10.01.1966

„DA MUSS MAN ELLENBOGEN HABEN, KONRAD“

Soweit an Konrad Adenauers Jubeltag der Hauch des Musischen zu spüren war, kam er aus der vollen Brust der Sangesbrüder. Der Mann, der einen deutschen Staat aus der Taufe gehoben, durchsättigt und gerüstet hat, fand unter seinen Bewunderern keinen Dichter oder Denker, keinen Tonsetzer oder Tonkneter, der ihm eine würdige Laudatio gewidmet hätte.
Militärische Musikkorps und Gesangvereine trösteten darüber hinweg, falls es des Trostes bedurfte, allen voran der Kölner Männergesangverein, zu dessen Ehrenmitgliedern Adenauer seit einem normalen Menschenalter gehört. Unter dem Arm eine soeben empfangene Schallplatte mit Darbietungen des Wuppertaler Eisenbahner-Gesangvereins "Flügelrad", horchte er schon am Vorabend seines 90. auf das, was ihm - "Die Rose stand im Tau" - die Herren aus Köln von der Bühne der Bonner Beethovenhalle über den Zigarrenqualm und das brausende Privatgemurmel von zweitausend Ehrengästen der CDU hinweg verkündeten.
Chorknaben aus dem saarländischen Benediktinerkloster Tholey gaben ihm wenig;später die Erinnerung ein, Frankreich habe sich im Hinblick auf das Saargebiet damals doch eigentlich an alle Abmachungen "sehr korrekt gehalten". Und zur Teestunde seines Geburtstages bescherte ihm - "Wohin soll ich mich wenden?" - der dirigierende Oberregierungsrat Ernst Bolt an der Spitze des Singkreises der Bundesministerien e. V. sogar das befreiende Gelächter sämtlicher Minister in und außer Dienst, soweit sie - 42 Mann stark - Ludwig Erhards Einladung an den Kabinettstisch gefolgt waren.
"Der Singkreis", rief dieser Bolt nach dem Ende der Fernsehaufzeichnung mit starker Stimme, "hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur schlechthin zu singen ... sondern wir fühlen auch einen kulturpolitischen Auftrag in uns.
So sei auch der Entschluß gereift, Konrad Adenauer, der bereits im örtlichen Polizeichor seine Ehrenstimme hat, zum Mitglied ehrenhalber zu erheben: Adenauer, der - und nun verlieh der Vorsteher seiner Verlautbarung Kommandogewalt - 14 Jahre den Taktstock geführt habe. "Alle haben nach Ihrer Pfeife getanzt, und das war für das ganze deutsche Volk ein Erlebnis."
Vorübergehend vereinten sich da die widerstrebenden Elemente fast vergessener Adenauer-Koalitionen zu einem einstimmigen Chorus der Belustigung. Außenminister Schröder, der bei der Gratulationscour am Vormittag angesichts seines ungnädigen Entdeckers schon mit den wenigen Formelworten der Ehrerbietung Mühe gehabt hatte, klatschte sich auf die Schenkel.
Ernst Lemmer, dem Adenauer einst boshaft eine Ähnlichkeit mit dem Sowjetmenschen Semjonow nachgesagt hatte, griff wie erlöst in die Zigarrenkiste mit der Aufschrift Schwarze Weisheit" und seufzte: "Ach, meine alte Marke." Maskenhafte Mahnmale Adenauerscher Kompromißkunst wie Oberländer und Globke heilten sich auf. Und selbst Ludwig Erhard empfand erquickt die enthemmende Wirkung einer Überdosis von Pathos, zumal er selbst sich zuvor fruchtlos bemüht hatte, gegen die Vorstellung anzugehen, es habe zu Adenauers Zeiten in diesem Saale einen Allmächtigen gegeben. Wir waren keine Philosophenschule, die wie die Jünger ihrem Meister gelauscht haben."
Trotz redlicher Bemühungen wollte ihm, mitten im Abwehrkampf gegen die Mineure der Großen Koalition, vollmundiges Lob für den Patriarchen nicht recht gelingen. Beim Parteifest in der Beethovenhalle hörte sich das an wie eine Flucht vor seinen Gefühlen: "Wir haben ja morgen noch zweimal Gelegenheit ..."
Am Geburtstagsmorgen, bei Eugen Gerstenmaiers Stehempfang im Bundeshaus, bebten ihm gar die Hände, als es galt, die Gabe seines Kabinetts, eine Ikone aus Kreta, an den alten Mann zu bringen.
Er wünschte dazu: "Ein reiches, erfülltes Leben trotz 90 Jahren", verlor aber bald wieder den Faden des Lobgesanges, um, wie gehabt, über das unerschöpfliche Problem ihrer Zwietracht zu meditieren. "Sie selbst sagten einmal, wenn zwei sich ständig einig sind, dann taugen beide nichts ..." Mit spottlustigen Augen unter den vom vielen Photolicht geröteten Lidern fixierte ihn das lebende Denkmal.
