31.01.1966

USA / DU PONTPulver und Politik

Den amerikanischen Bürgerkrieg gewann der Norden mit Du-Pont -Schießpulver, im Ersten Weltkrieg verhinderte Du-Pont-Munition den Sieg Deutschlands, und du Pont baute auch die Atombombe, die den Zweiten Weltkrieg beendete.
"Über die du Ponts kann man nur in Superlativen sprechen", schreibt der amerikanische Journalist William H. A. Carr, "sie sind die reichste Familie der Welt*." Ihr Privatvermögen beträgt mehr als zwölf Milliarden Mark. Von 1600 Familienmitgliedern halten 250 den Kern des Du-Pont-Vermögens; 27 haben einen Vorstandsposten inne.
Machtvollstes Instrument des Du-Pont-Klans ist der größte Chemiekonzern der Welt, die "E. I. du Pont de Nemours & Company" im US-Bundesstaat Delaware. In der Rangliste der Umsatz-Milliardäre hält der Trust den 14. Platz, seine Profit-Rate indes ist mit 16,9 Prozent vom Erlös die höchste der führenden Industrie-Unternehmen der Welt.
Du-Pont-Erzeugnisse revolutionierten die Textil-Industrie. Das Unternehmen stellte als eines der ersten Kunstseide her, und seine Nylonfäden machten das Frauen-Bein zum Fetisch des 20. Jahrhunderts. Letzter Du-Pont-Schlager: Corfam, ein neuartiges Kunstleder, das so porös ist wie Naturleder und so haltbar wie Chemiefaser (SPIEGEL 52/1964).
Den Chemie-Trust leitet heute Lammot ("Motts") du Pont Copeland, 60, ein Ur-Ur-Enkel des Firmengründers Eleuthere Irénée du Pont. Die Klan-Tradition verlangt, daß jeder neue Du-Pont-Chef den Umsatz des Unternehmens verdoppelt. Copeland-Vorgänger Crawford H. Greenewalt brach mit der Tradition: Er verkaufte dreimal soviel.
Du Ponts saßen im Repräsentantenhaus und im Senat. T. Coleman du Pont kandidierte sogar für das Amt des Präsidenten (1916). Samuel F. du Pont wurde der erste Konteradmiral der amerikanischen Marine (1861). Richard C. du Pont stellte einen Weltrekord im Segelflug auf (1934). Viele der du Ponts starben bei Explosionen ihrer Schießpulver-Fabriken; einen, Alfred V. du Pont, erschoß 1893 ein Freudenmädchen im Bordell - mit Du-Pont-Munition.
Keimzelle des Industriegiganten war die "E. I. du Pont de Nemours Schießpulverfabrik", 1802 in Wilmington im US-Staate Delaware gegründet. Gründer Irénées erste Marktforschung verhieß gute Umsätze: "Der Kriegszustand, der in Europa herrscht, ist sehr günstig für mein Unternehmen. Ich werde mein möglichstes tun, um daran zu profitieren."
Mit in Frankreich aufgenommenem Startkapital und gleichfalls dort angeheuerten Spezialisten betrieb der Firmengründer in den USA seine erste Schwarzpulverfabrik, die er ursprünglich nach seinem Lehrmeister, dem Chemiker Lavoisier, benennen wollte, dann jedoch selbstbewußt auf seinen eigenen Namen taufte: "Eleutherian Mills".
1804 machten die ersten Kunden in New York ein Du-Pont-Faß Schießpulver auf. Hundert Jahre lang beschränkte sich die Firma darauf, Explosivstoffe herzustellen.
Zusammen mit fünf großen anderen Munitionsfabrikanten unterzeichnete Gründersohn Henry du Pont 1872 in seinem Wallstreet-Büro einen Vertrag über den Zusammenschluß ihrer Firmen zur Gunpowder Trade Association (GTA). Durch Dumping-Verkäufe zwang die Gruppe kleinere und unabhängige Firmen zum Aufgeben ihrer Pulver-Mühlen. 1879 kontrollierten die du Ponts bereits 61 Prozent der amerikanischen Schießmehl-Produktion. Am 23. Oktober 1899 wurde die Du-Pont-Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Einzige Aktionäre: sechs du Ponts.
Obgleich die explosive Sippe in jenen Jahren ihre Werke beachtlich vergrößerte, brachte ihr erst der Weltkrieg von 1914 bis 1918 eine Expansion, durch die ihr Unternehmen eines der größten in den Vereinigten Staaten wurde.
Der Erste Weltkrieg trug den du Ponts 948 Millionen Mark Reingewinn sowie den Titel "Grossisten des Todes" ein. Du Pont stieg groß ins Geschäft ein und lieferte 40 Prozent der Munition, die gegen das kaiserliche Deutschland verfeuert wurde. Lord Moulton, Generaldirektor der englischen Explosionsstoff-Versorgung, meinte nach Kriegsende: "Die britischen und französischen Armeen hätten die Deutschen ohne du Pont nie abwehren können."
Im eigenen Lande dagegen galten die Propheten des Schießpulvers weniger. US-Kriegsminister Newton D. Baker bezeichnete die du Ponts als "eine Art Banditen". Oberst E. G. Bruckner, Verkaufsleiter des Konzerns, verteidigte sich: "Natürlich machten wir ungeheure Gewinne. Aber wenn wir uns die Millionen entgehen ließen, würde man uns Idioten und Dummköpfe nennen."
Mit den Weltkriegs-Millionen startete der Trust seine Expansion in friedliche Branchen, in denen er heute mehr als 90 Prozent seiner Umsätze macht. Du Pont kaufte insbesondere Chemiefirmen auf.
