24.01.1966

HANS KÜNG

HANS KÜNG
galt noch vor wenigen Jahren als mutiger und zugleich gefährdeter Außenseiter und ist heute einer der angesehensten katholischen Theologen. 1963 bat Präsident Kennedy den gebürtigen Schweizer ins Weiße Haus, im vergangenen Monat empfing ihn Papst Paul VI. im Apostolischen Palast. Zu Küngs Förderern zahlen reformfreudige Kardinäle wie der Osterreicher König, der Franzose Liénart und die Amerikaner Cushing und Ritter. Das US-Nachrichtenmagazin "Time" nannte den heute 37jährigen Tübinger Dogmatik-Professor "das bedeutendste theologische Talent in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg". Als Küng bei Gastvorlesungen in Oxford, London und Cambridge das künftige Bild der katholischen Kirche entwarf, feierte ihn das anglikanische "Church of England Newspaper" (London) "nicht nur als Gelehrten, sondern auch als Propheten".
Während einer achtwöchigen Reise durch die USA übte Küng 1963 an der Yale-Universität und zahlreichen anderen Hochschulen scharfe Kritik an seiner Kirche ("Bis heute ist der Geist der Inquisition und der Unfreiheit nicht ausgestorben") und begründete seine Reform-Thesen. Ähnlichen Beifall fand Küng 1964 in Indien, als er bei einer Vortragsreise den dortigen Andersgläubigen die Erneuerung der katholischen Kirche erläuterte.
1958 noch war der heute weltweit bekannte Küng, der in Rom die päpstliche Elite-Universität Gregoriana besucht hat, Kaplan in Luzern gewesen. 1959 wurde er Assistent an der Universität Münster, 1960 Professor in Tübingen, wo er das Institut für ökumenische Forschung leitet. Als er einen Ruf nach Münster erhielt, bekräftigten Studenten beider Konfessionen ihre Bitte, Küng möge in Tübingen bleiben, mit einem Fackelzug.
Küng hat bislang neun Bücher geschrieben, die ausnahmslos in mehrere Sprachen - zwei sogar ins Japanische - übersetzt wurden. In seinem ersten Werk, das er in Rom (Protestant Karl Bart: "Direkt unter der Nase Seiner Heiligkeit") und in Paris schrieb, wies er die weitgehende Übereinstimmung der Lehre des reformierten Karl Barth und der katholischen Doktrin über die Rechtfertigung nach, die bis dahin als gegensätzlich galten. 1960 begründete er in dem Buch "Konzil und Wiedervereinigung" (in Deutschland sieben Auflagen) so kühn wie bis dahin kein anderer katholischer Theologe Hoffnungen auf das Konzil. In seinem Werk "Strukturen der Kirche" untersuchte Küng das heikle Problem, in welchem Maße die Beschlüsse des Konzils von Konstanz (denen zufolge ein Papst sich dem Konzil zu unterwerfen hat) noch von aktueller Bedeutung sind (SPIEGEL 16/1963).
Von konservativen Klerikern wurde der Tübinger Reformtheologe häufig angefeindet. So monierte der Aachener Professor und Konzilstheologe ("Peritus") Heribert Schauf 1961, Küng habe "weitere Kreise beunruhigt und unsicher gemacht".
Johannes XXIII. berief ihn 1962 zum Konzilstheologen. Während des Konzils warb der siebensprachige Schweizer in zahlreichen Vorträgen vor Bischöfen aller Kontinente für seine progressiven Ideen. Mehrere bedeutende Interventionen, die Kardinäle und Bischöfe im Petersdom vortrugen, stammten aus Küngs Feder.

DER SPIEGEL 5/1966
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