14.02.1966

ILLUSION EINES EMIGRANTEN

Alfred Kantorowicz, 66, einst Literaturkritiker der "Vossischen Zeitung" und überzeugter Kommunist, gründete noch der Emigration in Frankreich den "Schutzverband Deutscher Schriftsteller im Exil". Er kämpfte Im spanischen Bürgerkrieg, kam noch der Besetzung Frankreichs ins KZ und konnte 1941 noch Amerika fliehen Nach 1946 wirkte er als Schriftsteller und Literaturprofessor in Ost-Berlin. 1957 emigrierte er aus der DDR in die Bundesrepublik. 1959 erschien sein "Deutsches Tagebuch".
Leopold Schwarzschild, 1891 in Frankfurt am Main geboren, machte sich in den zwanziger Jahren als Publizist und Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift "Das Tagebuch" einen Namen. Der Vergleich zu Ossietzkys "Weltbühne" wurde durch Format und Aufmachung herausgefordert. Die Unterschiede waren sinnfällig. Der von Schwarzschild geprägte Stil des "Tagebuch" war nüchterner, pragmatischer als der moralische Appell des Recht- und Wahrheit-Suchers Ossietzky und die satirisch-kulturkritische Komponente, die Tucholsky in die "Weltbühne" einbrachte.
Schwarzschild, ein Wirtschaftsfachmann, war alles andere als Pathetiker, Schwärmer, Märtyrer. Er verließ Deutschland unverzüglich nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Bereits im Frühjahr 1933 begründete er in Paris "Das Neue Tagebuch", das bis zur Überrennung Frankreichs im Mai 1940 wöchentlich erschien, in bürgerlichen Kreisen Reputation gewann, oftmals von großen Zeitungen des westlichen Auslandes zitiert wurde, jedoch auf die Entwicklungen, die zum Kriege führten, ebensowenig Einfluß hatte wie irgendein anderes. Organ oder eine Persönlichkeit der deutschen Emigration.
Darin teilt Schwarzschild die Erfahrung, die Thomas Mann (nach der Kapitulation der Westmächte vor Hitler in München, 1938) als "furchtbarstes Erlebnis" der Emigration bezeichnete, nämlich das "bis zum Äußersten immer wieder verleugnete Gewahrwerden der Tatsache, daß wir, die Deutschen der inneren und äußeren Emigration, Europa, zu dem wir uns bekannt hatten ... in Wirklichkeit nicht hinter uns hatten".
Die deutsche Emigration widerspiegelte die Schichtungen und Parteiungen der Weimarer Republik: von kommunistischen Ruhrkumpels zu Vertretern der konservativen Hocharistokratie, von jüdischen Bankiers zu prominenten Ex -Nazis (wie Strasser oder Rauschning), vormaligen Reichskanzlern (wie Brüning oder Wirth) zu Partisanen politischer Splittergruppen, weltberühmten Nobelpreisträgern (wie Thomas Mann und Einstein) zu namenlosen Scharlatanen; von apolitischen Wissenschaftlern und Künstlern zu Parteiangestellten.
Unter den alles in allem als Organe der deutschen (mit Einschluß der österreichischen und sudetendeutschen) Emigration zu bezeichnenden 190 Zeitungen und Zeitschriften stand Schwarzschilds "Neues Tagebuch" im herkömmlichen Begriff "rechts", wobei, wie in guter alter Zeit, dem "Feuilleton" Spielraum bis zu Ernst Toller hin gewährt wurde.
Schwarzschild selber war selbstverständlich bedingt anti-nazistisch, jedoch nicht unbedingt antifaschistisch - das geht nicht nur aus seinen "Bemerkungen zum Thema Mussolini" hervor. An seiner durchweg entschieden antikommunistischen Haltung bestand kein Zweifel. Sie macht erklärlich, daß "Das Neue Tagebuch" in beliebig vielen Exemplaren in den einschlägigen Bibliotheken oder Seminaren zur Hand ist, während andere Emigrationszeitschriften, wie zum Beispiel die (nichtkommunistischen) "Blauen Hefte" oder "Die Aktion", unauffindbar beziehungsweise nur vereinzelt greifbar sind.
Will man die Proportionen wahren, so ist festzustellen, daß "Das Neue Tagebuch" für das soziale, politische und geistige Gesamtvolumen der deutschen Emigration ebensowenig Alleinvertretungs-Anspruch erheben darf wie andererseits etwa die in Prag von 1933 bis 1938 erscheinende, von der KP kontrollierte "Neue Weltbühne".
