließ er sich von Leuten erzählen, welche die Kaiserin noch gekannt haben, und es grenzt ans Unglaubliche, daß er es konnte; daß er, 1963, mit der Gesellschafterin, mit dem Arzt einer Frau sprechen konnte, die 1826 geboren wurde. Die Gesellschafterin, Miss Vesey, war jetzt freilich auch schon 95 Jahre alt. Es ist, als ob die ausdauernde Kraft der Kaiserin und das Gedächtnis, welches ihr neuneinhalb Jahrzehnte zusammenhielt, sich ihrer Umgebung mitgeteilt hätte.
Welche Jahrzehnte, welche Dauer! Es schwindelt uns, wenn wir es bedenken. Zu Eugéniens literarischen Freunden gehörten Stendhal (gestorben 1842) und Jean Cocteau (gestorben 1963). Als Kind erlebte sie die Attentate auf den König Louis Philippe. Als Greisin las sie Bücher über die bolschewistische Revolution und die Ermordung des letzten Zaren. Ihre frühen Reisen machte sie zu Pferd oder in der Kutsche; ihre letzte, von England nach Spanien, wollte sie im Flugzeug machen, stand aber dann doch davon ab: "Die Leute hätten nur gesagt, ich sei eine verrückte alte Frau."
Bonapartistin war sie von Haus aus, aber mit dem Nationalitätenprinzip, für dessen Verwirklichung Napoleon III. sich einsetzte, konnte sie nicht übereinstimmen. Was Wunder, daß sie 1918 nicht viel von Wilsons "Vierzehn Punkten" hielt, daß sie die Gründung solcher neumodischer Kunststaaten wie der Tschechoslowakei verurteilte und dann gegen den Frieden von Versailles wetterte: "In jedem Artikel dieses Friedensvertrages sehe ich ein kleines Ei, eine Keimzelle weiterer Kriege ... Die Alliierten erlegen unmögliche Bedingungen auf. Damit nicht zufrieden, gehen sie daran, die deutsche Seefahrt, den Handel, alles zu vernichten. Wie kann Deutschland jemals das Geld aufbringen, um seine gerechten Schulden zu bezahlen? Wahnsinn! Verrücktheit!"
Damals sah sie auch das Ende der europäischen Monarchie gekommen. "Der Kaiser (Wilhelm II.) wird sicher abdanken; die anderen gekrönten Häupter werden auch gehen - mit der Zeit werden sie alle gehen. König Georg wird der einzige sein, der bleibt ..." Ahasver hatte gute Augen, das muß man sagen.
Sie war eine politische Frau, Harold Kurtz macht es überaus deutlich. Gegen Ende des Zweiten Kaiserreiches haben Freunde von ihr, hat auch sie selbst manchmal daran gedacht, es wäre das beste, wenn ihr kranker, erschöpfter Gatte abdankte und sie für den jungen Sohn die Regentschaft übernähme. Dreimal hat sie während Abwesenheiten des Kaisers die Regentschaft ausgeübt; das erste Mal, 1859, mit hastig erworbenen Gesetzeskenntnissen, mit einer Energie und Klugheit, welche ihre Minister in Erstaunen setzte.
Kurtz widerlegt die beiden politischen Legenden, die ihre Gegner ihr andichteten: jene, wonach ihre Politik klerikal oder ultramontan gewesen sei, und jene, wonach sie nach siegreichen Kriegen gelechzt habe, um ihrem Sohn den Thron zu retten. Fromm, mit dem spanischen Akzent der Frömmigkeit, war sie, aber sie wünschte keine Vermischung der weltlichen und geistlichen Dinge. Den Krieg als Mittel zum Zweck schloß sie nicht unbedingt aus; das tat kein Politiker des 19. Jahrhunderts. Aber wenn sie 1866 Napoleon III. beschwor, im preußisch-österreichischen Krieg zu intervenieren, so war es Staatsräson: Einer gemeinsamen Gefahr mußte man gemeinsam begegnen, und ließ jetzt Frankreich Österreich im Stich, so würde bald auch Frankreich an die Reihe kommen und der gesammelten preußisch-deutschen Macht unterlegen sein. Nach den ersten Niederlagen von 1870, noch vor Sedan, begriff sie, daß es mit dem Kaiserreich zu Ende sei: "Die Dynastie ist verloren, wir dürfen nur noch an Frankreich denken." Damals, inmitten der Panik ihrer Umgebung, stand sie "wie ein Fels" wie der alte Mérimée notierte.
