31.01.1966

JESUS - VOR DER AUFERSTEHUNG

Rudolf Augstein über JoeI CarmichaeIs Buch "Leben und Tod des Jesus von Nazareth"

Von Augsten, Rudolf

Man dort nur einmal In einer Predigt oder in einem Vortrag, selbst vor Akademikern, ein Bild des Menschen Jesus, wie es In den synoptischen Evangelien uns entgegentritt, zeichnen, und sofort reagiert der sensus fidelium dadurch, daß er unruhig wird die Mienen verraten, daß der Zweifel sich regt, ob der Prediger beziehungsweise Redner noch an die Gottheit Christi glaube.

Josef Rupert Geiselmann, Professor für katholische Dogmatik an der Universität Tübingen.

An dem Prozeß gegen Jesus, an den

Rätseln seiner Hinrichtung haben sich schon zahllose Exegeten versucht, sei es in frommer Meditation oder aus kriminologischer Neugier, ebenso in der Absicht rechtfertigender Bestätigung wie um dem Christenglauben seine physischen Stützen wegzuziehen.

Mit der Attitüde des voraussetzungslosen Historikers, zu untersuchen, wie alles gewesen sein könnte, hat sich Joel Carmichael dem durch fast zwei Jahrtausende vorfixierten Bild genähert. Er präsentiert eine auf Anhieb frappierende Methode: Ihm, wie vielen vor ihm, ist aufgefallen, daß die lückenhaften uns überkommenen Dokumente - Evangelien, Apostelgeschichte, Apostelbriefe - nicht so sehr auf die Rekonstruktion des tatsächlichen Geschehens wie auf die Illustration der nach dem Tode Jesu sich auffaltenden Tendenz bedacht sind.

Im Lichte des "auferstandenen", des verklärten, des Gott gewordenen Jesus änderten sich alle Perspektiven jener Ereignisse, die zu seinem Tode führten. Carmichael leitet daraus ein System ab. Alles in den Texten, was im Widerspruch steht zu dieser - nachträglichen - Umwandlung der Perspektive, gewinnt ihm eben dadurch Wahrscheinlichkeit*.

Mit seiner neu gefertigten Elle geht Carmichael sogleich dem eklatantesten Widerspruch in der Geschichtsschreibung der Evangelisten zu Leibe. Wie erklärt es sich, so fragt er, daß die Römer selbst einen Mann ans Kreuz schlugen, unter der verkürzenden Anklage "König der Juden", der, nach Ansicht ihres obersten Gerichtsherren Pilatus, unter römischen Aspekten unschuldig war?

Pilatus, argumentiert Carmichael, galt als äußerst unnachgiebig und grausam, so wörtlich beschreibt ihn der jüdische Philosoph Philon aus Alexandria, ein Zeitgenosse Jesu. Allem Jüdischen stand er verständnislos und feindlich gegenüber. Hätte Pilatus den Jesus für schuldig gehalten, sagt Carmichael, so hätte er ihn verurteilt. Hätte er ihn für unschuldig gehalten, so hätte er ihn nach römischem Gesetz freigesprochen, hätte ihn allenfalls den Juden zur Aburteilung nach jüdischem Gesetz und zur Hinrichtung nach jüdischer Sitte - Steinigung, Scheiterhaufen, Erhängen, Enthaupten - überlassen.

Die Hinrichtungsart, der Kreuzestod, ist Carmichaels kostbarstes Beweisstück. Erst einmal zeigt es an, daß Jesus gelebt hat. Denn kein noch so schwärmerischer Jünger hätte darauf verfallen können, eine so widerwärtige und schmachvolle Todesart ausdrücklich für den Messias zu erdichten.

Der Kreuzestod ist Carmichael "eine der wenigen unbestreitbaren Tatsachen in den Evangelien". Sie beweist aber in einem, daß die Römer den Mann Jesus hingerichtet haben - wieso eigentlich, wenn sie ihn unschuldig fanden? Die Engländer haben die Französin Jeanne d'Arc doch auch nur verbrannt, weil sie ihren Tod und ihre Verurteilung wünschten.

