07.02.1966

HEIDEGGERMitternacht einer Weltnacht

Seit mehr als zwei Jahrzehnten werden Deutschlands - und nicht nur Deutschlands - Philosophen durch die Tatsache beunruhigt, daß einer von ihnen, und zwar der wohl tiefsinnigste dieses Jahrhunderts, auf jeden Fall der wirkungsvollste Katheder-Denker seit Hegel, einst ein Nazi war: Martin Heidegger, 76 (SPIEGEL 14/1962).
Viele Kollegen des ehemaligen Parteigenossen sind dem unbehaglichen - und, wie immer, für die Philosophen-Zunft peinlichen - Faktum nachgegangen. Doch erbrachten diese Bemühungen in deutscher, französischer, englischer, spanischer, japanischer und russischer Sprache zumeist nicht mehr als lahme Entschuldigungen für den abgeirrten Philosophen, allenfalls Bekundungen gefühlvoller Abscheu oder ideologisch vorgefaßte Kritik. Eine plausible Erklärung für Heideggers braune Jahre - eine Erklärung zumal aus dessen philosophischem Schaffen vermochte keiner zu bieten.
Diesem Mangel hat nun ein 34jähriger Freiburger Politologe namens Alexander Schwan abzuhelfen versucht*. Er spürte im Denk-Werk Heideggers nach dessen politischer Philosophie und entdeckte, daß Heidegger - obschon niemals wirklich NS-Philosoph - zu allen Zeiten, und sogar heute noch, zu den totalitären Bewegungen der Gegenwart ein düsteres Verhältnis der "Zustimmung" unterhalten habe.
Schwan: Immer wieder finden sich bei Heidegger Andeutungen, "die dem Nationalsozialismus und - vereinzelter - dem Marxismus einen Vorzug unter allen weltanschaulichen und politischen Bewegungen des Zeitalters einräumen".
Und ausdrücklich: "Dies gilt auch nach Heideggers Abkehr von der ungeteilt positiven Zustimmung zur nationalsozialistischen Herrschaft."
Daß Heidegger, der 1927 durch die Publikation seines Werkes "Sein und Zeit" zu weltweitem Ruhm gelangt war, schon damals mit einigen Elementen der NS-Weltanschauung - zum Beispiel dem Antisemitismus - sympathisierte, war bereits Zeitgenossen aufgefallen. Toni Cassirer, die Frau des gleichnamigen Hamburger Philosophen jüdischer Abstammung, bemerkte 1929 nach einem Bankett in Davos über ihren Tischnachbarn Heidegger: "Auch seine Neigung zum Antisemitismus war uns nicht fremd."
Dabei unterhielt Heidegger in den zwanziger Jahren zu Deutschen jüdischer Herkunft enge Beziehungen. Er verkehrte in dem Heidelberger Haus des heute in Basel ansässigen Philosophen Karl Jaspers, der mit einer Jüdin verheiratet ist. Er war jahrelang Assistent und Schüler des (jüdischen) Professors Edmund Husserl, des Vaters der phänomenologischen Schule. Dank Husserls Fürsprache wurde Heidegger, als Husserl 1928 emeritierte, dessen Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl für Philosophie.
Nach Hitlers Machtübernahme 1933 brach Heidegger, inzwischen Rektor der Universität Freiburg geworden, seine Beziehungen sowohl zu der Familie Jaspers als auch zu seinem Lehrvater Husserl ab. Dem letzteren verbot er sogar - und zwar schriftlich und mit eigenhändiger Unterschrift - das Betreten der Universität. Als Husserl 1938 in Freiburg zu Grabe getragen wurde, folgte seinem Sarg ein einziger Professor: der heutige Altmeister der deutschen Historie, Gerhard Ritter.
Ritter war 1952 auch einer der wenigen Freiburger Professoren, die dem damals über 60 Jahre alten "Sein und Zeit"-Philosophen Heidegger den ehrenvollen Abschied von der Universität und die Pension verweigern wollten. Heideggers Epoche der "ungeteilt" positiven Zustimmung zu Hitlers Staatswerk hatte freilich nur rund zwei Jahre gedauert: von 1933 bis etwa 1935.
