07.02.1966

JESUS - KÖNIG DER JUDEN?

1. Fortsetzung
Die Herkunft Jesu
Gehen wir von der Kreuzigung zurück und befassen uns mit der Art, in der Jesus seinen Zeitgenossen gegenübertrat. Betrachten wir seine Herkunft, seinen Charakter, seine Botschaft und die Laufbahn, die ihn zu seinem Tode führte.
Hier ist eine Mahnung notwendig. Es wurde bereits betont, daß nach dem Tode Jesu schon eine Generation vergangen war, als die Evangelien niedergeschrieben wurden, das heißt, als eine bis dahin rein mündliche Überlieferung zum ersten Mal schriftlich festgelegt wurde. Die Kreuzigung und der Glaube an die Auferstehung - Tatsachen, die den Ursprung der Christenheit und ihre Entwicklung durch alle Zeitalter beherrschen sollten - waren bereits zwischen die Erinnerung an Jesus, welcher Art sie auch sein mochte, und das jeweilige Interesse an Verehrung bei den ersten christlichen Generationen getreten.
Wenn wir uns an unser Hauptkriterium erinnern, daß alles, was im Widerspruch zu dieser Perspektive steht, wahrscheinlich historisch ist, dann erkennen wir, wie die Erhöhung Jesu bereits im Text des Neuen Testaments selbst um sich greift. Wie auf einem von neuem beschriebenen Pergament haben fünf Stadien deutliche Spuren hinterlassen.
Zuerst ist da die bescheidene Geburt Jesu in einer armen Familie der Punkt,
der von der endgültigen Verherrlichung Jesu am weitesten entfernt liegt. Dann die Erhöhung zur Messianität, nach einer biologisch natürlichen Geburt; seine königliche Abstammung; seine übernatürliche Geburt (ohne menschlichen Vater); schließlich seine Göttlichkeit, die auf zwei verschiedene Arten (bei Paulus und im vierten Evangelium) beschrieben wird.
Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung darf in dem Glauben der unmittelbaren Jünger Jesu gesehen werden, daß er der Messias sei. Dieser mag hervorgegangen sein aus dem Glauben an seine Wiederauferstehung oder gleichzeitig entstanden sein.
Wenden wir uns für einen Augenblick von den Evangelien ab und betrachten das, was Paulus über Jesus zu sagen hat. Obgleich Paulus ihn nicht persönlich gekannt zu haben scheint, war er sein Zeitgenosse, und seine Briefe gingen den Evangelien um viele Jahre voraus. Das erste, was an den Äußerungen des Paulus über den Menschen Jesus auffällt, ist ihre Kargheit, die noch kärglicher ist als die der Evangelien. Das ist alles, was er uns sagt:
Jesus war ein Jude, "von einem Weibe geboren, dem (jüdischen) Gesetz unterworfen" (Galater 3, 16; 4, 4).
Er stammte von David ab (Römer 1, 3).
Er predigte nur zu Israel, "um die Verheißungen an die (jüdischen) Väter zu bestätigen" (Römer 15, 8).
Er war Gott gehorsam bis zum Tode am Kreuz (Philipper 2, 8).
Er berief Apostel (Galater 1, 17; 19).
Er wurde geschmäht und gekreuzigt (Römer 15, 3; 1 Korinther 15, 3; Galater 2, 19-20; 3, 13 usw.)
durch jüdische Verworfenheit (1 Thessalonicher 2, 15),
ist auferstanden am dritten Tage (1 Korinther 15, 4),
erschien dem Petrus, den Aposteln und anderen, auch - in einer Vision - dem Paulus selbst (1 Korinther 15, 5-8).
Das ist - mit der Ausnahme der beiden Hinweise, daß Jesus die Eucharistie in der Nacht desVerratseingesetzt habe (1 Korinther 11, 23 ff.) und daß er nun zur Rechten Gottes sitze (Römer 8, 34) - alles, was Paulus uns über Jesus den Menschen zu berichten weiß.
Ich betonte Jesus den Menschen, denn das Auffallende an diesen dürren Einzelheiten über das Leben Jesu ist der scharfe Gegensatz, den sie zu der sehr ausführlichen Christologie bilden, das heißt zu der umfassenden, ja überwältigenden Reichhaltigkeit des Materials über den transzendenten Christus.
Das ist, auf eine kurze Formel gebracht, offensichtlich das, was Paulus meint, wenn er davon spricht, sein Interesse gelte einzig und allein dem "gekreuzigten und erhöhten" Christus. Paulus scheint in der Tat überzeugt davon zu sein, daß die Einzelheiten über den Menschen Jesus und sein Leben überhaupt keine Bedeutung haben, außer in dem Maße, in dem sie sich als notwendige Ausgangspunkte erweisen für sein wirkliches Anliegen, nämlich die christologische Doktrin. Wir erfahren also bei Paulus nicht mehr über die irdische Laufbahn Jesu als in den Evangelien. Die Evangelien weisen begreiflicherweise die gleiche Tendenz auf, aber sie sind ein sehr viel späterer Versuch, alles zusammenzustellen, was man von Jesus noch wußte nach dem Ableben derer, die ihn gekannt hatten, und - noch bezeichnender - nach der Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Jesus-Anhängern bei der Katastrophe des jüdischen Volkes im Jahre 70 nach Christus. Obwohl das Material über Jesus in den Evangelien ebenfalls dem Bilde des auferstandenen und verherrlichten Christus untergeordnet ist, findet sich hier doch eineweit größere Fülle von Einzelheiten.
Trotz ihrer etwas trügerischen erzählerischen Form enthalten die Evangelien ein merkwürdiges Gemisch von Informationen (die jene des Paulus bestätigen) über das rein menschliche Leben Jesu und über Dinge, die man als theologische oder mindestens nichtbiographische Elemente bezeichnen könnte, die in die Erzählung hineinverwoben sind.
Über die Geburt Jesu finden wir in den Evangelien eine Reihe von widersprüchlichen Aussagen. Es war zweifellos die Überzeugung von der Auferstehung Jesu, die den Glauben seiner Jünger, daß er der Messias sei, begründete oder verstärkte, was immer sie vorher darüber gedacht haben mochten, und unabhängig davon, wie Jesus sein eigenes Wirken aufgefaßt hatte.
