31.01.1966

LEISTUNGSZENTRUMMillionen für Medaillen

Im Geheimstübchen arbeitete Bonn die Entwicklungspläne aus", behauptete die sowjetrussische Sportzeitung "Sowjetskij Sport" über ein Fünf-Millionen-Mark-Projekt, das einer seit Jahren unterentwickelten Sportart wieder Ruhm, Rekorde und Olympiareife bescheren soll: das am 11. Dezember 1965 in Inzell eröffnete Leistungszentrum für die bundesdeutschen Eisschnelläufer.
Erstes Opfer des Entwicklungsplans wurden die Sowjets. Im Januar verloren sie trotz ihres vierfachen Goldmedaillengewinners Eugen Grischin gegen die sportlich als halbstark eingeschätzten Eisflitzer der Bundesrepublik erstmals einen Länderkampf.
Außerdem beflügelte der Ende November begonnene Trainingslehrgang in
der modernsten Eissport-Kaserne der Welt die Deutschen zu einem Rekordsturm: Bis zur vergangenen Woche verdrängten die westdeutschen Eisrenner alle Zonenläufer aus der gesamtdeutschen Rekordliste und verbesserten die gesamtdeutschen Bestzeiten neunmal. Und der bayrische Abiturient Erhard Keller löste den Russen Grischin sogar als Weltrekordler auf der 1000-Meter-Distanz ab.
"Heute spricht man von Oslo bis Swerdlowsk", tönte das Nürnberger "Sport-Magazin", von einer "Sportart, die im Bundesgebiet vor sechs Jahren auf dem Aussterbeetat war", Es gab bislang in der Bundesrepublik keine geeignete Dauerbahn mit der vorschriftsmäßigen Länge von 400 Meter. 1956 mußten deshalb sogar die Deutschen Meisterschaften in der Schweiz ausgetragen werden. So verursachten die bundesdeutschen Eisschnelläufer ihren Verbands-Oberen lediglich Unkosten.
Dagegen drangen die im Ost-Berliner Trainingszentrum gedrillten DDR-Läufer planmäßig in die Weltranglisten ein. Die Volkspolizeimeisterin Helga Haase errang 1960 je eine olympische Gold- und Silbermedaille (und wurde dafür zum ersten weiblichen Unterleutnant befördert).
Ein Zufall half der in Bundesdeutschland aussterbenden Sportart zu überleben: Der trainingsbesessene Schweinfurter Kaufmann Günter Traub, der auf Rollschuhen mehrere Geschwindigkeits-Weltrekorde aufgestellt hatte, konzentrierte von 1959 an seinen Ehrgeiz auf den Eisschnellauf. Traub hatte Erfolg. Er stieß bei Europa- und Weltmeisterschaften mehrmals in den Endkampf vor und wurde 1963 - für eine Stunde - sogar Weltrekordler.
Traubs internationale Erfolge ermutigten andere Talente zu zielstrebigem Training - und bewogen die Funktionäre, die Eisschnelläufer weiterhin zu fördern. Noch ein Umstand verhalf der Kümmer-Sportart zu neuer Bedeutung: Die Zonen-Sportler hatten im innerdeutschen Prestige-Kampf nahezu gleichgezogen. In der - damals noch - gesamtdeutschen Olympia-Mannschaft durfte der zahlenmäßig stärkere Teil den offiziellen Repräsentanten, den Chef de Mission, bestimmen. Um nicht hinter einem kommunistischen Mannschafts-Führer einmarschieren zu müssen, finanzierte die bundesdeutsche Sportführung seit 1960 auch aus Bundesmitteln die Ausbildung der Eisschnellläufer mit.
Auf dem Frillensee bei Inzell wurde eine Natureisbahn abgesteckt, Talente wurden zu Trainingslehrgängen zusammengezogen. Erfolg: Für die Olympischen Spiele 1964 qualifizierten sich vier Läufer der Bundesrepublik, ebenso viele wie aus Ulbrichts Eis-Zentrum. Seit 1960 wurden überdies regelmäßig die Deutschen Meisterschaften auf dem Frillensee ausgetragen.
