07.02.1966

VAN-IMHOFF-UNTERGANGDas Totenschiff (II)

Für Holland schien der Fall erledigt. Das Parlament hatte sich nie mit ihm befaßt, die Staatsanwaltschaft hatte die Akten geschlossen, das Volk wollte nicht daran erinnert werden.
Aber als der SPIEGEL Ende letzten Jahres vom Schicksal deutscher Zivilisten beim Untergang des niederländischen Fernost-Dampfers "van Imhoff" (SPIEGEL 52/1965) berichtete, wurde für die Holländer ein düsteres Kapitel der Vergangenheit lebendig: Sie erfuhren, daß Landsleute im Januar 1942 mit Absicht und ohne zwingenden Grund mehr als 400 deutsche Zivilinternierte im Indischen Ozean hatten umkommen lassen.
"Der SPIEGEL beschuldigt niederländische Marine", meldete das katholische Blatt "De Volkskrant" in Amsterdam. "Der SPIEGEL wirbelt Fall 'van Imhoff' auf", berichtete "De Rotterdammer". Dutzende andere Zeitungen griffen den SPIEGEL-Bericht auf. Und die Behörden dementierten.
Bestritten wurde nicht, daß - sondern wie die Deutschen umgekommen waren. Es waren Pflanzer, Missionare, Kauf- und Seeleute, die - während des Krieges im damaligen Niederländisch-Indien interniert - auf der "van Imhoff" von Sumatra nach Ceylon gebracht werden sollten. Als das Schiff durch japanische Bomben wrackgeschlagen wurde, brachte sich Kapitän Hoeksema mit seiner holländischen Mannschaft in Sicherheit und ließ die Deutschen - gedeckt durch einen Befehl höherer Dienststellen - an Bord des sinkenden Dampfers zurück.
Durch dieselbe Order gedeckt, verweigerte anderntags ein anderer holländischer Kapitän über 100 deutschen "van -Imhoff"-Schiffbrüchigen jede Hilfe: Kapitän Berveling von der "Boelongan", von einem "Catalina"-Flugboot der niederländischen Kriegsmarine herbeigerufen, dampfte mit seinem Frachter weiter, nachdem er die Schiffbrüchigen, die sich in zwei Boote und auf Flöße hatten retten können, als Deutsche identifiziert hatte.
Während sich unmittelbar nach Erscheinen des "van Imhoff"-Berichts beim SPIEGEL Überlebende der Katastrophe mit ergänzenden Mitteilungen meldeten (siehe Kasten Seite 62) und die holländischen Zeitungen die Öffentlichkeit mit Schlagzeilen und Zitaten aus dem SPIEGEL-Bericht mobilmachten, sah sich nun auch die Marineabteilung im niederländischen Verteidigungsministerium erstmals zu einer offiziellen Äußerung über die Ereignisse vom 19. und 20. Januar 1942 veranlaßt. Noch im letzten Jahr hatte sie dem Holland-Korrespondenten des SPIEGEL mitgeteilt, das Ministerium "wünscht nicht auf Ihre Fragen einzugehen". Jetzt kam sie in einer von mehreren Blättern nachgedruckten Erklärung zu dem Schluß, man habe die deutschen Überlebenden der "van Imhoff" zwar retten wollen, sie aber nicht retten "können".
Zum Beweis bot die Marinebehörde vor allem zwei Behauptungen an:
- Das zur Rettung von "van Imhoff" -Schiffbrüchigen ausgesandte "Catalina"-Flugboot Y 63 (es machte am Vormittag des 20. Januar 1942 die deutschen Überlebenden in den beiden Booten und auf den Flößen aus) habe wegen "hoher Dünung" nicht auf dem Meer landen und deshalb keine Hilfe leisten können.
- Der Kapitän der "Boelongan", die
sich den Schiffbrüchigen bereits auf Megaphon-Rufweite genähert hatte, habe die Deutschen nicht retten können, weil sein Schiff "plötzlich von einem japanischen Flugzeug angegriffen" worden sei.
Beide Behauptungen aber sind nach "van Imhoff"-Überlebenden unwahr. Schiffsingenieur Albert Vehring, heute Kaufmann in Bielefeld, zur holländischen Flugboot-Version: "Die See war spiegelglatt, als das Flugzeug kam ... Hohe Wellen haben wir nie gehabt." Und der heute in Stuttgart lebende Missionar Gottlob Weiler versichert: "An dem Tag war das Wasser ganz ruhig ... Die im Flugboot haben ein paarmal gewinkt und sind dann fortgeflogen"
Vehring zur holländischen "Boelongan"-Version: "Das ist eine ganz harte Lüge." Erst als die "Boelongan" längst wieder aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden war, hörten die zurückgelassenen Schiffbrüchigen Detonationen, die auf einen Bombenangriff schließen lassen konnten.