Die Jünger Jesu hatten auch keinen Grund, in ihm etwas anderes als einen Menschen zu sehen, selbst wenn sie annahmen, er sei der Messias. Auch der Glaube an seine Auferstehung allein bedeutete nicht notwendigerweise, daß Jesus nicht zunächst ein gewöhnliches menschliches Wesen war. In jenen Tagen wurde eine Auferstehung nicht als ein weltbewegendes Wunder angesehen, und da der Messias ein Mensch wie jeder andere war, der sich nur durch seine göttliche Berufung unterschied, war es sehr wohl möglich, daß die Jünger glaubten, Jesus sei sowohl ein Mensch, von einer Frau geboren, und zugleich der Messias.
Es ist also nicht überraschend, unzweideutige Beweise für eine normale menschliche Geburt Jesu dort zu entdecken, wo die älteste Überlieferungsschicht der Evangelien liegen muß, das heißt, an dem Punkt, der am weitesten entfernt ist von einer endgültigen Verherrlichung und daher ohne Zweifel die historische Tatsache darstellt.
Es ist augenscheinlich, daß wir nach dem ältesten der Evangelien, dem des Markus, ganz einfach glauben sollen, Jesus sei eines unter mehreren Kindern gewesen, die in einer bescheiden lebenden Familie geboren wurden. "Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern allhier bei uns?" (Markus 6,3).
Die Menschlichkeit hier ist klar und unverfälscht. Das zweite Stadium, wie bereits erwähnt, lag in der Annahme
der Messianität durch Jesus, nach einer, biologisch gesehen, normalen Geburt.
Ein Blick in die Evangelien zeigt uns, daß die öffentliche Laufbahn Jesu in der verhältnismäßig kurzen Zeitspanne zwischen seiner Taufe durch Johannes den Täufer und seinem Tode liegt. Der Bericht über seine Taufe wird bei Lukas folgendermaßen wiedergegeben: "...
und der heilige Geist fuhr hernieder in leiblicher Gestalt auf ihn wie eine Taube und eine Stimme kam aus dem Himmel, die sprach: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe" (Lukas 3,22).
Ohne auf die übernatürlichen Einzelheiten einzugehen, dürfen wir in dieser Stelle den Anhalt einer offensichtlich alten Überlieferung sehen, daß an jenem Tage die Laufbahn Jesu als Messias begann, vor allem auch, da das gewichtigste Manuskript (der sogenannte Codex D des Westlichen Textes) den Satz "an dem ich Wohlgefallen habe" ersetzt durch "heute habe ich dich gezeugt". Immerhin, wenn auch Jesu Berufung gleichsam ein Wunder ist, da Gott direkt zu ihm gesprochen hat, wie berichtet wird, betrifft sie doch die Umstände seiner Geburt nicht, die immer noch als völlig normal angesehen werden.
Die dritte Stufe der fortschreitenden Verherrlichung bestand in der Begründung des königlichen Status Jesu. Aufgrund einer Prophezeiung des Alten Testaments wurde angenommen, daß der Messias aus dem Hause Davids komme; diese Auffassung herrschte zu Jesu Zeit in ganz Israel als unerläßliche Voraussetzung für jeden, der die Rolle des Messias anstrebte. Der Anspruch auf königliche Abstammung wird in den Evangelien mit Hilfe zweier langer Genealogien bei Matthäus und Lukas unterbaut, die Jesus und König David durch direkte Abstammung verbinden (siehe Seite 82). Wie bereits erwähnt, teilt auch Paulus diese Ansicht.
Der Zweck der Genealogien ist völlig klar; wir befinden uns immer noch auf der Ebene des Menschseins. Außerdem ist eine tatsächliche Verwandtschaft Jesu mit dem berühmten Königshaus nicht von vornherein auszuschließen. Eine Reihe verarmter Nachfahren des Hauses Davids muß zu jener Zeit am Leben gewesen sein; es wäre sehr wohl möglich gewesen, daß Jesus einer von ihnen war.
Aber wenn auch diese Möglichkeit besteht, so werden wir doch sehen, daß sie aus anderen Gründen bezweifelt werden muß.
Was wir auch von den davidischen Ansprüchen Jesu halten mögen, sobald wir einen genauen Blick auf den Beweis werfen, der bei Matthäus und Lukas angeführt wird, stoßen wir unvermittelt auf die Einführung eines dritten Elements in dieses sekundäre Stadium der menschlichen Erhöhung - den Beginn der Verherrlichung Jesu auf einer übernatürlichen Ebene.
Das ist die Legende der jungfräulichen Geburt, das frühe und entscheidende Stadium in der Entwicklung der Theorie vom übernatürlichen Status Jesu.
Die Legende von der jungfräulichen Geburt mischt ein göttliches Element in die Umstände der Geburt Jesu, jedoch noch nicht in seine Persönlichkeit. Es handelt sich offenbar um den kulminierenden Punkt eines Glaubens an Jesus, der noch nicht bis zur Vergöttlichung fortgeschritten war und der zunächst nichts anderes verlangte, als daß er der von Gott berufene Messias sei. Ehe wir uns die Genealogien im einzelnen ansehen, die sozusagen die höchste Erhebung Jesu innerhalb der Menschheit darstellen, wird die Betrachtung lehrreich für uns sein, wie die jungfräuliche Geburt - ohne Rücksicht auf den Preis, den sie dem gesunden Menschenverstand abfordert - in Zusammenhang gebracht wird mit den Gedankengängen, die eine menschliche Ahnenreihe Jesu aufstellen wollen.
In den Genealogien bei Matthäus und Lukas beispielsweise wird offenbar, daß die jungfräuliche Geburt gewaltsam in die Folge eingefügt wurde, die von König David zu Jesus führt.
Der folgende Satz bei Matthäus ist entscheidend: Nachdem der Chronist in einer langen Liste aufführt, wer wessen Vater war, von David bis zu Jesus, endet er: "Matthan zeugte Jakob. Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus" (Matthäus 1,15-16).
Man hat sich hier große Mühe gemacht, um David mit Jesus zu verbinden, und alles geht gut - die Widersprüche werden wir später aufzeigen - bis zu dem endlichen und entscheidenden Übergang von den Eltern Jesu zu Jesus. Unvermittelt tut sich eine Kluft auf - der Name Marias wird mit einer Plötzlichkeit in die Liste eingeschoben, die niemand erwartet, und macht so das Vorhergehende zunichte.
Die Mühe, die man sich in dem folgenden Satz gibt, um die richtige Anzahl der Generationen wiederzugeben, ist noch vergeblicher; denn wenn Maria als Mutter Jesu bezeichnet wird und Joseph gar nicht der Vater ist, dann kann kein Sinn in der Aufzählung all der Generationen der Vorfahren Josephs liegen.