In diesen zwei Jahren trat er bei NS-Veranstaltungen auf, trug das Hoheitsabzeichen eines NS-Amtsträgers an der Joppe, verkündete - so im November 1933 - den deutschen Studenten "die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins": "Nicht Lehrsätze und 'Ideen' seien die Regeln eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz."
Schon vorher - in seiner berühmten Freiburger Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 - hatte Heidegger die "Frage nach dem Sinn von Sein", die er in "Sein und, Zeit" gestellt hatte, umgedeutet in den "Kampf der Fragenden", die "wollen, daß unser Volk seinen geschichtlichen Auftrag erfüllt".
In derselben Rede war Heidegger für eine neue Zeit eingetreten, deren Merkmale "Arbeitsdienst", "Wehrdienst" und "Wissensdienst" sein sollten: "Die vielbesungene ,akademische Freiheit' wird aus der deutschen Universität verstoßen; denn diese Freiheit war unecht, weil nur verneinend."
Doch von 1935 an zog sich der Philosoph aus öffentlichen Veranstaltungen zurück, und in intimem Kreis äußerte er Befremdung: "Die Leute lesen den Rosenberg-Blödsinn; da ist doch kein einziger Gedanke."
Im selben Jahr gab er schließlich in einer Vorlesung ("Einführung in die Metaphysik") eine Erklärung über seine Stellung zum Nationalsozialismus ab, die - obschon vieldeutig - die Richtung seiner künftigen politischen Philosophie erkennen ließ.
"Was heute", sagte er 1935, "als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in diesen trüben Gewässern der ,Werte' und ,Ganzheiten'."
Heideggers Vorlesung war eine - für die damaligen Begriffe - mutige Kritik am nationalsozialistischen Philosophie-Betrieb: am "Rosenberg-Blödsinn" und "diesen trüben Gewässern der 'Werte' und ,Ganzheiten'".
Doch als Heidegger 1953 seine Metaphysik-Vorlesung von 1935 erstmalig zum Druck gab und dabei auch jene Stelle über die Philosophie des Nationalsozialismus - ohne Kommentar - abdrucken ließ, fragte man sich, ob denn Heidegger, acht Jahre nach Hitlers Tod, tatsächlich noch von "der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung", also des Nationalsozialismus, sprechen wolle.
Mit dieser Frage lebte die Heidegger -Diskussion wieder auf, die Ende der zwanziger Jahre - nach dem Erscheinen von "Sein und Zeit" - begonnen hatte. Jürgen Habermas, damals Bonner Philosophie-Student, heute Professor in Frankfurt, empörte sich in der "FAZ" über den Abdruck dieser Stelle.
Günter Graß parodierte im Roman "Hundejahre" Heideggers vertrackte Sprache als Idiom der Nazi-Dämmerung und politischer Prostitution. Schon vorher hatte der Franzose Gabriel Marcel, dessen philosophisches Werk - ebenso wie das seines Landsmannes Jean-Paul Sartre - nicht ohne Heidegger zu denken ist, den Schwarzwald-Philosophen in einem Schauspiel ("Die Wacht am Sein") brillant verulkt. Kurt Hiller, heimatloser Linker der zwanziger Jahre, nannte Heidegger kurzerhand einen "Denkwebel".
Gleichwohl blieb unter den Philosophen der Welt der Respekt vor der denkerischen Leistung Heideggers ungetrübt. Carl Friedrich von Weizäcker, einst Physiker und heute Philosoph in Hamburg, bekannte nach der Lektüre von "Sein und Zeit", daß "hier und nur hier diejenigen denkerischen Aufgaben angegriffen werden, die ich im Hintergrund der modernen theoretischen Physik ahnte".
Ludwig Marcuse, US-Professor für Philosophie, verteidigte Heidegger gegen den Faschismus-Vorwurf: Wortführer dieser These "beweisen nichts, als daß sie barbarische Primitive sind".
Auch Alexander Schwan, der neueste Interpret Heideggers, nimmt den Freiburger Denker vor dem - Vorwurf, ein politischer Opportunist gewesen zu sein, in Schutz. Schwan versucht Heideggers politische Philosophie "aus dem Kontext der wichtigsten Grundschritte seines Denkens zu erfassen".
