21.02.1966

MAUERBLÜMCHEN IST JETZT DIE REGIERUNG

In Hamburg entstand in der vergangenen Woche das vielleicht größte Werftunternehmen Deutschlands: Die Werft Blohm & Voss kaufte die Werft H. C. Stülcken Sohn. Damit ist in letzter Minute ein Versuch Bundesschatzminister Dollingers gescheitert, die Stülcken-Werft, an die der Bund eine Millionen-Forderung hat, mit der notleidenden Werft Howaldtswerke AG, die dem Bund gehört, unter Beteiligung des Siemens-Konzerns zu fusionieren. Nach monatelangen Verhandlungen unter starkem Regierungsdruck hatte der Minister schon Ende Dezember 1965 öffentlich erklärt, daß die Fusion beschlossene Sache sei. Letzte Woche sollten in Bonn Schlußlesung des Vertrages und Schlußbesprechung beim Minister sein. Aber Stülcken kam nicht. In einer Blitzaktion hatte die Werft Blohm & Voss die Stülcken-Eigentümer aus der Dreierkoalition herausgebrochen und die Werft gekauft. Bundesschatzminister Dollinger erfuhr davon aus der Zeitung. Ohnmächtig zürnte das Schatzministerium über Stülckens Kehrtwendung: "Wortbruch." Der Überraschungssieger Blohm&Voss, der bei den Fusionsverhandlungen abseits stand, verweist auf die Vorteile der neuen Lösung.
SPIEGEL: Herr von Werthern, warum hat sich Blohm & Voss entschlossen, die Stülcken-Werft sozusagen im Handstreich zu übernehmen?
VON WERTHERN: In erster Linie wegen der Gefahr, aus einer sich in Hamburg formierenden Werften-Kombination möglicherweise ausgeschlossen zu werden.
SPIEGEL: Bonn glaubte, die Fusion von Stülcken und Howaldt mit Beteiligung von Siemens schon unter Dach zu haben.
VON WERTHERN: Auch wir standen unter diesem Eindruck.
SPIEGEL: War Blohm & Voss von diesen Fusionsverhandlungen ausgeschlossen worden, oder hatten Sie sich selber ausgeschlossen?
VON WERTHERN: Wir sind lange ausdrücklich ausgesperrt gewesen. Erst dem massiven Druck unserer Aktionäre, Phoenix-Rheinrohr und Familie Blohm, auf das Bundesschatzministerium ist es zu verdanken gewesen, daß am 16. Dezember 1965 bei Herrn Bundesschatzminister Dollinger ein Gespräch mit den Vertretern unserer beiden Aktionäre stattgefunden hat. Da wurde grünes Licht für Verhandlungen gegeben.
SPIEGEL: Die nun auch Blohm & Voss einschlossen.
VON WERTHERN: Wir haben sowohl beim Bundesschatzministerium wie auch unter anderem in den Gesprächen mit Siemens, die im Januar stattfanden, die Forderung erhoben, daß es keine sogenannte Vorwegfusion von Howaldt und Stülcken in einer kleinen Lösung geben sollte, sondern daß wir von Anfang an als gleichberechtigte Partner mit an den Tisch wollten. Diese Forderung ist unterstützt worden durch einen Brief des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden unserer Firma, Herrn Dr. Mommsen, von Phoenix-Rheinrohr, an Bundesschatzminister Dollinger vom 28. Januar. Die Antwort, die Herr Mommsen am 8. Februar von Herrn Dr. Dollinger bekam, war für uns alle außerordentlich enttäuschend.
SPIEGEL: Was schrieb der Minister?
VON WERTHERN: Daß man im Bundesschatzministerium nach wie vor Wert darauf lege, zunächst die kleine Lösung zu vollziehen und sich erst dann darüber zu unterhalten, wer gegebenenfalls als weiterer Werftpartner hinzutreten sollte. Es wurde in diesem Zusammenhang nicht nur unser Unternehmen, sondern auch die Deutsche Werft genannt, womit wir im Hamburger Raum völlig isoliert gewesen wären.
Das war eine Situation, die wir als Vorstand dieses Unternehmens nicht unwidersprochen hinnehmen konnten.
SPIEGEL: Wann sind Sie dann mit Stülcken ins Gespräch gekommen?
VON WERTHERN: Der auslösende Faktor bei uns war der Brief von Herrn Bundesschatzminister Dollinger vom 8. Februar.
SPIEGEL: Und Sie fanden bei Stülcken sogleich Bereitschaft?
VON WERTHERN: Ja. Es zeigte sich, daß die Familie von Dietlein als Inhaber der Stülckenwerft mit den Ergebnissen der Fusionsverhandlungen offenbar doch nicht ganz einverstanden war.
SPIEGEL: Betraf das die Frage, wie eine Forderung des Bundes geregelt werden sollte, in der Bonn von Stülcken 10,4 Millionen Mark Rückzahlung angeblich zuviel vereinnahmter Gelder aus Rüstungsaufträgen verlangt?