Wir haben hier offensichtlich das Zeugnis der Entwicklung einer Idee vor uns, der allmählichen Erhöhung Jesu nämlich, in deren Verlauf eine frühere Überlieferung von einer anderen, späteren überdeckt wurde; anstatt die erste zu ersetzen, stellte man lediglich die zweite daneben.
Die Plumpheit - von unserem eigenen, realistischen Standpunkt aus gesehen - wird noch deutlicher bei Lukas, wo die eindrucksvolle Aufzählung der Ahnen Jesu, diesmal zurückgehend bis auf Adam und ebenfalls König David einbeziehend, von Anfang an verdorben wird (Lukas 3,23) durch die unverständliche Einschiebung: "Und Jesus... ward gehalten für einen Sohn Josephs ..." Dieses schlichte "ward gehalten" nimmt der folgenden langatmigen Genealogie ihren Sinn, und doch wird sie im einzelnen aufgeführt.
Die Bearbeiter, die die Liste abschrieben, die Jesus in die Reihe der Nachfolger des jüdischen Königshauses stellte, waren offensichtlich in einem Milieu tätig, das bereits an die Geschichte der jungfräulichen Geburt glaubte. Sie fügten die Einschiebung ganz einfach ein, um das zu löschen, was sonst normalerweise durch eine Genealogie zum Ausdruck gebracht wird - die vollkommen natürliche Sohnschaft Jesu. Daß damit aber die ganze Liste ihres Sinnes beraubt wird, scheint die frommen Gläubigen nicht gestört zu haben, die den Versuch unternahmen, gleichermaßen "gültige", das heißt, gleichermaßen geheiligte Stücke der frommen Überlieferung zu harmonisieren.
Es wäre noch zu erwähnen, daß die Genealogien selbst, die in ihrer Genauigkeit so eindrucksvoll wirken, nachweisbar nichts anderes sind als Erfindung. Das geht aus dem letzten Vers hervor: "Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die babylonische Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder" (Matthäus 1,17), das heißt, die Zahl vierzehn wird willkürlich als eine Art harmonisierendes Element gebraucht, entweder ihrer magischen Bedeutung wegen oder aus einem Wunsch nach Symmetrie heraus.
Die zweite Reihe des Matthäus, die beginnt mit "Der König David zeugte Salomo" und die Könige von Juda umfaßt, läßt vier Namen aus. Nach Matthäus 1,8 zeugte Joram den Usia, aber er war sein Ur-Ur-Großvater. Auch Josia zeugte nicht Jechonja (Matthäus 1,11), er war sein Großvater.
Es kann sich hier nicht bloß um Vergeßlichkeit handeln. Derjenige, der diesen Pseudo-Stammbaum aufstellte, ließ ganz einfach aus, was nicht in seine harmonische Liste paßte; er wollte eben beweisen, daß Jesus das heilige Geschick des Hauses Davids erfüllte, indem er die göttlichen Verheißungen, die seinem Ahnherrn Abraham gegeben wurden, wahr machte.
Die Genealogie des Lukas veranschaulicht das ebenfalls, aber in umgekehrter Richtung. Sie enthält 77 Namen, beginnend mit Jesus, und geht über David und Abraham bis auf Gott zurück. Die Einfügung des Namens Kenan (Lukas 3,36), der nicht im hebräischen Text der Bibel steht, sondern nur in ihrer griechischen Übersetzung, zeigt seine Quelle. Die Liste des Lukas ist von Abraham bis David die gleiche wie die des Matthäus, aber nach David nimmt sie eine andere Wendung und führt die Abstammung nicht über Salomo, sondern über Nathan, einen anderen Sohn Davids, der im Alten Testament nur in 2 Samuel 5,14 und nirgends sonst erwähnt wird.
Die Liste des Lukas von Nathan ab ist eine andere als die des Matthäus; nur zwei Namen sind die gleichen - Sealthiel und Serubabel. Lukas gibt uns 55 Generationen von Jesus zu Abraham, während Matthäus uns nur 44 nennt.
Das hellenistische Original des Lukas (das alle Gelehrten als gesichert annehmen) macht sich auch dadurch als solches kenntlich, daß es die Liste bis auf Adam zurückführt und so die Universalität der Erlösung zu erkennen gibt, ebenso durch die Abhängigkeit vom griechischen Alten Testament. Das Zusammentreffen der beiden Namen Sealthiel und Serubabel bei MatthäUs und Lukas ist leicht erklärlich, da beide Namen untrennbar mit der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft verbunden sind.
Gründe aber für die Abweichung anzugeben ist heutzutage kaum mehr möglich. Dies wird auch noch erschwert durch die Tatsache, daß die Liste des Matthäus, die 42 Namen enthalten müßte (vierzehn mal drei), tatsächlich nur vierzig enthält, während die Liste des Lukas von 56 Namen nicht in allen Handschriften einheitlich lautet.
Um die Richtigkeit beider Genealogien zu verteidigen, sind zwei Erklärungen gegeben worden. Die eine nimmt an, daß eine Liste die tatsächliche Abstammung wiedergebe, die andere aber eine mögliche Linie darstelle aufgrund des alten jüdischen Brauches der Leviratsehe: War ein Mann kinderlos gestorben, so mußte sein nächster Verwandter die Witwe heiraten, um ihm Nachkommen zu zeugen.
Diese Erklärung ist absurd, was ein Vergleich der Listen offenbart: Wir müßten annehmen, daß das Levirat alle Generationen zwischen David und Joseph betraf mit Ausnahme jener Sealthiel und Serubabel, die beiden Listen gemeinsam sind. Das würde ferner bedeuten, daß durch das Levirat die Generationen, die auf Salomo zurückgehen, irgendwie mit jenen, die von Nathan abstammen, verschmolzen. Dadurch würde der Widerspruch der Generationenzahl unwesentlich verringert, allerdings auf Kosten einer offensichtlich absurden Annahme.
Eine andere Erklärung versucht die GlaubWürdigkeit trotz der Unterschiede aufrechtzuerhalten durch die Behauptung, daß sich die Liste des Matthäus auf Joseph und die des Lukas auf Maria beziehe. Diese Theorie bricht jedoch unter dem Gewicht einer Reihe von Einwänden zusammen, von denen zwei genügen, um das zu verdeutlichen:
Die Juden zählten das Geburtsrecht nicht über Frauen, folglich wäre Marias Genealogie als Beweis für die Abstammung Jesu von David nutzlos. Außerdem versucht Lukas ja die Ahnenreihe Josephs aufzustellen, nicht die der Maria, da selbst der vorliegende Text besagt, Jesus gelte als Sohn Josephs (Lukas 3,23).
