07.02.1966

NEU IN DEUTSCHLANDAve Maria

Dem Idiotenführer durch die Gesellschaft Gregor von Rezzori, Maghrebiniens bestem Geschichtenerzähler, dankt die amerikanische Filmgesellschaft "United Artists" einen großen Teil jener übergroßen Publicity, die ihr breitwandiger Farbfilm "Viva Maria" hatte, ehe das Publikum einen Meter Maria sah.
Rezzori war für eine Doppelrolle ins Filmteam engagiert worden: als Chargenspieler - er gibt einen backenbärtigen Zauberkünstler mit drei Sätzen Text - und als männliche Klatschtante. Die zweite Rolle konnte er besser: Er beschickte vom Drehort Texcoco (2300 Meter überim Meer, 50 Kilometer nordöstlich von Mexico City) vier große europäische Publikationen mit Tagebuchnotizen.
Immer wieder rezitiertes Rezzori -Motiv ist die merklich spannendere Rivalität der Stars Jeanne Moreau, 38, und Brigitte Bardot, 31 (beide heißen im Film Maria): Sie spaltete laut Rezzori die Filmtruppe in zwei Lager. Dagegen Louis Malle, (seit "Die Liebenden" weltbekannter) "Viva Maria" -Regisseur: "Er (Rezzori) machte seine Sache so gut, daß die zwei Stars einander eine Zeitlang wirklich nicht mehr ausstehen konnten."
Dem fertigen Film ist anzumerken, daß die Moreau und die Bardot weder mit- noch gegeneinander schauspielen können. Jede kämpft mit den Waffen einer Frau nur für sich - wobei Brigitte Bardot, jünger und kurviger, im natürlichen Vorteil ist: Im tiefen Ausschnitt wirkt ihr Kugelbusen optisch stärker. Dafür zieht sich die Moreau als erste (im Wohnwagen) bis aufs Mieder aus.
Die Bardot wiederum hat im "Märchen eines mittelamerikanischen Volksaufstandes" (Rezzori) die längere Rolle. Sie spielt die irische Sprengmeisterin Maria, die nach der letzten Brücke (mit der ihr Vater in die Luft flog) zu einer Tingeltruppe stößt, Partnerin der anderen Maria (Moreau) wird und auf der Bühne den Strip-tease erfindet. Das Fahr-Varieté wird von einem mexikanischen Großgrundtyrannen gefangen, Maria-Moreau verliebt sich in einen Volkshelden in Ketten (dargestellt vom US-Schönen und Freund der US-Präsidententochter Lynda Bird Johnson, George Hamilton).
Nach seinem Tod durch Erschießen vollendet Maria-Moreau seine Sendung: die Revolution. Mit Zitaten aus Mark Antons Rollentext ("Julius Cäsar", Shakespeare) wiegelt sie Volk auf; und mit Hilfe der pyrotechnischen Fähigkeiten von Maria-Bardot gelingt, nach buntem Gemetzel, der Aufstand.
Nach dem Volkssturm auf die Provinzhauptstadt San Miguel stand einer der Statisten nicht mehr auf - ein Wagenrad war ihm über den Kopf gefahren und hatte ihn tödlich verletzt. Die Trauer war kurz, der Unfall offenbar alltäglich: Bei einem amerikanischen Western hatten zehn Statisten ihr Leben gelassen.
Die Gefühl-volle Geschichte hat Malle mit so viel Kalkül inszeniert, daß für Gefühle im Handlungsablauf kaum Platz noch Zeit blieb. Es entstand eine Revolutions-Revue aus zufällig gereihten Nummern. Aufwand: 13 Millionen Mark.
Viel Spaß geht auf Kirchen-Kosten: Das Volk betet die beiden Marias an ("Ave Maria y Maria"), ein Kreuz mit beweglichen Balken dient dem Klerus als Signalgerät, Heiligenbilder zeigen die Marias auf Wasser wandelnd, ein Mönch hat einen Rosenkranz aus Patronen, der Prior, von einer Handgranate getroffen, geht mit dem Kopf in Händen ab.
Reiner Blödsinn (eine dressierte Taube transportiert eine Handgranate, aus einer gesprengten Bank rieselt Goldmünzenregen) hält die Handlung ebenso lang an wie subtiler Assoziationswitz: Maria-Bardot hat kaum gesagt, daß sie Irin sei, da zieht sie die Ballonmütze vom Kopf - und statt des erwarteten irisch-roten Haars fällt ihr blondes auf die Schulter.
Einen Jux wollt' Malle sich machen und litt an Regie-Schizophrenie. Denn die vielen Scherze - sie erinnern auffallend an die in der Seeräuberparodie "Der rote Korsar" mit Burt Lancaster - führen irre; sie lenken das Publikum von den doch ernsthaften Liebes- und Kampfspielen ab - und es führt kein Weg zurück in die stets ebenso unterhaltsame Handlung.
Das Match Moreau - Bardot dauerte nach Drehschluß an: Zur New Yorker Uraufführung von "Viva Maria" fuhr die Bardot allein, im modisch gekürzten Zobel; Jeanne Moreau jedoch wollte ihre
Dreharbeit in Griechenland nicht unterbrechen.
Bardot-Vergötterer und Moreau-Verehrer von Rezzori publiziert sein Marien-Erleben noch einmal: Ende Februar bei Rowohlt.
Malle-Film "Viva Maria"*: Der Prior geht ...
"Viva Maria"-Chronist von Rezzori
... mit dem Kopf in der Hand
* Brigitte Bardot, Jeanne Moreau.

DER SPIEGEL 7/1966
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