Alle Erklärungen aus den Evangelien können den klaffenden Widerspruch im Prozeß gegen Jesus nicht auflösen. Man hat gestritten, ob die Juden die Kompetenz gehabt hätten, für religiöse Verbrechen die Todesstrafe zu verhängen. Aber, so meint Carmichael, heute sei das nur noch wenigen zweifelhaft, und die Verfasser des Markus-Evangeliums hätten die Befugnis des jüdischen Hohen Rates offenkundig für gegeben angesehen. In jedem Fall, Jesus ist nicht aufgrund einer religiösen Anklage, sondern aufgrund eines Spruches des Pilatus verurteilt und hingerichtet worden.

Wenn Jesus aber nicht aufgrund einer religiösen Anklage und gleichwohl verurteilt und hingerichtet wurde, und zwar von den Römern: Weswegen ist er verurteilt und hingerichtet worden?

Carmichael antwortet: Durch Textkritik wird man die Widersprüche nicht lösen können. Die Rolle der jüdischen Behörden bleibt durchweg unverständlich. Es hilft auch nicht, Mißverständnisse anzunehmen, oder einen Justizmord, denn wo wäre auf seiten der Römer das Motiv?

Die Texte selbst vielmehr sind das Mißverständnis, genauer, die Tendenz der Texte produziert das Mißverständnis. Da die Römer Aufruhr mit dem Tod am Kreuz bestraften und da unbezweifelbar ist, daß die Römer Jesus verurteilt (und nicht etwa nur das jüdische Urteil bestätigt) haben, sieht Carmichael als zwingend an, daß Jesus von den Römern wegen politischen Aufruhrs hingerichtet wurde.

Bis hierher steht Carmichael auf tragfähigem Grund. Da wir nicht, wissen, was sich wirklich ereignet hat, gibt es aus den Texten keine stichhaltige Widerlegung. Nehmen wir also an, Pilatus war nicht fähig, seine eigene Rechtsprechung zu parodieren (was die Evangelisten ihm ansinnen). Nehmen wir an, er hielt Jesus nicht einfach für verrückt (die Texte ermöglichen auch diese, dem Geiste der Evangelien widersprechende Auslegung). Nehmen wir an, er fand genug Gründe, Jesus den Prozeß zu machen. Welche Gründe könnten das gewesen sein?

Befragt von Pilatus, nannte Jesus sich selbst "König der Juden". Die einzige Reaktion des Pilatus soll gewesen sein, daß er den Juden eröffnete, er finde "keine Schuld an diesem Menschen". Nur wenn er Jesus für unzurechnungsfähig gehalten hätte, wäre diese Eröffnung denkbar. Sie kann sich so nicht abgespielt haben. Ebenso ist ganz ausgeschlossen, daß anstelle des für unschuldig erkannten Jesus der Mörder und Aufrührer Barabbas freigelassen worden wäre.

Der höchst unwahrscheinliche Brauch, anläßlich des Passah-Festes einen verurteilten Gefangenen freizulassen, wird sonst nirgendwo bestätigt. Ebenso wird man bezweifeln müssen, daß Pilatus seine Hände nach altjüdischer Sitte in Unschuld gewaschen und dabei Bibelsprüche zitiert hat.

Was immer Carmichael von sich aus beisteuert, um den Widerspruch zu lösen, in einem hat er recht: Die Rolle der Römer muß in den Evangelien falsch dargestellt worden sein. Daß sie mehr mit Jesu Tod zu tun haben, als die Evangelisten wahrhaben wollen, wird an mehreren Stellen offenbar. So besorgen sich die Juden bei dem Evangelisten Markus wegen Jesus: "Lassen wir ihn so (fortfahren), dann werden sie alle an ihn glauben, und es werden die Römer kommen und nehmen uns Land und Leute." Der Hohepriester Kaiphas entgegnet ziemlich weltklug, ein rechter Adenauer: "Es ist euch besser, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe."

Demnach wäre Jesus in den Augen der Römer ein auch für deren weltliche Herrschaft bedrohlicher Unruhestifter gewesen - mit dem Anspruch, der Messias und der König der Juden zu sein, konnte das nicht ausbleiben. Daß der Leichnam nach allen vier Evangelien von Pilatus ausgebeten werden mußte, zeigt, wie unumstritten die römische Verantwortung auch nach den frühesten Quellen gewesen ist.

Carmichael begnügt sich aber nicht damit, derlei unwiderlegliche Hinweise, die noch kein Ganzes ergeben, zusammenzutragen. Er hat eine neue Theorie, er sucht den in sich widersprüchlichen Texten die zur Stützung nötigen Indizien abzugewinnen, überall interessante Funde am Wegrand zurücklassend, auch wenn er sich in der Martins-Wand eifriger Wie-war-es-wirklich-Sucher versteigt.

