10.01.1966

HAUPTMANNLage ist fürchterlich

Der Dichter war über sich selbst verwundert: "Eigentümlicherweise" fühlte er sich "allerlei kleinen Anfällen des Eros ausgesetzt". Er träumte von "wütenden Mysterien phallischer Art", wurde von "Zeichnungen Beardsleys" erregt und trug "seltsame Dinge" in seine Notizbücher ein: "Da finde ich zum Beispiel das Wort Libido."
Der Dichter - Gerhart Hauptmann im Sommer des Jahres 1905 - hatte Grund zur Verwunderung: Kurz zuvor war ein zehnjähriger Liebes- und Ehe-Konflikt für ihn glücklich beendet worden, er war von seiner ersten Frau Marie (geborene Thienemann) geschieden worden und hatte endlich seine Geliebte, die Geigerin Margarete Marschalk, heiraten können. Er hätte also eigentlich zufrieden sein müssen - um so mehr beunruhigten ihn aber nun jene Anfälle des Eros".
Doch er beschwichtigte sich noch: "Ich hänge meinen kleinen, ja schließlich nur phantasiemäßigen Ungezogenheiten im Bereich der erotischen Sphäre allzu schwere Gewichte an."
Wenige Wochen später war es mit der Beschwichtigung vorbei, war aus Phantasie Realität geworden: Hauptmann, damals 42, hatte sich in die 16jährige Schauspielerin Ida Orloff verliebt, fühlte sich dem "schönen jungen Kind, das den goldenen Haarschwall bis zu den Knien fließen läßt", verfallen, bangte um seine eben erst geschlossene zweite Ehe und ging sogar mit Selbstmordgedanken um.
Unter dem Datum "Berlin, 13. September 1905" notierte er: Ich fürchte mich, mir die Lage einzugestehen, die schreckliche Entzauberung, die auf der einen Seite eingetreten ist, und die schon fortgeschrittene Verzauberung auf der anderen."
AMI diese und andere Eingeständnisse des späteren Literatur-Nobelpreisträgers über seine Romanze mit Ida Orloff werden erst 60 Jahre nach der Affäre, erst ein halbes Jahrhundert nach ihrer Niederschrift und erst 20 Jahre nach des Autors Tod (1946) zum erstenmal publik: in einem 1100 -Seiten-Sammelband autobiographischer Hauptmann-Schriften, "Die großen Beichten", den der Berliner Propyläen-Verlag im Februar dieses Jahres ausliefern wird.
Die bislang unbekannte Orloff -Beichte Gerhart Hauptmanns ist ein Anhang zum "Buch der Leidenschaft", in dem der Dichter, larmoyant und kaum verschlüsselt, seinen Weg von der ersten zur zweiten Frau, von Marie (im Buch: "Melitta") zu Margarete ("Anja") beschrieben hat. Es erschien erstmals 1930 - ohne das Orloff-Kapitel, das den Titel "Neue Leidenschaften" trägt. Der Autor hatte es zwar zum Satz gegeben, aber Ehefrau Margarete verhindere die Veröffentlichung doch noch.
Die nun aus dem Nachlaß Hauptmanns hervorgeholten 55 Tagebuch-Seiten, die eine bisher nur andeutungsweise bekannte Episode seines Lebens erhellen, beginnen mit dem Datum "Walenstein, den 30. August 1905". Der Name "Walenstein" steht für Hauptmanns Haus "Wiesenstein" im schlesischen Agentendorf. Hauptmanns erste Frau Marie figuriert, wie schon im "Buch der Leidenschaft", als Melitta; Margarete heißt diesmal "Lella"; Ida Orloff ist als "Minka" verschlüsselt.
Hauptmann begegnet der jungen Schauspielerin im September 1905 im Theater seines Freundes "Brecht" (gemeint ist der Intendant und Regisseur Otto Brahm) in Berlin. Brecht-Brahm hatte Minka-Ida, die mit bürgerlichem Namen Weißbeck hieß und in Rußland als Tochter eines hessischen Bierbrauers geboren war, in Wien engagiert. In Berlin spielt sie die Titelrolle in Hauptmanns Stück "Hanneles Himmelfahrt", vier Monate später kreiert sie die dämonische Heldin in seinem Spiel "Und Pippa tanzt!", deren Rolle er ihr auf den Leib geschrieben hat.
Die Berliner Kritiker sind von Ida entzückt, der Autor beichtet in sein Tagebuch der neuen Leidenschaft: "Meine Lage ist fürchterlich... Soll die
geliebte Lella nun ihrerseits die Stelle Melittas einnehmen?"
Hauptmann, quasi ein Vorläufer von Nabokovs Humbert Humbert, fühlt sich vom Nymphchen-Charme seines "kleinen, neuen Idols" fast "widerstandslos geknechtet" und - der 30jährigen Gattin Lella-Margarete schon wieder entfremdet: "Fast weigert sich meine Hand, es niederzuschreiben, aber wenn ich des Nachts erwache, so liegt eine völlig Fremde neben mir."
Bald darauf spricht er sich mit der Gattin aus und ist dankbar erstaunt: "Sie schien gefaßt." Gemeinsam mit ihr erwägt er "einen Schlachtplan dem zerstörenden Ansturm dieses Feindes gegenüber". Doch dann liegt er wieder schlaflos "von dem aushöhlenden Brande einer unbefriedigten Leidenschaft", und deren Objekt erscheint ihm als "eine süße, junge, hilflos Schutzflehende, ein Bildnis kindlicher Reine, das vom überhimmlischen Ort in die sumpfigen Niederungen irdischen Daseins herabgesunken ist".