VON WERTHERN: Ja. Denn es gibt auch sehr bedeutende Gegenforderungen von Stülcken an den Bund aus dem gleichen Marineprogramm.
SPIEGEL: Rund 20 Millionen Mark?
VON WERTHERN: Diese Größenordnung ist uns genannt worden.
SPIEGEL: Wie ist nun Ihre Blitzaktion nach dem Bonner Brief vom 8. Februar gelaufen?
VON WERTHERN: Wir haben am 13. Februar, also am vorletzten Sonntag, mit Vertretern der Geschäftsführung des Hauses Stülcken und Vertretern der Anteilseigner einen Vertrag konzipiert, den wir am 15. Februar, also am vergangenen Dienstag, vorbehaltlich der Genehmigung unseres Aufsichtsrates unterschrieben haben.
SPIEGEL: Inhalt: Blohm & Voss erwirbt Stülcken.
VON WERTHERN: Jawohl.
SPIEGEL: Sehen Sie in dieser Lösung größere Rationalisierungsmöglichkeiten als bei einer Fusion Stülcken/Howaldt?
VON WERTHERN: Wir glauben, daß schon durch die geographische Nachbarschaft* und durch die sich weitgehend sehr sinnvoll ergänzenden Programme der Rationalisierungseffekt in dieser Lösung eher größer ist als in der anderen. Stülcken und Blohm & Voss sind Werften, die sich außerdem beide in starkem Umfange auf dem Marinesektor betätigt haben. Beide -Werften haben größere, speziell für Marineaufgaben
beschäftigte Büros. Diese Büros können jetzt kombiniert werden und stellen zweifellos auch für das Bundesverteidigungsministerium bei der Entwicklung von Großwaffensystemen einen erheblichen Vorteil dar.
SPIEGEL: Blohm & Voss ist jetzt etwa gleich groß wie die Kieler Howaldtswerke, die bisher Westdeutschlands größte Werft waren.
VON WERTHERN: Howaldt Kiel hat rund 10 000 Beschäftigte, wir haben 8000, nachdem wir Stülcken aufgenommen haben. Da sind wir also Nummer zwei. Umsatzmäßig wird es bei uns um 400 Millionen Mark liegen. Das wäre möglicherweise sogar mehr als bei Howaldt Kiel.
SPIEGEL: Stülcken war für die jetzt geplatzte Fusion mit 22 Millionen Mark bewertet worden. Ist das die Kaufsumme, die Sie bezahlen?
VON WERTHERN: Kein Kommentar.
SPIEGEL: Wie geht der Kauf vor sich?
VON WERTHERN: Blohm & Voss wird an die Gesellschafter der Firma H. C. Stülcken Sohn, die ab sofort in Abwicklung tritt, einen größeren Barbetrag zahlen. Wir werden außerdem aus einer im Laufe des Jahres vorzunehmenden Kapitalerhöhung der Familie von Dietlein eine Beteiligung geben, die sich zwischen zehn und 15 Prozent unseres derzeitigen Aktienkapitals von 20 Millionen bewegen wird. Der Rest teilt sich zu gleichen Teilen zwischen der Familie Blohm und der Phoenix-Rheinrohr AG.
SPIEGEL: Wie wird Blohm & Voss das finanzieren?
VON WERTHERN: Das möchte ich nicht sagen.
SPIEGEL: Für die gescheiterte kleine Lösung hat sich besonders ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank eingesetzt. Hilft Ihnen nun die Dresdner Bank?
VON WERTHERN: Die Dresdner Bank ist unsere Hausbank. Und ich könnte mir denken, daß die Dresdner Bank sicherlich in diese Transaktion eingeschaltet werden wird.
SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, daß Bonn jetzt aus Ärger über die verpatzte Fusion die zehn Millionen von Stülcken in voller Höhe kassieren kommt?
VON WERTHERN: Wir hoffen nicht, daß Bonn so denkt. Denn wir haben nichts getan, was wirtschaftlich unvernünftig wäre oder sich gegen Bundesinteressen richtet. Wir glauben, daß Bonn, nachdem sich die erste Überraschung gelegt hat, bereit sein wird, mit uns über vernünftige Lösungen zu sprechen.
SPIEGEL: Howaldt, und auch Siemens, sind jetzt die Mauerblümchen wie bisher Blohm & Voss. Wollen Sie nun Ihrerseits denen die Partnerschaft anbieten?
VON WERTHERN: Wir sind solchen Überlegungen durchaus aufgeschlossen und hoffen, daß wir die gleiche Aufgeschlossenheit auch von der anderen Seite empfangen. Aber es sind noch keinerlei Gespräche geführt worden. Wir hatten in den letzten Tagen andere Dinge zu tun, als uns darüber den Kopf zu zerbrechen.
* Beide Werften liegen im Hafengebiet Steinwerder.
Neue Großwerft in Hamburg: Handstreich auf Steinwerder

DER SPIEGEL 9/1966
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