28.02.1966

HITLER - AMERIKAWeisung 24

Paul Friedländer, 34 Jahre alt, Professor in Genf und Autor des im vorigen Jahr in Deutschland heftig umfehdeten Buches "Pius XII. und das Dritte Reich" (SPIEGEL 47/1964), konfrontiert das deutsche Publikum ein weiteres Mal einer zeitgeschichtlichen Analyse, deren Akzente anders als die der geläufigen Forschung gesetzt sind.
- Friedländers neues Thema: Hitlers
Amerika-Politik**.
- Friedländers neue These: Hitler
unterschätzte Amerika keineswegs. Zu den bislang kaum bestrittenen Vorstellungen über Hitler als Außenpolitiker gehören Klischees wie:
- Hitlers Denken sei "kontinental ausgerichtet" gewesen.
- Er habe aus "Überheblichkeit" die
industriellen und militärischen Möglichkeiten der "Seemacht Amerika" unterschätzt,
- so zum Beispiel in einer Hamburger
Dissertation aus dem Jahre 1953.
Demgegenüber Friedländer mit Nachdruck: "Wir haben eindeutig die These verworfen, der zufolge Hitler, von seinem Haß gegen Amerika verblendet, die Folgen einer Einmischung der Vereinigten Staaten nicht fürchtete..." Friedländers Analyse von Hitlers Amerika-Politik setzt im Sommer 1940 eine Zäsur - als sich abzuzeichnen begann, daß Göring die Luftschlacht um England zu verlieren drohte und die Chancen für eine deutsche Invasion immer geringer wurden.
Hitlers Vorstellungen, wie der Krieg weiterzuführen sei, notierte der damalige Generalstabschef, Generaloberst Franz Halder, unter dem 31. Juli 1940: "Englands Hoffnung ist Rußland und Amerika. Wenn Hoffnung auf Rußland wegfällt, fällt auch Amerika weg, weil Wegfall Rußlands eine Aufwertung Japans in Ostasien in ungeheurern Maße folgt... Entschluß: ... Je schneller wir Rußland zerschlagen, um so besser."
Hitler war zu diesem Zeitpunkt entschlossen, die USA um nahezu jeden Preis so lange vom Eintritt in den Krieg abzuhalten, wie der damals für Frühjahr 1941 geplante Rußland-Feldzug dauern würde. Zu diesem Zweck entwickelte er eine doppelgleisige Amerika -Politik:
- Äußerste Zurückhaltung Deutschlands im Atlantik,
- Mobilisierung einer japanischen Drohung an der pazifischen Flanke der USA.
Der erste Punkt dieses Programms blieb für die deutsche Politik und Seestrategie bis zum Kriegsausbruch nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 verbindlich. Noch im September 1941 verlangte Hitler von Großadmiral Raeder, daß - trotz der massiven amerikanischen Kriegslieferungen an England - die deutsche Kriegsmarine "alle Zwischenfälle mit den Vereinigten Staaten mindestens bis Mitte Oktober" (Friedländer) vermeiden müsse.
Laut Friedländer kannte Hitler sehr wohl die enorme Wirtschaftskraft der USA. So wußte er seit Anfang 1941, daß die amerikanische Flugzeugproduktion die deutsche bereits zu diesem Zeitpunkt überholt hatte.
Hitler unterschätzte die amerikanische Gefahr um so weniger, als er im Herbst 1941 zu befürchten begann, daß der im Juni begonnene Rußland-Feldzug länger als erwartet dauern werde und seine (Hitlers) gesamte Militär - und Polit-Strategie, wie er sie im Sommer 1940 in Anwesenheit Halders entworfen hatte, durcheinanderzugeraten drohe.
Auch seinen zweiten Programmpunkt von 1940 - den Aufbau einer japanischen Drohung - betrieb Hitler zunächst mit äußerster Vorsicht.
Nach einem von Friedländer zitierten japanischen Dokument verlangten die Deutschen bei den ersten Verhandlungen über eine deutsch-japanische Allianz am 9. und 10. September 1940 lediglich, daß Japan "mit allen Mitteln
ein Eingreifen der Vereinigten Staaten in den Krieg hintertreibt".
Was sich Hitler von der am 27. September unterzeichneten Drei-Mächte -Allianz (Deutschland, Japan, Italien) erhoffte, verriet sein Außenminister Joachim von Ribbentrop dem italienischen Kollegen Graf Galeazzo Ciano: ... daß die Unterzeichnung des Paktes mit Japan vielfache Vorteile sowohl gegenüber Rußland als auch Amerika biete, da sich letzteres angesichts der drohenden japanischen Flotte nicht rühren wird."
Ciano war weniger optimistisch. Zwar lobte er den Pakt als "Garantie gegen Rußland", hingegen fand er den "anti amerikanischen Charakter weniger gut", denn: Washington werde sich nun "nur noch mehr mit den Engländern einlassen".
Ciano sollte recht behalten, und rund vier Monate nach dem Ribbentrop -Ciano-Gespräch - von Ende Januar 1941 an - erkannte auch Hitler, daß er den am 5. November 1940 zum dritten Male gewählten US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt nicht werde davon abhalten können, in den Krieg einzutreten.
Von da an erhielt denn auch der Pakt für Hitler eine neue, fatale Bedeutung: Ursprünglich als eine politische, militärisch nur latente Drohung gegen Amerika gedacht - mit dem Zweck, die USA aus dem Krieg herauszuhalten -, wurde er nun zu einem Instrument einer verzweifelten Kriegführung. Am 5. März erteilte Hitler seinen Japan -Diplomaten die Weisung Nummer 24: "Das Ziel ... muß es sein, Japan sobald wie möglich zum aktiven Handeln im Fernen Osten zu bringen" - also zum Krieg gegen die USA.
Die Weisung Nummer 24 enthielt, wenn auch unausgesprochen, das Eingeständnis Hitlers, daß seine Amerika -Politik - sein Versuch, Amerika mittels der japanischen Drohung von einer Intervention abzuschrecken - gescheitert war.
Gleichwohl ist Friedländer nicht bereit, Hitlers Amerika-Politik in Bausch und Bogen zu verurteilen: "Jedenfalls kann die von Hitler verfolgte Politik nicht, selbst a posteriori nicht, für falsch gehalten werden."
Laut Friedländer hatte Hitler von der Jahreswende 1940/41 an Grund zu der Annahme, die amerikanische Intervention so oder so für "unvermeidlich zu halten". Unter dieser Voraussetzung - freilich nur unter dieser Voraussetzung
- war die Weisung 24, wenn auch nicht
richtig, aber angesichts der gegebenen Lage unvermeidlich.
Hitlers eigentlicher Fehler lag nach Ansicht Friedländers außerhalb des Horizonts seiner Amerika-Politik: Er hatte Rußland unterschätzt.
** Saul Friedländer: "Auftakt zum Untergang - Hitler und die USA, 1939-1941". W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 284 Seiten; 25 Mark.
Hitler, Amerikaner*: "Mit allen Mitteln ein Eingreifen der USA hintertreiben"
* Ex-Präsident Hoover (l.), US-Botschafter Wilson (r.).

DER SPIEGEL 10/1966
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