Zu jenen, und zwar schon vor dem Sommer 1870, die sie der Kriegshetzerei aus dynastischem Interesse verdächtigten, gehörte Bismarck, der politische Frauen zeit seines Lebens mit einem fast komischen Haß verfolgte. Die Behauptung ist dann auch in ein deutsches Kriegsgedicht eingegangen: "Die Kaiserin Eugénie, die war ja auch diejenige ..." 1914, wie 1870, soll sie "C'est ma guerre" gesagt haben, aber es ist kein wahres Wort daran.
Nur einen schweren politischen Fehler weist Kurtz ihr nach: die versuchte Begründung eines mexikanischen Kaiserturms unter dem Erzherzog Maximilian, die unglückliche mexikanische Expedition. Von mexikanischen Emigranten falsch informiert, tat sie, was sie konnte, um den Erzherzog zur Annahme der blutigen Theaterkrone zu überreden. Aber mit diesem Irrtum stand sie nicht allein; sie allein hätte ihm nicht Folge geben können, und sie hat daraus gelernt: zum Beispiel, dem reaktionären Klerus zu mißtrauen, der an der Katastrophe des Habsburgers ein gerütteltes Maß von Schuld trug.
Als sie Kaiserin wurde, galten ihre Interessen den sozialen Fragen mehr als den außenpolitischen. Sie studierte die Werke französischer Sozialisten; später billigte sie, daß ihr Sohn Karl Marx las. Ihre und des Hauses Bonaparte erste Pflicht sei, "den arbeitenden Klassen zu helfen"; ihr Gatte sollte der Arbeiter-Kaiser sein, und obgleich sie ihr Vermögen wohl zu pflegen wußte, bewies sie während ihrer Herrschaft die sorgfältigste Freigiebigkeit.
Immer fällt, bei der angeblichen Reaktionärin, der Zug zum Modernen auf. Sie unterstützte die Forschungen Marconis, der ihr die Geheimnisse seiner drahtlosen Telegraphie erklärte; dem Lazarett, das sie 1914 in ihrem englischen Landhaus organisierte, mußten die allerneuesten Apparate und Künste zur Verfügung stehen; kryptisch äußerte sie kurz vor ihrem Tod: "Unsere Epoche ist ein neuer Anfang, alles muß auf neuen Grundlagen neu errichtet werden ..." Während des Dreyfus-Prozesses ergriff sie mit Feuereifer die Partei Zolas und des geopferten Hauptmanns. Gibt es eine klarere Widerlegung der These, ihre Politik sei vor allem klerikal gewesen?
Ihr Leben, auf seiner Höhe, erschien ihr manchmal wie ein Märchen, über das sie staunen mußte. An ihre Schwester Paca schrieb sie einmal: "Wie wunderlich ist das Schicksal! Findest Du nicht? Als wir Kinder waren, wer hätte uns gesagt, was auf uns wartete? Als wir M. Bayle (Stendhal) so aufmerksam lauschten, wenn er uns von den Feldzügen des Kaiserreiches erzählte ... wer hätte mir da gesagt: Du wirst im zweiten Akt dieses Dramas eine aktive Rolle spielen?" Als man sie zum ersten Mal mit "Eure Majestät" anredete, fand sie es komisch, gewöhnte sich aber daran; als Ex-Kaiserin legte sie Wert darauf.