Jesus, so ist etwa sein Gedankengang, war nicht nur potentiell, sondern ganz real ein Aufrührer gegen die römischen Oberherren, und die Evangelien stecken voller Hinweise, die zu eliminieren den Verfassern in ihrer unhistorischen Betrachtungsweise nicht beigekommen ist, obwohl das von ihnen entworfene Bild derart verwirrt wurde.

Die meisten Exegeten sehen in dem Zug nach Jerusalem eine einschneidende, wohl aus Enttäuschung geborene Veränderung der Absichten Jesu. Man hat den Eindruck, als wolle er etwas erzwingen, sein Ton in Jerusalem, wo er nur tagsüber bleibt, wird apokalyptisch-wild, das Verhältnis zwischen Juden-Gott und Römermacht wird diplomatisch austariert ("Gebt des Kaisers" etc.). Man tastet sich ab und verhandelt, kurzum, das Ende mit Schrecken kündigt sich zwischen den Zeilen an.

Carmichael begnügt sich nun nicht damit anzudeuten, welche hochpolitischen Vorgänge hinter den spärlichen Texten verborgen sein könnten. Er konstruiert eine Tat: Jesus habe versucht, sich des Tempels in Jerusalem mit Waffengewalt zu bemächtigen. Wenn er die Wechsler und Händler und Taubenverkäufer, angeblich mit einer "Geißel aus Stricken", aus dem Tempel trieb, mußte er über eine "bewaffnete Streitmacht" verfügt haben, die stark genug war, den riesigen Komplex "zu besetzen und ihn einige Zeit zu halten". Laut eigener Aussage habe er vor seiner Festsetzung "täglich im Tempel gelehrt".

Daran ist richtig, daß die biblische Schilderung von der Tempelreinigung dem weitläufigen Heiligtum mit seinen Tausenden von Bediensteten, Wächtern und Nutznießern, mit seinen Schatzkammern, Geldinstituten und Märkten nicht gerecht wird. Aber kann man daraus nicht auch den umgekehrten Schluß ziehen, daß die Tempelreinigung eher bildlich zu verstehen ist und physisch gar nicht stattgefunden hat? Oder daß sie "wenig mehr war als ein Zank in einem östlichen Bazar", wie der Exeget Dr. Paul Winter annimmt?

Carmichael nennt diese Auslegung "naiv". Er sucht (und findet) Hinweise auf Waffen in allen vier Evangelien. So fragen bei Lukas Jesu Gefährten in der Nacht der Gefangennahme: "Herr, sollen wir mit dem Schwerte dreinschlagen?" Einer, bei dem Evangelisten Johannes ist es Petrus, schlägt einem der Knechte des Hohenpriesters ein Ohr ab.

Bei Lukas sendet Jesus die Jünger über Land und fordert sie auf: " ... wer aber nichts hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert."

Carmichael spekuliert über jene merkwürdige Stelle, ebenfalls bei Lukas, wo von achtzehn Menschen die Rede ist, "auf welche der Turm in Siloah fiel und sie erschlug". Diese achtzehn, sagt Jesus, seien nicht schuldiger als alle anderen Menschen in Jerusalem: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auch so umkommen."

Ebensowenig, sagt Jesus, seien jene Galiläer sündiger gewesen als alle anderen Galiläer, "deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte". Welche Galiläer denn hier von Pilatus umgebracht worden seien, fragt Carmichael und welcher Turm stürze denn wohl ganz von selbst In sich zusammen? Nach neuer Erkenntnis seien der Turm in Siloah, ein Teil der Stadtmauer, und der Felsengrund für ihre Festigkeit berühmt gewesen.

Eine weitere rätselhafte Stelle, bei Markus, zieht Carmichael (sprich Karmaikel) mit heran: "Es lag aber der, welcher den Namen Barabbas trug, in Fesseln mit den Aufrührern, die in dem Aufruhr einen Mord begangen hatten." Bei Lukas ist Barabbas ins Gefängnis geworfen worden "wegen eines in der Stadt entstandenen Aufruhrs". Carmichael wittert hier Fährten, die er gern verfolgen würde, wenn sie nur etwas deutlicher wären.