Es bleibt eine unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Listen. Sie haben in der Tat nur eines gemeinsam, die Absicht, zu "beweisen", daß Jesus wirklich der "Sohn Davids" sei, den die Juden erwarteten. In dieser Tendenz liegt die Erklärung dafür, warum niemals versucht worden ist, die Messias-Eigenschaft Jesu aus einer davidischen Abstammung abzuleiten, sondern genau das Gegenteil: Nachdem der Glaube entstanden war, daß er der Messias sei, wurde gefolgert, daß er ein Sproß des Hauses. Davids sein müsse.
Ein weiterer Hinweis findet sich bei Markus: "Und Jesus antwortete und sprach, da er lehrte im Tempel: Wie sagen die Schriftgelehrten, Christus sei Davids Sohn? Er aber, David, spricht durch den heiligen Geist: ,Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße.' Da heißt ihn ja David seinen Herrn; woher ist er denn sein Sohn?" (Markus 12,35-37.)
Diese Stelle macht einen Unterschied zwischen einem davidischen, menschlichen Messias und einem transzendenten Messias. Jesus leugnet hier offensichtlich die Unerläßlichkeit des davidischen Blutes für den Messias. Theoretisch ist es jedoch noch möglich, daß Jesus vielleicht sagen wollte, es sei möglich, von David abzustammen und dennoch der Transzendenz des Messias, wie sie aus der angeführten Stelle hervorgeht, zu entsprechen.
Aber der Sinn des Textes ist leichter zu erfassen, wenn man von der Annahme ausgeht, daß Jesus jenen antwortete, die seine messianische Sendung bestritten, weil er kein Nachkomme des Hauses Davids sei. Betrachtet man die Stelle allein, so zeigt sie keinen Weg zur Klärung des Widerspruches, und es ist am vernünftigsten, sie so auszulegen, daß sie über eine Abstammung vom jüdischen Königshaus nichts besagt.
Vielleicht ist das Wesentliche an der Abstammung Jesu - sei sie nun davidisch oder nicht -, daß die Frage für ihn selbst keine Bedeutung hatte. Zweifellos hatten Tausende das Blut Davids in ihren Adern, und wie bereits erwähnt, ist es theoretisch möglich, daß er einer von diesen war. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß weder Jesus selbst noch einer seiner Jünger diesen Anspruch erhob.
In dem synoptischen Bericht findet sich nirgends ein Hinweis darauf, daß die Frage von ihm oder von seinen Jüngern erörtert wurde. Sie wird allerdings an zwei Stellen erwähnt. Bei Markus 10,47: "Und da er (der Blinde) hörte, daß es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein!" Und bei Markus 11,9-10 (der messianische Gruß): "Und die vorne vorgingen und die nachfolgten, schrieen und sprachen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unsers Vaters David, das da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!"
Es ist aber offensichtlich, daß man einfach annahm, der Blinde habe in Jesus, der vorüberging, in Wirklichkeit den Messias vermutet und ihm den richtigen Namen gegeben, während die Massen, die Jesus huldigten, in Wirklichkeit das Kommen des Jüngsten Tages begrüßten. Diese beiden Stellen scheinen kein Gewicht zu haben gegenüber dem undurchdringlichen Schweigen Jesu und seiner Gefährten. Die negative Folgerung wird durch die Tatsache unterstrichen, daß die Nachfahren der ersten Judenchristen, die sogenannten Ebioniten, alle Genealogien zurückwiesen, und Ihre Anschauung scheint auf der ältesten Überlieferung zu beruhen.
Darüber hinaus glaubten die Verfasser des Johannes-Evangeliums nicht daran, obwohl ihnen der frühe Glaube an die davidische Abstammung Jesu bekannt sein mußte. Bei Johannes fallen nach einer Predigt Jesu bewundernde Bemerkungen über Jesus, aber darauf wird ein Einwand erhoben: "Viele nun vom Volk, die diese Rede hörten, sprachen: Dieser ist wahrlich der Prophet. Andere sprachen: Er Ist Christus. Etliche aber sprachen: Soll Christus aus Galiläa kommen? Spricht nicht die Schrift: von dem Samen Davids und aus dem Flecken Bethlehem, da David war, solle Christus kommen?" (Johannes 7,40-42).
Die Tatsache, daß diese Behauptung nicht zurückgewiesen wird, ist sicherlich bezeichnend; das kann - soweit es die Verfasser des vierten Evangeliums anlangt - nur bedeuten; daß Jesus weit mehr war als ein Nachkomme Davids, er war bereits sein Herr, der Erlöser der Welt. Sonst hätte Johannes vermutlich sogleich gesagt, daß Jesus in der Tat einer der Nachkommen Davids sei und in Bethlehem geboren war. Sein Schweigen muß bedeuten, daß in dem Kreis, der Anstoß zum vierten Evangelium gab, dieser Anspruch kein Gewicht hatte. Der gleiche Eindruck entsteht an der folgenden Stelle: "Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du zeugst von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: So ich von mir selbst zeugen würde, so ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wo ich hin gehe; ihr aber wisset nicht, woher ich komme und wo ich hin gehe" (Johannes 8,12-14).
Hätte Jesus den Wunsch gehabt, die Pharisäer zu überzeugen, so hätte er gewiß die Abstammung von David für sich in Anspruch genommen; sie hätten zwar einen Beweis verlangen können, aber schon der Anspruch als solcher hätte Eindruck auf sie gemacht. All das zeigt uns, daß der Glaube an den davidischen Anspruch Jesu auf die Messiasrolle zwar einige Geltung unter seinen frühesten Anhängern hatte, sie aber nicht überdauerte.
Nicht nur, daß die Genealogien von Lukas und Matthäus mit der Zeitspanne, für die sie gelten sollen (für vier Jahrhunderte zwischen David und Jesus führt Lukas 42 Namen, Matthäus nur 26 an), unvereinbar sind, daß sie ohne Belang sind bei einer jungfräulichen Geburt und sogar im Widerspruch zu ihr stehen, es herrscht auch ein merkwürdiges Schweigen über die jungfräuliche Geburt an anderen Stellen, sowohl bei Markus wie im übrigen Neuen Testament. Darin liegt sicherlich ein schlüssiger Beweis für die spätere Entstehung dieses Motivs. Wenn selbst die spätesten Bearbeiter von Markus, die die Überlieferung der jungfräulichen Geburt gekannt haben müssen, diese Überlieferung nicht übernahmen, so nur deswegen, weil sie nicht daran glaubten.