Indessen haben wir es hier nur mit der Auswahl der Leitartikel Leopold Schwarzschilds in seiner Zeitschrift zu tun. Aus den ungefähr 350 Heften, die er in Paris herausgab, werden knapp 70 seiner Analysen der politischen Ereignisse von 1933 bis 1940 mit Bezug auf das "Dritte Reich" vorgelegt.
Die Reihe beginnt am 1. Juli 1933 mit dem Kommentar zur Entmachtung und Auflösung der Deutschnationalen und aller anderen noch bestehenden Parteien des Reichstages; sie endet am 16. März 1940 mit dem sorgenvollen Ausblick auf die Möglichkeiten der USA, Europa, mit Hitler in der Mitte, zu befrieden.
An Stoff fehlte es dem Publizisten in jenen Jahren nicht. Die Wiederaufrüstung, der Austritt Hitlerdeutschlands aus dem Völkerbund, die Tricks und Legenden des Dr. Schacht, die "Deutsche Bartholomäusnacht" vom 30. Juni 1934, die Ermordung von Dollfuß, das Plebiszit an der Saar, das Eingreifen in den spanischen Bürgerkrieg, die Besetzung Österreichs, die Preisgabe der Tschechoslowakei in München und ganz folgerichtig der Beginn des Zweiten Weltkrieges - das sind die Wegzeichen, deren Bedeutung Schwarzschild mit dem Vorblick auf den jeweils nächsten Zug Hitlers kenntlich macht.
Die Superlative im Vorwort von Kurt Sontheimer nehme man mit einigen Körnchen Salz. Bemerkenswert ist Schwarzschilds Tatsachensinn. Er ließ sich niemals von Emotionen hinreißen, stieß keine Kassandrarufe aus, sondern folgerte logisch nach Gegebenheiten. Das Unwägbare, wie etwa das sich erst allmählich auswirkende Entsetzen der Intellektuellen in aller Welt über die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 oder die Bedeutung der Verleihung des Nobelpreises an Ossietzky, war kein Rohstoff für seine Analysen. Literatur, Kunst, Geisteswissenschaften kommen bei ihm kaum am Rande vor; er maß ihnen keine materielle (bewußtseinsbildende) Bedeutung zu. Ihn einen "der größten Publizisten ... deutscher Sprache" zu nennen, ist geschmeichelt.
Auch sind seine Voraussichten "für die Zeitverhältnisse" keineswegs erstaunlich; man fand sie in allen Lagern und fast allen Publikationsorganen der deutschen Emigration. Was kommen würde, wenn man Hitler nachgab, haben zahllose deutsche Schriftsteller, sogar Politiker vorhergesagt; nicht wenige haben die Katastrophe, die sich schon im Frühjahr 1933 deutlich abzeichnete, leidenschaftlicher beschworen. In Einzelheiten, zum Teil substantieller Art, haben alle geirrt, kaum jemand hat den Hitler-Stalin-Pakt oder die Überrennung Frankreichs In wenigen Wochen prophezeit. Die "List der Geschichte" hat alle überlistet.
Ein aus Wunschdenken geborener fundamentaler Irrtum war nahezu allen deutschen Exilierten gemeinsam: die Überzeugung, daß das deutsche Volk in seiner Mehrheit ein Opfer des Naziregimes gewesen sei. Schwarzschild war keine Ausnahme. In einem Ende Dezember 1938 veröffentlichten Artikel geht er in dieser Selbsttäuschung sogar weiter als andere mit der Behauptung: "Niemand in Deutschland selbst bezweifelt, daß eine freie Abstimmung, die heute für oder gegen das Hitler-Regime stattfände, eine überwältigende Gegen-Mehrheit ergäbe ..." Das wurde von dem sonst so rational denkenden Mann zur Zeit der optimalen innen- und außenpolitischen Erfolge Hitlers behauptet.
Doch gerade diese Illusion macht Schwarzschild zu einem typischen Vertreter der deutschen Emigration und die Sammlung seiner Artikel zu einem Dokument. Er starb 1950, als es in Deutschland noch zum guten Ton gehörte, nicht dabeigewesen zu sein. Leopold
Schwarzschild:
"Die Lunte am Pulverfaß.
Aus dem
'Neuen Tagebuch' 1933-40"
Christian Wegner
Verlag
Hamburg
432 Seiten
28 Mark
Kantorowicz

DER SPIEGEL 8/1966
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DER SPIEGEL 8/1966
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