28.02.1966

HITLER, DER BLEIBT UNS

Wolfgang Koeppen, 59, Büchner-Preisträger von 1962, schrieb zeitkritische Romane ("Das Treibhaus", "Tod in Rom") und Reiseberichte ("Nach Rußland und anderswohin"). Er arbeitet seit längerem an einem neuen Roman mit dem Schauplatz Berlin. - Horst Krüger, 46, der mit seiner Autobiographie einer "Jugend in Deutschland" als Buchautor debütiert, ist Nachtstudio -Chef beim Südwestfunk Baden-Baden.
Natürlich muß die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit geschrieben werden, und sie darf nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges sein. Von dieser allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist ja gerade die Unwahrheit." Die These von Bertolt Brecht stellt Horst Krüger, Jahrgang der Hitlerjugend, Generation der jungen Soldaten des Hitlerkrieges vom ersten bis zum letzten Tag, seinem Bericht einer "Jugend in Deutschland" als Leitspruch voran.
Das Buch "Das zerbrochene Haus" wird Ärgernis wecken, zu viele, die dort wohnten, werden sich in lieben alten Träumen verletzt sehen. Dabei könnte, sollte Krügers Blick zurück in Zorn und Trauer ein deutsches Hausbuch werden, in jenem guten überlieferten Sinn, daß einer aufgeschrieben und bewahrt hat, was einem Volk widerfahren ist, zu Nutz und Frommen zu lesen, so einer nach Wahrheit und Erkennen verlangt und sich nicht der allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art der Unwahrheit unterworfen hat.
Krüger erzählt die wahre Geschichte von jedermann, den unglaublichen Roman unserer Nächsten, die nicht sahen, was sie nicht sehen wollten, nicht hörten, was zum Himmel schrie, und die den unheimlichen deutschen Grund, das völkische Moor, dem sie, o Wunder, entkamen, nun ruhen lassen möchten, unter dem einschläfernden harten, glatten Belag der Autobahn, über die ihr frisch lackiertes Selbstbewußtsein, blechgepanzert, motorpotent, neuen faszinierenden Abgründen entgegenrast.
Eifrige Klein- und Großwagenfahrer werden nicht Zeit vergeuden, in einem Röntgenspiegel sich selbst und den eigenen Vater unter dem Hakenkreuz zu erblicken, ausgesetzt einer zwar unpathetischen, doch eindringlichen Stimme, die, Vergangenheit und Gegenwart ineinander beschwörend, berichtet, wie es im Großdeutschen Reich war und wie die Bundesrepublik und auch die Demokratische Republik die zerstrittenen Erben dieses Reiches sind.
Krügers zerstörtes Haus hat in Eichkamp gestanden, einem Vorort von Berlin am Rande des Grunewalds. Das Haus war nicht so groß und fein wie die Villen in der Hubertusallee und am Königs-See, die Besitzungen des Adels, der alten und neuen, auch jüdischen Reichen, später der braunen Bonzen; dafür glaubten die Bewohner von Eichkamp, ihr Heim auf solidem Grund gebaut zu haben.
Ich kenne Eichkamp, erinnere mich mit Krüger seiner braven Straßen, seiner gehegten Anwesen; die Bilder stimmen, die Luft riecht nach Sand und Kiefern, nach dem Großen Kurfürsten
und nach selbstgebackenem Kuchen zum Sonntag.
Eichkamp rührt, freut und bedrückt, Krüger nennt es einen "Ort wie Eichkamp", mit Recht, denn Eichkamp hätte auch in Masuren liegen können, in Holstein oder in Pommern. Es war das Refugium der Anständigen, der Staatserhaltenden, der Stillen, die Schlafstätte des guten Gewissens, die gestutzte Rosenhecke, der Abendspaziergang, die Fleißprämie des preußischen Beamten, der sich hochgedient hatte vom Militärversorgungsschein zum Amtmann, der sich gern seiner Soldatenzeit erinnerte, selbst der grausamen Schlacht um Verdun und der eigenen schweren Verwundung, der dem Kaiser nachträumte, der Republik mit Vorbehalt diente, den deutschnationalen Lokalanzeiger las, im Herzen unpolitisch war, beim Aufkommen der Nationalsozialisten ins Glied der Volksgemeinschaft trat und am Tag von Potsdam erschauernd die Auferstehung der Größe und Allmacht von Vater Staat erlebte.
Dieser Mann wollte seine Pflicht tun, und er wollte auch belohnt werden; bescheidene Titel und Auszeichnungen gaben ihm seinen Platz in der gebilligten Hierarchie, und sein Sohn sollte einmal die Laufbahn fortsetzen, vom mittleren zum höheren Dienst aufsteigen, Pfarrer werden oder gar Regierungsrat im Ministerium.
Der Sohn wurde Untersuchungshäftling des Volksgerichtshofs, eingezogener Fallschirmjäger der Wehrmacht, unbekannter Gefreiter des Zweiten Weltkrieges, befreiter Gefangener der Amerikaner, Journalist und Schriftsteller im geteilten Deutschland, allergisch gegen west-östlichen und gesamtdeutschen Schmus. Am Ende schlug er, der sich für den typischen Sohn "jener harmlosen Deutschen" hält, "die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis doch niemals ihr Werk hätten tun können", aus der Art. Ein anderer Sohn hätte aus unserem Eichkamp der Ordnung, der Anständigkeit und der guten Staatsgesinnung wie Eichmann nach Jerusalem gehen können.