Er hält die Jünger für Hauptleute eines organisierten Unternehmens, das "einen militärischen Faktor mit einschloß". Jakobus und dessen Bruder Johannes heißen die "Donnersöhne", ein Apostel Simon wird mit Zunamen

"Eiferer" genannt. Eiferer, Zeloten, seien alle jene religiösen Aufrührer gewesen, die in den römischen Schriften als Räuber und Wegelagerer abqualifiziert werden.

Josephus, der Quisling unter den jüdischen Historikern, sagt über diese Zeloten, sie nennten "keinen Herrn außer Gott, selbst wenn man sie foltert oder tötet". Um die Geburtszeit Jesu herum, im Jahre vier vor Christus, hat der römische General Varus eine Revolte solcher Zeloten niedergeschlagen und Tausende ans Kreuz heften lassen. Und ein Menschenalter nach Jesu Tod brach der totale Volksaufstand los, dessen Schrecken der biblische Jesus prophetisch verkündet hatte.

Auch in Johannes dem Täufer sieht Carmichael einen Maquisard, der in die Wüste zieht, um dem römischen Gesetz nicht unterworfen zu sein. Seit den Tagen des Täufers, so sagt Jesus bei Matthäus, "wird das Reich der Himmel mit Gewalt erstrebt, und gewaltsam Ringende reißen es an sich". Johannes der Täufer habe die Juden, nach einer anderen Quelle, aufgefordert, "die Städte zu verlassen". Seine Taufe sei eine Art Soldateneid gewesen. Jesus - und hier läßt Carmichael seiner Spekulation, die er freilich als solche kennzeichnet, die Zügel schießen - habe sich mit dem Täufer überworfen, vermutlich über einer strategischen Frage. Hinter dem offensichtlichen Unterschied zwischen den beiden - Johannes taufte, Jesus nicht - verberge sich ein tiefer reichender Streit. Vielleicht der, daß der zivilisationsfeindliche Täufer keinen "Marsch auf Jerusalem" wollte?

Man muß nicht Soldat, nicht Zivilist und auch nicht Theologe sein oder gewesen sein, um zu erkennen, daß der Orientalist Carmichael die Texte auf der Suche nach Indizien für einen bewaffneten Aufstand zu sehr strapaziert. Was seine Phantasie ihm eingibt, kann so gewesen sein, aber ebenso ist auch möglich, daß es nicht so war.

Der Keim einer bewaffneten Insurrektion mag ja der mit Jesus verbundenen Bewegung durchaus innegelegen haben. Aber was die Texte ohne Vergewaltigung enthalten, reicht aus, um Jesus als einen für die römische Oberherrschaft potentiell gefährlichen Mann und damit, vom noch heute gültigen vorbeugenden Staatsschutzdenken her, für einen Aufrührer auszuweisen. Jeder, der sich als Messias feiern ließ, war eine Gefahr für die labile Ordnung zwischen den Juden und ihren römischen Oberherren.

Carmichael faßt einleuchtend und einprägsam zusammen, welcher Natur das "Reich der Himmel" sein sollte, dessen Heraufkunft Jesus und Johannes der Täufer verkündigten. Das von Jesus erwartete Reich ist eine materielle Umwandlung der Welt, bewirkt durch den Willen Gottes, dargetan vorerst nur an den gesetzesgläubigen Juden. Manifestieren würde sich das Reich der Himmel in Jerusalem. Es würde eine neue Weltordnung für die Gerechten und die Frommen bringen und stand zumindest in dem Sinne unmittelbar bevor, daß diese Welt ihrem baldigen Ende entgegenging. Die folgende Feststellung Carmichaels wird den meisten

Widerspruch finden: "Man kann sogar sagen, daß eben aus diesem Ausbleibendes Reiches Gottes die christliche Kirche entstanden ist."

Hat sich Carmichael von seiner eigenen Streitmacht-These blenden lassen, so muß man freilich zugeben, daß eine unvoreingenommene Evangelien-Kritik nicht möglich scheint und gewiß auf theologischer Seite bisher nicht betrieben worden ist: Vielleicht bedurfte er eines exaltierten Gegenbildes, um sich dem Klischee zweier Jahrtausende entgegenzustellen, das er so umschreibt: "Blinde, unwissende Menschen (die Juden nämlich) seien entschlossen gewesen, das Vorbild reiner und zeitloser Tugend zu vernichten, weil es eine Botschaft brachte, die über das hinausging, was ihrem Verstand zugänglich war."