Die größte Beute aber erlegten die Pulvermänner im Automobil-Revier. Für 49 Millionen Dollar erwarben sie einen Kapitalanteil von 27,6 Prozent an dem umsatzstärksten Unternehmen der Welt, General Motors.
Zwischen den beiden Hochsaison-Zeiten Weltkrieg I und II nutzte der Pulver-Klan seine wirtschaftliche Macht auch für politische Händel. Mit fast einer Million Mark pro Jahr stärkte er beispielsweise dem späteren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt den Rücken.
Doch die du Ponts erachteten ihr Votum für Franklin D. Roosevelt sehr bald als kapitalen Fehler. Der sozialliberale Wirtschaftsplan New Deal schokkierte die konservative Kapitalistensippe. Roosevelt hieß bei ihr fortan "der Kerl in Washington".
Am 22. August 1934 gründeten die du Ponts sogar eine Partei, die "American Liberty League". Spottete "Newsweek" Die Ultrakonservativen sind aus ihren Verstecken gekommen."
Die Ultras bliesen zum Sturm gegen Roosevelt. Ihr Protagonist wurde der stockkonservative Alfred E. Smith, den Roosevelt in der Demokratischen Partei ausgespielt hatte. Der Du-Pont-Spezi nannte den New Deal schlichtweg Kommunismus. Smith: "Es kann nur die klare, reine, frische Luft des freien Amerika oder den übelriechenden Atem des kommunistischen Rußland geben."
Dennoch wurde Roosevelt bei der Wahl 1936 mit der größten Mehrheit seit James Monroe gewählt. Nur zwei US-Staaten verweigerten ihm ihre Stimmen. Die Freiheitsliga löste sich auf.
Nicht alle du Ponts freilich standen zur Rechten der Nation. Aushängeschild du Pontscher Toleranz war die Sozialistin Zara du Pont. Noch im Alter von 70 Jahren stand sie regelmäßig in Streikpostenketten. Obgleich sie in der Sippe als "Verrückte der Familie" galt, (Zara: "Es gehört Verstand dazu, verrückt zu sein"), zählte "Tante Zadie" zur Kerntruppe des Klans.
Zadie du Pont war überzeugt, daß "einmal ein Jude, ein Neger, ein Katholik und eine Frau zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden". Sie starb 1946, 14 Jahre vor der Wahl John F. Kennedys, des ersten katholischen US-Präsidenten.
Im Zweiten Weltkrieg, 1942, geriet "E. I. du Pont de Nemours & Company" in gezieltes Feuer der Politiker. Senator Harry S. Truman bezichtigte den Trust des Landesverrats. Grund: Die Du-Pont-Gesellschaft hatte mit dem deutschen Konzern IG-Farben ihre Verkaufsstrategie auf dem Weltmarkt abgestimmt und noch bis 1941 Verbindung gehalten.
Doch Washington schonte die du Ponts. Die Regierung benötigte den Chemie-Konzern für das aufwendigste Kriegsunternehmen der USA, den Bau der ersten Atombombe.
Im Oktober 1942 beauftragte General Leslie R. Groves, Leiter des "Manhattan Engineer District" (Tarnname für das Bombenprojekt), du Pont mit der Konstruktion einer Isotopen-Trennanlage in Clinton, Tennessee. Nur Du-Pont-Ingenieure waren in der Lage, Verfahrenstechniken der Großchemie in der Atomtrennung anzuwenden.
Du Pont akzeptierte unter der Bedingung, bei diesem Handel kein Geschäft zu machen. So unterzeichneten die Regierung und der Chemie-Konzern einen Vertrag mit dem niedrigsten Profit der Du-Pont-Geschichte: einen US-Dollar.
Nach dem Krieg wurde Amerika dem Industrie-Giganten du Pont zu klein. Der Trust kaufte und baute sich in 16 Ländern an. Heute werden in seinem Imperium jeden Tag etwa vier Millionen Mark in neue Anlagen investiert.
In der Bundesrepublik erwarb du Pont die "Adox Fotowerke" in Frankfurt am Main und gründete in Düsseldorf die "Du Pont Chemie GmbH". Noch 1966 wird der Trust in Uentrop (Westfalen) für 300 Millionen Mark eine Fabrik errichten und Nylon sowie die Polyesterfaser Dacron herstellen.
Die du Ponts unternehmen es damit ein zweites Mal, Deutsche zu beschäftigen. Ihr erster Versuch war fehlgeschlagen: Vor hundert Jahren engagierte die Familie Francis du Pont in Delaware eine deutsche Dienstmaid. Doch das Fräulein schlug die Kinder blau, trat mit Galoschen zum Frühstück an und goß sich den Kaffee in das Glas, in dem es nachts sein Gebiß verwahrte. Die Maid wurde nach zwei Wochen entlassen.
* William H. A. Carr: "Die du Ponts" Römer-Verlag, Stuttgart-Sillenbuch; 1965; 407 Seiten; 24 Mark.
US-Artillerie im Ersten Weltkrieg
Ohne die du Ponts..
Konzernherr du Pont Copeland
..wären die Deutschen ...
US-Atombombe im Zweiten Weltkrieg
...nie besiegt worden
Streikposten Zara du Pont*
Unter den Reichsten eine Sozialistin
* mit Gasmaske, um sich gegen Tränengas-Attacken der Polizei zu schützen.

DER SPIEGEL 6/1966
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