Endlich kommt Hauptmann seiner angehimmelten Lolita Ida näher - und stürzt in irdische Niederungen ab.
Die 16jährige präsentiert sich ihrem über 26 Jahre älteren Verehrer als Früh-Emanzipierte. Enttäuscht registriert der Dichter ihr triviales und frivoles "Geplapper": "Warum sie zum Theater gegangen sei? Um sich auszuleben. Ich hatte nicht nötig zu fragen, was unter diesem Ausleben zu verstehen wäre."
Nun ist Minka für ihn "höchstens" noch ein "gefallener Engel". Und nachdem er sie in ihrer "ärmlichen engen Wohnung" besucht hat - "Nun ja, ich habe die Kleine geküßt" -, findet er, daß sie eine Hure ist".
Immerhin und trotz "erschreckender Ernüchterung" - ein "Verhältnis ist nun leider eingeleitet", konstatiert der Kavalier.
Das Verhältnis zieht sich viele Monate hin, und es hört auch nicht auf, als Hauptmann "die Spuren anderer Besucher, darunter eines nahen Freundes", in Idas Zimmer bemerken muß. Er bejammert "diese Knechtschaft, die mich entwürdigt", aber er erwägt, mit seiner Geliebten, die er in Briefen als "kleine deutsche Venus", "du liebes Gedicht", "Motte" oder "Kleiner Pinkel" anredet, nach Afrika auszuwandern.
Fieberkrank im Bett liegend, versteckt cr eine "große Locke ihres safrangoldigen Haars" unter der Matratze, phantasiert er von einer Liebesgemeinschaft mit den drei Frauen Marie, Margarete und Ida, diskutiert er mit der Gattin über Möglichkeiten, "den ehelichen Raum zu erweitern".
Einmal hat er die Beziehungen zu Minka-Ida schon abgebrochen, da lockt sie ihn wieder zurück, "und nun", so berichtet er, "geschah etwas voll Poesie. Im Nu waren ihr die Kleider vom Körper geglitten. Wie eine Nixe enthüllte sie sich ... Ich widerstand diesem Zauber nicht".
Der Zauber endet - im Tagebuch "Neue Leidenschaften" - an der Ostsee. Ia Heringsdorf, am 14. Juni 1906, läßt der geheilte Liebhaber den Dampfer abfahren, der ihn zur Insel Rügen bringen sollte, wo Minka seiner harrt.
Dieser Schluß des Tagebuchs weicht von der Wirklichkeit ab: Tatsächlich verbrachte Hauptmann fünf Tage mit Ida auf Rügen.
Die Liebesaffäre des Dramatikers mit der Schauspielerin war vergleichsweise kurz, aber sie blieb nicht ohne Folgen: Nicht nur die Pippa entsprang dieser Verbindung, sondern eine ganze Reihe dämonischer Frauenfiguren in Hauptmanns späteren Werken ist von seinem Orloff-Erlebnis gezeichnet. Und andererseits ist die Hauptmann-Ähnlichkeit eines Sohnes von Ida Orloff, des Schriftstellers Heinrich Satter, einigermaßen verblüffend*.
Satter war es, der acht Jahre nach Ida Orloffs Tod - sie nahm sich 1945 in der Nähe von Wien das Leben, um den Attacken russischer Soldaten zu entgehen - die bis dahin unbekannte Rolle seiner Mutter im Leben Hauptmanns erstmals bekannt machte. In der "Frankfurter Illustrierten" veröffentlichte er 1953 Auszüge aus Hauptmanns Briefen an Ida: "So streichle ich Dich, ungezogener Liebling..." Eine von Satter geplante Buchausgabe der Briefe war 1948 von Hauptmanns Witwe Margarete verhindert worden.
Die Witwe und Erbin des Dichters dachte auch nicht daran, den schon 1930 unterdrückten Orloff-Nachtrag aus dem Nachlaß zu heben. Nach ihrem Tode (1957) wachte ihr Sohn Benvenuto im gleichen Geist über das väterliche Erbe (SPIEGEL 17/1962).
Erst nach Benvenutos Tod im April letzten Jahres konnte der Propyläen-Verlag die Veröffentlichung der "Neuen Leidenschaften" in Angriff nehmen. Benvenuto Hauptmanns Witwe und Erbin Barbara gab die Genehmigung.
Propyläen-Verlagsleiter Wolf Jobst Siedler verspricht sich von der Publikation der Orloff-Bekenntnisse eine Belebung des Interesses heutiger Leser an Gerhart Hauptmann. Während von Hauptmanns Gesammelten Werken (in der sogenannten Centenar-Ausgabe) pro Band etwa 2600 Exemplare verkauft wurden, läßt der Verlag vom Sonderband. "Die großen Beichten" als Erstauflage gleich 18 000 drucken.
* Ida Orloff heiratete 1907 einen Wiener Juristen namens Karl Satter.
Hauptmann-Geliebte Margarete Marschalk, Ida Orloff (r.), Liebhaber Hauptmann (1901): Nach 60 Jahren...
Dichter Hauptmann (1941)
... aus dem Nachlaß eine Beichte ...
Orloff-Sohn Satter
... über Anfälle des Eros

DER SPIEGEL 3/1966
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