10.01.1966

ZEITUNGMACHEN UNTER HITLER

Dr. Alexander Kluge, 33, Ist Jurist, Dokumentarfilmregisseur ("Brutalität In Stein"), Dokumentar-Romancier ("Lebensläufe", "Schlachtbeschreibung") und derzeit auch Film-Dozent an der Hochschule für Gestaltung In Ulm. - Dr. Margret Boveri, 65, von 1934 bis 1937 außenpolitische Redakteurin am "Berliner Tageblatt", später Auslandskorrespondentin der "Frankfurter Zeitung", gehört heute zum Mitarbeiterkreis der "FAZ". Zwischen 1956 und 1960 veröffentlichte sie In "Rowohlts Deutscher Enzyklopädie" eine vierbändige Untersuchung über den Verrat im 20. Jahrhundert".
Im Journalismus ist nichts indiskret.
Paul Scheffer
Zeitungen leben von Indiskretionen, selber mögen sie keine. Was zum Beispiel ist eine bürgerliche Zeitung? In der Jerusalemer Straße in Berlin, heute Ruinenviertel, unweit der Mauer, unweit des neuen Springer-Hochhauses, wurde von 1871 bis 1939 eine solche Zeitung gemacht, das "Berliner Tageblatt". Nach Margret Boyeris Buch - 750 Seiten Fakten, Dokumente, genaue Beschreibung von einer, die einige Jahre dabei war - wissen wir es besser. Wir erfahren die Geschichte des "Berliner Tageblatts" unbefangen als indiskrete Geschichte von Personen.
Die unternehmerische Idee dieser Zeitung war zu jeder Zeit zwiespältig: Die Annoncenexpedition Mosse schafft sich eine Zeitung von bürgerlichem Rang als Oberbau für den rein kommerziell gedachten Unterbau. In der bei étage darf sich der Geist frei entfalten. Er tut das, indem er Feuilleton macht, Politik in Feuilleton verwandelt. Der Meister dieser Kunst Ist Theodor Wolff, gefolgt von einer Schar Epigonen.
1933 (schon vorher Krisenzeichen) kommt es zur Krise. Die Zeitung gerät In Finanznot. Sie hat sich Blößen gegeben, zum Beispiel durch Aufnahme von sogenannten Schmutzinseraten. Am 10. März 1933 wird sie für zwei Tage verboten, sie ist "jüdisch", demokratisch, hat noch am 4. März einen Artikel "Im Namen der Freiheit" veröffentlicht. Um den Makel zu tilgen, schreibt ein neuer Chef, Herr Karl Vetter, den sogenannten Frontschwein-Artikel, das Feuilleton wird zum Schutzwinkel für Verfolgte. Korrespondent Paul Scheffer, aus dem Ausland zurückgekehrt, sieht trotzdem eine Chance. Goebbels ist nicht schwarz in schwarz, inmitten des Dritten Reiches wird versucht, eine Musterredaktion aufzuziehen.
Ist erlaubt, was dem Gegner nützen kann? Ist es erlaubt, eine gute Zeitung unter Hitler zu machen? Der Alltag dieser Zeit erscheint als Alltag einer gigantischen Verwaltungswelt. Drängelnde Artikel im "Schwarzen Korps", Reichspresseschule mit Prüfungen, Kommissare, Kontrollen, Sprachregelungen, Fragebogen, erträgliche und nicht erträgliche Formen des Terrors, persönliche Empfindlichkeiten.
Ohne daß Frau Boveri hierüber eine Theorie aufstellt, wird deutlich, daß neben dem großen heroischen Aufbruch, neben dem beginnenden Einmarsch in die Unmenschlichkeit ein Aufbruch der alten Welt stattfindet, von Beamtentum, Provinz, abgelagerter Tradition und Mittelmaß. Gegen diese Bewegung, mit dieser Bewegung: Reformversuch einer bürgerlichen Zeitung.
Die Autorin gibt Bilder von der Genauigkeit des Films: die Scheffer -Garde beim täglichen Umbruch im Saal der Metteure, Fahrten zum Potsdamer Platz und zum Kurfürstendamm, wo die Abendzeitungen verkauft werden. Ausführlich beschrieben als Beispiel: die Behandlung der Abessinienkrise und des Krieges gegen Halle Selassie, Scheffers Scheitern. Wo dieser, der Lehrmeister der Autorin, auftritt, gelingen Ihr die eindringlichsten Bilder. Scheffer verläßt Berlin nach seinem Rücktritt: "Als er reiste, stand nur ein Grüppchen von Freunden vor seinem Coupé. Ich erinnere mich an Theodor Eschenburg, an Waurick, einen Schwiegersohn des Bankiers Mendelssohn und großen Chinakenner, und an eine Bartänzerin."
Das Buch ist, unter anderem, ein Roman zugunsten von Paul Scheffer, ein Roman von stoischer Sachlichkeit, mit epischen Szenen und dramatischen
Bögen. In den zwanziger Jahren lebt Paul Scheffer, verheiratet mit einer Fürstin Wolkonski, als Korrespondent im Moskau der Trotzki, Bucharin, Stalin. Trotzkis Sturz und Ausweisung verfolgt er aus unmittelbarer Nähe. Ein kluger Herr Puntila (aber wegen größerer Intelligenz ein viel hoffnungsloserer Fall) sieht hier der Weltrevolution zu. Nach einer "Agrarbilanz" Persona ingrata, geht er nach Washington, von dort in das Berlin Hitlers. Sein Abgang als Chefredakteur 1937 bedeutet zugleich die Zerstörung des Blattes.