Harold Kurtz meint, die beiden unglücklichen Liebeserfahrungen ihrer frühen Jugend hätten ihr romantisch sehnsüchtiges Herz gebrochen und sie vom Glück Abschied nehmen lassen. Die Heirat mit Louis Napoleon war eine Liebessache von seiner, kaum von ihrer Seite; danach weiß man von keinerlei Herzenserlebnis mehr. Daß ihr Gatte, "vom Fleische gefoltert", wie er war, seine Gunst gar zu oft und gar zu öffentlich an andere verschenkte, scheint nicht so sehr ihre Eifersucht erregt wie ihre Würde verletzt, später auch ihre Sorge wegen des Kaisers Gesundheit erhöht zu haben.
Zu seiner letzten Mätresse, einem Fräulein Bellanger, ging sie einmal direkt ins Haus, um ihr zu sagen: "Sie töten den Kaiser!" Die Dame hatte die Frechheit zu antworten, wenn Ihre Majestät ihren Gatten wirkungsvoller zu charmieren und ihm ein warmes Heim zu bereiten wüßte, dann würde er seine Freuden nicht anderswo suchen.
- Im Grunde war jedoch die Ehe gut
oder wurde es gerade in den Jahren des Niederganges und danach; als dem kranken und deprimierten Kaiser die Zügel der Herrschaft entglitten, fand er in der stärkeren Frau die beste Stütze.
Eugénie war 17 Jahre Kaiserin und danach 50 Jahre nicht; so lange nicht, daß man meinen könnte, ihr Monarchentum hätte allmählich verwelken müssen, zumal es ja ein ganz legitimes nie gewesen war. Aber selten ist ein gestürzter Souverän von seinen Bruder -Souveränen so respektvoll behandelt worden. Bald nach 1870 ließ der alte König von Preußen (Wilhelm I.) ihr sagen, er täte für sie, was er irgend könnte, und stünde noch immer unter ihrem Charme "avant, pendant et après", nach dem Krieg wie vor ihm und während.
Die nahe Freundschaft, die Eugenie mit der Königin Victoria von England verband, wurde von Eduard VII., dann von Georg V. und Königin Mary übernommen; der junge Prinz von Wales, der heutige Herzog von Windsor, hat die alte Dame oft besucht und Mr. Kurtz von seinen Besuchen erzählt. Dem englischen Hof taten die Könige von Spanien, von Schweden, der Kaiser von Österreich es nach; auch Wilhelm II. ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sich gegenüber der greisen Witwe auf das ritterlichste zu erweisen. Es war ein Triumph der Persönlichkeit.
Erleichternd kam hinzu, daß Eugénie reich war. Wir hätten gerne gewußt, wie reich und woher ihr Vermögen kam - eine der wenigen Lücken in Mr. Kurtz' Biographie. Als Louis Napoleon Präsident der französischen Republik wurde, besaß er nichts als Schulden, und Eugéniens Mutter auch nicht viel mehr; als der Kriegsgefangene nach Schloß Wilhelmshöhe geführt wurde, hatte er 260 000 Franc bei sich und, wie er mit Stolz betonte, im Ausland nicht einen Pfennig.
Aber Eugéniens Haushalt im Exil war, solange ihr Sohn lebte, ein kleiner Hof mit Kammerherren, Leibarzt und Damen; später reduzierte sie ihn, nicht aus Mangel, sondern aus Kummer. Sie baute für Gatten und Sohn ein prunkvolles Mausoleum, sich selber daneben ein palastartiges Haus, später noch eine Villa an der Côte d'Azur. In dem Pariser Hotel Continental - gegenüber dem Platz, wo ehedem ihr Tuilerienschloß gestanden hatte - war ein Appartement immer zu ihrer Verfügung. Sie besaß eine Jacht, von der zwar Kaiser Wilhelm II. bei einem Besuch unter dröhnendem Gelächter meinte, man könnte sie in eine einzige Kabine seiner "Hohenzollern" packen, die aber immerhin seetüchtig genug war, um Ahasver Reisen bis nach Konstantinopel und zum Nordkap zu ermöglichen. Ihr reizendes Bodenseeschlößchen Arenenberg, ein marktgängiges Objekt, schenkte sie glattweg dem Kanton Thurgau, mit der Auflage, ein Museum daraus zu machen.