Das Problem der Verehrung, das sich durch die Erhöhung, das heißt die Vergöttlichung Jesu ergibt - die Legende von der jungfräulichen Geburt stellt eine seiner Lösungen dar -, wird auf ähnliche, wenn auch weit exaltiertere Weise im vierten Evangelium behandelt.
Der Blickwinkel der Verfasser des Johannes-Evangeliums unterscheidet sich wesentlich von dem bei Matthäus und Lukas. Johannes sieht keinen Grund, ihre Auffassung von der Geburt Jesu zu teilen. Bei Matthäus und Lukas war die Geschichte der jungfräulichen Geburt lediglich dazu bestimmt, zu beweisen, daß Gott eigens ein Kind geschaffen hatte, das sein Messias sein sollte; dieser besondere Schöpfungsakt vollzog sich in einem wundersamen Vorgang, einem unfehlbaren "Zeichen" göttlichen Handelns.
Bei Johannes aber kreist alles um die Vorstellung, daß Jesus die Inkarnation des Logos, des Wortes, sei und daher in gleichem Maße ewig wie Gott selbst. Nach dieser Auffassung war Jesus allein der Christus, und folglich überhaupt nicht menschlich. Nicht nur, daß er keinen irdischen Vater brauchte, eine irdische Mutter war gleichermaßen
überflüssig. Das muß der Sinn der folgenden Stelle sein: ". . . welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind" (Johannes 1,13).
Aber die Tatsache, daß Jesus die Inkarnation des Wortes war, bedeutet nicht, daß er - soweit er Mensch war - nicht den üblichen Gesetzen des menschlichen Geschlechts unterworfen war. Die Verfasser von Johannes glaubten, daß das Wort Jesus bei der Taufe erfüllte und ihn zum Christus machte. Während die irdische Darstellung Jesu bei Markus auf eine höhereEbene gestellt wird, sah das Johannes-Evangelium keine Gründe, den äußeren Rahmen zu ändern; es spricht wiederholt von Jesus als dem "Sohn Josephs", In schroffem Widerspruch zu der Überlieferung bei Matthäus und Lukas.
Das zeigt sich am deutlichsten, wenn wir uns daran erinnern, daß die Paulusbriefe, von der Entstehung des Dogmas her gesehen, zwischen die palästinensische Überlieferung (die allgemein als Hintergrund der synoptischen Evangelien angesehen wird) und das vierte Evangelium eingeschoben werden müssen. In diesem Punkte kommen die Briefe eindeutig der Wahrheit über die familiären Umstände Jesu näher; sie wurden zu Lebzeiten der frühesten Generation und im Umgang mit Menschen geschrieben, die Jesus und zweifellos auch seine Familie gekannt oder etwas über sie gewußt haben.
Auch Paulus erwähnt keine jungfräuliche Geburt; er hat seine eigene Auffassung von Christus als der Inkarnation des heiligen Geistes: "Denn der Herr ist der Geist" (2 Korinther 3, 17).
Paulus mag wie Johannes geglaubt haben, daß Christus zugleich mit Gott existierte, vor dem Beginn der Zeiten: "... so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von welchem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn" (1 Korinther 8,6; vgl. 2 Korinther 8,9; Galater 4,4; Kolosser 1,15 usw.).
Aber auch das hatte nichts zu tun mit dem Menschen Jesus, der auf völlig natürliche Weise geboren wurde, wie angedeutet wird im Galaterbrief (4,4): "Da aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan...", wo das Wort "Weib" in Verbindung mit dem Rest der Stelle lediglich die natürliche Geburt eines jüdischen Kindes andeutet, da es sonst keinen Grund für Paulus gegeben hätte, nicht "jungfräulich" zu sagen.
Paulus glaubte außerdem, wie wir oben gesehen haben, an die davidische Abstammung Jesu, das heißt an seine menschlichen Vorfahren. Um keinen Zweifel zu lassen, gibt der Prolog zu den Briefen an die Römer die unzweideutige Erklärung; daß Jesus Christus "geboren (ist) nach dem Fleisch" (Römer 1,3).
Übrigens wissen auch die synoptischen Evangelien, mit Ausnahme der spezifischen Stellen bei Lukas und Matthäus, die den Punkt Hochspielen, nichts von einer jungfräulichen Geburt.
In der berühmten Stelle des Markus (3,33), wo Jesus fragt: "Wer ist meine Mutter und meine Brüder?", als diese nach ihm suchen, ist offensichtlich nicht die geringste Spur davon zu finden, daß er vom heiligen Geist gezeugt worden sei; sonst wären die ganze Stelle und ihre Folgerungen unsinnig. In einer nicht minder ungewöhnlichen Stelle (Markus 3,21) kommen "die Seinen" (vermutlich die Familie), um Jesus wegzuführen, weil sie glauben, er sei von Sinnen.
Es scheint klar zu sein, daß die Geschichte von der jungfräulichen Geburt, die an die Stelle der früheren palästinensischen Geschichte der davidischen Herkunft Jesu gesetzt wurde, ursprünglich als Argument dienen sollte im Kampf gegen den Skeptizismus jener Juden, die nicht glaubten, daß Jesus der Messias sei. Aus ihren Anfängen, der Reaktion auf den jüdischen Skeptizismus, entwickelte und verdichtete sich der Gedanke auf griechisch-römischem Boden.
Dieses Argument war in den Augen der frühen Christen attraktiv, aufgrund eines vielleicht unbewußten Wunsches, ihren eigenen Heiland mit denselben wunderwirkenden Privilegien auszustatten, die alle anderen Herren, Heilande, Erlöser und so weiter, von denen die antike Welt wimmelte, besaßen. Als sich die Christenheit in der hellenistischen Welt entwickelte, schied sie nicht einfach den Glauben an die messianische Sendung Jesu aus, der in Palästina entstanden war und mit der Zerstörung des jüdischen Tempels durch die Römer im Jahre 70 nach Christus nahezu völlig ausgemerzt wurde. Sie fügte lediglich eigene und für sie charakteristische Elemente zu der älteren jüdischen Überlieferung und überließ uns die Aufgabe, in die so entstandene Verwirrung Klarheit zu bringen.
Die hellenistische Färbung der Legende von der jungfräulichen Geburt ist unzweideutig. Zwar war Palästina ebenso wie der gesamte semitische Orient vertraut mit dem verwandten Mythos einer Muttergottheit, manchmal auch einer jungfräulichen, und ein ähnlicher Mythos von einer jungfräulichen Geburt des Königs, des Gottessohnes und Heilandes seines Volkes, war auch ein Bestandteil der antiken semitischen Religionen gewesen, aber - abgesehen von der Tatsache, daß einige Punkte nicht ganz der jungfräulichen Geburt Christi entsprechen - alle diese Religionen scheinen zu jener Zeit in Israel nicht mehr bestanden zu haben.