Krüger sah Eichkamp wieder. Für einen Besuch. Für einen Alptraum. Ein Bürger der Bundesrepublik, aus diesem Westen kommend, der Berlin schon als östlich empfindet, in den Jahren, da man Conrads "Schattenlinie" zum Alter überschreitet, sucht seine Jugend, weil ihn "die Frage quält, wie das eigentlich war, was wir heute alle nicht mehr begreifen können". Das Elternhaus ist zerstört, Gräber sind nach der Friedhofsordnung aufgelöst, der alte Bäcker verkauft weiter sein Brot, der Abend riecht nach kleinem Glück; Frevel, Krieg und Nachkrieg sind über die Gemeinde gezogen, und es ist nichts passiert. Es ist nie was passiert in Eichkamp; Eichkamp ließ nur immer alles passieren. Eine unheimliche Geschichte, gesponnen aus deutschen Tugenden, deutschen Untergründen, deutscher Beschränktheit, dem Entwicklungsroman eines deutschen Jünglings, der Skepsis und Freiheit eines Mannes.
Die Sensation des Buches ist unsensationell. Es bietet keine Enthüllungen an, es wetteifert nicht mit den simplen Tatsachenberichten, es ist die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit, es ist ein Grübeln, eine schwere Rechnung, die nicht aufgehen will, ein Versuch, zu begreifen, am Ende eine Verurteilung in Zorn und Trauer.
Die großen Schrecken, Hitler, der germanische Traum, die Totalität, die
Auschwitz einschloß, lagen außerhalb Eichkamps. Eichkamp lebte nur in ihren Schatten und ihrer Furcht. Daß der Abiturient durch Freundschaft in eine Hochverratsaffäre gerät, ist bildend für ihn, läßt ihn die Visage der niederen Ränge der Macht schauen und die brutale Fratze der höheren ahnen, bleibt aber atypisch für Eichkamp. Doch die finstere Erzählung vom Selbstmord der Schwester, die stirbt ohne begreifbaren, sichtbaren Grund für die immer Vernünftigen, von keinem Rassenwahnsinn bedroht, von der Partei nicht verfolgt, zeigt Freuds Dämonen, nicht Rosenbergs Mythus in deutscher Familie im großdeutschen Reich am bürgerlichen Tisch beim nationalsozialistischen Eintopf, und setzt Eichkamp in einen Vergleich zu Theben.
"Familie ist Kälte, ist Fremdheit, ist Eis ... Familiäre Worte sind Formeln und familiäre Gespräche erstarrte Mißverständnisse", reflektiert Krüger, der seiner Schwester hier ein Requiem schreibt.
Im letzten Kapitel seines Buches sieht sich der Autor des zerbrochenen Hauses wieder unter netten Leuten. Sie sind würdig, unauffällig, von würdigen unauffälligen Manieren, sie tragen saubere unauffällige Anzüge, manche von guten Schneidern, aus englischer Wolle, sie fahren die letzten Modelle der gängigen Automarken, haben prosperierende Geschäfte und wenig Zeit, man ahnt, sie essen und trinken gut, man hört, sie sind in ihren Gemeinden angesehen, ihre Nachbarn bürgen für sie. Leider sind die Herren die Angeklagten (inzwischen die Verurteilten) des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt.
Dem Beobachter Krüger fällt es schwer, die Mörder von den anderen Anwesenden, den Anwälten, den Justizverwaltern, den Journalisten und den Besuchern zu unterscheiden. Ein weitverbreiteter Volksmund murrt: Das sind Deutsche wie du und ich. Aus Bedenken und anderem Motiv nähert sich auch Krüger dieser These; denn bis zu einem gewissen Grade war es Schicksal, ob einer nach Auschwitz kam, um zu sterben oder um zu töten. Der Mensch ist kein Held, und viele konnten eben töten oder lernten es, und sorgende Familienväter, gute Söhne, brave Brüder entdeckten, in eine extreme Situation gestellt, ihre Lust am Menschenschinden.
Das ist eine Feststellung und keine Entschuldigung. Es ist eine Warnung vor uns selbst und wohl in den Wind gesprochen. Wir alle, die wir es gewußt oder nicht gewußt, die wir unsere damalige Ahnung vergessen, unser Schuldgefühl verdrängt haben, ließen sterben und töten. Befehl und Pflicht und Amt und Rangordnung und der Götterglaube an Vorgesetzte bleiben deutsche Laster, freilich mit internationalen Ablegern, und nur wenige unter uns erschrecken vor den neuen alten Schirmmützen der Offiziere und Amtsträger.
Der letzte Satz aus dem Bericht einer "Jugend in Deutschland": "Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns - lebenslänglich." Ein bestürzender Gedanke; ich fürchte, eine Binsenwahrheit.
Koeppen
Horst Krüger:
"Das zerbrochene
Haus -
eine Jugend
in Deutschland"
Rütten & Loening
Verlag
286 Seiten
18 Mark
Krüger
Von Wolfgang Koeppen

DER SPIEGEL 10/1966
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