Wie kam das alles zusammen? Wieviel blieb zum Schluß? Mr. Kurtz, vielleicht weil er den Gegenstand für zu prosaisch hält, begnügt sich damit, von einem "beträchtlichen Vermögen" zu sprechen.
Was die Würde Eugéniens vollendete, war die Tragödie. Zuerst der Sturz. Sie trug ihn gut, erhob nie Vorwürfe, rechtfertigte sich nie, schrieb keine Memoiren; die Nachwelt würde gerechter über sie urteilen als die Gegenwart. Dann der Tod des Gatten. Nun, der war so tragisch nicht, denn Napoleon III. war längst nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen. Dann der Tod des kaiserlichen Prinzen Louis Napoleon, des armen Loulou.
Die ersten Jahre des Exils in England schienen hoffnungsvoll für die Mutter und den ernsten, von dem Gedanken seiner Sendung erfüllten Sohn; da war die französische Staatsform noch unbestimmt, die kaiserliche Anhängerschaft im Wachsen. Indem aber die Dritte Republik sich konsolidierte, wurden die Verbannten nicht so sehr verhaßt wie uninteressant; der junge Napoleon spürte das. "Noch weitere zehnJahre eines solchen Regimes", schrieb er, "und Frankreich wird, wie die Vereinigten Staaten, von einer Clique von Politikern regiert werden, die in anderen Laufbahnen gescheitert sind, die sich aber auf das Spiel verstehen, ihre Popularität auszubeuten." Wer würde in Paris dann noch nach ihm fragen?
Es war, um nicht in Vergessenheit zu geraten, daß er sich entschloß, nach Südafrika zu gehen und im Zulukrieg zu kämpfen. "Alle Hoffnungen beruhen auf meiner Person. Gewinne ich an Bedeutung, so verzehnfacht sich die Stärke der kaiserlichen Partei. Ich weiß aus Erfahrung, daß nur ein Mann von ungewöhnlicher Willenskraft Gefolgschaft findet, und mein Hauptanliegen war, mich bekannt zu machen ... Wenn man einem Soldatengeschlecht angehört, findet man nur mit dem Degen in der Hand Anerkennung, und wer durch Reisen lernen will, muß weit reisen." So reiste er denn weit, unter dem Hohngelächter der Pariser Republikaner; ertrotzte sich die gefährlichsten Missionen; ließ während eines Überfalles, da sein Sattelgurt gerissen war und er nicht aufs Pferd konnte, indes seine Kameraden sich aus dem Staube machten, sich von den "Assagais" (Wurfspeeren) der Wilden massakrieren.
Wie die Kaiserin die Nachricht aufnahm, wissen wir zum ersten Mal aus dem Buch von Kurtz; er konnte das Tagebuch einer englischen Freundin Eugéniens gebrauchen, die zugegen war. Und ich will gestehen, daß diese Geschichte etwas tief Bewegendes hat: der einsame Tod des jungen Mannes, der sich bis zuletzt mit der Pistole verteidigte; der erstarrende, tränenlose Schmerz der Mutter; ihre Reise nach Afrika zum Schauplatz des Ereignisses, die Nacht, die sie bei flackerndem Feuer dort verbrachte. Natürlich, so ist es manchem einzigen Sohn und mancher Mutter ergangen, vorher und nachher, und in demokratischen Zeiten sollte man eigentlich keinen Unterschied machen. Weil wir aber Menschen sind und erst danach Demokraten, so machen wir ihn trotzdem.