Scheffers Leitartikel und Berichte (zum Beispiel: Lloyd Georges Verhandlungsmethode, Die Alliierten diktieren ihre Forderungen, Rapallo und die Folgen, Erinnerungen an Tschitscherin, Über Verkommenheit) zeigen eine sachliche Brillanz und Schlagkraft, die völlig im Gegensatz steht zu dem Leitartikelton der anderen bürgerlichen Blätter. Es fehlt jeder "höhere Ton" ("Ohne Vermessenheit, aber ganz schweigende Kraft, ganz ernsthaft verhalten und ohne Rausch der Hoffnung, so muß eine Nation sich Zoll für Zoll In den Knien aufrichten..."). Dafür entstehen Beschreibungen der handelnden politischen Personen und Situationen, deren bereits literarische Qualität vom aktuellen Anlaß unabhängig ist.
Wohin lief diese Kraft und für welchen
Zweck? Margret Boyeris Beschreibung von Paul Scheffer ist eine Studie von der Bodenlosigkeit eines bürgerlichen Verstandes. Wie ein Dompteur eine Schar von Intellektuellen zusammenhaltend, versuchte er das Unmögliche: Ein Mann, der mit einem femininen Instinkt gesellschaftliche Strömungen zu erspüren weiß, macht den utopischen Versuch, gegen die Strömungen der Zeit etwas auszurichten, ohne daß er von einer Utopie weiß. In einer fast genialen Weise beherrscht er die Verhältnismäßigkeit von Mitteln zum Zweck, aber er hat Zweifel an den Zwecken. Wieviel Gedanken und Bemühungen, und wie schwach sind sie gegen die reale Bewegung. Der Weltgeist wohnt nicht in der Redaktion des "Berliner Tageblatts".
Was geschieht zum Beispiel, wenn Paul Scheffer einen Artikel zum 30. Juni 1934, "Staatsraison", schreibt? Dieser Artikel entwickelt in großem gedanklichem Flug und historischen Parallelen die Problematik der Staatsraison und des staatlichen Eingreifens. Viele im, Lande werden über diese Parallelen nachgedacht haben. Aber nachdenken nützt in dieser Situation wenig. Alle, Gedanken zusammen, gedacht von der Memel bis an den Belt, führen doch zu keinen Handlungen In dieser Situation.
Da müßte man an ganz anderen Stellen zu denken anfangen, da müßte man eine reale Chance haben. 1939 in Amerika verfaßt Scheffer für seinen Freund Trott ein geheimes Memorandum, das an Roosevelt gelangen soll. Aber zu dieser Zeit, Scheffer weiß es, während er es verfaßt, helfen keine Schriftsätze mehr.
Wäre doch etwas anzuführen? Die Autorin hat einen Glauben: "Der Wind weht, wo er will, und das Klima, ob gut oder schlecht, greift um sich, auch das psychologische Klima zwischen den Menschen. Keine Politik ist auf die Dauer denkbar, die nicht in ihrem Grund vom menschlichen Klima bestimmt wird." Darin schließt sie die ideologischen Gegner ausdrücklich ein, damals wie heute: jene, ohne die Politik, nicht möglich ist.
Zeitgeschichte der dreißiger Jahre wird meist anders geschrieben, als Frau Boveri es tut. Ihr Verfahren gleicht dem einer aufmerksamen Amtsgerichtsrätin, die noch zuhören kann und die das Landgericht über sich weiß, dazu da, Irrtümer zu korrigieren. Die Zeitgeschichte als Wissenschaft wird das Buch auf seine Widersprüche abklopfen. Aber es gibt genau das wieder, was wissenschaftliche Zeitgeschichte nicht wiederzugeben vermag: die lebendigen Verflechtungen, die subjektive Perspektive. Nur in ihr lassen sich Teile aus jenen Tagen einigermaßen lebendig aufbewahren.
Für die dokumentarische Besessenheit spricht, daß sich die beschriebenen Personei während des Berichtes wandeln. Die Verfasserin hält die Perspektive ihrer Quellen - Gespräche, briefliche Mitteilung, Erinnerungen - streng ein. So erscheint der Treuhandverwalter eines großen Zeitungsimperiums, der erst der Republik; dann Hitler diente, Winkler, auf einigen Seiten abstoßend, wenige Seiten später imponierend. Vielleicht war er so. Man möchte der fragmentarischen, perspektivischen Erzählung eher vertrauen als einem zusammengefaßten Urteil. Urteile will Frau Boveri nicht verkünden. Lieber läßt sie Fakten unvereint nebeneinander stehen. Wie war das Dritte Reich? Frau Boveri würde sagen: unterschiedlich.
Das Buch wird viele Gegner haben. Die Zeit, die hier behandelt wird, war für Journalisten ein Dilemma, "eine Sache der peinlichsten Diskretion", wie einer von ihnen schrieb. Der Streit um "Das Reich" hat die Ideosynkrasien zutage gebracht. Wer aber über den Journalistenberuf, über das Dritte Reich nachdenken will, hat hier eine Fülle von Material.
Für uns Junge ist die Kernzeit des Buches, 1934 bis 1937, eine mythische Landschaft. Es ist aufregend zu lesen, daß in einer Zeit, in der wir irgendwo in einer Provinzstadt spielten, realistische Menschen in einer irrealen Situation in der Hauptstadt des Landes eine Zeitung retten wollten. Die, die dabei waren, so behauptet die "untheoretische" Frau Boveri, lügen alle. Wir wiederum könnten nicht einmal lügen, weil wir nicht mehr wissen, als was wir durch sie erfahren. Aber das, was wir erfahren, ist spannend, fast schon wie Schliemanns Ausgrabungen. Kluge
Margret Boveri:
"Wir lügen alle -
Eine Hauptstadt
-Zeitung
unter Hitler" Walter-Verlag
Olten
744 Seiten
36 Mark
Margret Boveri
Von Alexander Kluge

DER SPIEGEL 3/1966
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