Die Juden hatten gewiß daran geglaubt, daß die Geburt des Messias von wundersamen "Zeichen" begleitet sein würde, aber es liegt kein Hinweis vor, daß sie annahmen, seine Mutter würde bei der Empfängnis jungfräulich bleiben oder der Messias selbst würde nicht auf natürliche Weise von einer Frau geboren werden. Sie waren im Gegenteil der Ansicht, daß-er ein Mensch sein würde wie andere Menschen, und da er von David abstammen sollte und die jüdische Überlieferung nur die männliche Ahnenreihe gelten ließ, konnte er nicht von einer Jungfrau geboren werden.
Folglich ist die jungfräuliche Geburt als "Zeichen" nichtjüdisch. In Wirklichkeit ist es die hellenistische Welt, die zahlreiche Parallelen kennt.
In der Sage des von Danae geborenen Perseus hören wir beispielsweise von einer Jungfrau, die von einem Goldregen geschwängert wurde.
In der Erzählung von Attis wurde dessen Mutter schwanger, als sie einen Granatapfel aß.
Auf diese oder jene Weise wurden große Männer vielfach in eine Sohnesbeziehung zu Göttern gestellt, wie Pythagoras, Platon und auch Augustus. Im zweiten Jahrhundert spielten die Juden boshafterweise die Ähnlichkeit zwischen der jungfräulichen Geburt und der Danae-Geschichte in einer Weise aus, daß die christlichen Väter sich in ihrer Verlegenheit gezwungen sahen zu behaupten, es handle sich um eine List des Teufels, der das Volk verwirren wollte.
Zweifellos entstand die Geschichte von der jungfräulichen Geburt nicht als bewußte Nachahmung, sondern ganz einfach infolge des gleichen kulturellen Milieus. Die Christen, die ihren neuen Glauben verteidigten, neigten selbstverständlich zu der Annahme, daß Jesus gewiß den anderen erlauchten Persönlichkeiten nicht nachstand.
Sobald der transzendente Status Jesu auf hellenistischem Boden Wurzeln schlug, entwickelte er sich rasch in die Richtung der paulinischen wie der johanneischen Auffassungen. Für unsere Zwecke genügte es, die legendären Hinzufügungen nach dem Tode Jesu zu entfernen und einen Blick in seine heimatliche Umgebung zu werfen.
Ist das, was wir als die dogmatischen Aspekte der Evangelien bezeichnen können, beiseite gelegt, dann sehen wir deutlicher im Hinblick auf die irdische Familie Jesu. Der vorherrschende Eindruck in den Evangelien ist ganz einfach der, daß Jesus aus sehr einfachen
Verhältnissen kam - dieser Umstand wird in der Tat immer und immer wieder betont, trotz der Unvereinbarkeit mit den glänzenderen Darstellungen seiner Herkunft. Er und ohne Zweifel auch sein Vater waren Zimmerleute gewesen oder auf jeden Fall gezwungen, ihr Brot durch Handarbeit zu verdienen.
Das hat nichts mit dem alten jüdischen Brauch zu tun, dem zufolge selbst der gelehrteste der Rabbis ein Gewerbe treiben sollte, während er sich dem Gesetz widmet: Jesus war einfach ein Handwerker, einer der vielen unter der seßhaften jüdischen Bevölkerung jener Zeit. Sein soziales Niveau mag vielleicht in einer Stelle des Matthäus angedeutet sein, nach der er zu glauben scheint,-daß ein Königshof der Ort sei, an dem-die Leute weiche Kleider tragen: "Siehe, die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern" (Matthäus 11,8).
Dies erklärt auch die berühmten Stellen, die von dem Erstaunen seiner Familie und seiner Freunde über den Beginn seiner Laufbahn berichten "Und da es die Seinen hörten, gingen sie aus und wollten ihn halten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen" (Markus 3,21).
"Und es kam seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen" (Markus 3,31).
"Und da der Sabbat kam, hob er an zu lehren in ihrer Schule. Und viele, die es hörten, verwunderten sich seiner Lehre und sprachen: Woher kommt dem solches? Und was für Weisheit ist's, die ihm gegeben ist, und solche Taten, die durch seine Hände geschehen? Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern allhier bei uns? Und
sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgend weniger denn im Vaterland und daheim bei den Seinen. Und er konnte allda nicht eine einzige Tat tun; außer, wenig Siechen legte er die Hände auf und heilte sie. Und er verwunderte sich ihres Unglaubens" (Markus 6,2-6).
Es besteht nicht der mindeste Grund, diese Überlieferung anzuzweifeln, sowohl in bezug auf das Erstaunen seiner Familie über sein Wirken wie - das ist vielleicht noch bezeichnender - in bezug auf die Echtheit der Erwähnung seiner Brüder und Schwestern, die so viele Leute überrascht. Diese Überlieferung ist eingebettet in das älteste Evangelium, in das des Markus, und eben wenn man die übrigen verherrlichenden Tendenzen berücksichtigt, die die gesamte Entstehung der Evangelien beherrschen, einschließlich des Markus-Evangeliums, scheint ihre historische Wahrscheinlichkeit gewährleistet.
Orthodoxe Lehrer haben es übereinstimmend als unzumutbar angesehen, daß die Mutter des Erlösers anderen Kindern das Leben schenkte. Aber wenn darin überhaupt ein Problem liegt, dann für die Theologie, nicht für die Geschichte.
Jeder unvoreingenommene Student kann erkennen, daß die orthodoxen Lehrer die Texte ganz einfach unhandlich fanden. Bei ihrem Versuch, wenigstens ein Teilchen der Theorie von der jungfräulichen Geburt zu retten, haben sie vorgebracht, daß Jesus
selbst - ob er nun Brüder oder Schwestern hatte oder nicht - als Erstgeborener zur Welt kam, als Maria noch eine Jungfrau war.
Wenn wir hier die jungfräuliche Geburt beiseite lassen und einfach vermuten, daß Jesus das älteste Kind Marias war, dann gibt es keinen Gegenbeweis. Er kann es sehr wohl gewesen sein; die Evangelien äußern sich darüber nicht.
