21.02.1966

FRÖBE-BOYKOTTBöse zugespitzt

Der Anlaß war ein Irrtum, die Folge ein Boykott, die Aufmerksamkeit international geändert hat sich gar nichts: Acht Wochen lang durften die Kinos in Israel keine Filme mit Gert Fröbe zeigen - jetzt spielen sie sie wieder.
Den Grund zum Irrtum hatte Fröbe selber gegeben. Im Herbst vorigen Jahres, während der Dreharbeiten zu "Brennt Paris?", unterhielt er sich in Paris mit einem Mitarbeiter der englischen "Daily Mail".
Sie sprachen über Fröbes Filmrolle der Deutschen-Darsteller spielt in "Brennt Paris?" den General von Choltitz, der den Hitler-Befehl verweigert, Paris zu vernichten. Nebenbei fragte "Daily Mail"-Mann David Lewin den Schauspieler, ob er Nazi gewesen sei. Fröbes Antwort: "Ich lebte in Zwickau, einer sächsischen Kohlenminen-Stadt, als Hitler an die Macht kam. Die Verhältnisse waren so schlecht, daß die importierte englische Kohle billiger war als unsere. Ich wurde ein Nazi, weil ich glaubte, Hitler könne eine Lösung bringen."
Die Londoner "Daily Mail"-Redaktion überschrieb das Fröbe-Interview mit dem böse zugespitzten Zitat "Of course I was a Nazi!" ("Natürlich war ich Nazi"). Folge der Schlagzeile: In Israel wurde über Fröbe-Filme ein Boykott verhängt.
227 000 Israelis hatten dort den dicken Deutschen im dritten James-Bond-Film als Titelgangster "Goldfinger" gesehen; vom 14. Dezember an wurde "Goldfinger" nicht mehr gespielt: Die israelische Zensurbehörde verbannte den Film, in dem das Ex-Parteimitglied eine Hauptrolle hatte. Dem Spruch verfiel auch das Lichtspiel "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" - obwohl Fröbe darin, als Pickelhauben-Preuße, nur eine Nebenrolle spielt.
Tatsächlich war Fröbe, so erklärte er der israelischen Zeitung "Jediot Achronot", 1929 - als 16jähriger - in die NSDAP eingetreten. Die Beiträge bezahlte damals seine Mutter. Aber er trat 1937 wieder aus.
Und er konnte, ob der allgemeinen Aufregung über sein Vorleben selber beunruhigt, einen Zeugen aus der Vergangenheit berufen: den Wiener Schriftsetzer Mario Blumenau, der sich des Wohltäters Fröbe erinnert. Der Schauspieler, damals in Wien Sanitätssoldat, habe mit Wohnung und Lebensmittelkarten der rassisch verfolgten Familie Blumenau geholfen. Blumenau zum SPIEGEL: "Ich war damals ein Kind, ungefähr zwölf Jahre alt."
Damit war Fröbe als Nothelfer und Kindesretter rehabilitiert; seit Ende der vorletzten Woche ist er in Israel wieder zu sehen: Die Zensur gab die Filme frei.
"Das Schlimmste ist", klagt Fröbe,
"ich erhalte jetzt den verkehrten Beifall." Der Schauspieler bekommt Briefe, in denen vom "Weltjudentum" die Rede ist und von den Vorzügen des Antisemitismus.
Fröbe: "Wenn das so weitergeht, hat Israel sich mehr geschadet als mir."
Choltitz-Darsteller Fröbe
"Waren Sie Nazi?"

DER SPIEGEL 9/1966
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FRÖBE-BOYKOTT:
Böse zugespitzt

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