Carmichael sucht Jesus aus den Vorstellungen der damaligen Zeit, die Jesus teilte und an denen er fortwirkte, zu erfassen. An die leibliche Auferstehung des Messias zu glauben, wäre diesen jüdischen Mitbürgern Jesu ganz widersinnig erschienen, ebenso die Vorstellung von einem Mensch gewordenen Gott, mit dem man sich auf mystische Weise vereinigen könne.

Man muß blasphemischerweise die uralte - mit Reimarus - Frage dulden, ob Jesus selbst solche Vorstellungen gehabt haben-könne, er, der von sich sagt, er wisse nicht, wann das Reich der Himmel komme, nur Gott wisse es; er, der dieses Reich mit unterschiedlichen Fristen erwartete, spätestens aber zu Lebzeiten seiner Generation.

Um Carmichaels etwas extravagante Militär-These herum gruppieren sich Erwägungen, wie denn die Jesus zugeschriebenen, dem jüdischen Gesetzesglauben widerstreitenden Doktrinen und Glaubenssätze haben entstehen können. Mir scheint, es sind vor allem diese - besonders lesbaren - Passagen, die den Verlagen Macmillan (New York), Gollancz (London) und Gallimard (Paris) den Druck des Buches reizvoll erscheinen ließen. In unbefangener Kürze, wie sie sich dem Fachgelehrten verbietet, nähert sich Carmichael dem rätselhaftesten, folgenreichsten und vielschichtig verwobensten Vorgang der uns bekannten Geschichte, der Entstehung der christlichen Religionen. Sie Will auch vom Standpunkt des Nicht -Theologen betrachtet, ja, sie will heute sogar diskutiert sein.

Carmichaels (etwas willkürlich gehandhabte) Methode, für wahrscheinlich zu halten, was entgegen der Tendenz der Verfasser in den Heiligen Schriften stehengeblieben, was nicht eliminiert ist, bewährt sich zumindest an seiner These, nicht die Juden, sondern die Römer seien verantwortlich für den Kreuzestod Jesu. Daß Jesus wegen der Anmaßung, "König der Juden" zu sein, am Kreuz hingerichtet wurde, gewinnt Wahrscheinlichkeit (natürlich nicht mehr!) durch die gegenläufige Tendenz der Evangelisten, die Mitwirkung der Römer zu bagatellisieren, ja den Pilatus, zunehmend mit dem zeitlichen Abstand, zu entschuldigen.

Carmichael verwundert sich, weil

Jesus vor dem jüdischen Hohen Rat einer Anklage konfrontiert wurde (nämlich sich als Messias ausgegeben zu haben), die nach den religiösen Anschauungen der Juden kein Verbrechen war. Die gleiche Anklage vor den Römern, in ihr römisch-weltliches Gegenstück "König der Juden" transponiert, mußte hingegen für ein Todesurteil ausreichen. So vermutet Carmichael (und belegt mit Indizien), der erste: Prozeß vor dem Hohen Rat sei nur eine tendenziöse Verdoppelung des einen einzigen Prozesses vor den Römern, dessen Konturen verwischt worden seien.

Die Evangelien mit deren Niederschrift frühestens dreißig Jahre nach Jesu Tod begonnen wurde, spiegeln einen Haß gegen die Pharisäer, von dem Carmichael annimmt; er sei aus den Zeiten der Niederschrift rückprojiziert in die Zeit Jesu. Denn nicht die Pharisäer, wie der unschuldige Bibelleser glauben muß, sondern die Sadduzäer waren um dreißig nach Christi Geburt die Tempel-Partei, während nach der Zerstörung des Tempels 70 nach Christus die Pharisäer die jüdische Gemeinschaft beherrschten.

Kaum einer von zehntausend Christen wird je gehört haben, daß der jüdische Trieb des Christentums unter Jakobus, dem Bruder Jesu, nahezu bis zur Zerstörung des Tempels der tragende Stamm war, und der für die Heiden sprießende Zweig des Apostels Paulus ein kämpferischer Ableger.

Trotz manchen Vorbehalts kann Carmichaels Buch "Leben und Tod des Jesus von Nazareth" als ein aufrichtiger und darum notwendiger Zusammenstoß zwischen theologischem Dogma und vernunftgemäßem Fragen angesehen werden, als ein Fetzen des neu in Gang gekommenen Gesprächs zwischen Christen und Nicht-Christen.