Selbst die früheste Überlieferung beschränkt sich auf eine dürre, beinahe in Klammern gesetzte Bemerkung über seine Brüder und Schwestern. Nichts ist über sie bekannt, mit Ausnahme des Jakobus, der trotz seinem offensichtlichen anfänglichen Zweifel an der Einzigartigkeit seines Bruders später das Haupt der ersten Gemeinde der Jesus-Anhänger in Jerusalem wurde (Apostelgeschichte). Allerdings bleiben wir ziemlich im ungewissen über das, was diese Gemeinde wirklich glaubte und in welcher Beziehung ihr Glauben zu dem "paulinischen" Zweig der Christenheit stand, der sich nach der Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahre 70 nach Christus unabhängig in einer nichtjüdischen Umgebung weiterentwickelte.
Kehren wir noch einmal zu dem Problem der Geschwister Jesu zurück. Einige orthodoxe Lehrer sind so weit gegangen, zu behaupten, Jesus sei das einzige Kind der Maria gewesen. Sie haben diese Auffassung gelegentlich mit dem gleichlaufenden Anspruch der ewigen Jungfräulichkeit Mariens verbunden.
Die Verteidigung dieses Standpunkts läuft letzten Endes auf die Behauptung hinaus, daß die Worte, die mit "Bruder" und "Schwester" übersetzt werden, in Wirklichkeit "Vetter" oder "Base" bedeuten, aufgrund der Theorie, daß im Aramäischen und im Hebräischen eine Bedeutungsgleichheit besteht.
Das mag zum Teil gelten; es ist aber doch recht weit hergeholt. Das Aramäische wie das Hebräische sind, wie alle Sprachen, sehr wohl in der Lage, eine Unterscheidung zu treffen zwischen "Vetter/Base" und "Bruder/Schwester". Wäre ein solches Mißverständnis möglich gewesen, so wäre gewiß Vorsorge getroffen worden, es bei der Übersetzung ins Griechische zu vermeiden.
Die Merkwürdigkeit mag darin liegen, daß die frühen Christen sich nicht an der Vorstellung stießen, Jesus habe Brüder und Schwestern gehabt, selbst als der Glaube an die jungfräuliche Geburt fest verwurzelt war. Maria wurde erst sehr viel später Gegenstand einer Verehrung und eines Kultes.
Für die ersten Christen gab es keinen Grund, warum Maria nicht wieder den Status einer gewöhnlichen Frau angenommen haben sollte, sobald ihre göttliche Mission erfüllt war. Außerdem besagt schon die Betonung des Umstandes der Erstgeburt Jesu, daß jüngere Geschwister vorhanden waren.
Es war die zunehmende Askese in der christlichen Kirche, die zu dem Versuch führte, Maria zum vollkommenen Beispiel völliger Enthaltsamkeit zu machen. Die Kirche trachtete, trotz Überlieferung und gesundem Denken, die Brüder und Schwestern Jesu zu verschweigen. Einige Lehrer sind sogar noch weiter gegangen und haben versucht, denselben Anspruch völliger Enthaltsamkeit für Joseph zu erheben - gewiß ein nutzloses Unterfangen, denn hätte es Erfolg gehabt, so müßte man daraus den Schluß ziehen, daß er mit Jesus überhaupt nichts zu tun hatte, was die davidische Abstammung anlangt.
Auf jeden Fall gibt es dafür ebensowenig eine historische Begründung wie für die ähnliche Behauptung, die manchmal von Gelehrten erhoben wird, daß Jesus überhaupt nicht existiert habe, daß das Wort "Brüder" in dem Sinne von Mitgliedern der mystischen Brüderschaft des frühen Christentums gebraucht wurde. Diese Annahme ist ziemlich unbegründet, vor allem, da die Brüder Jesu namentlich angeführt werden. Es ist unzweideutig, wenn der Ausdruck "Brüder" einmal nicht diesen Sinn hat, wie in Matthäus 28,10, wo Jesus gesagt haben soll: "Verkündigt es meinen Brüdern, daß sie gehen nach Galiläa . . ."
Ein merkwürdiges Beispiel dafür, wie die Legende wirkt, bietet der Gebrauch, der von einer Bibelstelle gemacht wurde, um zu "beweisen", daß die Geburt Jesu in Übereinstimmung zur Verheißung stand. Es gibt eine Stelle bei Jesaja (7,14), in der der Prophet den König Ahas von Juda beruhigt, der einen Angriff von den Königen Syriens und Israels fürchtet. Er erklärt ihm, daß eine "Jungfrau" schwanger sei und einen Sohn gebären werde, den sie "Immanuel" nennen werde ("Gott mit uns"), und ehe das Kind Gut und Böse unterscheiden könne, werde das Land der beiden feindlichen Könige verödet sein.
Infolge eines Versehens gibt die Septuaginta, die frühe griechische Fassung des Alten Testaments, an dieser Stelle ein Wort mit "Jungfrau" wieder, das im hebräischen Original einfach "junge Frau" bedeutet. Das wird aufgegriffen als eine Weissagung der messianischen Geburt Jesu und in Matthäus 1,23 erwähnt, obgleich der Satz des Jesaja nichts anderes als eine rhetorische Wendung ist, die eine gewisse Zeitspanne andeuten soll, ohne den leisesten Gedanken an etwas Messianisches.
Zu einer Zeit, als die frühen Christen noch darauf bedacht waren, den Anspruch Jesu aufzustellen, um mögliche jüdische Konvertiten zu beeindrucken, wurde die Stelle als weitere Erklärung der Gültigkeit seiner messianischen Sendung ins Feld geführt. Was den Geburtsort Jesu anlangt, so müssen die beiden widersprüchlichen Berichte davon als Teil seiner jüdischen, irdischen Erhöhung angesehen werden; sie zielten darauf ab, auch diese Einzelheit in Einklang mit der Verheißung zu bringen.
Die früheste Überlieferung bezeichnet den Geburtsort Jesu als in Galiläa gelegen. Wahrscheinlich ist es Nazareth. Aber seit den frühesten Zeiten scheint der Glaube an die messianische Sendung Jesu den Anstoß zu einer anderen Geschichte gegeben zu haben. Diese besagt, daß Jesus in Bethlehem geboren sei (acht Kilonieter südlich von Jerusalem), "denn so steht es durch den Propheten geschrieben" von der messianischen Erlösung Israels im Alten Testament (Micha 5,1: "Und du, Bethlehem Euphrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei . . .
