21.02.1966

TASMANIA BERLINHoffnung auf Hertha

Die 46 erfolgreichsten deutschen Fußbalklubs hatten sich jahrelang um die Mitgliedschaft beworben - 30 wurden abgewiesen. 85 Vereine kämpfen jedes Jahr darum - nur jeweils zwei erreichen, was dem Berliner Fußballklub Tasmania 1900 Mitte letzten Jahres geschenkt wurde: einen Platz in der (1963 gegründeten) Bundesliga.
Doch schon sechs Monate später, im vergangenen Monat, berieten Tasmania -Funktionäre, ob sie nicht lieber freiwillig wieder aus der Bundesliga ausscheiden sollten. Der etwa 700 Mitglieder zählende Neuköllner Klub hatte von 22 Bundesliga-Spielen nur das erste gewonnen und kickte zuletzt vor leeren Rängen. Der finanzielle Ruin drohte.
Erst nachträglich hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Tasmanen im Juli letzten Jahres in die Bundesliga aufgenommen. Grund: Berlin sollte weiterhin in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten sein. Denn Hertha BSC, die bis dahin einzige Berliner Bundesliga-Mannschaft, war wegen Verfehlungen gegen das Lizenzspieler-Statut ausgestoßen worden.
Tasmanias zweitklassige Equipe hatte in der Berliner Regionalliga nur den dritten Platz erreicht. Sie bedurfte dringend einer Verstärkung, zumal ihr bester Stürmer, Heinz Fischer, zum westdeutschen Regionalliga-Klub Eintracht Gelsenkirchen abgewandert war. Tasmania -Vorsitzender Michel reiste Fischer Anfang August nach. Doch während er im Vereinslokal über eine Rückkehr zum Frontstadt - Einsatz verhandelte, halfen einige Eintracht-Anhänger dem Fischer, durch ein Fenster zu entweichen.
Nachdem Michels Fischer-Zug mißglückt war, empfahlen die Fußball-Sachverständigen Tasmania, sich für das Bundesliga - Abenteuer mit den stärksten Berliner Klubs zusammenzuschließen. Sogar Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt sorgte sich: "Ich hoffe, daß sich die unmittelbar Beteiligten zusammenraufen." Der frühere Berliner Bundesminister Ernst Lemmer setzte 1500 Mark für die Gemeinschaftskasse eines 1. FC Berlin aus.
Allein, Tasmanias Funktionäre waren von der Aussicht auf Bundesliga-Millionen geblendet. Denn Hertha BSC hatte in zwei Jahren fast viele Millionen Mark kassiert. Michel wollte keinen Teilhaber und riskierte den Hochseilakt ohne Netz - ohne geteilte Verantwortung.
Tasmania verpflichtete lediglich - wie es jedem Klub freisteht - drei neue Spieler. Aus Jugoslawien drängten die Nationalspieler Marie und Velkovski an die Berliner Bundesliga-Krippe. Nach dreißigstündiger Bahnfahrt mußten sie vor Tasmania-Trainer Franz Linken zur Probe trainieren. Urteil: "Sie paßten nicht in unser System."
Zwei deutsche Spieler schienen Linken besser in Tasmanias Konzept zu passen. Sie erreichten später aber kaum den Bundesliga-Durchschnitt. Einer von ihnen stellte sich auf dem, Spielfeld seinem Gegner vor: "Ich heiße Finken. Und du wirst bald hinken."
Nur Tasmanias drittes Los in der Spieler-Lotterie war ein - Hauptgewinn: der aus Wuppertal stammende Nationalspieler Horst Szymaniak. Die Berliner kauften den Berufsspieler von seinem italienischen Klub FC Varese offiziell für die erlaubte Höchst-Ablösesumme von 50 000 Mark frei. Varese hatte für den italienmüden Star 300 000 Mark verlangt. Den Differenzbetrag zahlte ein Mäzen.
Tasmanias Bundesliga-Einstand wurde ohnehin teuer: Etwa 400 000 Mark mußten an Handgeldern und Ablösesummen für die 20 Lizenzspieler ausgegeben werden. Die Investition schien sich jedoch zu lohnen. Denn insgesamt 190 000 Zuschauer - die durchschnittlich je sechs Mark Eintritt einbrachten
- besuchten die ersten drei Heimspiele.
Aber die Spieler verdarben den Kassierern schließlich den Erfolg. In sieben aufeinanderfolgenden Spielen schoß Tasmanias Team kein Tor.
Da verordneten die Klub-Oberen das fußballübliche Rezept: Trainer Linken wurde im November 1965 entlassen. Der Verein zahlte ihm eine Entschädigung von 28 000 Mark und engagierte den Diplom-Sportlehrer Heinz Ludwig Schmidt (Gehalt: 4000 Mark) für das Nachmittagstraining. Morgens unterrichtet Schmidt schwererziehbare Kinder.
Das Siegen vermochte auch Schmidt den Tasmania-Spielern nicht beizubringen. In 22 von insgesamt 34 Punktspielen erkämpften sie nur 4:40 Punkte und 10:70 Tore. Die ständigen Mißerfolge vergraulten zunehmend Tasmanias Anhänger: Zu den letzten acht Heimspielen erschienen insgesamt nur 85 000 zahlende Gäste. Tiefpunkt war der 15. Januar mit 1989 Zuschauern. Als Existenz-Minimum nannte Tasmania 10 000 Zuschauer pro Heimspiel - das entspricht einer Monatseinnahme von 120 000 Mark.
"Für den Verein wäre es das beste, wenn wir die Lizenz zurückgäben", gestand Tasmania-Schatzmeister Heinz Hermann im Januar. "Tasmania sollte nicht zu lange warten", reagierte DFBSekretär Hans Paßlack, "sonst können auch wir nicht mehr helfen."
Doch nach zwei aufeinanderfolgenden Unentschieden verzichtete Vorsitzender Michel auf den beispiellosen Bundesliga-Rückzug während der Saison. Statt dessen kürzte er den Etat. Eine seit August 1965 fällige Ablösesumme von 27 600 Mark will er nur in Raten abstottern. Zwei Spieler gaben ihre Verträge freiwillig zurück, zwei anderen wurde vorzeitig gekündigt. Dem Rest will der Verein die Gehälter halbieren. 200 000 Mark Ablöse soll Nationalspieler Szymaniak im Juni einbringen.
Die Spieler,sperrten sich. Sie schalteten die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft ein. Und der DFB verlangte kurzfristig eine Bilanz. Er will prüfen, ob Tasmania die Bundesliga-Serie finanziell ohne Pleite durchzuhalten vermag.
Längst sympathisieren Berlins Fußball-Anhänger wieder mit der vom DFB verstoßenen Hertha-BSC-Elf. Der Bundesliga-Zwangsabsteiger führt in der Berliner Regionalliga mit weitem Vorsprung und hofft abermals in die Bundesliga aufzusteigen. TasmaniaSpieler Finken "Ich heiße Finken ... ...und du wirst bald hinken": Tasmania Publikum*

DER SPIEGEL 9/1966
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