07.02.1966

ÖSTERREICH / HABSBURGNo a Kaiser?

Niemand nennt ihn "Majestät", "Durchlaucht" oder auch nur "Gnä' Herr". Er hat keinen Adelstitel und jetzt nicht einmal mehr einen Namen. Gerade darauf aber baut der 42jährige Jurist, der im Rheinland arbeitet, seine Hoffnung, Chef des Hauses Habsburg zu werden.
Er sei "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" legitimer Enkel des österreichischen Kronprinzen Rudolf, der 1889 durch einen noch immer geheimnisumwitterten Selbstmord in Mayerling bei Wien aus dem Leben schied. Das bescheinigte die in Familienfragen des einstigen österreichischen Erzhauses sehr penible "Kronprinz -Rudolf-Gesellschaft" in Wien dem Düsseldorfer Buchprüfer Theodor Rudolf Salvator, der bis September 1965 gutbürgerlich Pachmann hieß.
Als direkter Nachkomme von Kaiser-Franz Joseph I. und dessen bayrischer Gattin Elisabeth ("Sissi"), den Eltern Rudolfs, sei er aber, so argumentierte Pachmann, Rechtens habsburgisches Familienoberhaupt und österreichischer Thronprätendent.
Für Dr. Otto Habsburg-Lothringen, den in Pöcking am Starnberger See wohnenden landesverwiesenen ältesten Sohn des letzten österreichischen Monarchen, hat der Theodor aus Düsseldorf nur eine mitleidige Handbewegung: "Wer ist der Herr?"
In Pachmanns Augen ist der weltweit bekannte Erzherzog Otto Sproß einer habsburgischen Nebenlinie, die 1916 mit Kaiser Karl I. widerrechtlich auf den Thron kam, weil in Robert Pachmann dem Vater des Theodor Rudolf Salvator - noch ein Repräsentant der direkten Linie am Leben war"
Dieser Robert Pachmann entsteigt vergilbten Dokumenten, die Sohn Theodor in mühsamer Kleinarbeit gesammelt hat, als geheim-ehelicher Sohn des Kronprinzen Rudolf und der Erzherzogin Maria Antonia von Toscana.
Der zwanzigjährige Rudolf, damals Oberst des 36. Infanterieregiments in Prag, lernte die Toscaner-Prinzessin 1878 im Hradschin kennen, wo sich sowohl die Infanterie-Kommandantur als auch ein hochadeliges Damenstift einquartiert hatten, dessen Äbtissin Maria Antonia war. Der gestrenge Wiener Kaiserhof hatte gegen die Romanze an der Moldau nichts einzuwenden. Die italienische Erzherzogin erhielt auf der Liste standesgemäßer Ehekandidatinnen für Rudolf Platz eins.
Da erkrankte Antonia an Tuberkulose. Um der Gesundheit des Kaiserhauses willen sollte sie, so Monarch Franz Joseph, sofort aus Rudolfs Leben verschwinden. Offiziell gehorchte Rudolf. Insgeheim aber ließ er sich, so beweist Enkel Theodor, am 1. Januar 1880 in der Gardekirche am Wiener Rennweg von Weihbischof Dr. Marschall mit seiner großen Liebe trauen.
Mit vollzogener Eheschließung erhoffte sich Rudolf den Sanctus des kaiserlichen Vaters - sah sich aber getäuscht. Aus Staatsraison wurde Rudolf Bigamist: Er mußte auf Geheiß des Kaisers die wenig attraktive belgische Königstochter Stephanie zum Altar führen.
Während der Kronprinz, auch politisch mit dem Vater immer mehr zerstritten, in sohnloser Ehe mit Stephanie lebte, gebar seine heimliche Gattin in Cannes den Knaben Robert und starb kurz danach. Das Kind mußte vor Kaiser, Hof und Volk verborgen werden. Es wurde im Hause von Verwandten des kronprinzlichen Leibfiakers Bratfisch in Wien einem Heinrich Columban Pachmann übergeben, dessen Sohn kurz zuvor nach der Geburt gestorben war. Im Obergeschoß des Pachmann-Hauses bezog ein Graf Alberti Quartier, der den kleinen Robert regelmäßig zum Kronprinzen ins Schloß Schönbrunn brachte.
Nach Rudolfs Selbstmord brachte Graf Alberti den Robert Pachmann ins Ausland, weil er fürchtete, der Hof könnte den Knaben verschwinden lassen. Nach Ausrufung der Österreichischen Republik im Jahre 1919 versuchte Robert, seine Abstammung nachzuweisen, stieß aber auf erbitterten Widerstand des exilierten Kaiserhauses. Als er 1961 starb, hinterließ er seinem Sohn Theodor Akten und Zeugnisse seiner Herkunft.
Der Doktor juris Pachmann junior begann daraufhin systematisch zu forschen. Er entdeckte
- eine Bestätigung der Frau Maria Pachmann, daß Robert nicht ihr eigenes Kind, sondern das des Kronprinzen Rudolf sei;
- eine radierte Stelle im Matrikelverzeichnis aus dem Jahre 1883, die eine ursprüngliche Todeserklärung des echten Robert Pachmann korrigiert;
- ein Dossier des Kronprinzen Rudolf mit der eigenhändig geschriebenen (aber grammatisch falschen) Aufschrift "notre mariage secrète", dessen Inhalt - laut vorhandenem Index: zwei Bestätigungen des Bischofs Dr. Marschall und 14 Liebesbriefe - verschwunden war;
- einen Brief der Hofdame von Maria Antonia, der bestätigt, daß ihre Herrin "mit allen Würden einer verheirateten Erzherzogin" begraben wurde.
So gerüstet, überredete Theodor Rudolf Salvator die letzte Überlebende der echten Pachmanns in Wien, ein "Kuckucksei" wie ihn schleunigst aus dem Familiennest zu entfernen. Prompt klagte die alte Dame auf Aberkennung des Namens Pachmann. Am 10. September 1965 wurde im Wiener Justizpalast das Urteil gefällt: Pachmann darf sich künftig nicht mehr Pachmann nennen.
Alles weitere kann der namenlose Theodor nun dem Vater Staat überlassen. Denn Österreich muß seinem Staatsbürger Theodor Rudolf Salvator einen neuen Familiennamen geben - wenn es nach dessen Willen geht, dann Habsburg-Lothringen.
Überzeugt, Träger des alten Namens zu werden, ist Theodor von Düsseldorf nach Wien zurückgesiedelt. Seine vervielfältigte Dokumentation hat er im vergangenen Monat Österreichs Bundeskanzler Klaus, dessen sozialistischem Vize Pittermann, dem Chef der "Freiheitlichen Partei", Peter, und Wiens Kardinal König geschickt.
Den eingeschworenen Habsburg-Gegner Pittermann ließ die Pachmann-Akte gequält aufstöhnen: "Was, no a Kaiser?"
* Karl I. war der Enkel eines Bruders von Kaiser Franz Joseph I., also dessen Großneffe.
Heimliche Rudolf-Gattin Maria Antonia
Aus Staatsraison ...
... Bigamist geworden: Habsburger Rudolf, heimlicher Sohn Robert, Enkel Theodor

DER SPIEGEL 7/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH / HABSBURG:
No a Kaiser?

  • Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"