Auch an einem so unbestreitbaren Jubeltag konnte Bonn nicht verbergen, wie klein es Ist und wie sehr die Hauptstadt Konrad Adenauers. Kaum einer wartete in der Schlange der Gratulanten, der nicht vom Patriarchen gemacht, benutzt, getäuscht oder gedemütigt worden wäre, kaum einer, der sich In seiner Gegenwart auf ein Zeremoniell ohne persönliche Anspielungen und Bitterkelten verstünde.
Deshalb weigerte sich der Außenminister, einst Adenauers Musterschüler, für eine Langspielplatte, die der Bertelsmann-Verlag zum Preise Adenauers auf den Markt bringen will, etwas über den verlorenen Vater seiner Karriere zu sagen; ihm würde man sogar das Lob als Hohn auslegen.
Dagegen freute sich Herbert Wehner, auf dieser Platte eine Huldigung an das zerknitterte Ursymbol seiner großen Koalitionsträume eingraben zu dürfen, welches ihm unvergeßliche Wunden geschlagen hat.
Außer Kardinal Frings, der sein Gesicht fast brüderlich, fast blind dem des Jubilars näherte, um ihn - während vor dem Bundeshaus frierender Grenzschutz den Hohenfriedberger spielte - als christlichen Politiker zu loben, gab es unter den Gratulanten kaum einen, der es an inniger Zuwendung mit der SPD hätte aufnehmen können.
Bereitschaft wie die Blicke von Brandt, Wehner und Schiller verriet auch ihr Präsent, ein echter alter Adenauer-Brief: das schriftliche und wohl aufrichtige Bedauern des einstigen preußischen Staatsratsvorsitzenden Adenauer über das Ausscheiden des sozialdemokratischen Innenministers Severing im Jahre 1926. Später, im Kabinettssaal, begrüßte der Briefschreiber als allerersten seinen eigenen Innenminister a. D. Heinemann, der seinetwegen zur SPD gegangen ist.
Die Repräsentanten einer weitverzweigten Familie und die Repräsentanten eines weitverzweigten Systems gesellschaftlicher Gruppen nahten sich Konrad Adenauer in bunter Folge, Dankbarkeit auf den Lippen, und er hatte mitunter von beiden gleich wenig Ahnung. Mit fragendem Lächeln blickte er auf die Urnichte, die "eigens aus Würzburg gekommen" war, und formte mit behutsamen Lippen Freundlichkeiten, die in der Unruhe der Beethovenhalle wie Rauchkringel verwehten.
Herren vom Deutschen Bundeswehr -Verband e. V. überreichten stramm das Aufklärungswerk "Unteroffiziere" (Werden, Wesen und Wirken eines Berufsstandes). Darin wird auch rühmend begabter Unteroffiziere wie Sepp Dietrich, Max Simon oder Hermann Priess gedacht, die es bis zum General der Waffen-SS und weiter gebracht haben.
Stabsoffiziere der von Konrad Adenauer gegründeten Armee hatten vor Konrad Adenauer mit dezentem Hackenschlag acht, aber sie mußten ihm ihre Waffengattung verraten, denn an ihren Uniformen erkennt er sie noch nicht.
Federnd durchschritt Walter Hallstein die Beethovenhalle und ergriff sogleich von Adenauers leerem Stuhl Besitz. Nur Rainer Barzels sattes Lächeln beunruhigte ihn. Er fragte: "Gehört der Stuhl jemand? Dem Bundeskanzler? Du lieber Gott, dann muß er ja auf meinem Schoß sitzen." Und entwich, als habe er sich in die Nesseln gesetzt.
Ohne Anzeichen von Ermüdung gab der Mann, der so alt ist, daß seine Partei für ihn nur noch aus Portugal 90 Flaschen vom Wein seines Jahrgangs auftreiben konnte, sich nach zweitausendfachem Händeschütteln in die Hand von Kindern und Enkeln. Sie erwarteten ihn zu Mittag im "Königshof" und wünschten nach hastigem Vers-Vortrag der Allerkleinsten, ohne weitere Komplikationen zur Suppe überzugehen. Da aber streikte Konrad Adenauer: "Wat, schon zu Ende? Dann sollen meine Kinder wat aufsagen." So gaben sie ihm zur Beruhigung schon das Geschenk, das er eigentlich erst bei Tisch bekommen sollte: den photographischen Stammbaum, der Adenauers, in Heimarbeit geklebt.
"Sehr gut", protestierte Konrad jr., sein Ältester, "den hab' ich als Überraschung in meine Tischrede einbauen müssen." Aber dann fing er an, wie alle Welt, die Kamera auf Papa zu richten, soweit das im Gedränge der Schwestern, Brüder und Kinder ging. "Ja", rekelte sich der Vater, "da muß man Ellbogen haben, Konrad, dat is jenau so wichtig wie der Apparat."
Ist es das, was ihn so zu den Photographen zieht?
Jubilar, Geburtstagsgäste: "Wohin soll ich mich wenden?"
Jubilar, Geburtstagstafel
"Die Rose stand im Tau"
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 3/1966
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