Danach machte - laut Heidegger - die abendländische Philosophie (und mit ihr die abendländische Geschichte) in rund 2500 Jahren einen Prozeß ständig zunehmender "Seinsvergessenheit" durch, der mit dem griechischen Philosophen Plato (427 bis 347 vor Christus) begann
und mit Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ausmündete.
Am Ende dieses Prozesses steht die Gegenwart: eine Epoche völliger "Leere" und Nichtigkeit - anders ausgedrückt: eine Epoche, in der alle Wertvorstellungen und Gottesbegriffe hoffnungslos "gleich-gültig" geworden sind, in der nur noch "Gleich-Gültiges" geschieht, in welcher die "trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen" regiert und die "Vernutzung aller Stoffe, eingerechnet den Rohstoff ,Mensch'" dominiert.
Die Gegenwart ist für Heidegger wie er 1950 in "Holzwege" schrieb "die ,Mitternacht' einer ,Weltmacht'".
Dieser durch und durch trostlose Zustand ist das, was nach Heidegger heute "ist". Und von diesem Heideggerschen Befund aus müssen - so Schwan - Heideggers Kommentare zum "Zeitalter der Gegenwart" erörtert werden: zum Nationalsozialismus, zum Kommunismus, zur christlichen Weltanschauung, zum Liberalismus und so fort. Angesichts der unabänderlichen Leere und Nichtigkeit der Gegenwart, gelten für Heidegger insonderheit die westliche liberale Demokratie und die moderne christliche Weltanschauung als törichte "Halbheiten" gegenüber dem, was an der Zeit "ist", erlangen aber andererseits Nationalsozialismus und Kommunismus bei Heidegger die freilich nur relative Anerkennung, daß sie elementare Erfahrungen dessen aussprechen, "was (heute) weltgeschichtlich ist".
Mithin: Wenn Heidegger in seiner 1935 gesprochenen und 1953 gedruckten Vorlesung von der "inneren Wahrheit und Größe" des Nationalsozialismus sprach, so meinte er damit offenkundig, daß der Nationalsozialismus - und später auch der Kommunismus - die innere Leere und Nichtigkeit der Gegenwart exemplarischer, unverhohlener und schicksalhafter zum Ausdruck bringen, als Demokratie und christliche Weltanschauung es tun, und daß deswegen dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus ein wenn auch letztlich nihilistischer Vorrang unter den konkurrierenden Weltanschauungen gebühre.
Die "recht verächtliche Geringschätzung" (Schwan), die Heidegger den christlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Bestrebungen der Gegenwart entgegenbringt, bezieht sich auch auf deren "moralische Entrüstung" über Nationalsozialismus und Kommunismus. Tatsächlich - so meint Heidegger - unterschieden sie sich nur wenig von jenen.
Im Jahre 1961 trug Heidegger auf einem "Heimatabend" anläßlich der 700 -Jahr-Feier seiner Geburtsstadt Meßkirch seine Ansichten über den "absoluten technischen Staat" der Zukunft vor und meinte - so jedenfalls referiert ihn Schwan -, daß dieser Staat durch einen "Totalitarismus" gekennzeichnet sein werde, "der nur in einigen Äußerlichkeiten vom nationalsozialistischen Staat unterschieden zu sehen ist, so daß dessen geschichtliche Wirklichkeit mutatis mutandis 'im Grunde' weiterbesteht" (Schwan).
Heideggers Gegenwarts-Auffassung ist pessimistisch und fatalistisch. "Der Mensch", schrieb er 1950, "kann dieses Geschick seines neuzeitlichen Wesens nicht von sich aus verlassen oder durch einen-Machtspruch abbrechen."
* Alexander Schwan: "Politische Philosophie im Denken Heideggers". Westdeutscher Verlag, Opladen und Köln; 208 Seiten; 32 Mark.
NS-Amtsträger Heidegger (nach 1933)
Dieses Geschick kann der Mensch...
Pensionär Heidegger (nach 1945)
... nicht von sich aus verlassen
Heidegger (x) auf einer NS-Kundgebung (1934) "Die Leute lesen den Rosenberg-Blödsinn"

DER SPIEGEL 7/1966
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HEIDEGGER:
Mitternacht einer Weltnacht

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