Aus Afrika schrieb Eugénie an die britische Königin: "Welches Unglück, daß der Kaiser eine Spanierin und ich einen Napoleon heiraten sollte, Natürlich mußte unser Sohn das Opfer sein. Von mir erbte er den Donquijotismus meiner Rasse, die Bereitschaft, alles einem Ideal zu opfern, vom Kaiser den verpflichtenden Namen. Und das alles mitten im 19. Jahrhundert ..." An die alte Dona Manuela, ihre Mutter: "Heute habe ich den Mut, Dir zu sagen, daß ich noch lebe, denn Kummer tötet nicht." Sie hat denn also noch vierzig Jahre weitergelebt.
Einmal, im Weltkrieg, tat sie einen bescheidenen, aber doch wirkungsvollen politischen Schritt. Es geschah durch die Vermittlung des Pariser Zahnarztes Dr. Hugenschmidt, der ein illegitimer Sohn Napoleons III. war. Hugenschmidt durfte die Pariser politische Prominenz, Clemenceau, Poincaré, Doumergue, auf seinem Schmerzensstuhle sehen, und durch ihn kam ein Kontakt zwischen dem Ministerpräsidenten und der greisen Verbannten zustande. Die Sache war die, daß sie einen Brief Kaiser Wilhelms aus dem Jahre 1871 besaß, der die Annexion Elsaß-Lothringens rechtfertigte. Deutschland, hatte der allzu redliche Monarch geschrieben, brauchte die beiden Provinzen nicht aus den und den Gründen, sondern nur, und unbedingt, um in einem nächsten Krieg gegen Frankreich eine bessere Ausgangsposition zu besitzen.
Den Brief wollte Clemenceau haben, erhielt ihn und benutzte ihn als Trumpfkarte bei seinen Verhandlungen mit den Amerikanern: Eine Region, die Deutschland sich eingestandenermaßen nur zu kriegerischen Zwecken angeeignet hatte, mußte es wieder herausgeben ... Der Kaiserin ließ er ein artiges Dankschreiben zugehen: Sie habe Frankreich einen Dienst erwiesen.
Es gibt eine Überlieferung, wonach Eugénie nach dem Krieg den Besuch des Marschalls Foch empfing und ihn den Weg durch die Räume ihres Hauses anstatt auf Teppichen auf Lorbeeren gehen ließ. Vielleicht ist sie falsch; jedenfalls erwähnt Kurtz sie nicht.
Eugénie war zu vital, zu neugierig, zu sehr erfüllt von der Pflicht zu leben und etwas daraus zu machen, als daß ihre letzten vierzig Jahre nur melancholisch und öde gewesen wären. Nie fehlte es ihr an geistreichen Freunden und Bewunderern. Wenn sie keine Memoiren schrieb, so erzählte sie doch; und welche Frau hat je einen merkwürdigeren Lebensroman zu erzählen gehabt?
Dem Nacherzähler ist für sein Buch zu danken. Es ist reich, klug, sauber und voller verhaltener Sympathie.
Harold Kurtz: Eugénie - Kaiserin der Franzosen"
Rainer Wunderlich Verlag Tübingen 484 Seiten 26,50 Mark
Golo Mann
Franzosen-Kaiserin Eugénie
Vom Feind geachtet
Franzosen-Kaiser Napoleon III.
Vom Fleisch gefoltert
Maximilian
Marconi
Stendhal
Bismarck
Cocteau
Clemenceau
Eugénie-Zeitgenossen: "Unsere Epoche ist ein neuer Anfang"
Kronprinz Loulou, Vater (r.)*: "Die gekrönten Häupter werden gehen"
Eugénie-Sohn Louis Napoleon
Tod in Afrika
Eugénie-Biograph Kurtz
Exil in England
* 1858 im Atelier eines Photographen. Napoleon III., der seinen zweijährigen Sohn aufnehmen ließ, geriet zufällig mit aufs Bild.
Von Mann, Golo

DER SPIEGEL 1/1966
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