Carmichael verhehlt nicht, daß er an die Auferstehung des gekreuzigten Jesus, daß er an den Gottmenschen Christus nicht glaubt. Aber im Gegensatz zu jenen überaus modernen Theologen, die das behauptete Faktum der Auferstehung am liebsten in den Bereich des Mythischen wegeskamotieren wollen, nimmt er sie als schlechthin konstituierendes Element des ursprünglichen Christus-Glaubens wichtig. In ihrem Licht wurde alles neu gesehen, neu konzipiert, was dem Menschen Jesus widerfahren war.

Gerade weil der Kreuzestod so unvorstellbar schmählich war, mußte er im Heilsplan von Anfang an beschlossen, durfte der ihm Unterworfene nicht Messias, nicht Gottes Sohn, nicht Christus, der Gesalbte des Herrn, sondern mußte Gott selbst sein. Mit den Worten des faszinierenden, überlebensgroßen Paulus: "Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist ja unsere Predigt leer, leer auch euer Glaube."

Dieses manchem gedankenlosen Christen ärgerliche Buch kann die Entscheidung fördern, ob der Glaube zu glauben oder zu verwerfen sei, der Glaube, Christus sei auferweckt worden. Solche Klärung täte nicht nur den Kirchen gut, sondern auch den politischen Zuständen hierzulande, die sich, was den christlichen Glauben anlangt, durch ein schier unglaubliches Maß der Heuchelei, des Nicht-wissen-und-nicht-fragen-Wollens bezeichnen. Wo Gesetze zur Verschärfung des Gotteslästerungs-Paragraphen mit der regierungsamtlichen Begründung ausgestattet werden, etwa 95 Prozent aller Bürger hingen dem christlichen Glauben an; wo das christliche Sittengesetz zwecks Aufrechterhaltung überlebter Straftatbestände bemüht wird; wo die religiöse Erziehung der Kinder nicht nach der Verfassung, sondern die Verfassung nach der von den Kirchen gewünschten christlichen Er -Ziehung ausgelegt wird; wo hochgestellte Agnostiker die Verfassung zugunsten der christlichen Kirchen verbiegen; wo endlich, vorsichtig geschätzt, 40 Prozent der Bürger zwar Kirchensteuer bezahlen, aber ihren Glauben weder kennen noch bekennen: Da hat der Historiker ein Verdienst, dessen Bohren zur Beantwortung der Frage zwingt: Glaubst du, daß der gekreuzigte Jesus auferweckt worden ist? Glaubst du einen Glauben, der ohne den Glauben an die Auferstehung nicht, der ohne Auferstehung leer wäre?

Nicht nur bei uns, auch in anderen Ländern wird die Reaktion der Kirchen auf Bibel-Kritik als zwiespältig empfunden. Die keineswegs revoluzzerhafte englische Wochenzeitschrift "Spectator" meinte dazu in einem Kommentar über Joel Carmichaels Buch: "Christentum mag zweckdienlich, belebend und heilsam sein. Solange es nicht willens ist, sich öffentlich und regelrecht mit den Einwänden von ernsthaften und verständigen Kontrahenten auseinanderzusetzen, muß es akzeptieren, daß es als nützlicher Staats-Mythos eingestuft wird."

* Das System ist nicht so gänzlich neu, sondern vielmehr uralt, wenn es auch in der Zwischenzeit vergessen wurde. So schreibt schon der geniale Theologe und Orientalist Reimarus (1694 bis 1768) In seinem postum von Lessing veröffentlichten Werk "Von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger", es komme darauf an, "ob uns die Evangelisten in der Geschichte Jesu, wider ihr Denken und aus bloßem Versehen, einige Spuren derjenigen Gründe übriggelassen haben, wodurch sie selbst ehemals bewogen worden sind". Und: "So haben sie mit Fleiß weglassen müssen, was sie zu dem vorigen Systemate veranlaßt hatte." Reimarus ist der erste sachkundige Kritiker der Evangelien. Er war seiner Zeit um 150 Jahre voraus.

Autor Carmichael

Im Licht des auferstandenen Jesus ...

Auferstehung Jesu

...änderten sich alle Perspektiven

Tempel von Jerusalem: Theorie vom Aufruhr

Jesus-Bruder Jakobus

Tragender Stamm

Apostel Paulus

Kämpferischer Zweig


DER SPIEGEL 6/1966
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