10.01.1966

INDIEN / ROURKELASieg der Deutschen

Das Stahlwerk Rourkela, von der Bundesrepublik erbaut und mit fast zwei Milliarden Mark finanziert, wurde jahrelang als das "Stalingrad der deutschen Industrie" verspottet. Heute ist das Hüttenkorbinat im indischen Urwald das rentabelste ganz Asiens. Aus der vermeintlichen deutschen Niederlage wurde ein Sieg.
Mit einer Million Tonnen Rohstahl hat Rourkela im Geschäftsjahr 1965 rund 18 Prozent mehr erzeugt, als der indische Fünfjahresplan vorschrieb, und die von England und der Sowjet-Union in Indien gebauten Stahlwerke weit hinter sich gelassen.
Die drei Industrie-Nationen waren fast gleichzeitig vor zehn Jahren zu einem Konkurrenzkampf angetreten (SPIEGEL 14/1960). Der damalige Sowjetpremier Nikita Chruschtschow zu seinem Chefkonstrukteur Wenjamin Dymschiz: "Zeige den Deutschen mal, was wir können."
Obgleich die Inder um ein modernes Hüttenwerk gebeten hatten, gingen die Sowjets mit ihrer Lieferung technisch kein Risiko ein. Sie errichteten in Bhilai eine Stahlfabrik, deren Prototyp Krupp und Demag bereits 1936 in der Sowjet -Union gebaut hatten. Moskau verließ sich auf das seit 91 Jahren erprobte deutsche Siemens-Martin-Verfahren.
Die Techniker der Bundesrepublik nahmen die Bitte der Auftraggeber genauer. Sie konstruierten in Rourkela ein Hüttenwerk mit den derzeit modernsten Produktionsmethoden. Sie verwendeten LD-Konverter, in denen reiner Sauerstoff auf das Roheisen geblasen und hochwertiger Stahl erzeugt wird.
Westdeutschlands komplizierte. Edelschmiede hatte einen schlechten Start. Während die Sowjets sehr bald simple Eisenträger, Schienen und Schwellen lieferten, fehlte es in Rourkela an der straffen Leitung der insgesamt 36 deutschen Firmen - darunter Krupp und Demag - und der Qualifikation der indischen Arbeiterschaft, die mit der neuen Technik nicht zurechtkam.
In der indischen Presse und im Parlament wurden die Bundesdeutschen außerdem angeklagt:
- Sie zeigten den indischen Kollegen gegenüber rassischen Hochmut;
- sperrten ihren Klub (German Club)
für Inder;
- veranstalteten lärmende Zechgelage,
obgleich im Unionsstaat Orissa der Genuß von Alkohol verboten sei;
- nähmen sich einheimische Hausgehilfinnen zu Konkubinen.
Zucht und Sitte strafften sich erst, als die Industriebosse der Ruhr im Frühjahr 1958 den Diplom-Volkswirt Bodo Sperling als Leiter des Deutschen Klubs und eine Art Sittenwächter in Rourkela anwarben. Der "Sheriff", wie er bald hieß, sorgte unter den Herrenmensch-Monteuren für Ordnung: Wer nicht parierte, flog mit der nächsten Maschine nach Deutschland zurück.
Im Januar 1962 produzierten die Sowjets bereits, wie vorgesehen, 85 300 Tonnen Rohstahl; auch die Briten erfüllten fast ihr Soll, die Deutschen hingegen brachten es nur auf 38 600 Tonnen.
Um das nationale Prestige zu retten, schickte die Bundesregierung im März 1962 eine Gruppe deutscher Hüttenfachleute unter Leitung des Ministerialdirigenten Walter Solveen, 64, vom Bonner Wirtschaftsministerium nach Rourkela. Die Experten fanden einen "katastrophalen Zustand" (Solveen) vor: Zum Beispiel waren 500 von insgesamt 620 Transportwagen unbrauchbar. Werkzeuge gab es kaum. Ersatzteile beschafften sich einzelne Abteilungen oft dadurch, daß sie andere, bereits in Betrieb genommene Anlagen ausschlachteten. Solveen: "Regelrechter Hochofen-Kannibalismus."
Zudem wurden wichtige Entscheidungen in der aufgeblähten indischen Werksverwaltung verhindert oder verzögert. Für ein vergleichbares Stahlwerk in Deutschland hätten 800 Angestellte ausgereicht, in Rourkela administrierten 3600. Die Deutschen waren
nach dem Aufbau nur als "Berater" geduldet.
Solveen erreichte, daß dem indischen kaufmännischen Generaldirektor Raja der Deutsche Dr.-Ing. Hobert Mintrop, 51, als Technischer Leiter mit Sondervollmachten beigeordnet wurde. Die Bundesrepublik versprach neue Ingenieur-Teams und Kredite zur Einrichtung von Ersatzteillagern.
Mit weiterem deutschen Geld (41 Millionen Mark) forsteten die Rourkela -Techniker ihr Werk auf, und bereits nach fünf Monaten erhöhte sich die Rohstahlproduktion auf 95 Prozent der Sollzahlen.
Indiens Stahlminister Chidambaram Subramaniam, der Rourkela einst "unser krankes Kind" genannt hatte, korrigierte sich nun: "Rourkela ist ein gesundes und sich rasch entwickelndes Kind."
Im März 1963 erreichte das Hüttenwerk erstmals die vorgesehene Produktion von 91000 Tonnen Rohstahl im Monat. Seit Oktober 1964 arbeitet Rourkela mit Gewinn.
Doch erst im vergangenen Jahr, nach Fertigstellung der Walzstraßen und Veredelungsanlagen, zahlte sich die moderne deutsche Konzeption voll aus: Walzfähiger Stahl wird in Rourkela um 30 Prozent billiger als im russischen Bhilai produziert, und Rourkela-Erzeugnisse bringen wegen ihrer besseren Qualität pro Tonne durchschnittlich 100 Mark mehr ein als die englischen und russischen Konkurrenz-Fabrikate.
Nach Angaben der staatlichen Dachgesellschaft aller vom Ausland erbauten Stahlwerke, der "Hindustan Steel Limited", schloß Rourkela das Geschäftsjahr 1965 mit 7,3 Millionen Mark Gewinn ab. Das britische Durgapur brachte es auf 4,5 Millionen, das sowjetische Bhilai nur auf 4,2 Millionen Mark.
In Wahrheit hatte Rourkela 29,4 Millionen Mark Gewinn erwirtschaftet - viermal soviel wie angegeben.
Um den Sieg der Deutschen nicht allzu deutlich werden zu lassen, hatte die "Hindustan Steel Limited" die Zahlen frisiert. Sie ließ die Gewinne des deutschen Stahlwerks mit dem Verlust einer Düngemittelfabrik verrechnen, die - obwohl wirtschaftlich selbständig - ebenfalls in Rourkela arbeitet.
Der "Hindusthan Standard" in Kalkutta jubelte: "Rourkela ist auf dem besten Wege, der Stolz Orissas, wenn nicht ganz Indiens zu werden."
Stahlwerk Rourkela: Russen und Engländer geschlagen

DER SPIEGEL 3/1966
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INDIEN / ROURKELA:
Sieg der Deutschen

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