Matthäus und Lukas sagen beide ausdrücklich, daß Jesus in Bethlehem geboren sei, während Markus ziemlich entschieden für Nazareth ist; Johannes scheint sich die Ansicht des Markus zu eigen zu machen: "Andere sprachen: Er ist Christus. Etliche aber sprachen: Soll Christus aus Galiläa,kommen? Spricht nicht die Schrift: von dem Samen Davids und aus dem Flecken Bethlehem, da David war, solle Christus kommen? Also ward eine Zwietracht unter dem Volk über ihn" (Johannes 7,41-43).
Wenn Johannes geglaubt hätte, Jesus sei in Bethlehem geboren, so würde er keine Gelegenheit versäumt haben, die skeptischen Juden zu widerlegen. Andererseits war zu der Zeit, als das Johannes-Evangelium geschrieben wurde, die ganze Frage der Messianität überholt; sie hatte für die Verfasser des vierten Evangeliums keine Bedeutung mehr.
Der Widerspruch in diesem Punkt, der begreiflicherweise Anstoß zu einer umfangreichen Literatur gegeben hat, läßt sich vielleicht am einfachsten so zusammenfassen: Es ist zwar ziemlich gewiß, daß Jesus nicht in Bethlehem geboren wurde, aber keineswegs sicher, daß er in Nazareth zur Welt kam.
Die Berichte bei Lukas und Matthäus, die ihrem Wesen nach völlig gegensätzlich sind - der des Matthäus ist tragisch, der des Lukas idyllisch angelegt-, stimmen in dem einen Punkt der Erfüllung der davidischen Verheißung überein.
Besonders bei Matthäus ist fast alles, was geschieht, Erfüllung einer Prophetie: Jesus ist in Bethlehem geboren, um Micha 5,1 zu erfüllen; er komme nach Ägypten, um Hosea 11,1 zu erfüllen ("Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten"); die Schreie der durch den Kindermord zu Bethlehem beraubten Mütter (Matthäus 2,17) sind die Schreie Rachels, die um ihre Kinder weint (Jeremia 31,15); nach der Rückkehr aus Ägypten geht die Familie Jesu nach Nazareth (Matthäus 2,23), um wahr zu machen: "Er wird ,Nazoräer' heißen."
Der Bericht des Matthäus ist zwar unabhängig von dem des Lukas, aber kaum weniger aus nichthistorischen Gesichtspunkten entworfen, und dieses Problem kann außer acht gelassen werden.
Die älteste Überlieferung, bei Markus, erwähnt Bethlehem nicht. Bei Markus deutet alles darauf hin, daß Jesus in Galiläa geboren wurde. Obwohl Nazareth als der eigentliche Ort erwähnt wird, aus dem er kam, befriedigt die Erwähnung allein nicht ganz, da es sehr wohl möglich ist, daß die Rivalität zwischen den beiden Orten Bethlehem und Nazareth aufgrund der Notwendigkeit entstand, zwei Verheißungen zu erfüllen, die eine, daß er in Bethlehem geboren sei, um Micha zu bestätigen, und die andere, daß er in Nazareth geboren sei, denn "er wird ,Nazoräer' heißen". Daraus mag der Widerspruch entstanden sein.
Vom historischen Standpunkt aus ist es' also wahrscheinlicher, daß Nazareth der Geburtsort Jesu war, weil es in Galiläa liegt; ursprünglich bedeutete das Wort "Nazoräer" vermutlich nicht jemand, der aus Nazareth kam, sondern bezog sich auf die Verheißung des Alten Testaments. Der Name wird gebraucht, als habe er eine Aura um sich, die sich aus der Macht von Namen im alten Mittleren Osten und anderwärts ableitete.
Im allgemeinen waren die alten Völker, besonders die Juden, der Auffassung, Namen besäßen eine besondere mystische Gewalt; die Vermutung liegt nahe, daß das Wort "Nazoräer" kein bloß geographischer Hinweis war, vor allem, weil die früheste Überlieferung ganz deutlich nur spärliches Interesse für die irdischen Einzelheiten' des Lebens Jesu vor Beginn seiner Laufbahn zeigt.
Auf der anderen Seite ist es möglich, daß ein Name mit einiger Bedeutung im Aramäischen verstümmelt in das Griechische übernommen wurde, wo er zu einem besonderen Titel wurde und später auf einfache Weise ausgelegt wurde von Verfassern, die das Aramäische nicht kannten und die das Wort "Nazoräer" phonetisch in Zusammenhang brachten mit einer Stadt in Galiläa, deren Name ähnlich klang.
Die Frage hat keine große Bedeutung im Hinblick auf die eigentliche Laufbahn Jesu. Die Überlieferungen über seine Herkunft sind vor allem von Interesse, soweit sie jene nicht eingepaßten Ablagerungen schlichter Fakten enthalten, die mit den glänzenderen Elementen der Evangelien-Überlieferung kontrastieren.
Die schlichten Einzelheiten - seine einfache Herkunft, das Erstaunen seiner Familie über sein Wirken - müssen als Beweis dafür angesehen werden, daß seine Laufbahn nicht in seiner unmittelbaren Umgebung angelegt war. Das besagt ganz einfach auf andere Weise, daß der Ausgangspunkt Jesu, soweit wir ihn beurteilen können - mit Ausnahme seiner Beziehung zu Johannes dem Täufer -, in einer Umgebung liegt, fremd den zahlreichen Mythen und Legenden, die nach der Umwandlung und Auslöschung des Charakters und der Überzeugungen Jesu durch die Kreuzigung, die Auferstehung und die Christologie überhaupt entstanden.
IM NÄCHSTEN HEFT:
"Das Reich Gottes"
Deutsche Rechte beim Szczesny Verlag, München.
Geburt Jesu: "Da aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weib ...
... und unter das Gesetz getan"
Apostel Paulus
Dürrer Bericht
Jesus, Eltern: In den Umständen der Geburt ..
. . .ein göttliches Element: Johannes der Täufer tauft Jesus
Jesus-Ahnherr Abraham
"Beim entscheidenden Übergang...
Jesus-Ahnherr David
... tut sich eine Kluft auf"
Perseus-Mutter Danae
Aus der hellenistischen Welt.
... zahlreiche Parallelen: Jesus-Mutter Maria
Kaiser Augustus
"Sohnes-Beziehung zu Gott"
Jesus-Bruder Simon
"Und es kam seine Mutter...
Jesus-Bruder Judas
... und seine Brüder ...
Jesus-Bruder Jakobus
... und ließen ihn rufen"
Heilung des Blinden: "Jesu, Sohn Davids, erbarme dich mein"
Bethlehem: Ober den Geburtsort Jesu...
...Widersprüche in den Evangelien?: Nazareth

DER SPIEGEL 7/1966
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