Und außerdem: Die "Boelongan" hatte am Vormittag des 20. Januar 1942 zweimal gestoppt - zunächst bei dem ersten der beiden Schiffbrüchigen-Boote, dann bei dem zweiten, das zusammen mit den Bambusflößen etwa einen Kilometer weiter entfernt trieb. Zumindest zur Zeit der Begegnung mit dem ersten Boot konnte deshalb die Luftgefahr noch nicht so groß gewesen sein, daß "Boelongan"-Kapitän Berveling genötigt gewesen wäre - wie das Haager Ministerium mitteilt - "wieder die Geschwindigkeit zu vergrößern und auf Zickzack-Kurs weiterzufahren".
Ebensowenig stichhaltig wie die Beweisführung des Verteidigungsministeriums ist die Stellungnahme des Direktors des niederländischen Reichsinstituts für Kriegsdokumentation, Dr. Lou de Jong.
In einem Interview mit dem renommierten liberalen "Algemeen Handelsblad" bezweifelte er die SPIEGEL-Mitteilung, die Kapitäne der "van Imhoff" und "Boelongan" hätten laut Order niederländisch-indischer Marinedienststellen deutsche Schiffbrüchige nicht zu retten brauchen. De Jong: "Dies scheint mir höchst unwahrscheinlich... Wenn der SPIEGEL über ein derartiges Dokument verfügen würde, müßte das Blatt es veröffentlichen."
Das aber kann weder der SPIEGEL noch vermutlich sonst irgendwer, und de Jong sagte in seinem Interview selber, warum: "So gut wie die ganze Marinedokumentation aus Surabaja (Marine-Stützpunkt in Niederländisch -Indien) ist verlorengegangen." Daß die Marine-Order an die Kapitäne aber tatsächlich existierte, wurde dem SPIEGEL von mehreren Seiten bestätigt:
- Ein Vorstandsmitglied des Vereins pensionierter Steuerleute der "Koninklijke Paketvaart Maatschappij" (K.P.M.), unter deren Kontor -Flagge "van Imhoff" und Boelongan" fuhren, erklärte dem SPIEGEL, Kapitäne von Evakuierungsschiffen hätten 1942 von der Kriegsmarine in Niederländisch-Indien eine Anweisung bekommen, sie brauchten keine schiffbrüchigen Deutschen zu retten.
- Cornelis Tjebbes, Dritter Steuermann
der "Boelongan", berichtete dem SPIEGEL über ein Gespräch, das er nach der Begegnung mit den "van Imhoff"-Überlebenden mit seinem Kapitän geführt hatte: "Berveling erklärte mir später, es habe ein Befehl des Kriegsmarine-Kommandanten in Sibolga (auf Sumatra) vorgelegen, keine Deutschen zu retten."
- Der "van Imhoff"-Überlebende Gottlob Weiler teilte dem SPIEGEL mit:
"Daß ein Befehl vorlag, nur Holländer zu retten und sich mit der Rettung Deutscher nicht abzugeben, bestätigte mir 1946 während der Rückreise aus Indonesien auf dem Passagierschiff ,Oranje' ein Kapitän Kühne der niederländisch-indischen Armee ... Er sagte, daß Admiral Conrad Helfrich (damals Marinechef in Niederländisch-Indien) selbst den Befehl gegeben habe."
- De Jongs Abteilungsleiter für Niederländisch-Indien, Kapitän a. D. Abraham Vromans, motivierte dem SPIEGEL gegenüber im letzten Jahr den Erlaß der Anweisung mit den "Haßgefühlen" der Kolonial-Holländer gegen die ins Mutterland eingefallenen Deutschen.
Ein weiteres Dementi zum SPIEGELBericht über die "van Imhoff"-Affäre stammt von der sozialistischen Rundfunk- und Fernsehanstalt Vara in Hilversum. Vara-Chef Jan Rengelink, so hatte der SPIEGEL berichtet, habe voriges Jahr nach Intervention des niederländischen Verteidigungsministeriums eine schon fertige Fernseh-Dokumentation über den Untergang der "van Imhoff" wieder vom Programm absetzen lassen. Vara jetzt: "Wir haben völlig aus eigener Initiative entschieden, die Sendung zu streichen."
So einsam war die Entscheidung nicht. Kapitän a. D. Vromans vom Reichsinstitut für Kriegsdokumentation schon letztes Jahr zum SPIEGEL: "Ich habe mit dieser Entscheidung selbst so viel zu tun gehabt, daß ich Ihnen darüber leider nichts mitteilen darf."
Schon eine Woche nach den Dementis brach in Holland über den Fall "van Imhoff" wieder - wie das im flämischen Antwerpen erscheinende satirisch-politische Wochenblatt "'t Pallieterke" schrieb - "das große Stillschweigen" aus. Die Akten blieben geschlossen, und für Hollands Justiz galt weiter, was bereits 1956 in einer Untersuchung festgestellt worden war: "Kein Grund für einen Strafantrag."
Holländischer Frachter "van Imhoff": Gab es einen Befehl ...
... Deutsche ertrinken zu lassen?: Schlagzeilen zum "van Imhoff"-Bericht des SPIEGEL

DER SPIEGEL 7/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VAN-IMHOFF-UNTERGANG:
Das Totenschiff (II)

Video 04:36

Merkel-Besuch in Chemnitz "Eine Provokation, dass sie hier ist"

  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"