31.01.1966

MONTBLANC-UNGLÜCKVerwirrte Werte

Im Sturmwind kam die Kunde von dem Unheil. Verkohlte Briefe wirbelten vom Himmel auf das italienische Alpendorf Pré St. Didier, 3800 Meter unterhalb des Montblanc-Gipfels.
Zwölf Kilometer weit hatte der mit 150 Stundenkilometer aus Nordwest tosende Orkan die Briefe, die mit indischen Marken frankiert waren, über Schneefelder und Gletscher herangetragen - vom Schauplatz des schwersten Flugzeugunglücks, das sich je im Fels- und Eismassiv der Alpen ereignet hat.
Minuten zuvor, um 8.04 Uhr am Montag letzter Woche, war die mit 106 Fluggästen und elf Mann Besatzung nahezu voll besetzte "Air India"-Düsenmaschine vom Typ Boeing 707 am Montblanc -Felsmassiv "Rocher de la Tournette" zerschellt. Keiner der 117 Insassen überlebte.
Es war das dritte Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs, daß eine Passagiermaschine am Montblanc verunglückte. Seit 1960 wurden mindestens 17 Abstürze von Linien- oder Chartermaschinen in Gebirge registriert (Gesamtzahl der Todesopfer: nahezu 800).
Die Unglücksziffern beweisen: Das Überfliegen von Gebirgsmassiven bei Schlechtwetter zählt nach wie vor zu den besonders kritischen Phasen auf den Verkehrsflugrouten. Auf welche Weise dabei das Zusammenwirken widriger Faktoren zum Desaster führen kann, verdeutlicht das Montblanc-Unglück vom Montag letzter Woche.
Um 8.02 Uhr hatte sich Flugkapitän d'Souza, erfahrener "Air India"-Pilot, zum letztenmal über Sprechfunk beim Kontrollturm des Flughafens Genf -Cointrin gemeldet. D'Souzas letzte Durchsagen über Kurs und Flughöhe seiner Maschine lassen darauf schließen, daß er bereits beim Anflug auf die Bergbarriere seine ursprüngliche, sichere Reiseflughöhe von mehr als 9000 Meter verlassen hatte und in einem flachen Anflugwinkel auf den Zielflughafen zugesteuert war.
Daß dem indischen Flugkapitän dieses Routine-Manöver (das normalerweise 800 bis 1000 Meter über den Berggipfel hinwegführt) nicht gelang, ist nach den bisherigen Mutmaßungen der Fachleute entscheidend auf das Unwetter zurückzuführen, das zur Unglückszeit um das Montblanc-Massiv tobte. Eine Wolkenbank versperrte die Sicht auf den Gipfel. Der orkanstarke Sturm, der genau aus Nordwest der Maschine entgegenheulte, verursachte am Südhang des Gebirgsmassivs heftige Abwinde. Folge: Das Flugzeug verlor viel schneller an Höhe als der Pilot annahm.
Normalerweise hätte der Höhenmesser im Cockpit dem Piloten diesen bedrohlichen Höhenverlust angezeigt. Führende Schweizer Luftfahrt-Experten vermuten indes, daß bei dem Unglücksflug der indischen Maschine gerade dieses Meßgerät falsche Werte anzeigte - infolge der abnormen Wetterlage.
In modernen Verkehrsmaschinen ermittelt der Höhenmesser die jeweilige Flughöhe, indem er den Luftdruck mißt, dem die Maschine ausgesetzt ist; normalerweise entspricht dieser Luftdruckwert ziemlich genau der jeweiligen Höhe über dem Meeresspiegel. Bei so extremen Unterdruckverhältnissen jedoch, wie sie beim Anflug der "Air India"-Maschine am Montblanc herrschten, könnte die Anzeige des Höhenmessers um Werte bis zu einigen hundert Metern verfälscht worden sein.
Diese Abweichung wurde möglicherweise, so erläuterten die Schweizer Fachleute, durch einen weiteren Witterungsfaktor noch verstärkt: Zur Unglückszeit wurden am Montblanc-Gipfel minus 32 Grad Celsius gemessen, rund 18 Grad weniger als normal. Bei dieser extremen Gipfelkälte neigen die kalten Höhenluftschichten dazu, talwärts zu fallen - so entsteht In der Höhe wiederum Unterdruck-Tendenz, die den Druck-Höhenmesser des Flugzeugs zusätzlich verwirrt haben mag.
Ob Flugkapitän d'Souza, seine Besatzung und seine Fluggäste wirklich Opfer einer Luftdruck-Täuschung wurden, wird sich erst in einigen Monaten, nach der Schneeschmelze, feststellen lassen.
Frühestens dann wird der schwarze, kaum schuhkartongroße Kasten wieder aus dem Schnee auftauchen, dessen Inhalt über die Ursache der "Air India" -Katastrophe Sicheres aussagen könnte: der bruchsichere und feuerfest versiegelte Flugdatenschreiber, der bis zur letzten Sekunde vor dem Unglück auch die Anzeigewerte des Höhenmessers registrierte.
Absturzstelle am Montblanc-Massiv: Unterdruck am Hang

DER SPIEGEL 6/1966
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