28.02.1966

KIRCHEN-JAZZCalypso der Hirten

Das Kreuz über dem Hochaltar bebte.
Mit 80 Phon bliesen es die 15 Musiker der Duke Ellington Big Band an, während ein Tänzer über die Altarstufen steppte und eine Sängerin dem Herrn ein Hallelujah jauchzte.
Mit dieser Darbietung - einer Art geistlichem Happening - erprobte unlängst der protestantische Klerus von New York im ersten Großversuch und erstmals mit einem der bedeutendsten Jazz-Musiker eine Symbiose von Hot und Liturgie.
Zur Show im Dom hatten 3000 Weiße und Farbige, Gläubige und Ungläubige in die an der vornehmen Fifth Avenue gelegene Presbyterian Church gefunden, wo sonst nur Weiße einkehren. Für weitere zehn Millionen Amerikaner übertrug die Fernsehgesellschaft CBS das geistliche Jazz-Konzert, zu dem der streng baptistisch erzogene Edward Kennedy Ellington, 66 ("Ich bete regelmäßig und glaube, daß ich dereinst erlöst werde"), unter anderem die Vertonung der ersten Bibelworte beisteuerte, die er überdies umgetextet hat. Ellingtons Neudichtung: "Am Anfang keine Berge, keine Täler; kein Unten, kein Oben; keine Symphonie, kein Jive, kein Gemini five ..."
Duke Ellingtons religiöses Big-Band -Konzert in der New Yorker Presbyter -Kirche werten Kleriker wie Jazz-Experten als den vorläufigen Höhepunkt einer weltweiten Bewegung, in der progressive deutsche Luther-Pfarrer am aktivsten wirken: Jazz in die Kirche.
Denn noch bevor die Amerikaner mit dem Schlagzeug für die Kirche trommelten, ließen deutsche Amtsbrüder die Heilsbotschaft von Dixieland-Bands und Swing-Combos verkünden und mithin die Vorstellung korrigieren, "daß es in der Kirche nur leise zugehen dürfe" - so der US-Geistliche Julian Bartlett.
Seit auf Geheiß des Dekans der Theologischen Fakultät der Martin-Luther -Universität zu Halle, Professor Arno Lehmann, 1956 eine Waschbrett-Band in der Haller Marktkirche das Spiritual "Down by the Riverside" schrammelte, ist in Gesamtdeutschland der Jazz für fromme Zwecke durchaus legitim:
- In Krefeld lockt der Pfarrer Hellmut Coerper mit "Jazz vom Kirchturm" Jungchristen in die Lukaskirche;
- im hessischen Walldorf wird die Gemeinde mit den verjazzten Klageliedern des Jeremias erbaut;
- in Düsseldorf zieht eine Studio-Combo evangelische Twens in die Neanderkirche;
- in Hamburg-Harburg mußte der "Calypso der Hirten" im Gemeindesaal der Pauluskirche "wegen des unerwarteten Andranges" eine Stunde später wiederholt werden;
- in Cospeda bei Jena, wo die Dresdner Elb Meadow Ramblers im Kerzenschein jazzten, verwehrte die
Feuerwehr nachströmenden Jugendlichen den Eintritt in die überfüllte Kirche;
- in Stuttgart-Bad Cannstatt zog Polizei auf, als eine Jazzband für tausend Jugendliche das Amen einer Protestanten-Zusammenkunft mit schräger Musik trommelte.
Dieser Erfolg für Christus und seine Kirche ließ die Frage, ob denn der Jazz wirklich ins Gotteshaus gehöre, nahezu verstummen. "Martin Luther", so
kommentierte ein amerikanischer Geistlicher, "hätte zugestimmt, er war doch auch ein Swinger." Und der Hamburger Pastor Eberhard Pellens weiß: "Die Bibel fordert nur die Einheit der Lehre, die Formen und Riten können der Zeit angepaßt werden."
Dieser freisinnigen Meinung mochte sich die katholische Kirche lange Zeit nicht anschließen. Und auch heute noch behindert eine Erklärung des Kölner Prälaten und Vorsitzenden des Allgemeinen Cäcilienvereins, Professor Overath, formal jede Jazzbetätigung in der Kirche. Overath 1963: "Nach den Erlassen der Päpste Pius X., Pius XI. und Pius XII. über Liturgie und Kirchenmusik ist ein katholischer Gottesdienst mit Jazz-Rhythmen ganz unmöglich."