Die 250 Mitglieder zählende Eisschnelllauf-Sekte (von der etwa 100 Läufer und Läuferinnen Wettkämpfe bestreiten) gewann Siegfried Perrey, den Sekretär des Ausschusses zur Förderung des Leistungssports, für ihren kostspieligen Plan, Inzell zum modernsten Eisschnelllauf-Zentrum der Welt zu erweitern.
Jlch hatte zwar viele Schwierigkeiten", erinnerte sich Ludwig Schwabl, Geschäftsführer der Gemeinde Inzell (2600 Einwohner) und Präsident der Eisschnelläufer, "aber heuer sind sich alle einig: Dös is a groß' Sach." Die neu errichtete 400-Meter-Piste wird jeweils im Sommer enteist und in eine rekordfähige Rollschuh-Rennbahn umgewandelt. Die Tribünen fassen 6000 Zuschauer. Zum Gesamtkomplex gehört eine Sportschule mit 50 Betten. Die Sportler finden Duschbäder, Sauna, Massage-, Aufenthalts- und Umkleideräume vor. Im Frühjahr wird ein Hallenbad eröffnet.
In die Kosten von insgesamt fünf Millionen Mark teilten sich das Bundesinnenministerium, das Land Bayern, die Gemeinde Inzell und verschiedene Sportverbände. Der Unterhalt kostet jährlich 200 000 Mark. Zumindest Inzell hofft seine Investitionen zu amortisieren. Denn ähnlich wie die Ruderer Ratzeburg in die weite Welt einführten, sollen die Eisschnelläufer durch ihre Erfolge für Inzell werben. Inzells Fremdenverkehrschef: Eisschnellauf-Präses Schwabl.
Am Inzeller Kiemberg werden zusätzliche Skilifte und Ski-Pisten das Wintertouristen-Ziel komplettieren. Zudem rechnen die bayrischen Eis- und Schnee -Unternehmer fest damit, daß auch andere Nationen ihre Eisschnellauf -Elite in Inzell trainieren lassen. Die ersten Gäste: 70 Franzosen, die in Inzell um ihre Meistertitel kämpften. Am letzten Wochenende unternahmen dort Weltklasseläufer aus Holland und Norwegen Rekordversuche.
Für die deutsche Kufen-Elite wurde der norwegische Trainer Tormod Moum für eine Monatsgage von 2400 Mark bei freier Kost und Unterkunft verpflichtet. Er dämpfte freilich die hochgespannten Erwartungen: "Bei Europa- und Weltmeisterschaften haben die Deutschen keine Chance." Denn bei internationalen Meisterschaften wird nur ein Titel im Vierkampf vergeben - für die beste Gesamtleistung auf insgesamt vier Strecken zwischen 500 und 10 000 Meter. Den Deutschen fehlt jedoch vorläufig ein auf allen Distanzen ausgeglichener Läufer.
So konzentriert Moum seine Arbeit darauf, Spezialisten für die Sprint- und Langstrecken zu verbessern. Sie haben bei Olympischen Spielen größere Chancen, weil Olympia-Medaillen für jede der vier Strecken ausgesetzt werden.
"Wem von uns ist es gleichgültig", nannte der bayrische Kultusminister Ludwig Huber den Hauptzweck der Inzeller Eis-Olympia-Hochschule, "wenn unsere Aktiven ohne Medaillen nach Hause kommen." Die förderungswürdigen Talente werden möglichst auch beruflich in der Nähe ihres Trainings-Hauptquartiers untergebracht. Wehrpflichtige Läufer sollen zu den Gebirgsjägern im benachbarten Bad Reichenhall abkommandiert werden. Dort diente bereits Günter Traub. Gerhard Zimmermann, der zur Zeit beste deutsche Eis-Langstreckler, wird Stadiondirektor von Inzell.
Schon seit November 1965 trainieren 23 ausgesuchte Eisläufer in Inzell täglich bis zu drei Stunden auf ihren 45 Zentimeter langen Kufen (Fachjargon: "Brotmesser"). Als ein norddeutsches TV-Team kürzlich den Medaillen-Trupp filmte, wurde es von dem Berliner Läufer Klaus Kaenschke begrüßt: "Jetzt sehen mich meine Eltern wenigstens im Fernsehen wieder."
Weltrekordler Keller, Trainer Moum in Inzell: Die Russen geschlagen

DER SPIEGEL 6/1966
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