Doch bei dem geballten Interesse an den neuen Kirchenmusik-Akkorden und -Rhythmen der evangelischen Konkurrenz wollten die katholischen Kapläne ihre Kirchentüren dem Jazz nicht länger verschließen. Sie schoben Overaths Erklärung beiseite und
- gründeten 1964 in Münster einen Arbeitskreis "Jazz in der Kirche";
- holten die Jazz -Dame Inge Brandenburg zum Psalmodieren in die Kirche;
- erbaten vom Münsteraner Komponisten Peter Janssens eine Jazz -Messe.
Als die Janssens -Musik dann in der Katholisch-Sozialen Akademie Franz -Hitze-Haus in Münster aufgeführt wurde, ermunterte der jazzfreundliche Münsteraner Weihbischof Heinrich Tenhumberg, "das alte Wahre auf neue Weise auszusagen".
Nach dem Hirtenwort der Münsteraner Exzellenz und ähnlichen Erklärungen anderer Oberhirten ließ sich eine ganze Reihe Jazzer von den katholischen Liturgietexten zu Jazz-Messen inspirieren. Jüngstes Experiment ist eine "Jazz-Suite nach Texten der katholischen Messe", die der Pianist Lalo Schifrin, Ex-Mitglied des
Dizzy-Gillespie-Quintetts, für die US -Schallplatten-Firma RCA Victor komponierte.
Die Atmosphäre bei der Produktion des jazzy Credo im völlig abgedunkelten Plattenstudio erinnerte den Komponisten, wie er sagt, an die bewegendsten Momente seines Lebens: an einen Besuch von Notre-Dame in Paris und an das Erlebnis Bachscher Kantaten. Schifrin: "Es gibt eine Art von musikalischer Mystik, die ich nicht näher beschreiben kann: etwas Erhabenes. Dieses Gefühl breitete sich aus, glaube ich, als wir die Messe aufnahmen." Schifrins Bläser Paul Horn überkam, nach eigener Aussage, beim Spielen von Klarinette, Altsaxophon und drei verschiedenen Flöten sogar ein heiliger Geist: "Es schien", erinnert sich Horn, "daß jeder von uns über sich selbst hinauswuchs. Es war, als ob die Musik einfach aus uns herausströmte. Das war keine bewußte Angelegenheit mehr, eher hatte man das Gefühl, die Musik spielte sich selbst."
Die Musikkritiker konnten das Mysterium nicht nachvollziehen. Sie warfen dem Werk Eklektizismus vor und wiesen Anleihen bei Bela Bartók, Carl Orff, Darius Milhaud, Henry Cowell und Villa -Lobos sowie Hollywood-Effekte nach. "Das einzige", urteilte der Kritiker William Robert Miller, "was an Jazz erinnert, ist das Altsaxophon."
Nur in einem der acht Suiten-Sätze (Kyrie, Interludium, Gloria, Credo, Sanctus, Prayer, Offertory, Agnus Dei)
- dem Credo - kommt etwas von der
Spannung der Negergottesdienste auf: Von freien Alto-Kadenzen des Hornmannes Horn überspielt, murmeln die unterschiedlich einsetzenden Sänger ihren Text so lange auf gleicher Tonhöhe, bis ihnen die Luft ausgeht. Dann beginnen sie einen Ton höher.
Noch weniger Originaltöne als der Messe-Komponist Schifrin hat Duke Ellington bei seiner musikalischen Bibel -Exegese in der New Yorker Presbyter -Kirche verwendet. Der Big-Band-Chef, der in den letzten Jahren vornehmlich weltzugewandte Tagesschlager ("Ellington 65") und Filmmelodien ("Mary Poppins") spielte, verfuhr wie einst der Thomaskantor Johann Sebastian Bach: Er unterlegte früher gefertigte weltliche Kompositionen mit dem geistlichen Wort. So erklangen zur Ehre des Herrn Passagen aus seinen für die Neger-Emanzipation geschriebenen Werken "Black, Brown and Beige", "New World A -Comin" und "My People".
Ellington: "Ich habe die Sachen jetzt religiös interpretiert."
Kirchen-Jazz in New York*: War Martin Luther ...
... auch ein Swinger? Kirchen-Jazz in Düsseldorf*
* Oben: Duke Ellingtons Big Band; unten: Studio-Combo in der Neanderkirche in Düsseldorf.

DER SPIEGEL 10/1966
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